Thomas RabensteinPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 4
VITHAU - Eine interaktive Story des Perry Rhodan Online Club

Die Geisterflotte

Was bisher geschah

Seit der unerwarteten Entdeckung auf Manjurak und dem neuen Wissen, das ihnen von dem Roboter Huktor vermittelt wurde, hat sich für die Manjarden das Verständnis vom Universum grundlegend verändert. Als Gegenleistung fordert der Robot den Einsatz der Manjarden für eine Suchmission. Es geht um das Auffinden einer vermissten Hilfsflotte, die seit langer Zeit überfällig ist. Die Manjarden gingen zum Schein auf die Forderungen Huktors ein, mit dem Hintergedanken, das Raumfahrzeug der Station für die Heimkehr zu nutzen. Der Plan scheint zu gelingen, doch in ihrem Heimatsystem angekommen, machen die Manjarden eine grauenvolle Entdeckung. Das gesamte Volk der Manjarden, wurde bei einem globalen Vernichtungskrieg vernichtet. Die Aik, Lika, Pavo und Rack stehen vor den Trümmern ihrer Zivilisation, es gab keine Überlebenden. Aller Zukunftsperspektiven beraubt, gehen die Manjarden auf die ursprüngliche Forderung Huktors ein und machen sich auf die Suche nach der verschwundenen Flotte. Die Spur führt in das System der Sonne Lobol, dort stoßen sie auf DIE GEISTERFLOTTE...

Hauptpersonen

Lika, Rack und Pavo – Die drei überlebenden Manjarden stehen vor den Trümmern ihrer Zivilisation

Aik – Der ehemalige Kommandant der SOMLOM und Missionsführer der MESON muss viele wichtige Entscheidungen treffen

Votax – Der Clanführer unternimmt alles, um seine Sippe zu retten

Pantax – Der Sohn des Clanführers entscheidet sich für seinen eigenen Weg

HUKTOR – Der Hüter der Station von Manjurak, erteilt den Manjarden eine neue Aufgabe

1. Abschied

Zerstörung und Tod! Die Nachtmeere leuchten nicht mehr!

Manjard ist verloren! Hoffnung, Enttäuschung, Trauer!

Szenario des Grauens und keine Überlebenden!

Die schockierenden Bilder erschienen wieder und wieder vor meinem geistigen Auge. Schon oft hatte ich mich mit der Möglichkeit eines globalen Krieges befasst, niemals war ich mir dabei auch nur annähernd über die Konsequenzen im Klaren gewesen. Was ich auch versuchte, ich konnte die schrecklichen Bilder nicht abschütteln. Tränen rannen aus meinen Augen, aber ich schämte mich nicht dafür.

Als wir den Orbit um Manjard verließen, griff eine zweite Welle des Entsetzens nach mir. Eben noch hatte ich ernsthaft daran geglaubt, meine Gefühle unter Kontrolle zu haben. In derselben Minute übermannten mich viele, schmerzhafte Erinnerungen.

Tagtraumsequenzen aus meiner Vergangenheit holten mich ein und ergriffen von meinem Geist Besitz. Einen Moment war ich versucht zu glauben, dass dies alles nur ein fürchterlicher Albtraum war. Doch die Realität war grausam und vervielfachte meine Pein. Meine Eltern, meine Freunde, unser Haus, der kleine Garten.

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Wieder und wieder fiel mein Blick auf den Holoschirm. Unser Heimatplanet fiel bereits zurück. Schon bald würde Manjard nur noch ein Lichtpunkt unter vielen sein.

Ein toter Planet.

Wie hatte es nur soweit kommen können? fragte ich mich verzweifelt. Was war nach unserer Abreise geschehen?

Was musste überhaupt geschehen, damit ein ganzes Volk, ein ganzer Planet in einer höllischen Katastrophe untergehen konnte?

Eine sanfte Berührung riss mich aus meinen schweren Gedanken. Es war Lika, unsere Kosmopsychologin. Ich sah direkt in ihre geröteten Augen und glaubte meine eigene Trauer darin zu sehen.

»Kommandant... ?«

Sie ließ die Frage in der Luft hängen.

Ich nickte stumm. Es erging mir nicht anders, als jedem Mitglied der Crew. Meiner Crew!

Die letzten Manjarden, dachte ich niedergeschlagen.

Unser Heimatplanet war zur Hölle geworden und für Jahrhunderte unbewohnbar. Ich konnte es noch immer nicht glauben. Welche Perspektiven blieben uns jetzt noch? Was konnten wir, die letzten unseres Volkes, noch tun? Sollten wir die MESON landen, die Helme abnehmen und mit unseren Freunden und Familien sterben? Oder die MESON einfach in die heimatliche Sonne lenken und sterben?

Sinnlos! Mein Verstand versuchte sich im Sturm der Emotionen Bahn zu brechen und wieder die Oberhand über mein Denken zu Gewinnen.

Du musst sie jetzt führen! Sie haben dich mehr nötig als früher! Also reiß dich zusammen!

Waren das wirklich meine Gedanken oder vielmehr eine Eingebung?

Ich war nicht gläubig und versuchte, mich auf meinen logischen Verstand zu stützen. An himmlische Eingebungen glaubte ich nicht.

Pavo richtete sich langsam auf und sah ausdruckslos auf die Anzeigen seiner Konsole. »Wir entfernen uns schnell, Kommandant.«

Ich hob die Hand. »Nennt mich Aik«, sagte ich schleppend. Für einen Moment erntete ich irritierte Blicke, dann sprach ich langsam weiter. »Wir sind die letzten unseres Volkes. Ich will, dass wir uns beim Namen nennen.«

Pavo nickte stumm und sagte leise. »In Ordnung, Aik. Wir entfernen uns mit steigender Beschleunigung von Manjard und steuern auf den Systemrand zu. Ich habe den neuen Kurs in die Mesotronik eingegeben. Unser Ziel ist die Sonne Lobol.«

Ich atmete tief ein. Lobol!

Mit einem fast flehenden Appell hatte uns Huktor eingeschworen, die Mission fortzusetzen.

»Das Schicksal der ganzen Galaxis hängt vielleicht davon ab«, hatte uns der Robot zu verstehen gegeben.

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie konnte er uns eine solche Verantwortung aufbürden, zutiefst erschüttert wie wir waren?

Ich erhob mich aus meinem Sitz und sah kurz zum Sprachinterface der Mesotronik hinüber. »Detaildarstellung des Systems der Sonne Lobol!« befahl ich laut. »Ich möchte eine Holoprojektion.«

Fast augenblicklich baute sich im Zentrum der Zentrale eine grün schimmernde Holosphäre auf, im Zentrum der Projektion ein leuchtend roter Stern.

Eine modulierte Stimme kommentierte die Darstellung: »Lobol, roter Riesenstern. Entfernung vom gegenwärtigen Koordinatenpunkt, 38 Lichtjahre. Der Stern besitzt keine Planeten.«

Ich sah mich verblüfft um. Das war alles?

»Diese Fakten sind uns bereits bekannt!« sagte ich betont. Ich hatte mir zusätzliche Informationen erhofft. »Mesotronik, sind keine weiteren Daten verfügbar? Existiert nahe dieser Sonne eine Raumstation oder eine Hyperfunkboje. Führt eine dicht befahrene Flugroute am System vorbei? Gibt es historische Daten? Wurde das System bereits einmal erwähnt, vermessen, erforscht?«

Lika sah mich ausdruckslos an.

Das Leuchten ist aus ihren Augen verschwunden, dachte ich traurig.

Ich glaubte zu wissen, was in diesem Moment in ihrem Kopf vor sich ging. Ihrer Meinung nach wollte ich die Mesotronik herausfordern, meine Wut auf der Maschine abladen. Vielleicht nahm sie an, dass ich auf diese Weise einen Teil meiner Niedergeschlagenheit abzuschütteln wollte. Wahrscheinlich hatte sie mit dieser Annahme sogar Recht.

Die Antwort der Mesotronik kam prompt und fiel äußerst monoton aus: »Keine weiteren Informationen verfügbar.«

Ich seufzte laut. »Huktor hat uns offensichtlich in einen äußerst aufregenden Sektor der Galaxis entsandt.«

Pavo versuchte ein zaghaftes Lächeln anzudeuten. Für mich sah es eher aus wie eine Grimasse.

»Das kann man sehen, wie man will«, sagte mein erster Offizier schleppend. »Lobol war auch den Manjarden bekannt. Er war vom südlichen Himmel aus zu sehen und immerhin der dritthellste Stern am Nachthimmel. Wir nannten ihn Blutauge.«

Rack vollendete den Satz: »Ja, im Sternbild Rubin war er das leuchtende Auge. Wie oft hab ich den Stern betrachtet und mich gefragt, wie viele Planeten er wohl besitzen mag.«

»Keinen einzigen«, antwortete ich trocken, was mir einen strafenden Blick von Lika einbrachte. Aber sie hatte vollkommen Recht. Ich durfte die Männer nicht auch noch mit Zynismus strafen.

»Also gut«, lenkte ich schnell ein. »Sehen wir uns das Blutauge einmal aus der Nähe an.«

Pavo bestätigte kurz und leitete den Countdown für den Hyperflug ein.

Die Aggregate der MESON liefen an und brachten das Schiff auf Sprunggeschwindigkeit. Ich konnte noch einen letzten Blick auf den funkelnden Stern werfen, der einmal unsere Heimat gewesen war.

»Lebt wohl«, flüsterte ich ergriffen. »Wer weiß ob wir uns jemals wieder sehen.«

»Wir werden sie alle wieder sehen«, sagte Lika zweideutig. »Spätestens wenn unsere letzte Stunde geschlagen hat. Dann treffen wir sie alle im Samrain wieder.«

Samrain, der Ort der ewigen Glückseeligkeit, dachte ich.

Ich nickte leicht und sagte bitter: »Wohl dem, der noch einen letzten Funken Glauben bewahrt hat.«

2. Das Blutauge

Wir materialisierten inmitten furchtbaren Gewalten. Das Schiff wurde unversehens von einer Titanenfaust getroffen und aus der Flugbahn geworfen. Die auftretenden Kräfte brachten die Schiffszelle zum schwingen.

Ein zweiter, schwerer Stoß erschütterte die MESON, dann ein dritter. Wir fuhren erschrocken aus unseren Sitzen auf, wurden aber sofort mit sanfter Gewalt von den Gravogurten zurück gepresst.

Eine Sekunde später konnte ich keinen Finger mehr rühren. Die Mesotronik hatte übernommen und die Sicherheitsschaltung aktiviert. Der Bordrechner machte keine Kompromisse. Die MESON wurde hin und her geworfen und knackte in jeder Verbundnaht.

Lika sah sich panisch nach allen Seiten um und ich konnte erkennen, wie Pavo sich bemühte, die Kontrollen zu erreichen.

»Lass es!« presste ich heraus. »Warte bis die Stoßwirkung nachlässt!«

Als wie auf ein geheimes Signal der Frontschirm plötzlich aufleuchtete, sahen wir uns von glühendem Plasma umgeben. Die Schirme der MESON glichen einem Feuerball!

Ein Sonnensturm, erfasste ich blitzschnell die Situation.

Pavo hatte nach Freigabe der Anschnallfesselfelder sofort reagiert und zusätzliche Energie in die Schirme geleitet. Langsam kam Ruhe in die grellen Leuchterscheinungen und wir konnten aufatmen. Eine Sonneneruption des nahen Sterns musste einen Partikelstrom von enormer Stärke ausgelöst haben.

»Ungewöhnlich starke Sonnenaktivität! Flares mit gigantischen Ausmaßen!« schrie Rack, um die Geräusche der belasteten Schiffshülle zu übertönen.

Die Schirme der MESON flackerten noch für einige Sekunden in einem unheimlichen, tiefblauen Leuchten, dann waren wir durch.

Mein Blick fiel auf den Belastungsmesser. Trotz der heftigen Reaktion zeigte die Auslastung der Schirme in keiner Sekunde mehr als zehn Prozent an. Ich lehnte mich zurück und versuchte mich zu entspannen. Keine Gefahr.

Rack sagte kurz darauf trocken: »Aik, du solltest lieber den Andruckabsorber im Auge behalten. Die Zelle gibt nicht ohne Grund solche Geräusche ab!«

Mein Kopf fuhr herum. Dann verstand ich. Die MESON war annähernd mit Lichtgeschwindigkeit in die glühende Plasmawolke gerast. Der Sonnenwind konnte zwar die Schirme nicht durchschlagen, doch die Verzögerung auf den Flugvektor war enorm.

150 Prozent Belastung der Andruckabsorber!

Mir brach kalter Schweiß aus. Ich durfte nicht daran denken, was geschehen wäre, wenn die Absorber auch nur für eine Sekunde den Dienst eingestellt hätten.

»Wir sind durch«, quittierte Rack als letzter. »Die Sturmfront liegt hinter uns.«

Ich atmete tief durch. Wir hatten außerordentliches Glück gehabt. Die MESON hatte nur die Außenbezirke der Plasmawolke gestreift. Wären wir frontal auf das ionisierte Gas getroffen, dann wäre unser Schiff trotz starker Defensivsysteme vernichtet worden.

Als sich die Flammen legten und die Sicht wieder fei wurde, versuchten wir uns zu orientieren. Weit vor uns, etwa 800 Millionen Kilometer entfernt, stand die Sonne Lobol. Ein roter Moloch von enormer Leuchtkraft!

Rack atmete schwer. »Das ist wirklich unglaublich! Dieser Stern schleudert in jeder Sekunde Millionen Tonnen von Plasma in den Raum!«

»Keine Planeten, aber wohl ein Maximum an Sonnenaktivität«, kommentierte Lika, die sich an der Ortung nützlich machte. »Der Stern zeigt eine sehr unruhige Oberfläche. Die Mesotronik errechnet einen Neun-Jahre Zyklus, bei dem es zu solchen Ausbrüchen kommen kann. Vielleicht gut, dass es keine Planeten gibt. Dort wäre wahrscheinlich kein Leben möglich.«

Pavo hob kurz die Hand. »Aber es gibt eine Asteoridenwolke im Abstand von etwa 400 Millionen Kilometern zum Zentralstern. Ich habe ein paar beachtliche Brocken auf den Tastern, jedoch keiner größer als 300 Kilometer.«

Ich lehnte mich zurück und dachte über die nächsten Schritte nach. »Irgend ein Hinweis auf die geheimnisvolle Flotte, nach der wir Ausschau halten sollen? Können wir Emissionen anmessen, irgendwelche Wrackteile, Funkbojen oder das Signal eines Automatiksenders?«

Anstelle einer sofortigen Antwort schaltete Rack mit fliegenden Fingern. Die allgemeine Niedergeschlagenheit hatte zumindest kurzfristig dem Eifer für die neue Aufgabe Platz gemacht. Aber was blieb uns auch anderes übrig?

Rack benötigte mehrere Minuten um die zahlreichen Ortungsergebnisse auszuwerten, dann schüttelte er den Kopf. »Wann immer die gesuchte Flotte dieses System passiert hat, sie hat keine sichtbaren oder messbaren Spuren hinterlassen.«

Ich sank enttäuscht in den Kommandosessel zurück. Das war kein guter Start für unsere Suchmission.

»Sollten wir nicht HUKTOR über Hyperfunk verständigen?« fragte Lika leise.

Ich verneinte. »Ich möchte nicht so schnell aufgeben. Sehen wir uns den Asteoridengürtel etwas genauer an und gehen wir näher ran. Vielleicht stört die starke Sonnenaktivität unsere Sensoren. Ich denke, es wird von uns erwartet, dass wir systematisch vorgehen und eine ausgedehnte Suche starten. Irgendwelche Einwände?«

Es gab keine.

Pavo ließ die Maschinen erneut hochfahren und errechnete einen Kurs, der uns geschickt um die Sonnenwinde Lobols herum manövrierte.

3. Lobols Vasall

Nach 4 Stunden Flugzeit erreichten wir das Zielgebiet. Vor uns breitete sich das Trümmerfeld des Asteoridengürtels aus. Was hier in großer Entfernung um den Zentralstern kreiste, war eine Mischung aus Fels- und Gesteinsbrocken, Kometenköpfen, Staub, Eis und Gasteilchen.

»Ein kosmischer Schrottplatz«, kommentierte Pavo leise.

»Allerhand Materie, aber nicht genug, um einen wirklich großen Himmelskörper zu bilden«, fügte Rack an.

Ich betrachtete mir die Ortungsreflexe genauer. Es gab einen unförmigen Asteoriden, der etwa 20 Prozent der Gesamtmasse des Trümmergürtels in sich vereinte. Das Objekt erschien mir zumindest interessant genug, es näher zu inspizieren.

»Pavo, können wir in den Trümmergürtel eintauchen und uns diesen Brocken einmal genauer ansehen?«

Mein Erster Offizier räusperte sich nur kurz. »Kein Problem, Aik.«

Ich lächelte. Pavo war mit den Möglichkeiten des Schiffes bestens vertraut.

Die umherschwirrenden Partikel konnten dem Schiff nichts anhaben. Größere Brocken wurden im Schirm absorbiert und in den Hyperraum abgestrahlt, noch größeren Objekten würde die Mesotronik problemlos ausweichen können.

Die MESON ging auf Zielflug und ein blasser Lichtfleck rückte ins Zentrum des Navigationsschirmes.

Lika schüttelte sich unbehaglich. »Aik, was wollen wir dort?«

Ich schenkte ihr ein kurzes Lächeln. »Ich möchte keine Möglichkeit außer Acht lassen, Lika. Wir erfahren etwas über die Zusammensetzung des Asteoridengürtels und finden vielleicht Hinweise auf die verschollene Flotte. Möglich das sie den Brocken genutzt haben, um ihre Rohstoffvorräte aufzufüllen. Irgendeine Spur müssen sie hinterlassen haben. Wenn wir dennoch nichts finden, dann sehe ich keine Chance, die Flotte noch aufzuspüren. Das Universum ist zu groß.«

Rack ließ die Ortung keine Sekunde aus den Augen. »Wir brauchen einen Namen!«

Ich drehte den Kommandosessel in Racks Richtung.

»Einen Namen?« fragte ich erstaunt.

Mein Techniker fletschte kurz die weißen Zähne. »Der Asteorid ist groß genug, dass er einen Namen verdient hat. Oder wollen wir ihn weiterhin ›Großer Brocken‹ nennen?«

Ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Du hast Recht! Einen Namen!« Ich schwenkte erneut herum und sah in Likas große Augen. »Lika, wie wäre es? Willst du ihm einen geben?«

Unsere Kosmopsychologin zog unbehaglich die Arme an. »Mir ist dieser Asteorid unheimlich.«

»Nicht der schönste Platz im Universum, zugegeben«, antwortete ich ihr leise. »Aber in diesem System offenbar der einzige Bezugspunkt.«

»Ich möchte ihn ›Lobols Vasall‹ nennen«, sagte die Kosmopsychologin schnell.

Rack, Pavo und ich sahen uns kurz an.

»Also gut«, entschied ich. »Wie weit ist Lobols Vasall noch von uns entfernt?«

Rack fühlte sich angesprochen. »10 Lichtminuten, eine kurze Etappe und wir sind da.«

Pavo fütterte die Mesotronik mit den neusten Ortungsergebnissen und baute ein Holobild von Lobols Vasall in der Mitte der Zentrale auf.

Ich pfiff leise durch die Zähne. Bei den leuchtenden Nachtmeeren!

Was wir da sahen, wirkte wie aus der Fantasie eines Wahnsinnigen erschaffen.

Pavo zog kurz die rechte Augenpartie hoch, dann erklärte er: »Der Körper besitzt eine stark asymmetrische Struktur. Abmessungen zirka 190 mal 180 mal 200 Kilometer. Zusammensetzung vorwiegend aus Ferrit und Kometenkernmaterial. Wenig ebene Oberflächen. Überwiegend kraterähnliche Strukturen oder spitze Metallnadeln aus erstarrtem Ferrit, die aus der Oberfläche wachsen. Mittlere Dichte...«

Pavos Referat wurde jäh unterbrochen. Die Mesotronik gab ein plötzlich ein durchdringendes Alarmsignal ab. Sofort wechselte die Beleuchtung der Zentrale in dunkles Rot.

Ich zuckte erschrocken zusammen und starrte für eine Sekunde auf den roten Alarmgeber. Die Signalleuchte schien mich zu hypnotisieren.

»Schirme volle Energie!« rief ich dann. »Antrieb bereithalten! Zusatzenergie in die Speicherzellen leiten!«

Lika machte einen Satz, den ich ihr nicht zugetraut hätte. Nur einen Lidschlag später saß sie vor den Kontrollen.

»Umliegender Raumsektor frei! Keine anfliegenden Schiffe!« meldete Rack hektisch.

Ich riss die MESON vorsorglich aus dem programmierten Kurs und übernahm die Handsteuerung. Im Fall eines Angriffs wollte ich das Schiff nicht in der automatischen Steuerung haben.

Pavo versuchte sich Gehör zu verschaffen. »Keine unmittelbare Gefahr. Aber wir sind aus Richtung Lobols Vasall von einem aktiven Ortungsstrahl getroffen worden.«

Ich konnte mein Erstaunen nicht verbergen. »Von Lobols Vasall?«

Pavo nahm eine Kontrollmessung vor und bestätigte seine Aussage. Demnach gab es auf dem Asteoriden einen Ortungsposten oder zumindest ein Frühwarnsystem.

Ein Horchposten, schoss es mir durch den Kopf.

»Soeben wird ein Hyperfunk Richtimpuls abgestrahlt«, rief Pavo erstaunt. »Wer immer die Ortungsstation auf dem Asteoriden postiert hat, weiß vermutlich in diesem Moment, dass wir im System angekommen sind.«

Ich biss die Zähne aufeinander und fluchte leise. »Verdammt!«

Wir waren zu leichtsinnig gewesen und ohne Schutzvorkehrungen in dieses System eingeflogen!

»Sendevektor ermitteln!« rief ich spontan, doch Rack war bereits mit der Peilung beschäftigt.

Die Mesotronik brauchte für die komplizierte Auswertung nur einen kurzen Moment, dann lag das Ergebnis vor.

»Lobol«, sagte Rack trocken. »Der Richtimpuls ist genau auf die Sonne gerichtet!«

Eine weitere Überraschung!

Ich stand auf und trat an Pavos Seite. »Eine Theorie?«

Mein Offizier wirkte unschlüssig. »Jemand ist vielleicht daran interessiert, anfliegende Schiffe rechtzeitig zu erkennen. Vielleicht eine Art Frühwarnsystem? Möglicherweise befindet sich in Sonnennähe eine Hyperfunkrelaisstation, die das Signal zu einem unbekannten Ziel weiterleitet. Was immer es auch ist, das Objekt, dass der Automatikorter angefunkt hat, befindet sich in direkter Sonnennähe und somit im Ortungsschutz von Lobol.«

Pavo hatte dieselben Schlüsse gezogen wie ich.

Vielleicht ist es die Flotte, dachte ich.

Wir hatten uns Lobols Vasall mittlerweile bis auf 200 000 Kilometer genähert. Das abstrakte Gebilde rotierte um seinen Schwerpunkt und folgte dem Schwarm von Trümmern und Partikeln, die langsam den Zentralstern umkreisten.

»Schwache Energieortung!« machte uns Rack aufmerksam.

»Ich habe das Objekt eingepeilt. Zweifellos ein einfacher oder mobiler Ortungstaster.«

Rack blendete die Position ein.

»Sonst gibt es nichts über Lobols Vasall zu sagen?«

Rack sah mich an. »Ich habe die Oberfläche bis in eine Tiefe von mehreren Kilometern gescannt. Keine künstlich angelegten Höhlen, keine Oberflächenveränderungen, ausgenommen normale Erosion. Das kleine Ortungsmodul ist das einzige, auffällige Objekt. Es dürfte kaum größer als zwei mal zwei Meter sein.«

Ich faltete meine Hände und dachte nach. Wir konnten natürlich mit einer kurzen Etappe zur Sonne vorstoßen und nachsehen, was es dort zu finden gab. Mein Verstand sagte mir jedoch, diesmal etwas besonnener und vorsichtiger vorzugehen.

»Wir werden das Gerät bergen und es unter die Lupe nehmen. Vielleicht können wir aus seiner Technik irgendwelche Rückschlüsse ziehen. Eventuell finden wir heraus, mit wem wir es hier zu tun haben. Ich steige mit Lika aus. Rack, du unterziehst Lobol einem genaueren Scan. Reize deine Möglichkeiten aus und finde heraus, ob sich in der Nähe der Sonne etwas versteckt hält. Pavo, du bist für die Sicherheit und unsere Rückendeckung verantwortlich...«

Racks Zwischenruf kam präzise und besonnen. »Achtung! Starke Energieortung von der Oberfläche des Asteoriden!«

Ich reagierte sofort und riss die MESON abermals aus dem Anflugwinkel. Meine Steuerbefehle ließen das kleine Schiff um seine Achse rotieren. Ein erneutes Ausweichmanöver brachte uns wieder in eine stabile Fluglage, diesmal auf einem anderen Anflugwinkel. Wir hatten die Schirme auf maximale Energie geschaltet und Pavo suchte die Umgebung erneut nach potentiellen Angreifern ab.

»Die Koordinaten des Energieausbruchs sind identisch mit der Position des Orters!«

Ich biss grimmig die Zähne aufeinander. Natürlich, er hat sich nach der Entdeckung selbst vernichtet!

»Die Unbekannten wollen offenbar ihr Geheimnis nicht so einfach Preis geben«, sagte ich gepresst. »Ich wette, von dem Orter ist nichts mehr übrig.«

Rack bestätigte meine Ahnung. »Zumindest ist der Energieabdruck des Tasters verschwunden. Aber unsere Infrarottaster zeigen eine Schmelzzone an seiner ursprünglichen Position an.«

Ich übergab die Kontrollen an Pavo. Entschlossen lief ich zur Schleuse.

»Lika, du bleibst hier, ich gehe allein! Pavo, bringe das Schiff direkt über den Resten der Anlage zum stehen. Ich sehe mir das da unten auf jeden Fall an. Ich hoffe das noch etwas übrig ist, das sich auswerten lässt.«

Lika warf mir einen besorgten Blick hinterher, dann drehte ich mich um und verschwand in der Schleuse.

Wir betrachteten ratlos die schwarzen Schlackestücke, die ich vor etwa einer Stunde geborgen hatte. Nach einer ausgiebigen Dekontermination und Unbedenklichkeitsprüfung hatte die Mesotronik die Schleusenschotte freigegeben und das Bergungsgut zunächst unter einem Energieschirm abgesperrt. Nach weiteren Tests gab der Schiffscomputer die Fragmente für unsere Untersuchungen frei.

Mehrere dieser verdrehten und deformierten Teile lagen vor uns auf dem Analysetisch. Ich sah kommentarlos zu, wie die Laserscanner über die Metallstücke fuhren und die ermittelten Daten in den Hauptrechner leiteten. Außer ein paar geschmolzenen Metallbrocken war von dem Gerät nicht übrig geblieben.

Wir konnten bisher keinen Anhaltspunkt finden, von wem das Gerät ursprünglich stammte.

Rack zog ein Kleinteil unter dem Analysegerät hervor. »Das hier war wohl einmal ein mesotronisches Steuermodul, leider bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Ich konnte nur noch feststellen, dass die Technik der Fremden nicht das Niveau der MESON erreicht. Die Baugruppe, oder besser was davon übrig ist, wirkt klobiger und weniger kompakt als unsere Anlagen. Daraus lassen sich gewisse Schlüsse ziehen.«

»Richtig«, stimmte ich zu. »Vermutlich ist das keine Technologie, die von HUKTORs Flotte hinterlassen wurde, richtig?«

Rack bestätigte. »Unbekannte haben diese Kleinanlage hinterlassen. Warum sie das getan haben, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.«

Lika drehte die rußigen Teile in der Hand und legte sie dann auf den Tisch zurück. »Die Aufgabe dieses Ortungspostens ist meiner Meinung nach offensichtlich. Er soll unerwartete Ankömmlinge melden und sich dann selbst zu vernichten. Das macht den Eindruck, als ob die Unbekannten unter keinen Umständen entdeckt werden möchten.«

Ich wischte mir die Stirnhaare aus dem Gesicht und dachte nach.

»Eine hoch entwickelte Station im System der Sonne Leilak, ein uraltes Schiffswrack auf Rabor, eine geheimnisvolle Ortungsstation in einem verlassenen, toten System. Und auf Manjard dachte man allen ernstes, wir wären die einzigen Intelligenten Wesen im Universum.« Pavo schüttelte fassungslos den Kopf.

Ich lauschte kurz den Worten meines ersten Offiziers nach. Die anfängliche Begeisterung für die neue Aufgabe drohte zu kippen. Natürlich standen noch immer alle unter Schock. Alle Gedanken meiner Crew waren bei unserer Heimatwelt. Jeder von ihnen, mich eingeschlossen, hatte Angehörige verloren.

Aber in tiefe Depression zu verfallen, war in unserer Lage mehr als gefährlich. Motivation und Ablenkung war unsere einzige Chance zu überleben und mit den Tatsachen fertig zu werden. Wenn wir jetzt aufgaben, dann waren wir verloren!

Und wertlos für Huktor, schoss es mir durch den Kopf. Wie würde der Roboter dann reagieren?

»Nun gut«, sagte ich in die bedrückte Runde. »Wir sind auf einige Dinge gestoßen, aber das ist mit Sicherheit erst der Anfang. Was hatte HUKTOR gesagt? Auf unserer Mission werden wir auf viele andere Völker treffen. Unsere Aufgabe ist wichtig für diese Galaxis! Wenn wir auch unseren Planeten nicht mehr retten können, vielleicht gelingt es uns, für das Wohl der Völker unserer Sterneninsel zu kämpfen.«

Alle sahen mich schweigend an.

Lika lächelte schwach. Netter Versuch Kommandant, mochte sie wohl gerade denken.

Aber zumindest rüttelte meine Ansprache die beiden männlichen Crewmitglieder etwas auf.

Rack ballte die Hände. »Ich schlage vor, wir aktivieren den Ortungsschutz und fliegen den Zentralstern an. Dieses Schiff verfügt über ausgezeichnete Tarnfähigkeiten. Nach den vorliegenden Informationen sind die Unbekannten nicht auf unserem Stand der Technik angelangt. Also kann man annehmen, dass unser Ortungsschutz nicht so einfach geknackt werden kann. Wir hätten ihn sofort nach der Ankunft aktivieren sollen!«

Ich seufzte tief. »Also gut«, unterbrach ich die Diskussion heiser. »Wir machen es so! Rack aktiviert den Ortungsschutz und Pavo berechnet einen spiralförmigen und sichern Anflugkurs auf den Zentralstern. Lika und ich assistieren an den Ortern. Wenn es in der Nähe der Sonne etwas gibt, dann werden wir es finden!«

Ich sah es in einigen Augen aufblitzen. Das Jagdfiber hatte uns wieder gepackt.

4. Unsichtbare Annäherung

Wir hatten bereits die letzten Ausläufer des Asteoridengürtels passiert und bewegten uns zielstrebig Richtung Lobol. Der Zentralstern wuchs ständig an und bedeckte bald den gesamten Sichtbereich in Flugrichtung.

Die einzige Gefahr ging von den gewaltigen Sterneneruptionen aus, die in unregelmäßigen Abständen, aus der brodelnden Oberfläche des Sterns hervorbrachen. Das war kein normaler Sonnenwind wie wir ihn kannten, sondern hoch erhitztes Sternenplasma.

Lika bemerkte einmal kurz, das diese starken Reaktionen ungewöhnlich seien, aber durchaus normal für einen Stern, der sich am Ende seiner Lebensphase befand.

Lobol befand sich ohne Zweifel in der Endphase seines langen Lebens. In etwa 500 000 Jahren könnte er sich zur Supernova entwickeln.

Seit Rack den Ortungsschutz aktiviert hatte, wurde die Zentrale in dunkelblaues Licht getaucht. Der Ortungsschutz war maximal ausgefahren und verhinderte jegliche Strahlungsemission. Eventuell auftreffende Ortungsstrahlen wurden verschluckt und in den Hyperraum abgegeben. Antriebsplasma oder andere flüchtige Stoffe wurden vermieden und in einem aufwendigen Prozess eliminiert.

Ich nickte zufrieden. Die Schutzmaßnahmen waren durchaus gerechtfertigt. Auf der anderen Seite war man bereits alarmiert.

Wir näherten uns Lobol auf einer immer enger werdenden Spiralbahn an. Das Blutauge bedeckte bereits den größten Teil des Frontschirms.

Rack, der unablässig die Schirme kontrollierte, wurde plötzlich auf etwas aufmerksam und verfiel in hektische Aktivität. Ich beobachtete wie der Techniker seine Beobachtung mehrmals überprüfte, bevor er sich an das Team wandte.

»Ich habe Schwankungen im Spektrum der Sonne festgestellt. Dabei handelt es sich zweifelsfrei nicht um Änderungen, die der Stern selbst verursacht, sondern um winzig kleine Körper, die vor der leuchtenden Sonnenscheibe stehen müssen.«

Ich war verblüfft. Theoretisch war es natürlich möglich, dass ein Körper einen anderen Himmelskörper abdeckte, etwa bei einer Sonnenfinsternis. Doch hier lag der Fall anders. Wir befanden uns in der Nähe eines roten Riesen, der sich mit starken Protuperanzen und Plasmaausbrüchen wie wild gebärdete. Lobol schien uns mit all seiner Naturgewalt aus seinem Umfeld verjagen zu wollen. Ein kleiner Körper, der vor der Sonnenscheibe stand, konnte nur äußerst geringe Schwankungen im Spektrum verursachen, wenn überhaupt. Selbst die Abdeckung durch einen ganzen Planeten, würde sich kaum im messbaren Bereich bewegen.

Meinen fragenden Blick erwiderte Rack fest und bestimmt. »Es ist, wie ich sagte. Die Schwankungen bewegen sich im messbaren Bereich. Die Korona des Sterns beherbergt Tausende, nicht leuchtende Körper!«

»Die Flotte!« rief Lika überzeugt aus.

Ich war in der Auslegung dieser Theorie etwas vorsichtiger. »Vielleicht«, sagte ich vorsichtig. »Rack, ich möchte dich bitten diese Messungen nochmals zu überprüfen.« An meinen Ersten Offizier gewandt: »Pavo, wie nahe können wir heran? Könnten wir in die Korona des Sterns eintauchen?«

Pavo entblößte kurz sein makelloses Gebiss. »Aber gewiss doch. Die Schirme halten das aus. Aber eine unerwartete Sonneneruptionen könnte uns schneller ins Samrain befördern, als uns lieb ist. Sie würde uns mit voller Wucht treffen.«

Ich drehte meine Handflächen von unten nach oben, ein manjardisches Zeichen für Zweifel. »Wenn die gesuchte Flotte tatsächlich im sonnennahen Orbit steht, dann hat sie ihren Standort schon vor einiger Zeit eingenommen. Und sie existiert immer noch, wenn Racks Messungen wirklich zutreffen!«

Rack fuhr von seiner Konsole hoch. »Und ich habe soeben den Grund dafür herausgefunden!« Rasch blendete der Techniker einige Schaubilder ein. »Lobol zeigt diese starken Ausbrüche nur 20 Grad oberhalb und unterhalb seines Äquators. Das hängt vermutlich mit starken Magnetfeldern zusammen, die im Innern des Sterns verlaufen und die Plasmaströme umleiten. Ein sonnennaher Orbit, möglicherweise innerhalb der Corona, wäre demnach in der Äquatorebene relativ sicher.«

Das waren überraschende Neuigkeiten!

Ich änderte den Kurs der MESON und korrigierte den Flugvektor entsprechend. Tatsächlich verringerte sich die Plasmadichte in Flugrichtung gravierend. Nach kurzer Zeit war sogar eine störungsfreie Ortung möglich.

»Achtung!« Pavos Schrei kam zeitgleich mit dem Alarm der Mesotronik und dem Aufleuchten des Ortungsschirmes.

Über 10 000 Ortungspunkte wurden in direkter Nähe des Sterns markiert! Gleichzeitig erfassten die Orter 10 Flugkörper, die sich mit 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit annäherten.

»Raumtorpedos!« rief Pavo nur.

Doch die Warnung des ersten Offiziers war nicht mehr nötig, denn die Mesotronik hatte auf den feindlichen Angriff konsequent reagiert. Der Antiortungsschirm wurde deaktiviert und die freiwerdenden Energien in die Schirme geleitet.

»Besatzung klar zum Gefecht!« rief ich trocken und übernahm erneut die Handsteuerung, dann wandte ich mich an Rack: »Sie haben unseren Ortungsschutz wohl doch geknackt.«

Mein Techniker kommentierte meine Aussage mit einem Zähnefletschen. »Ich vermute, sie haben die Partikelverdrängung der MESON geortet und daraus ihre Schlüsse gezogen. Eine direkte Ortung ist unmöglich.«

Ich zwang die MESON aus dem ursprünglichen Kurs und stellte sie quer zur Flugrichtung.

Ich sah Pavos angstvoll geweitete Augen. Solche Manöver sollte man im Gravitationsfeld eines großen Sterns besser unterlassen. Ich verstand die Sorgen meines Offiziers und navigierte von nun an vorsichtiger.

Rack war vollkommen auf die Taster konzentriert. »Kontakt mit den Raumtorpedos in genau 4, 3, 2, 1...«

Die letzte Sekunde blieb unausgesprochen, denn ich hatte die MESON erneut aus dem Kurs gerissen.

Knapp hinter uns wurde die Hölle entfesselt. Die Raumtorpedos detonierten zeitgleich mit mehreren, atomaren Explosionen. Angesichts des nahen Sterns und der Energien die er verschleuderte, waren diese Explosionen jedoch nichts als leichte Winde, die von einem Sturm überlagert wurden.

»Rack! Auswertung der Gefechtsköpfe!«

Die Daten wurden eingeblendet. Erneut war ich stolz auf die schnelle Reaktion meiner Crew.

»Nuklearer Fusionskopf, eine Megatonne Sprengkraft. Keine Gefahr für unsere Schilde.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. Wie sollten wir diesen plumpen Angriff verstehen? Als Warnschuss?

Mein letztes Manöver hatte uns bis auf eine Million Kilometer an die Flotte herangebracht. Jetzt kamen die Bilder und Daten glasklar bei uns an.

»Rack, lass die Ortung keine Sekunde aus den Augen und melde, was du siehst!«

Die Worte meines Technikers kamen leise, fast flüsternd. »Die Zähler zeigen etwa 10 550 Schiffe im engen Orbit um Lobol. Sie driften, zeigen keine energetische Aktivität. Heiliges Samrain!«

Ich zuckte bei Racks Ausruf zusammen. »Was ist los? Meldung!«

Rack befeuchtete die Lippen. »Soeben ist eines der Schiffe in die Chronosphäre der Sonne eingetaucht und verglüht.«

Wir sahen uns betroffen an.

»Machen die anderen Schiffe irgendwelche Anstallten zur Hilfe zu eilen? Sind Manöver oder Rettungsversuche zu erkennen?«

Ich hoffte inständig, dass auf dem Schiff keine Lebewesen gestorben waren.

Rack schüttelte nur leicht den Kopf. »Negativ. Die Flugvektoren aller Schiffe sind als instabil zu werten. Über kurz oder lang werden sie alle in die Sonne stürzen.«

Ich war fassungslos. Was war mit den Schiffen und ihren Besatzungen geschehen? Und wer hatte die Waffen auf uns abgefeuert?

Wir näherten uns weiter unter größter Vorsichtig, jederzeit darauf gefasst, einen Angriff zu begegnen.

5. Die Geisterflotte

Es handelte sich bei allen Schiffen um denselben Typ. Vor uns bewegten sich große, tropfenförmige Schiffsleiber, jeder 300 Meter lang, mit einer Einschnürung in der Mitte der Zelle. Von dieser Einschnürung ausgehend, zeigten lange, spitze Ausleger radial nach außen.

»Wie die wehrhaften Stacheln eines Tiefseebewohners«, flüsterte Lika leise.

Rack vermutete, dass es sich dabei um Projektoren für die Schilde oder den Antrieb handelte. Wir hatten niemals Schiffe dieses Typs zu Gesicht bekommen und kannten sie auch nicht aus HUKTORs hypnosuggestiven Schulungen.

Nachdem wir unseren Kurs an die driftenden Schiffe angeglichen hatten und für deren Ortungssysteme klar sichtbar sein mussten, warteten wir auf eine Reaktion. Vergebens. Wie wir bald feststellten, war die Flotte zweifellos inaktiv und energetisch tot.

Wir konnten zwei weitere Abstürze in die Sonne beobachtet und die Mesotronik errechnete, dass spätestens in fünf Jahren, die gesamte Flotte verglüht sein würde. Nahaufnahmen belegten, dass ein großer Teil der Schiffe, durch die extreme Sonnennähe, bereits in schwere Mitleidenschaft gezogen war. Das Material der Schiffshüllen war offensichtlich sehr widerstandsfähig, doch ohne energetische Schutzmaßnahmen, wiesen viele Rumpfhüllen bereits Schmelzspuren auf.

Pavo versuchte ununterbrochen eine Verbindung aufzubauen und sendete Freundschaftsbekundungen in allen Sprachen, die uns zur Verfügung standen, jedoch ohne Erfolg.

Erst als wir uns dem Flottenverband bis auf 200 000 Kilometer angenähert hatten, erfolgte eine erste Reaktion. Seltsamerweise nicht von der Geisterflotte, sondern von unserer eigenen Mesotronik. Ich beobachtete, wie unser Zentralrechner Datenpaket auf Datenpaket in den Hyperfunksender leitete und abstrahlte.

»Die Mesotronik sendet offensichtlich verschiedene Kodeschlüssel, ich weiß jedoch nicht, was das zu bedeuten hat.« Rack wirkte einigermaßen ratlos.

»Ich vermute, unsere Mesotronik hat die Einheiten der Flotte identifiziert und versucht, mit den Bordrechnern der anderen Schiffe in Kontakt zu treten.« Ohne den Blick von den Anzeigen zu nehmen, fuhr ich fort: »Aber sie wird ebenso erfolglos sein wie wir. Die Flotte ist eine Geisterflotte. Es erfolgt keinerlei Reaktion. Ich vermute, dass wir auch keine Energiesignatur der Einheiten anmessen können?«

Pavo schüttelte den Kopf. »Da drüben sind alle Reaktoren heruntergefahren. Wenn es in den Schiffen noch Energie gibt, dann vielleicht schlafend in den Speicherbänken.«

»Dann bleibt zunächst noch immer eine Frage zu klären. Wer hat uns angegriffen?«

Lika sah mich undefinierbar an. »Die Antwort wäre wohl, dass es sich um jene Unbekannten handelt, die auch das Ortungsmodul auf Lobols Vasall abgesetzt haben.«

Auf Likas Interpretation der Lage erfolgte eine direkte Antwort der Unbekannten.

»Zwei Raumtorpedos aus Richtung Alpha-10-9!« rief Rack. »Schnelle Annäherung! Empfehle Ausweichmanöver. Auftreffen in 5, 4, 3...«

Anstelle einer schnellen Ausweichbewegung wie beim ersten Angriff lehnte ich mich bequem zurück und zeigte ein vieldeutiges Lächeln.

Likas Schrei hallte durch die Zentrale. »Aik!«

Dann waren die Geschosse bereits heran und detonierten in unmittelbarer Nähe der MESON. Lika schrie auf und klammerte sich an die Lehne ihres Kontorsitzes. Der Frontschirm wurde von der Mesotronik sofort abgedunkelt. Zwei blendend grüne Feuerbälle bauten sich auf. Der gestaffelte Schirm der MESON reagierte und glühte ebenfalls auf. Das Bild in Flugrichtung wanderte nach rechts aus.

Ich schätzte, dass das Schiff etwa um etwa 20 Grad aus der Flugbahn gerissen wurde. Die Schiffszelle dröhnte dabei wie eine Glocke, jedoch bei weitem nicht so stark wie beim Zusammenprall mit dem Sonnensturm. Die Schockabsorber konnten die statische Integrität sofort wieder herstellen.

Pavo zog eine Augenbraue hoch. »Interessant! Man hat sich jetzt für größere Kaliber entschieden! Das waren zwei mittelschwere Gravitationsbomben. Die Zündung erfolgte in 500 Metern Entfernung. Aber selbst bei einem Direkttreffer keine Gefahr für unsere Schirme.«

Meine persönliche Theorie, dass der erste Angriff eine Warnung gewesen war, wurde erneut bekräftigt. Wer einen Gegner wirklich ausschalten will, der gibt ihm nicht die Chance zu entkommen. Wir sollen eingeschüchtert und gedrängt werden, das System möglichst schnell wieder verlassen.

Zumindest gab mir das erste Anhaltspunkte, über das Psychogramm der Fremden. Es handelte sich offenbar nicht um blutrünstige Piraten oder Söldner. Die hätten sicher versucht kurzen Prozess zu machen, wobei sie sich an der MESON die Zähne ausgebissen hätten.

Dies ist nur ein Kurierboot. Überschätze den Kampfwert des Schiffes nicht, korrigierte ich meine eigenen Gedanken schnell. Viele Jäger sind des Hasen Tod!

Sollte uns eine kleine Flotte koordiniert attackieren, dann würde die MESON sicher in Bedrängnis geraten. Aber bis jetzt war unklar, mit wie vielen Angreifern wir es eigentlich zu tun hatten. Offenbar zogen es die Fremden vor, sich im Schutz der Geisterflotte zu verstecken.

Pinn war bei den Explosionen der beiden Torpedos auf meinen Schoß gesprungen und sah mich mit seinen großen Augen an. Er hielt den Kopf schief und zeigte mir damit an, dass er gekrault werden möchte.

»Nicht jetzt, mein kleiner Freund«, flüsterte ich leise. »Wir sind beschäftigt.«

Die Vorgänge in seiner Umgebung schienen ihm keine Angst zu machen. Und das, obwohl unser Schiff ordentlich durchgeschüttelt wurde. Seine großen, schwarzen Augen musterten mich direkt.

»Wenn du keine Angst hast, dann habe ich auch keine Befürchtungen«, schienen sie mir zu sagen.

Tatsächlich war ich innerlich trotz des Angriffes ruhig und gelassen. Ich war überzeugt das wir dem Angreifer überlegen waren und irgendwie schien Pinn das zu fühlen.

Er fühlt was du fühlst, schoss es mir durch den Kopf.

Rack ließ plötzlich einen fast triumphierenden Ausruf hören. »Feindschiff ausgemacht! Gegner lässt die Tarnung fallen und manövriert sein Schiff aus einem driftenden Pulk der Geisterflotte. Bestätigung soeben erfolgt. Schiffstyp ist nicht identisch mit jenen der Flotte. Pikförmig, 400 Meter große Schiffszelle!«

Rack hatte bereits die Geschützphalanx auf den Gegner programmiert und eingerichtet. Von nun an ließ die Zielverfolgung der Mesotronik den Angreifer nicht mehr los.

»Feindschiff versucht sich in eine bessere Schussposition zu bringen. Soll ich auf das Manöver entsprechend reagieren?« Pavo sah mich erwartungsvoll an.

Ich gab ihm ein Zeichen sich zurückzuhalten. »Unsere Defensivsysteme sind denen des Angreifers weit überlegen. Das muss man dort drüben bereits bemerkt haben. Nach meiner Einschätzung haben die bereits ihr ganzes Pulver verschossen. Wenn wir es nur mit einem Schiff zu tun haben, dann besteht keine Gefahr für uns. Rack, kannst du meine Einschätzung bestätigen?«

»Leistungswerte des gegnerischen Schiffes liegen weit unter denen der MESON. Wir können mit unserem Geschütz den Schirm des Angreifers jederzeit durchschlagen.«

»Gut zu wissen!« bestätigte ich zufrieden. »Rack, füttere die Mesotronik mit den Daten des fremden Schiffes. Ich will endlich wissen, mit wem wir es zu tun haben.«

Lika fixierte das Schiff auf dem Frontschirm. »Warum rufen wir es nicht einfach über Funk und fragen höflich nach?«

Pavo ließ ein meckerndes Lachen hören, in das Rack sofort einfiel. Ich schmunzelte über den rauen Humor meiner Männer, wollte aber Lika nicht bloß stellen.

Aber so abwegig war ihre Idee nicht. Eine ruhige und freundliche Funkbotschaft nach den bereits erfolgten Attacken musste den Angreifer im gewissen Sinne demoralisieren und ein Gefühl der Unterlegenheit vermitteln.

Ich musste erneut Likas psychologisches Einfühlungsvermögen anerkennen und gab Pavo die Anweisung, Likas Vorschlag umzusetzen. Meine Betonung lag auf freundlicher Anruf, was Pavo ein tiefes Knurren entlockte.

Als Antwort auf unseren Funkspruch löste sich ein blendend heller Strahl vom gegnerischen Schiff und schlug mit Wucht in unsere Schirme ein. Lika war in ihrem Sitz zusammengezuckt, denn der erneute Angriff kam überraschend.

»Thermostrahl! Schirme bei 30 Prozent Auslastung, stabil.«

Pavo klang nun sichtlich verärgert und auch nach meiner Auffassung war es Zeit, eine adäquate Antwort zu schicken. Der aufdringliche Fremde sollte eine kleine Lektion erhalten.

»Rack! Geschütz auf feindliche Waffenphalanx ausrichten.«

»Befehl verstanden! Zielverfolgung aufgeschaltet.« Und dann eine Spur leiser: »Ziel eingerastet!« Rack wirkte ruhig und konzentriert. »Ich empfehle den Abschuss eines Leptonentorpedos, maximale Enegieverdichtung. Die Waffe sollte den Schirm durchschlagen und die Geschützkuppel des Gegners ausschalten.« Rack sah mich erwartungsvoll an und wartete auf meine Bestätigung.

Ein Leptonentorpedo war kein Geschoß im herkömmlichen Sinn, sondern ein mit Lichtgeschwindigkeit abgestrahltes Energiepaket. Die Waffe konnte hochgespannte Schirme durchschlagen und die Schiffshülle im Auftreffpunkt zum Schmelzen bringen. Rack hatte besonnen gewählt. Mit einem gezielten Schuss würden wir den Gegner nicht vernichten, ihm jedoch unmissverständlich klar machen, dass wir über seine Angriffe nicht erfreut waren.

Ich gab die Waffenschaltung frei. Es war Pavos Aufgabe, den Schuss abzufeuern.

Das erste Mal, dass wir die MESON im Kampf einsetzen, dachte ich nur, dann löste Pavo die Waffenschaltung aus.

Der Gegner hatte keine Chance dem abgeschossenen Energiefeld auszuweichen. Als hellorange, leuchtende Kugel schoss es mit annähernder Lichtgeschwindigkeit auf das feindliche Schiff zu. Bei den geringen Kampfdistanzen erfolgte der Einschlag sofort. Die Manöver des fremden Schiffes waren zu träge, um eine Ausweichbewegung zu versuchen, und das Leptonenpaket traf das Schiff frontal.

Rack hatte genau auf die Geschützphalanx gezielt, die sich als Stachel von der Stirnseite des Schiffes abhob. Die Wirkung war sofort sichtbar und drastisch. Der blassgelbe Schirm des Gegners wurde von grellen Entladungsblitzen eingehüllt und verwehte unter einem letzten, hektischen Flackern. Unsere Waffe fraß sich am Zielpunkt in die Hülle und brachte das Thermogeschütz abrupt zum schweigen. Das Schiff wurde durch die Wucht des Treffers herumgerissen und zeigte uns die Breitseite.

Bei einer Entscheidungsschlacht wäre es jetzt um das feindliche Schiff geschehen. Ein erneuter Treffer unserer Waffe hätte den Todesstoß bedeutet. So aber befahl ich, das Feuer einzustellen, denn wir hatten unser Ziel erreicht.

»Gut gemacht Pavo!« rief ich zufrieden.

Es war nicht meine Absicht gewesen, das andere Schiff zu vernichten.

»Schiff driftet ab und entlässt Unmengen kleiner Objekte in den Raum«, meldete Rack. »Schirme des Gegners noch immer inaktiv.« Er holte einen der kleinen Körper in die Totale. »Sind das Raum-Minen? Sie legen tatsächlich ein Mienenfeld um ihr Schiff! Haben sie etwa die Befürchtung, dass wir sie nun entern wollen?« Rack wirkte sehr überrascht.

Eine interessante Strategie, um sich zu schützen, musste ich anerkennen. Da wir keine zweite Salve abgefeuert hatten, dachte man dort drüben wohl, dass wir an Gefangenen interessiert waren. Zumindest teilweise verstand ich die Reaktion der Fremden, auch wenn es sich nicht um eine kampferprobte Spezies zu handeln schien.

»Rack, haben wir noch immer kein Ergebnis von der Mesotronik? Mit wem haben wir es zu tun und warum dauert das so lange?«

Bevor Rack mir antworten konnte, leuchtete plötzlich das Holo des Com-Systems auf. Das Wesen, das da übergroß vom kugelförmigen Projektionsfeld auf uns herabblickte, konnte ich sofort einordnen. Ich gab Rack ein kurzes Zeichen seine Bemühungen einzustellen, es war nicht mehr nötig.

Zuerst glaubte ich maßloses Erstaunen in den Augen des Fremden zu erkennen, dann hörte ich seine hohe, aber verständliche Stimme. »Wie kommt die Technik der Behüterin in die Hände von Wilden?«

6. Die Videx

Der Fremde, wahrscheinlich der Kommandant des Schiffes, sprach uns in Phronisch an, einer alten Handelssprache, die wir durch Huktors Schulung erlernt hatten.

Für einen Moment war selbst ich sprachlos und stand im Bann der seltsamen Erscheinung. Es handelte sich zweifellos um einen Vertreter der Videx, jene Händler, die uns Huktor als eine der dominierenden Rassen dieses Raumsektors benannt hatte.

Erstaunt musterte ich den Fremden, der meinem Blick ohne weiteres standhielt. Ich schätzte den Videx auf eine Größe von etwa 1,75 Meter. Die Projektion zeigte nur die Rückenpartie des seltsamen Wesens, bis hinauf zu seinem Kopf.

Aus der Schulung wussten wir bereits, dass die Videx sich auf vier Beinen fortbewegten, die einen muskulösen Unterkörper trugen. Aus der Vorderseite des Unterkörpers wuchs ein elastischer aber kräftiger Hals, der wiederum einen kleinen, durchaus manjardisch geformten Oberkörper trug. Der Oberkörper besaß zwei lange und bewegliche Arme, die in dreifingrige Greifhände mündeten. Der gesamte Körper war haarlos. An Stellen, die nicht durch Kleidung bedeckt wurden, zeigte die Haut einen dunklen, violetten Ton. Der Kopf des Videx wirkte im Vergleich zum Körper relativ klein und flach, was jedoch nicht über die hohe Intelligenz dieser Wesen hinwegtäuschen durfte. Auffällig waren die großen, dunklen Augen und die grell roten Ohren des Videx.

Offensichtlich hatten wir es mit einem männlichen Vertreter dieser Spezies zu tun. Die Augen des Wesens ließen mich nicht los und fixierten mich unangenehm. Es war an der Zeit, sich vorzustellen und etwas über die unfreundliche Begrüßung in Erfahrung zu bringen.

Ich bemühte mich lässig zu wirken, wusste aber nicht, ob das einen Eindruck auf den Videx machte. Ich lehnte mich in meinem Sitz nach vorn, stützte die Hand auf meinen Schenkeln ab und antwortete in einwandfreiem Phronisch. Dabei ging ich mit keiner Silbe auf die Bemerkung des Videx, betreffend unserer Herkunft ein.

»Ich bin Aik, Kommandant der MESON. Ich protestiere gegen die Angriffe und verlange eine sofortige Erklärung!«

Der Oberkörper des Videx geriet auf dem flexiblen Hals ins schwanken. Ich wusste nicht, ob es sich dabei um einen Ausdruck der Unsicherheit oder einer Geste der Empörung handelte.

Die Stimme überschlug sich fast, als der Videx antwortete. »Ihr müsst das Schiff gestohlen haben! Jawohl! Ihr seid Diebe! Leute eurer Art haben wir zur genüge beobachtet. Ihr seid primitiv! Niemals habt ihr unsere Schiffe bemerkt, selbst wenn wir direkt im Orbit eures Planeten parkten! Ich kenne euer Volk! Euer Verständnis vom Kosmos reizt den gesamten Raumsektor zum Lachen!«

Pavo ließ zischend die Luft zwischen den Zähnen entweichen! Sein tiefes Knurren verhieß nichts Gutes.

Gerade laut genug, damit ihn der Videx noch hören konnte, fragte Pavo mit gespielter Beherrschtheit: »Sollen wir dem Schiff den Rest geben? Vielleicht nimmt er dann den Mund nicht mehr so voll!«

Ein kreischender Wortschwall brach über uns herein. »Ja so kennen wir euch! Gewalttätig und zurückentwickelt. Man hätte das Universum vor euch warnen sollen, jetzt ist es zu spät!«

»In der Tat!« sagte ich betont langsam. »Jetzt ist es zu spät!«

Der Redeschwall des Fremden verstummte sofort. Wieder musterte mich der Fremde eindringlich.

Ich hielt dem starren Blick stand. »Wie ihr sicher bemerkt habt, sind wir Wilden in der Lage, dieses hoch moderne Schiff perfekt zu steuern und einzusetzen.«

Die feuerroten Ohren des Fremden zuckten nervös, dann sagte er übergangslos: »Mein Name ist Votax, Oberhaupt der Zanuri-Sippe.« Nach einer kleinen Pause fuhr er in gewohnter Hektik fort. »Aber wir haben das Recht, hier zu sein, und wir waren als erste hier! Das unausgesprochene Gesetz der Händler besagt, das ein herrenloses Schiff in den Besitz des Finders übergeht und...«

Ich gab Pavo ein Zeichen, den Audiokanal zu trennen. Auf dem Schirm konnte ich sehen, wie der Videx weiter sprach. Wahrscheinlich zitierte er soeben unbekannte Handelsgesetzte, die mich aber momentan nicht interessierten. Ich wollte vielmehr herausbekommen, was die Videx hier trieben und was es mit aggressiven Verhalten auf sich hatte. Primär musste ich mich um die Flotte kümmern, Huktor kontaktieren und weitere Anweisungen einholen.

»Lika, deine Analyse!« sagte ich schnell.

Die Kosmopsychologin war in ihrem Element. »Ich bin mir sicher, dass die Videx die Flotte zufällig entdeckt haben. Ich denke, er beansprucht die Schiffe als sein Fundgut oder Eigentum und betrachtet uns als Nebenbuhler. Vielleicht hat er Angst, dass wir ihm seinen Fund streitig machen wollen. Seine Angriffe waren zweifellos Versuche, uns aus dem System zu verjagen. Wir sollten uns auf dieses Verhaltensmuster einstellen.«

Rack gab einige ergänzende Kommentare: »Soeben stelle ich fest, dass die Videx mobile Roboteinheiten zu manchen Schiffen entsandt haben und offensichtlich versuchen, in die Schiffe der Flotte einzudringen. Ich spekuliere jetzt, aber ich denke, sie wollen die Schiffe ausschlachten und Teile der Technik für sich verwerten. Unter diesem Aspekt würde die Flotte wohl einen sehr wertvollen Schatz für die Videx darstellen.«

Ich nickte und stellte die Audioverbindung wieder her. Der Videx sprach noch immer.

»...zwar machen wir Videx selten Gebrauch davon, aber es ist mir jederzeit möglich, eine Eskorte zu rufen, die meinem Anrecht Nachdruck verleiht und das Handelsrecht auch hier durchsetzt. Wir sind friedliche Händler, aber da heißt nicht, das wir uns durch rohe Gewalt von unserer...«

Ich hob kurz die Hand was den Videx sofort verstummen ließ. Wieder schwankte sein Oberkörper auf dem Hals hin und her.

»Er ist nervös, das muss es sein!« flüsterte Lika mir zu.

Ich stand auf und trat näher an die Aufnahmeoptik heran. Auf dem Schirm des anderen Schiffes musste der Eindruck entstehen, dass mein Gesicht größer wurde.

»Warum noch mehr Schiffe in diesen Sektor rufen und das Wissen über die Flotte mit noch mehr Kapitänen teilen? Zwei Schiffe sind schon genug, findest du nicht?«

Der Videx zeigte keine Regung, nur seine Ohren flatterten wild, beruhigten sich aber nach kurzer Zeit wieder.

»Erklärt mir, wie ihr in den Besitz des kleinen Schiffes gekommen seid«, wechselte der Videx abrupt das Thema.

Er will ablenken, dachte ich belustigt.

»Wir sind im Namen des Eigentümers hier. Die Flotte wird vermisst.«

Der Videx schien nun völlig die Beherrschung zu verlieren. »Im Auftrag des Eigentümers? Seit wann arbeiten Manjarden im Auftrag der Behüterin?«

Ich zuckte zusammen. Der Videx kannte mein Volk! Wir sind nur 38 Lichtjahre von unserem Heimatsystem entfernt! Der Videx hatte bereits angedeutet, dass sein Volk mehrmals unsere Heimat besucht hat. Nur wir hatten es nie bemerkt!

Ich unterdrückte die erneut aufkommenden Trauergefühle und antwortete langsam: »Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass es so ist. Ich schlage ein persönliches Treffen vor, um das Thema von Angesicht zu Angesicht zu besprechen.«

Der Videx schien einen Moment mit sich zu kämpfen, dann sagte er schließlich: »Meine Familie wird euch auf unserem Schiff willkommen heißen. Euer Schiff ist zu klein und bietet nicht den entsprechenden Rahmen.«

Ich überlegte einen Moment und sagte dann schnell: »Wir sind einverstanden! Wir treffen und in etwa einer Stunde.«

Ich gab Rack ein Zeichen die Verbindung zu trennen. Eine Sekunde später erlosch das Holobild des Videx.

7. Der neue Auftrag

Wir berieten zehn Minuten über das weitere Vorgehen.

Lika arbeitete die ganze Zeit im Hintergrund an der Mesotronik, um weitere Informationen über die Videx abzurufen und das Profil dieser Rasse zu vervollständigen. Demnach lebten die Videx in Familienverbänden. Oberhaupt eines solchen Verbandes war das männliche Wesen des Clans. Das Zentrum ihres Heimatsystems, laut Sternenkatalog 72 Lichtjahre von Lobol entfernt, bildete ein roter Riese mit vier Planeten. Der innerste Planet Kalex war unbewohnt und eine heiße, lebensfeindliche Glutwelt. Der zweite Planet, Videx Max genannt, war ein Gasriese mit einer Atmosphäre aus Wasserstoff und Methan. Der Gasplanet war unbewohnbar, besaß jedoch drei Monde. Einer davon besaß planetare Abmessungen, Videx Sec genannt. Dieser dicht bewachsene Waldmond war die Heimatwelt der Videx. Planet Nummer drei trägt den Namen Videx Min, ebenfalls ein Gasriese, aber kleiner als Videx Max. Das Schlusslicht bildet Jabilex, ein kalter Eisplanet. Die Staatsform der Videx war eine Demokratie, in der männliche und weibliche Videx die gleichen Rechte genossen.

Lika fand außerdem Informationen über ein drittes Geschlecht, die so genannten Sehenden. Über diese Videx gab es jedoch nur spärliche Informationen. Sie sollten angeblich über eine besondere, angeborene Fähigkeit verfügen, jedoch keinerlei Rechte in der Gesellschaft besitzen. Meist wurden sie von den Familien als Eigentum betrachtet. Außerdem besaßen sie ein unübersehbares Merkmal, weiße Ohren!

Nachdenklich lauschte ich Likas Zusammenfassung, denn die Videx waren nicht zuletzt die erste außerirdische Rasse, mit der wir Manjarden zusammentrafen. Die Tatsache, dass die Videx deutlich mehr über mein Volk wussten, als wir über das Ihre, verunsicherte mich etwas. Aber ich vertraute auf unsere Fähigkeit, schnell zu lernen und uns entsprechend anzupassen.

Ich entschloss mich nun endlich, mit HUKTOR Kontakt aufzunehmen, und gab der Mesotronik die Anweisung, eine Verbindung über Hyperfunk zu schalten. Der Kontakt kam fast augenblicklich zustande und Rack zog erstaunt die Augenlider hoch. Der Robot hatte unseren Anruf offensichtlich erwartet.

»Ich sehe, ihr habt euren ersten Auftrag erfolgreich abgeschlossen. Die Flotte wurde lokalisiert.«

Ich positionierte mich vor der Aufnahmeoptik und betrachtete das Abbild des hoch entwickelten Robots, der wie immer vor der großen Hauptkonsole reglos verharrte.

»Ja, das ist richtig. Allerdings haben wir festgestellt, dass sich die Flotte in einem beklagenswerten Zustand befindet. Die Schiffe zeigen keine Aktivität und sind energetisch tot. Viele Einheiten müssen bereits abgeschrieben werden, zuzüglich jener, die sich dem Stern zu sehr näherten und in der Sonne verglühten.«

HUKTOR ließ keinerlei Emotionen erkennen, als er antwortete. »Das ist sehr bedauerlich und die Abschaltung der Flotte höchst besorgniserregend. Die MESON hat mir die Daten bereits weitergeleitet. Keiner der gesendeten Kodeschlüssel wurde beantwortet. Auch meine Versuche, das Zentralmodul direkt zu kontaktieren, sind gescheitert. Die Indizien sprechen leider mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür, dass es zu einer Katastrophe gekommen ist.«

Ich fühlte mich unbehaglich. Einerseits vermittelte uns Huktor ständig das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung, andererseits unterließ es der Robot nach wie vor, uns umfassend aufzuklären. Ich konnte noch immer nicht objektiv bewerten was es wirklich hieß, wenn dieses so genannte Zentralmodul ausgefallen war.

Genauso erging es mir beim Anblick dieser riesigen Geisterflotte. Welche ursprüngliche Aufgabe hatte sie zu erfüllen? Oder besser gefragt, welche wichtige Aufgabe konnte sie nicht mehr erfüllen? Und was meinte HUKTOR damit wenn er sagte, die Flotte wurde abgeschaltet?

»Die Schiffe dieser Flotte...« wandte ich mich an HUKTOR. »Wir haben beobachtet, wie einige von ihnen in die Sonne stürzten. Ich hoffe es waren keine Lebewesen an Bord.«

HUKTOR fühlte sich nicht genötigt zu antworten. Vielleicht verstand er meine Frage nicht, oder wollte sie nicht verstehen. Ich hatte schon mehrmals erlebt, dass uns der Robot Informationen vorenthielt. Das einzig positive daran war, das er damit kein falsches Spiel trieb. Er hatte uns bereits mehrmals die Grenzen seiner Informationspolitik klar gelegt. Damit mussten wir vorläufig umgehen.

Ich formulierte eine neue Frage: »Wie lange ist die Flotte bereits überfällig? Und wann kam die letzte Positionsmeldung aus diesem System?«

HUKTOR drehte sich leicht der Optik entgegen. »Nach eurer Zeitrechnung etwa 90 Jahre.«

Ich schluckte. »Also besteht schon 90 Jahre keine Verbindung zu diesem Zentralmodul? Und die Flotte parkt seit der selben Zeitspanne im Orbit von Lobol?«

Huktor bestätigte knapp. »Das ist korrekt.«

Ich sah das Entsetzen in Pavos Gesicht. Mein Erster Offizier wandte sich direkt an Huktor. »Das heißt auch, dass diese Gefahr, von der du immer sprichst, seit 90 Jahren präsent und womöglich bereits in unserer Galaxis aktiv ist?«

HUKTOR fuhr ein Stück näher an die Aufnahmeoptik heran. »Ich vermute, dass die Gefahr von der ich spreche schon wesentlich länger besteht und in der Tat bereits dabei ist, unserer Galaxis zu schaden. Wir müssen dabei von Zeitspannen ausgehen, die den Horizont eines sterblichen Lebewesens bei weitem übertreffen. Die Abschaltung der Flotte und das Ausbleiben der Steuerimpulse vom Zentralmodul sind alarmierend. Im Übrigen nicht nur für unsere Galaxis, auch für die Sterneninsel in unserer direkten Nachbarschaft. Wir müssen handeln! Ich erteile euch deshalb einen neuen Auftrag!«

Wir alle hielten die Luft an und lauschten voller Spannung den Worten des Robots. HUKTOR übermittelte die Anweisung parallel als kodierte Nachricht über einen Sperrkanal der Hyperfunkstrecke.

Dann begann der Robot merkwürdig eindringlich zu sprechen. »Meine Bitte an euch lautet: Sucht und findet das Leitschiff der Flotte! Ihr müsst in das Schiff eindringen und die Mesotronik des Schiffes reaktivieren, um die letzen Daten vor der Abschaltung aus den Speichereinheiten zu bergen und mir dann zu überspielen. Ihr müsst schnell arbeiten und diesen Auftrag erledigen, bevor das Schiff vernichtet wird. Nur die Analyse der Daten aus dem Leitschiff kann uns Aufschluss geben, was genau vor 90 Jahren geschah.«

Ich nickte stumm. »Ich verstehe. Können wir die Anlagen, des so genannten Leitschiffes mit unserem Wissen und Mitteln wieder reaktivieren?«

HUKTOR zögerte etwas. Ich fühlte, dass eine wichtige Eröffnung folgen würde. »Ihr müsst die Mesotronik der MESON in die Hauptzentrale des Leitschiffes integrieren. Um es vollständig aktivieren zu können, bedarf es eines funktionsfähigen, mesotronischen Kernels. Durch die Abschaltung der Flotte sind alle Zentralrechner unwiderruflich stumm geschaltet worden. Einzige Ausnahme ist die Mesotronik des Leitschiffes. Aber auch dieser Rechner befindet sich im Schlafmodus und führt nur noch periphere Funktionen aus. Die mesotronischen Komponenten sind ohne Funktion. Nur das Zentralmodul könnte die Flotte wieder aktivieren. Wir können aber versuchen, das Kommandoschiff zu aktivieren, indem wir einfach die Befehlsmesotronik austauschen und durch das Gerät der MESON ersetzen. Allerdings bedarf es dafür einer bestimmte Kodesequenz, damit die Mesotronik der MESON auf die externen Steuereinheiten des Leitschiffes zugreifen kann.« Huktor machte eine kleine Pause bevor er endete. »Über die ich aber verfüge.«

Rack zitterte leicht. »Aber das bedeutet, dass die MESON unbrauchbar wird. Wie sollen wir zurückkehren, wenn die Aktivierung des Leitschiffes fehlschlägt? Eine Neuprogrammierung der Mesotronik und Rückführung in die MESON wäre fast unmöglich und würde enorme Zeit kosten. Was, wenn das Schiff in einen engen Orbit um die Sonne fällt und zu verglühen droht?«

Huktor schwieg sich aus.

Mir war klar was das bedeutete. Die Aktivierung durfte eben nicht fehlschlagen!

Ich sah am Gesichtsausdruck meiner Techniker, das HUKTORs Plan enorme Risiken barg. Wir konnten unter Umständen im Orbit des Riesensterns festsitzen und wären somit verloren.

Hier kommen die Videx ins Spiel, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Konnten uns die Händler vielleicht behilflich sein?

Zumindest könnten sie uns im Notfall mit ihrem Schiff evakuieren, spekulierte ich im Gedanken.

»Es gibt noch ein kleines Problem«, fügte ich an. »Ein Schiff der Videx befindet sich in diesem System und hat die Flotte bereits vor uns entdeckt. Sie beanspruchen die Schiffe als Bergungsgut für sich. Wir werden in Kürze mit dem Clan zu ersten Verhandlung zusammentreffen.«

HUKTOR zeigte sich unbeeindruckt. »Die Videx können die Technik unserer Schiffe nicht verwerten und sind für euch keine Gefahr. Unternehmt, was nötig ist, damit es zu einer Einigung kommt, aber verliert keine Zeit, das Leitschiff zu finden und zu aktivieren.«

HUKTORs Worte kamen drängend und ich spürte die Wichtigkeit, die in ihnen lag. Dann erlosch die Hyperfunkbrücke und wir waren wieder allein.

Pavo schnalzte mit der Zunge. »Fast hatte ich es geahnt, unser Einsatz ist nicht mit dem Auffinden der Flotte beendet.«

Ich ließ mich demonstrativ in den Kommandosessel zurückfallen. »Natürlich nicht, er beginnt erst«, lachte ich unterdrückt. »Habt ihr übrigens bemerkt, das er von unseren Schiffen gesprochen hat?«

Lika bestätigte. »HUKTOR sieht uns bereits als Teil seiner Organisation an. Wir haben durch das Auffinden der Flotte einen deutlichen Vertrauensbonus erhalten.«

Ich bemerkte Racks Unmut und fragte nach seinen Bedenken. »HUKTOR sitzt sicher in seiner Station und lässt uns hier die Kohlen aus dem Feuer holen. Warum ist er nicht selbst vor 90 Jahren in die MESON eingestiegen und hat den Job erledigt? Den Umbau unserer Mesotronik in ein Schiff, das möglicherweise nur noch ein Wrack ist, halte ich für höchst bedenklich.«

Ich kam nicht umhin, Racks Einwände bis zu einem gewissen Grad zu teilen. Trotzdem fühlte ich den Ernst der Lage. Sicher hatte es Gründe gegeben, warum der Robot allein nicht Handlungsfähig gewesen war.

»War es den Videx möglich, unseren Funkverkehr mit HUKTOR abzuhören?« fragte ich in Pavos Richtung.

Mein Erster Offizier schüttelte nur den Kopf. »Ausgeschlossen, der Richtstrahl von extremer Bündelung war über mehrere Ebenen kodiert. Man benötigt einen speziellen Empfänger, um das Signal auszuwerten, außerdem eine Hochleistungsmesotronik, um den Hyperfunkspruch in Echtzeit zu entschlüsseln.«

»In Ordnung«, sagte ich nur und wies meine Crew an, sich auf das Treffen vorzubereiten.

8. Das Treffen

Pavo machte mich als Erster auf die Veränderung aufmerksam. »Aik, das Schiff der Videx wechselt die Position!«

Deutlich war auf dem Monitor zu sehen, wie der Raumer zu uns aufschloss. Die Schirme der Videx waren noch immer deaktiviert, abgesehen von einem schwachen Prallfeld für die Abwehr kosmischer Partikel. Ich wertete das als gutes Zeichen und gab Anweisung, unsere Schilde ebenfalls fallen zu lassen.

Pavo nahm die notwendigen Schaltungen sofort vor.

»Soeben öffnet sich ein Schleusenschott«, meldete Rack kurz darauf. »Der Hangar könnte die MESON ohne Probleme aufnehmen. Sieht wie eine Einladung aus.«

In den Augen meines Technikers konnte ich förmlich die Frage ablesen, die er mir stellen wollte: So dumm, dass wir mit unserem Schiff dort einfliegen, werden wir nicht sein, oder?

Ich fletschte kurz die Zähne und entschied. »Wir fliegen in den Hangar ein und nehmen die Einladung an. Ich glaube nicht, dass wir etwas zu befürchten haben. Aber ich erhoffe mir aus dem Gespräch mit den Videx, das Leitschiff schneller zu finden. Vielleicht haben die Händler bereits verwertbare Informationen für uns.«

Ich sah in Racks ungläubiges Gesicht.

Es war mein erster Offizier, der die Bedenken meines Technikers zerstreute. »Wenn wir erst einmal in ihrem Schiff sind, dann sind wir noch gefährlicher für sie. Bedenke was wir alles anrichten könnten, wenn wir an Bord unsere Waffen spielen lassen. Wir werden die MESON parken und versiegeln. Kein Videx wird unser Schiff von innen zu sehen bekommen.«

Rack knurrte zustimmend. Er hatte es eingesehen.

Ich wandte mich an Lika. »Du wirst jetzt zur wichtigen Person für uns. Analysiere das Verhalten der Videx und fühle dich frei, notfalls in die Verhandlungen einzugreifen. Das ist für uns Neuland, jede Hilfe ist willkommen.«

Dann wandte ich mich an alle. »Wir legen die leichten Kampfkombinationen an. Vertrauen ist gut, ein wenig Schutz noch besser. Drüben wird man es genauso machen. Ansonsten leichte Bewaffnung, aber die Strahler bleiben in den Halftern. Geschossen wird nur im Falle der Notwehr. Verstanden?«

Sie hatten alle verstanden.

Nachdem wir die Schutzanzüge angelegt hatten, nahmen wir erneuten Kontakt zu dem Videx Schiff auf und baten um Einweisung. Ein junger Videx mit Namen Pantax sendete uns ein Lenksignal. Er wirkte ruhig und abgeklärt, nicht so aufgeregt wie der Clanführer.

Pavo musste mehrmals lachen. »Das Schott ist so groß, dass man es nicht verfehlen kann! Ich könnte mit verbundenen Augen einfliegen, ohne einen Kratzer auf der Landefläche zu hinterlassen.«

Ich grinste. Pavo war köstlich, wenn er seinen Humor zu Tage förderte. Ich machte mich zum Aussteigen bereit und nahm Pinn auf. Meinen kleinen Freund wollte ich nicht zurücklassen.

»Wir sind die Gäste und müssen uns an die Regeln der Gastgeber halten. Als lande das Schiff und lass uns sehen, was die Videx für uns bereit halten.«

Wir näherten uns langsam und flogen ein Stück am Rumpf des relativ großen Raumers entlang. Wie wir aus der Schulung wussten, waren die Schiffe der Videx nur schwach bewaffnet. Vermutlich hatten wir die einzige Geschützphalanx mit unserem Treffer zerstört.

Die Hülle des fremden Schiffes war schwarz und wies eine wabenartige Plattenstruktur auf. Deutlich war eine große Kommandokuppel zu erkennen, die aus der Oberseite des Schiffes herausragte, vermutlich Sitz der Kommandozentrale. Der Größe nach zu urteilen, handelte es sich um ein größeres Handelsschiff der Videx. Abzüglich des Frachtraumers, den Schiffe dieser Art normalerweise boten, konnte es sicher mehreren Hundert Besatzungsmitgliedern Platz bieten.

Pavo flog mit einer kleinen Schleife in den Hangar ein und setzte die MESON weich wie eine Feder auf. Er hatte das Schiff auf den Landestützen gelandet, da wir nicht wussten, ob eine Aktivierung des Landekissens erlaubt war. So konnte Pavo wenigstens einmal all seine Flugfähigkeiten unter Beweis stellen.

Auf den Außenmonitoren war zu sehen, dass sich das Hangarschott hinter uns langsam schloss. Luft wurde in den Schleusenraum gepumpt und wir erhielten bereits nach fünf Minuten die Freigabe zum Aussteigen. Das Atemgemisch war keimfrei und entsprach in etwa unseren Anforderungen.

Wir öffneten die Bodenschleuse der MESON und schwebten mit unseren Anzügen zu Boden.

Pinn krallte sich in meinen Rücken und ließ ein leises Murren hören. Ich vermutete, diese Fortbewegungstechnik war meinem kleinen Freund etwas unheimlich.

Hinter uns wurde die Schleuse der MESON verriegelt und von Pavo mit einem Kode gesichert. Dann standen wir im Halbkreis vor dem Schiff und warteten auf unsere Gastgeber.

Die Videx stellten unsere Geduld auf eine harte Probe und ließen uns 15 Minuten im Hangar warten. Ich war mir sicher, dass sie uns mit all ihren Möglichkeiten durchleuchteten und untersuchten. Ohne Zweifel hatten sie als erstes die offen getragenen Handwaffen bemerkt. Doch diese kleine Maßnahme zum Selbstschutz mussten sie uns nachsehen.

Pinn erkundete die nähere Umgebung und zog immer weitere Kreise um die Landeposition. Ab und zu ließ er ein kurzes Knurren hören. Damit gab er zu verstehen, dass es ihm gut ging.

Aber nicht der akustische Kontakt fesselte mich, sondern der mentale. Ich hatte erstmals seit einiger Zeit wieder Teil an seinen Emotionen. Als die kleine Kreatur einige Container in der Nähe untersuchte, fühlte ich Pinns Anspannung fast körperlich. Dabei bildete ich mir ein, nicht nur Emotionen, sondern auch Geräusche und Gerüche fragmentartig wahrzunehmen.

Es war faszinierend!

Ich pfiff kurz und hoch, worauf Pinn sofort zu mir zurückkehrte und mit einem Satz auf meiner Schulter landete.

Dann, nach weiteren, endlos scheinenden Minuten, öffnete sich plötzlich das Innenschott. Sechs kräftige Videx galoppierten in den Hangar und kreisten uns zangenförmig ein.

Pinn und ich zuckten gleichzeitig zusammen, wobei mir nicht mehr bewusst war, ob er oder ich mich zuerst erschrocken hatte. Als Resultat unserer mentalen Kopplung fühlten wir die Schrecksekunde gemeinsam.

Die Videx trugen Waffen in ihren Händen, hatten aber die Läufe deutlich abgesenkt.

Rack stand etwas verkrampft da und hatte seine Hand verdächtig nahe der Hüfte postiert. Ich warf ihm einen warnenden Blick zu. Eine falsche Reaktion konnte jetzt alles Zerstören.

Dann bildeten Die Videx eine Art Spalier vor uns und hoben die Waffen über die breiten Rücken.

Eine Ehrenformation, schoss es mir durch den Kopf.

Ich gab meiner Crew die Anweisung nach manjardischer Sitte zu salutieren. Fast synchron legten wir die Handfläche auf den Brustkorb.

Dann traten drei weitere Videx ein. Ich erkannte den Clanführer und den jungen Videx, der uns in den Hangar eingewiesen hatte. Etwas im Hintergrund, die weibliche Gefährtin des Clanführers.

Die Dreiergruppe blieb direkt vor uns stehen. Auge in Auge wirkten die Videx noch unwirklicher. Niemals zuvor waren wir mit solchen Wesen zusammengetroffen.

Nebenbei bemerkte ich, dass der Hangar bereits mit allerhand Beutegut voll gepackt war. Die Videx mussten bereits seit einiger Zeit technische Güter aus den Schiffen bergen.

Der Clanführer eröffnete das Gespräch, nachdem er uns eine Weile stumm gemustert hatte. »Ihnen ist klar, dass der Beschuss durch ihr Schiff beträchtlichen Schaden verursacht hat?«

Durch die forsche Eröffnung war ich etwas überrascht, versuchte mich jedoch dem Stil anzupassen. »Ihnen ist klar, dass wir ihre dreisten Angriffe nicht anders stoppen konnten? Wir haben mit Bedacht eine Methode gewählt, die nur materielle Schäden verursacht hat, denn Material ist zu ersetzen.«

Der Videx ließ ein deutliches Schnaufen hören. Meine Antwort hatte gesessen.

»Können wir uns vielleicht in einer freundlicheren Umgebung unterhalten?« fuhr ich versöhnlicher fort. »Ich bin sicher, dass wir die ersten Missverständnisse ausräumen können.«

Der Videx neigt etwas den Oberkörper, was wahrscheinlich Zustimmung anzeigen sollte. Zwei der Bewaffneten postierten sich um unser Schiff, der Rest folgte uns in einer Art Prozession als Eskorte.

Lika flüsterte mir ein paar Worte auf manjardisch zu: »Das war nicht schlecht für den Anfang. Wir haben es hier mit vernünftigen Wesen zu tun. Ich glaube, dass wir uns einigen werden. Sie lassen zwar ein gewisses Misstrauen erkennen, aber das ist ganz natürlich. Ich denke nicht, dass diese Wesen bösartig sind.«

Ich hoffte inständig, dass meine Psychologin mit ihrer Einschätzung richtig lag.

Als wir die Schiffskorridore durchschritten, trafen wir immer wieder auf andere Videx, die in respektvollem Abstand stehen blieben und ihren Clanführer grüßten. Uns beachteten sie nur am Rande.

Höchst interessant waren die wenigen Eindrücke, die wir bezüglich der von den Videx verwendeten Technologie sammeln konnten. Zweifellos war die Ausstattung unserer MESON diesem Schiff weit überlegen. Die Aggregate, die hier verwendet wurden, waren um einiges größer aufgebaut und wirkten klobiger. Obwohl die Videx ebenfalls mesotronische Rechner besaßen, waren ihre Anlagen vergleichsweise einfach aufgebaut.

Rack flüsterte mir zu, dass die Kapazität, Geschwindigkeit und mögliche Rechenoperationen pro Millisekunde bei den Geräten, die wir sahen, wohl weit hinter der Leistungsfähigkeit unserer Bordmesotronik zurückblieben. Trotzdem warf ich dem Clanführer ab und an ein anerkennendes Lächeln zu, denn wir befanden uns zweifelsfrei mitten in einer Art Schiffsführung.

Als wir die Antriebssektion durchwanderten, stieß Rack einen kurzen Ruf aus. »Heilige Nachtmeergötter! Was ist das?«

Ich zischte ihm auf manjardisch zu, sich ruhig zu verhalten, auch wenn ich verstand, was der Techniker meinte.

Der Hyperantrieb nahm in diesem Schiff einen ganzen Raum ein, während an Bord der MESON dieselbe Funktion in einem kleinen Aggregat untergebracht war. Auch die Anlagen für den Antigrav- und Impulsantrieb waren für unser Verständnis überdimensional groß aufgebaut.

Aber sie funktionieren, dachte ich kurz. Sei tolerant! Bis vor kurzem wusstest du nicht einmal, wie ein Hyperantrieb in der Theorie zu realisieren ist.

Wir erreichten schließlich einen angenehm eingerichteten und ausgeleuchteten Raum. Es waren passende Sitzgelegenheiten für uns vorhanden und kleine Speisen wurden angeboten, die wir jedoch zunächst ablehnten.

Ich äußerte den Wunsch, zunächst die anstehenden Fragen zu regeln, was von den Videx mit sichtlichem Erstaunen aufgenommen wurde. Vielleicht hatte dieses Volk die Angewohnheit, zuerst zu feiern und dann zu verhandelte. Wer wusste das schon.

Pinn lief vor mir auf dem Tisch auf und ab und beobachtete die ganze Szene. Er wirkte sehr aufmerksam und ließ unsere Gastgeber keine Sekunde aus den Augen. Die Videx beachteten ihn nicht und sahen ihn wohl als eine Art anhängliches Haustier an.

Es war wiederum der Clanführer, der die Diskussion eröffnete. Sofort war absolute Stille im Raum, ein Zeichen welche Autorität der Videx bei seinen Artgenossen verbreitete.

»Willkommen an Bord der VIDCONT, dem Schiff des Zanuri-Clans. Eure Art hätten wir hier nicht erwartet. Das war eine Überraschung, genau wie das Schiff, mit dem ihr eingetroffen seid.«

Er spielt erneut das Wissen über unser Volk als Trumpf aus und versucht, uns einige Informationen zu entlocken, dachte ich.

»Nun, Votax, wir agieren in einer neuen Rolle. Wir sind die Letzten unseres Volkes und sind im Auftrag einer höheren Macht in diesem System erschienen.«

Der Clanführer neigte den Oberkörper leicht vor. »Dann ist es wahr, was man sich erzählt? Euer Volk hat die größte Sünde im Universum begangen und sich selbst ausgelöscht?«

Lika zuckte leicht zusammen. Auch Pavo und Rack atmeten schwer.

Ich beschloss, an diesem Punkt die Wahrheit zu sagen und dem Thema nicht auszuweichen. »Deine Informationen sind korrekt, Votax. Wir standen bei unserer Rückkehr vor den Trümmern unserer Welt.«

Es war dem Clanführer nicht anzusehen, ob er betroffen war, aber er senkte seine Stimme etwas und sprach sehr eindringlich. »Die Natur benötigt Millionen Jahre Intelligenz zu schaffen, die Intelligenz nur ein paar Stunden, um sich selbst wieder auszulöschen. Ich hoffe, eure Welt bleibt von Plünderern und Piraten verschont. Ich werde versprechen, über das Schicksal der Manjarden zu schweigen.«

Ich wusste nicht, ob ich diesen Ausspruch als ernst gemeinte Beileidsbekundung auffassen sollte und neigte leicht den Kopf zum Dank.

»Aber bei all den schlechten Nachrichten haben wir über ein Streitthema zu entscheiden«, kam Votax dann zur Sache. »Wir beanspruchen die Flotte für uns! Überall in dieser Sterneninsel gilt das Recht des ersten Finders! Wir glauben, dass die Flotte der Behüterin gehört. Wenn sie sich entschlossen hat, die Schiffe in eine Sonne stürzen zu lassen, dann ist es unser Recht, das Material zu verwerten.«

Ich sah kurz zu Lika hinüber und sah, dass die Kosmopsychologin etwas sagen wollte. Ich nickte ihr stumm zu.

»Votax, zunächst möchte ich im Namen des Kommandanten versichern, dass wir die Gesetze der Händler respektieren.«

Leises Flüstern machte sich im Raum breit. Votax brachte es durch ein kurzes Zischen sofort zum Schweigen.

»Wir wissen nicht, ob jenes Wesen, das ihr die Behüterin nennt, mit unserem Auftraggeber identisch ist«, fuhr Lika fort. »Wir wurden jedoch gezielt in dieses System geschickt, um die Flotte für den Eigentümer zu lokalisieren.«

Votax wirkte verunsichert. »Dann ist es euch sicherlich möglich, die Schiffe wieder zu reaktivieren? Ihr wisst sicherlich auch, dass es sich bei den Einheiten um Robotschiffe handelt?«

Ich hüstelte kurz. Diese Vermutung hatte sich bereits seit längerem in meinem Denken festgesetzt, jetzt bekamen wir die Bestätigung.

»Nur die Behüterin kann die Schiffe wieder aktivieren.« Die Kosmopsychologin eignete sich bereits die Sprache der Videx an. »Doch wir haben den Schlüssel, ein ganz bestimmtes Schiff zu finden und zu reaktivieren. Nur dieses eine Schiff ist für uns interessant. Wir möchten mit euerer Zustimmung dieses eine Schiff finden und zur Behüterin zurückbringen.«

Ich nickte anerkennend. Lika machte ihre Sache gut.

»Über den Rest der Flotte könnt ihr verfügen wie euch beliebt«, ergänzte ich.

Votax sagte einen ganze Minute kein Wort, bevor er antwortete. »Ihr hättet euch einfach nehmen können was ihr wollt. Unser Schiff war nicht mehr in der Lage, sich zu verteidigen. Andererseits könnten wir euch jetzt gefangen nehmen und euer Schiff beschlagnahmen. Dann hätten wir keine Sorgen mehr...«

Pavos Stirn warf sich in Falten und ich sah seine Hände unter dem Tisch verschwinden. Lika bekam große Augen und sah schnell zwischen Votax und mir hin und her. Die Atmosphäre schien sich innerhalb von Sekunden brisant aufgeheizt zu haben.

Dann fuhr Votax fort. »Aber ihr habt unser Schiff nicht vernichtet und wart sogar bereit, mit Wehrlosen in Verhandlungen zu treten. Ihr habt euch in unsere Hand begeben, was wir positiv bewertet haben.«

Lika entspannte sich sichtlich und zeigte sogar ein schwaches Lächeln.

»In meiner Eigenschaft als Clanführer dieses Schiffes gewähre ich euch deshalb euren Wunsch und gestatte euch, dieses eine Schiff zu bergen, wenn ihr es könnt. Nur eine Bedingung ist damit verknüpft.«

Ich versteifte mich kurz, denn ich spürte, dass Votax jetzt seinen Trumpf ausspielte.

»Das ausgewählte Schiff darf nicht mit Gewalt betreten werden. Ihr müsst es regulär öffnen um euch an Bord zu begeben. Mein Sohn Pantax wird euch begleiten und eure Bemühungen beaufsichtigen.«

Wir berieten uns kurz und stimmten den Bedingungen zu, ohne zu wissen, was die Klausel im Einzelnen bedeutete. Wir sollten es bald erfahren.

9. Ein Schiff unter Tausenden

Pantax steckte in einem Schutzanzug, der eng an seinem Körper anlag. Wo bei unseren Anzügen ein Energiefeld bei Druckabfall den Kopf einhüllte und schützte, verfügte der Videx noch über einen massiven Helm aus Verbundplastik.

Pantax machte einen ruhigen und gelassenen Eindruck. Trotz seiner Jugend war er wohl schon oft mit Wesen anderer Kulturen zusammengetroffen. Auf eine entsprechende Frage von meiner Seite antwortete der Videx nur, dass er auf der Universität von LOGLAM Handelsrecht studiert habe. Offensichtlich ein Ort, an dem Angehörige vieler, unterschiedlicher Völker zusammentrafen.

Der Clanführer verabschiedete uns im Hangar und mir wurde erneut bewusst, welches Vertrauen er aufbringen musste, um seinen Sohn an uns zu übergeben.

Pantax landete elegant im Schleusenraum der MESON und schritt sofort aus, um den nachfolgenden Personen Platz zu machen. Mit seinen 1,50 Meter Größe war es kein Problem für ihn, sich an Bord der MESON zu bewegen.

Ich hatte bereits an Lika die Anweisung gegeben, von nun an ein Auge auf Pentax zu haben.

Als wir die MESON betraten, zeigte sich der Videx sichtlich beeindruckt. »Die Packungsdichte eurer Aggregate ist erstaunlich. Wie habt ihr zum Beispiel bei den Antigraverzeugern das Problem der fünfdimensionalen Rückkopplung bei den Schwerkraftemmitoren gelöst?«

Ich räusperte mich kurz und zeigte dem Videx den Weg zur Zentrale. »Eins nach dem anderen. Wir haben noch genügend Zeit, uns zu unterhalten. Zunächst sollten wir den Abflug vorbereiten.«

Pentax folgte uns stumm. In der Zentrale angelangt, war der Videx mehrere Minuten sprachlos. Unsere Konsolen mussten auf ihn äußerst komplex wirken.

»Das ist wirklich Technologie der Behüterin«, flüsterte er leise.

»Wer ist die Behüterin, von der ihr immer sprecht?« fragte Lika freundlich.

Pantax beobachtete gebannt unsere Startvorbereitungen und stand etwas verloren in einem Winkel der Zentrale.

»Die Behüterin wahrt den Frieden«, antwortete er wie beiläufig. »Nach unserem Mythos ist sie eine Göttin, die ihre Hand schützend über unsere Galaxis hält.«

Lika und ich sahen uns kurz an, dann sagte ich laut: »Mesotronik! Projektion eines Formenergiesitzes für unseren Gast, angepasst an die Bedürfnisse des Videx. Ausführung!«

Vor Pentax entstand ein helles Energiefeld, das sich sofort zu einem Schalensitz verdichtete. Der Sitz war genau an seine Körpermaße angepasst. Natürlich hatte die Mesotronik zuvor mit einem Scan Maß genommen.

Pantax stieß einen erstaunten Schrei aus. Offensichtlich war ihm der Umgang mit Formenergie fremd.

Genau wie uns, vor nicht allzu langer Zeit, dachte ich bedrückt.

Als Pantax es nicht wagte, die Sitzgelegenheit anzunehmen, spazierte Pinn kurzerhand über den geschwungenen Sitz und rollte sich auf der Liegefläche zusammen.

Ich musste lachen. Der kleine Kerl gefiel mir immer besser.

Schließlich machte er Pantax Platz, der sich zögernd in Bewegung setzte und den Spezialsitz ausprobierte.

Nach einigen Minuten ließ er ein anerkennendes Pfeifen hören. »Eure Technologie ist sehr weit fortgeschritten. Ich habe noch niemals zuvor einen Projektor gesehen, der Materie entstehen lassen kann.«

Rack erklärte dem Videx mit einigen Worten was es mit dem Formenergieprojektor auf sich hatte, dann bereitete Pavo den Start vor.

Noch einmal erhellte sich die Holoprojektion und das Gesicht des Clanführers erschien. Es war offensichtlich, dass er sich persönlich vom Wohlergehen seines Sohnes überzeugen wollte.

»Wir öffnen jetzt den Hangar und geben den Flug für euer Schiff frei. Ich wünsche euch gutes Gelingen, aber erwarte auch, dass ihr euch an die Abmachungen haltet. Pantax, du wirst das ganze überwachen!«

»Natürlich Vater«, antwortete der junge Videx voller Respekt.

Dann hob die MESON langsam ab und zog die Landestützen ein. Wir schwebten diesmal mit dem Antigravantrieb ins Freie und entfernten uns mit einem kurzen Beschleunigungsschub vom Schiff der Videx.

Wir hatten uns dem Gro der Geisterflotte genähert und die aktuelle Situation mesotronisch kartografiert. Ein Hologramm zeigte Lobol und die Flugbahnen der Schiffe an. In rot waren jene Einheiten dargestellt, die sich in einem instabilen Orbit befanden und wohl in Kürze in die Sonne stürzen würden. Die meisten Schiffe befanden sich in einem Orbit der in spätestens zwei bis drei Jahren zusammenbrechen würde.

Pantax sah unseren Bemühungen interessiert zu und stellte einige Fragen über die Rechenleistung unserer Mesotronik. Ich gab Rack die Anweisung, alle Fragen zu beantworten, die nicht gerade ein Technologiegeheimnis darstellen oder gegen uns verwertet werden konnten.

Pantax war mehrmals ungläubig zurückgezuckt, als ihm die Rechengeschwindigkeit unseres Rechners demonstriert wurde. Langsam legte sich das gegenseitige Misstrauen und wir diskutierten offen die nächsten Schritte.

»Unser größtes Problem ist es, das gesuchte Schiff zu lokalisieren. Alle Einheiten haben dieselbe Rumpfform und Größe, wie unsere Mesotronik bereits ermittelt hat. Alle Einheiten zeigen keinerlei energetische Aktivität. Wir suchen aber ein ganz bestimmtes Schiff.«

Pantax musterte uns der Reihe nach. »Was ist an diesem Schiff so besonders?«

Ich warf Rack einen schnellen Blick zu, dann antwortete dieser. »Diese Einheit trägt wichtige Informationen, auf die wir angewiesen sind. Wir haben den Auftrag, diese Informationen zu bergen.«

Ich nickte anerkennend. Racks Erklärung war nahe genug an der Wahrheit. Wir mussten unseren Gast nicht belügen.

»Aber ihr müsst das Schiff regulär betreten! Vergesst das nicht. Es war die Bedingung meines Vaters.«

Pavo sah kurz auf. »Was hat es mit dieser Klausel genau auf sich?« fragte mein Erster Offizier interessiert.

»Wir konnten bisher nur in wenige Schiffe der Geisterflotte eindringen«, antwortete der Videx offen. »Wir haben kein Schiff mit geöffneten Schleusen vorgefunden, ja wir konnten nicht einmal die Schotts solcher Hangars erkennen. Die Schiffsrümpfe scheinen keine Tore zu besitzen, wir haben nicht einmal eine Fuge entdeckt. Wir nahmen bisher an, dass die Rümpfe mit einem speziellen Verfahren wie aus einem Guss gefertigt wurden.«

Ich verzog schmerzvoll das Gesicht. Das war es also!

Ich ließ den Kommandosessel herumfahren und sah den Videx an. »Wie ist es euch dennoch gelungen, in die Schiffe einzudringen?«

Der Videx verzog das Gesicht. »Wir mussten die extrem widerstandsfähigen Hüllen mit Nuklearzündern aufschweißen. Leider kam es dabei immer zu großen Zerstörungen, so dass die Ausbeute der geborgenen Technologie relativ gering ausfiel.«

»Heilige Nachtmeere!« Rack schlug die Hände an den Kopf. Er konnte nicht glauben was er gehört hatte.

»Ihr sprengt Löcher in die Schiffe? Mit Kernwaffenzündern?« fragte Pavo ungläubig.

»Wir hatten keine Alternative«, antwortete Pantax. »Unsere Thermowaffen können nicht genug Energie erzeugen, um die Hülle zu schmelzen. Außerdem stürzen die Schiffe über kurz oder lang sowieso in die Sonne. Durch die gesprengten Hüllen gelang es uns nur einige, wenige Räume zu erkunden. Wir glaubten es mit Robotschiffen zu tun zu haben, da es keinerlei Einrichtungen für eine lebende Besatzung gab. Auch im Innern gibt es keine Schotte oder Schleusen, durch die man weiter vordringen kann. Jeder Raum scheint für sich gekapselt zu sein.«

»Das ist wirklich interessant«, antwortete ich versonnen. »Die Abschaltung der Robotflotte hat vielleicht eine Art Verschlusszustand ausgelöst. Ich könnte mir vorstellen, dass die Konstrukteure dieser Einheiten solch einen Fall vorausgesehen haben. Die Schiffe sollen im Falle einer Deaktivierung, bestmöglich gegen Fremdzugriff gesichert sein. Denkt allein an das militärische Potential, das hier um den Stern kreist. Vielleicht soll verhindert werden, dass Unbefugte die Schiffe bergen können, um sie dann auszuschlachten oder gar ihr Potential zu missbrauchen. Übrigens wird mir jetzt klarer, warum HUKTOR die ganze Zeit über die Abschaltung der Flotte sprach.«

Rack nickte zustimmend. »Ich halte deine Theorie für sehr wahrscheinlich, Aik. Die Frage ist nur, wie wir unter all den Schiffen das Leitschiff finden können. Für das Einsteigen werden wir dann schon einen Weg finden.«

Der Videx hatte aufmerksam zugehört. »Wir haben über die Möglichkeit einer Versiegelung der Schiffe ebenfalls nachgedacht, sie jedoch wieder verworfen. Wir glaubten nicht, dass es eine technische Möglichkeit gibt, solch einen Verschlusszustand herzustellen. Jedoch wirft der Einsatz von Formenergie, wie ich ihn an Bord eures Schiffes selbst erlebt habe, ganz neue Möglichkeiten auf.«

Der Videx hatte schnell die richtigen Schlüsse gezogen. Natürlich war es technisch kein Problem ein Schiff zu versiegeln, wenn man über die entsprechenden Anlagen verfügte.

Ich hatte mir bereits Gedanken gemacht, wie wir das Leitschiff ausfindig machen konnten und mir nochmals das Gespräch mit HUKTOR in Erinnerung gerufen. Nach meiner Einschätzung hatte uns der Robot bereits die Antwort auf dieses Problem gegeben, wir mussten sie nur verstehen und ausführen. Mit leichtem Unbehagen dachte ich daran, dass die Videx in ihrem Unwissen bereits das Leitschiff gesprengt haben könnten. Doch die Wahrscheinlichkeit stand zu unseren Gunsten.

Dann erinnerte ich mich an eine Aussage Huktors: »Durch die Abschaltung der Flotte sind alle Zentralrechner unwiderruflich stumm geschaltet worden. Einzige Ausnahme ist die Mesotronik des Leitschiffes. Aber auch dieser Rechner befindet sich im Schlafmodus und führt nur noch periphere Funktionen aus.«

Das war es!

Ich richtete mich aus meinem Sitz auf. »Was könnte man als periphere Funktion eines Schiffes bezeichnen?« rief ich zu Rack herüber.

Ich sah in das verdutzte Gesicht meines Technikers. »Nun, da gibt es einige Dinge. Ich würde behaupten alles, was nicht direkt mit dem Antrieb und der Steuerung, den Waffenschaltungen und vielleicht den Energieerzeugern zu tun hat.« Rack dachte noch einen Moment nach. »Wahrscheinlich sind periphere Funktionen alle Prozesse, die nicht direkt aus der Kommandozentrale gesteuert werden und durch eine Instanz freigegeben werden müssen.«

Ich lächelte. »Und was gehört dann zu den peripheren Funktionen eines Schiffes?«

»Nun«, meinte Pavo. »Vielleicht die autonomen Wartungsprozesse, die Lebenserhaltungssysteme, die Transport und Beförderungssysteme, die Freund-Feind-Erkennung des Schiffes...«

Pavo hielt einen Moment inne, dann lächelte er.

»Ich weiß jetzt, wie wir das Leitschiff aus dem Pulk der Flotte identifizieren!«

Rack ließ ein meckerndes Lachen hören. »Ich auch!«

Einzig Lika und der Videx hatten kein Wort von unserer Konversation verstanden.

Meine Einschätzung war richtig, das bemerkte ich an der Reaktion des Videx, der Angstvoll zusammenzuckte, als mein Befehl erklang. »Waffenschaltung aktivieren. Kaliber mit stärkster Waffenwirkung und Breitbandwirkung laden! Die Flotte als Ziel anvisieren! Ausführung!«

Pantax Stimme schrillte plötzlich in höchsten Tönen. »Was macht ihr da! Seid ihr von Sinnen? Ich könnt die Schiffe nicht einfach vernichten!«

Ich ignorierte die Worte des Videx. »Pavo, eine Reaktion?«

Mein erster Offizier schüttelte den Kopf.

»Rack! Beschleunigung an das Ende des Schiffspulks und erneut anvisieren. Möglichst viele Schiffe in die Vernichtungszone einschließen!« befahl ich und sah kurz zu dem Videx hinüber. Pantax hatte noch immer nicht begriffen, was wir versuchten.

»Resonanz!« rief Rack plötzlich. »Schiff zeichnet Freundkennung. Nur ein einziger Impuls von allen 10 000! Das muss es sein!«

Ich entließ die angestaute Luft aus meinem Brustkorb. »Das ist es! Waffenphalanx deaktivieren, angepeiltes Schiff in der Ortung fixieren! Wir haben es! Wir haben das Leitschiff!«

10. Das Leitschiff

Wir näherten uns vorsichtig und glichen unseren Kursvektor dem Leitschiff an.

Nach dem erfolgreichen Versuch, das Schiff zu lokalisieren, kam die niederschmetternde Neuigkeit. Das Schiff befand sich auf einer instabilen Kreisbahn um die Sonne!

Wir mussten handeln, denn es war ungewiss wie viel Zeit uns noch blieb. Pavos Vorschlag, das Leitschiff mit einem Traktorstrahl in einen höheren Orbit zu heben, stellte sich als nicht machbar heraus. Die MESON war zwar mit einem äußerst starken Zugstrahl bestückt, trotzdem stand dieser Kraft das Gravitationsfeld Lobols entgegen.

»Das Leitschiff befindet sich bereits im direkten Gravitationsfeld der Sonne. Nur seine Geschwindigkeit hält es im Orbit. Wenn die Reibung mit der Sonnenprotosphäre einsetzt, dann ist es vorbei und es stürzt ab!«

Pavo blendete mehrere Wahrscheinlichkeitsrechnungen ein, keine sah besonders ermutigend aus.

Ich holte das Schiff auf den Schirmen näher heran. Die Hülle war tiefschwarz und zeigte keinen Makel. Auf der Sonnen zugewandten Seite war der Rumpf jedoch deutlich angelaufen. Lobols Thermostrahlung zeigte bereits seine Wirkung. Eine Feinanalyse der Scanner bestätigte, dass es keinerlei Fugen oder Schotten gab, an denen wir hätten ansetzen können. Die Angaben des Videx bestätigten sich somit.

Erneut mussten wir das weitere Vorgehen diskutieren.

Pantax hatte sich von seinem kurzen Schock erholt und bezeichnete unser Vorgehen nachträglich als interessanten und unorthodoxen Lösungsansatz. Der Videx wurde mir immer sympathischer.

Mehrmals verwies er auf die getroffene Vereinbarung, doch ich konnte ihn beruhigen. »Wir wollen das Schiff nicht zerstören, sondern reaktivieren. Um das zu erreichen, können wir kein Loch in die Hülle schneiden.«

Leider reagierte das Schiff auf keinerlei Steuersignale, die wir von der MESON aus sendeten.

Der Videx beobachtete unsere Bemühungen eine Zeit lang, dann machte er seiner Enttäuschung Luft. »Wenn euch wirklich der Eigentümer der Flotte geschickt hat, dann müsstet ihr wissen, wie man das Schiff öffnet. Ich denke, ihr werdet am Ende scheitern und es doch mit Gewalt versuchen.«

Ich schüttelte missmutig den Kopf. »Nein, es gibt einen Weg, wir müssen ihn nur finden.«

Argwöhnisch beobachtete Rack das Schiff der Videx, das uns aus sicherem Abstand verfolgte und zweifellos unsere Aktionen beobachtete.

Natürlich, was hatte ich erwartet? Die Videx sind daran interessiert herauszufinden, wie man die Schiffe ohne Zerstörung betreten kann. Wenn wir es ihnen vormachen, dann werden sie es genauso probieren.

Doch diese Rechnung ging nicht auf. Wir besaßen eine Autorisierung, die Videx nicht. Nur, wie konnten wir das Leitschiff dazu bringen, unsere Befehle anzuerkennen?

Was hatte Huktor gesagt? »Allerdings bedarf es bestimmter Kodesequenzen, damit die Mesotronik der MESON auf die externen Steuereinheiten des Leitschiffes zugreifen kann, über die ich aber verfüge.«

Ich stand auf und ging unruhig in der Zentrale auf und ab. Alle Augen ruhten auf mir. Selbst Pinn musterte mich gespannt.

Was wäre, wenn wir die Steuerung bestimmter Funktionen des Leitschiffes in Fernsteuerung übernahmen?

Huktor hatte es gesagt, wir mussten nur die richtigen Kodes anwenden. Doch was für Kodes waren das?

»Rack«, sagte ich spontan. »Wir haben doch die Übertragung von Huktor erhalten, parallel zur verbalen Botschaft über Hyperfunk.«

»Das ist richtig, Aik«, entgegnete Rack sofort. »In der Sendung sind einige Kodetabellen integriert, die einen Verweis auf Nebenfunktionen des Schiffes zeigen. Der Hauptblock ist dafür gedacht, unsere Mesotronik nach Ankopplung an die schiffsinternen Schnittstellen als Steuerung gebende Einheit zu legitimieren. Es gibt aber noch andere Kodereihen, deren Funktion mir nicht klar sind.«

Rack berührte einige Sensorfelder und spielte die Kodereihen ein. Es handelte sich um komplexe Doppelzahlenreihen, die kein bestimmtes Muster erkennen ließen.

»Sie besitzen eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kodes, die unsere Mesotronik nach Identifikation der Flotte abgestrahlt hatte. Ich nehme an, dass diese Sendung ebenfalls von Huktor initiiert wurde. Wie wir bereits wissen, erfolgte jedoch keine Reaktion.«

Ich rieb mir die Nase und lief vor dem Holobild auf und ab. »Pavo, strahle die unbekannten Kodereihen per Hyperfunk ab. Ich will sehen, ob wir eine Wirkung erzielen.«

Mein Erster Offizier handelte sofort. Eine Minute später waren die Signale gesendet. Eine Reaktion blieb jedoch aus. Ich fühlte, dass wir der Lösung nahe waren.

Rack sondierte seine Geräte. »Keine Reaktion an Bord des Leitschiffes.«

Ich betrachtete eindringlich den dunklen Schiffsleib und dachte intensiv nach.

Schlafmodus, Schlüsselkodes, Stummschaltung, periphere Schiffsfunktionen...

Dann hielt ich einen Moment inne. Die Hyperfunkempfänger des Schiffes mussten mit Sicherheit aktiv sein, denn das Zentralmodul könnte aus der Ferne jederzeit die Flotte aus dem Schlaf- und Verschlusszustand wecken. Zumindest hatte HUKTOR das angedeutet.

Wir aber wirkten nicht aus der Ferne, sondern aus der Nähe. Aus unmittelbarer Nähe.

HUKTOR musste über eine gewisse Bandbreite an Kodes für das Leitschiff verfügen, denn die Flotte war ursprünglich für ihn und seinen Sektor bestimmt gewesen. Aber wie hätte der Robot das Schiff eingewiesen, nachdem es in den Orbit um Manjurak eingetreten wäre? Per Hyperfunk?

»Pavo, versuche es noch einmal. Diesmal aber mit dem konventionellen Sender. Lasse alle Frequenzen des elektromagnetischen Bandes durchlaufen und starte bei den Langwellen. Maximale Bündelung auf das Leitschiff.«

Pavo und Rack sahen sich kurz an, dann nahmen sie die notwendigen Schaltungen vor. Wir sendeten auf den Frequenzen der Langwellen, der Mittelwellen, schließlich auf der Kurzwelle, der Ultrakurzwelle und bewegten uns Schritt für Schritt im Frequenzband nach oben.

»Keine Reaktion«, kommentierte Rack bei jedem Sprung ins höhere Band.

Schließlich erreichten wir die Frequenz, in der freier Wasserstoff zu schwingen pflegt.

»Moment!« stieß Rack plötzlich aus. »Da tut sich was!«

Ich wirbelte herum. »Sendefrequenz fixieren!« rief ich schnell.

»Ausgeführt!« kommentierte Pavo. Dann, nach einem ungläubigen Blick auf die Instrumente: »Aik, da drüben geht soeben das Licht an!«

Dann sahen wir es alle. Das Leitschiff zeigte Aktivität! Einige Fenster, bisher schwarz wie die Hülle und nicht zu erkennen, wurden beleuchtet, die Räume dahinter mit gedämpftem Licht geflutet.

»Wir empfangen eine Kodebestätigung auf dem selben Frequenzband!« rief Rack begeistert.

»Hüllenstruktur in Bewegung, Hangar identifiziert!« meldete sich die Stimme der Mesotronik.

»Das Schiff! Es öffnet eine Schleuse!« rief Pavo.

Auf dem Schirm war klar zu erkennen, dass in der Seitenwand des Leitschiffes plötzlich ein Loch klaffte.

Ein Hangar, korrigierte ich meine Gedanken, kein Loch.

»Ihr habt es tatsächlich geöffnet!« stieß Pantax erstaunt hervor. »Wie habt ihr das gemacht?«

»Schiff zeigt Aktivität auf niedrigem Energieniveau«, kommentierte Pavo. »Für mehr als die Schleusenfunktion und ein paar Lampen im Inneren dürfte das nicht genügen.«

Rack meldete sich ebenfalls. »Achtung! Schiff der Videx schließt auf, nach meinem Geschmack etwas zu schnell! Was hat das zu bedeuten?«

Ich fuhr herum und sah das Schiff mit direktem Kurs auf uns.

Übergangslos öffnete sich die Interkom-Verbindung und Votax war zu sehen. »Ich beanspruche das Schiff für meinen Clan. Sucht euch ein anderes!«

Ich biss die Zähne zusammen und funkelte den Clanführer böse an. »Dieser Punkt ist nicht verhandelbar. Wir haben wie vereinbart ein Schiff ausgewählt, dieses Schiff! Kein anderes!«

Votax sah uns unverwandt an. »Wir sind wesentlich länger in diesem System und haben die älteren Rechte. Wenn ihr euch weigert, dann starten wir einen Raumtorpedo und lenken ihn in den offenen Hangar des Schiffes. Wenn wir es nicht bekommen, dann sollt ihr es auch nicht bekommen!«

»Vater!«

Unsere Köpfe ruckten herum.

»Vater!« wiederholte der junge Videx eindringlich. »Wir haben eine Vereinbarung mit den Manjarden! Ich bin mir jetzt absolut sicher, dass sie nicht mit falschen Karten gespielt haben. Sie sind von der Behüterin gesandt worden. Anders ist ihr Wissen, sind ihre technischen Möglichkeiten nicht zu erklären.«

»Sohn!« sprach der Clanführer hart. »Niemals hat ein Sohn seinem Vater bei einem öffentlichen Disput widersprochen!«

Pantax sank etwas in sich zusammen. »Bisher waren deine Entscheidungen auch immer weise und unantastbar. Ich lasse nicht zu, dass unser Clan im gleichen Zug mit Vertragsbruch genannt wird! Wir haben eine gültige Vereinbarung!«

Votax begann zu schwanken. »Wir stehen seit etwas mehr als 18 Monate in diesem System und es ist uns noch nicht gelungen, wenigstens einige der zweifellos vorhandenen, technischen Güter zu bergen! Wenn wir mit leeren Händen zurückkehren, dann ist unser Clan mittellos. Unsere Sippe wird sich auflösen und in alle Winde zerstreuen!«

»Wenn es so sein soll, dann sei es!« antwortete Pantax fest. »Ich ziehe das allemal einer unehrenhaften Bereicherung vor!«

Votax Stimme begann zu vibrieren. »Sohn, das wird Konsequenzen haben. Was tut ihr da, Manjarde!?«

Längst hatte ich Rack den stummen Befehl gegeben, die MESON vor der dem Leitschiff zu postieren und die Schirme hochzufahren. Rack hatte die Feldschirme aufs höchste Maß aufgeladen und die MESON leuchtete auf wie ein heller Feuerball.

Ich trat vor die Aufnahmeoptik. »Votax, du solltest auf deinen Sohn hören. Ich will vergessen, was vorgefallen ist, aber dieser Punkt steht nicht zur Diskussion. Wir brauchen genau dieses Schiff und wir sind bereit es mit allen Waffen zu verteidigen. Du kannst es nicht wissen, aber es hängen Dinge von großer Tragweite von der Reaktivierung dieses Schiffes ab. Wir sind notfalls bereit, unser Leben dafür zu opfern. Ich rate dir uns nicht herauszufordern!«

Der Clanführer war nun sichtlich nervös und haderte mit seiner Entscheidung. Er besaß kaum Offensivwaffen, die er gegen uns einsetzen konnte, auf der anderen Seite stand sein Clan offenbar vor dem endgültigen Ende. Er stand mit dem Rücken zur Wand.

»Hör mir zu, Votax!« Ich sprach ruhig um keine Panikreaktion auszulösen. Mit einem Kampf war niemand gedient. »Votax, wir verstehen deinen Beweggrund und werden dir helfen.«

Der Clanführer fixierte mich mit seinen dunklen Augen. Sie schienen mir eine einzige Frage entgegen zu werfen. Wie?

»Wir statten eines deiner Bergungsteams mit speziellen Thermostrahlern aus. Diese Strahler, spezielle Plasmawaffen, erreichen die dreifache Temperatur eurer Hand- und Schiffswaffen, da sie eine hoch entwickelte Abschirmung besitzen. Einige dieser Plasmawaffen befinden sich in unserem Schiffsmagazin und ihr könntet sie als Werkzeuge einsetzen. Es sollte möglich sein, mit ihnen Löcher in die Schiffsrümpfe zu schneiden. Seht was ihr aus dieser Möglichkeit machen könnt. Wir werden euch nicht stören. Nur behindert uns nicht mehr bei unserer Aufgabe.«

Pantax sprang von seiner Formenergie-Konturliege auf. »Vater, das ist die Chance! Nimm das Angebot an!«

Der Clanführer senkte den Oberkörper. »Übergebt uns diese Waffen, damit eines meiner Außenteams sie testen kann. Wenn wir erfolgreich sind, dann soll es geschehen, wie du sagst.«

Die Verbindung brach kurz danach ab. Die Videx hatten sie von sich aus unterbrochen.

Pantax sank erschüttert auf sein Lager nieder. »Vergebt meinem Vater, er hat aus purer Verzweiflung gehandelt. Ich denke, er hatte niemals damit gerechnet, dass ihr das Schiff wirklich öffnen könnt. Als es doch geschah, muss es zu einer Kurzschlussreaktion gekommen sein. Er tut mir Leid.«

Ich spürte, dass es Pantax ernst war und nickte ihm zu. »Wir werden deinem Clan helfen. Rack, packe zehn der schweren Handstrahler zusammen und setze sie mit einer Sonde über. Wir schicken sie Votax und halten unser Versprechen.«

Rack erhob sich von seinem Sitz und machte sich auf den Weg zum kleinen Schiffsmagazin.

Vor dem Schott drehte er sich nochmals um. »Sollen wir ihnen diese überlegenen Waffen wirklich aushändigen? Sie könnten allerhand damit anrichten.«

Ich machte ein Zeichen der Bestätigung. »Die Magazine reichen für das Aufbrechen von einem guten Duzend Schiffen, dann versiegt die interne Energiequelle. Die Videx können die Speicher der Waffen nicht mehr aufladen oder erneuern. Somit werden die Waffen unbrauchbar. Sie lassen sich nicht öffnen und rekonstruieren, wie du weißt.«

Rack sah noch einmal zu Pantax, dann verließ er die Zentrale.

Ich wandte mich an den jungen Videx. »Möchtest du jetzt zu deinen Leuten zurückkehren? Wir könnten dich übersetzen.«

Zu meiner Überraschung lehnte Pantax ab. »Ich kann nicht mehr in den Clan zurück. Ich habe meinem Vater öffentlich widersprochen. Ich muss bei euch bleiben.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich! Wir sind auf einer Mission mit unbestimmtem Ausgang. Ich kann für dich keine Verantwortung übernehmen.«

Pantax senkte den Kopf. »So ist das bei meinem Volk. Früher oder später muss der älteste Sohn den Clan verlassen und einen eigenen Clan gründen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Wenn sich keine passende Gelegenheit findet und die Reibungspunkte innerhalb der Familie zunehmen, dann wir der älteste Sohn einfach auf einem Planeten ausgesetzt. Ich habe meinem Vater heute nicht das erste Mal widersprochen.«

Lika sah mich durchdringend an. Pinn sprang plötzlich auf den Rücken des Videx und leckte seinen Hals. Auch Pavo zeigte eine Reaktion und zwinkerte mit dem rechten Auge.

»Also gut«, sagte ich versöhnlich. »Willkommen an Bord!«

11. Wettlauf gegen die Zeit

Nachdem sich die Videx mit ihrem Schiff zurückgezogen hatten, war die MESON in den Hangar des riesigen Schiffes eingeflogen.

Rack hatte ein Landekissen erzeugt und parkte das Schiff schwebend. Wir beobachteten mit Erstaunen, wie sich die Hangarhalle kurz darauf mit atembarer Luft füllte.

Das große Tor, durch das wir eingeflogen waren, verschwand so übergangslos, wie es sich geöffnet hatte.

Formenergieschotten, dachte ich folgerichtig.

Wir spekulierten ein paar Minuten, wie das Leitschiff wissen konnte, welche Atemluft-Zusammensetzung und Druck wir gewöhnt waren. Auch die Schwerkraft wurde auf unsere Bedürfnisse eingeregelt. Rack vermutete, dass HUKTORs Schlüsselcodes die entsprechenden Informationen enthielten. Eine andere Möglichkeit sah auch ich nicht.

Die Beleuchtung war gedämpft und zeigte an, dass uns nicht die volle Energie zur Verfügung stand. Wir entschieden uns, in den leichten Schutzanzügen auszusteigen, um für einen eventuell auftretenden, plötzlichen Druckabfall gerüstet zu sein.

Ich gab Rack die Anweisung, in der MESON alles Notwendige für die Abtrennung des mesotronischen Kernels vorzubereiten.

Ich sah in das verkniffene Gesicht meines Technikers und munterte ihn auf. »Komm schon, Rack. Wir tauschen unser kleines Schiff gegen ein viel Größeres!«

Als die restlichen Crewmitglieder den Hangar betraten, wussten wir plötzlich, warum die Videx an Robotschiffe gedacht hatten. Der Raum wirkte steril und kalt. Metallverkleidungen dominierten, Zweckmäßigkeit herrschte vor.

Der Videx galoppierte durch die weite Hangarhalle und nahm alles genau in Augenschein. Pinn ritt auf seinem Rücken und gab fiepende Geräusche von sich. Ich fühlte, dass es ihm gut ging.

Wir durchschritten die Hangarhalle und erreichten eine Markierung an der Wand, die offenbar eine Tür andeuten sollte. Allerdings war der Umriss dieser imaginären Tür nur aufgezeichnet. Wir blieben kurz davor stehen und suchten nach einem Öffnungsmechanismus, mussten jedoch nach einigen Minuten kapitulieren.

Pavo zischte verärgert. »Ist wohl ein kleiner Intelligenztest?«

Durch Zufall berührte ich die Wand in der Mitte der Markierung, worauf die Wand in Bruchteilen einer Sekunden eine Öffnung ausbildete. Wir erschraken als die Tür mit einem Knall verschwand.

»Das kommt von dem entstehenden Vakuum, das beim Dematerialisieren der Tür entsteht«, spekulierte ich vorsichtig.

Dann verließen wir den Hangar und traten in einen breiten Korridor. Das Leitschiff bot offenbar reichlich Platz und wir passierten Schott an Schott. Welche Räumlichkeiten sich dahinter befanden, würden wir später erkunden. Zunächst einmal wollten wir die Zentrale aufsuchen.

Der Korridor traf sich in der Mittelachse des Schiffes mit anderen Gängen und mündete direkt in zwei zehn Meter durchmessende, offene Röhren, die im Boden und der Decke dieser Etage verschwanden. Der Zugang zu diesen Röhren war offen und nicht gesichert.

Als ich an den Rand trat, ließ mich der Blick in die Tiefe zurückschrecken. Wir mussten vor den zentralen Verbindungsgängen stehen, die das Schiff vom Bug bis zum Heck durchzogen.

Ein Antigravlift, erkannte ich folgerichtig. Doch war er in Betrieb?

Ich streckte den Arm in eine der Röhren und spürte einen starken Zug nach oben, oder besser, das was wir als »oben« definierten. Der Schacht war in Funktion. In der anderen Röhre spürte ich eine Kraft die mich abwärts treiben würde.

Ich wählte die Röhre mit der Aufwärtsdrift und wies Pavo an, die beiden Eingänge zu markieren. Dann schritt ich aus und streckte die Arme aus, um dem Gefühl des Fallens zu begegnen. Doch es gab keinen Fall. Ich wurde sofort von den gerichteten Antigravfeldern erfasst und sanft aufwärts befördert. Zufrieden blickte ich unter mich und sah wie es meine Crew mir nachmachte.

Ich vermutete, dass die Zentrale im Bug des Schiffes zu finden war und bewegte mich somit in deren Richtung. Die anderen Mitglieder meiner Crew, Pantax eingeschlossen, folgten mir dicht auf.

Dann erreichten wir das Ende des Lifts und wurden in einen großen, halbrunden Raum entlassen. Es handelte sich zweifellos um die Zentrale des Schiffes, wie ich folgerichtig erkannte. Im Zentrum des runden Raumes befand sich der doppelte Antigravschacht. Entlang den Wänden des etwa fünfzig Meter durchmessenden Raumes, waren unzählige Kontrollkonsolen und Monitore aufgestellt, die vom Boden bis hoch an die Decke der Zentrale reichten. Die meisten Konsolen waren jedoch deaktiviert, die Monitore dunkel oder die Holoschirme erloschen. Die zentrale Mesotronik des Schiffes befand sich tatsächlich im Schlafmodus und war mit unseren Mitteln nicht zu erwecken.

Obwohl wir niemals an Bord eines solchen Schiffes gewesen waren, fühlten wir uns nicht völlig fremd, ausgenommen Pantax vielleicht. Die Beschriftung und Aufteilung der Konsolen, die Technik des Schiffes, die Art der Interfaces, alles war uns vertraut und erinnerte an die MESON und die Station auf Manjurak.

Als wir die Zentrale genauer absuchten, entdeckten wir in einem speziell markierten Bereich, einen vier Meter durchmessenden, halbkugelförmigen Block, der von zahlreichen Eingabekonsolen umringt war.

Die Schiffsmesotronik!

Ich umrundete den Rechner mehrmals und suchte nach aktiven Terminals, vergebens. Wir mussten so schnell wie möglich den Kernel dieses Rechners ersetzen, um das Schiff zu reaktivieren und die Daten des Speichermoduls auszulesen.

Ich zog das kleine Mikrofon der Sprechanlage an den Mund und rief nach meinem Techniker. »Rack, wir haben die Zentrale und die Mesotronik gefunden. Der Rechner ist wie erwartet inaktiv. Wie kommst du voran? Kannst du die notwendigen Komponenten aus der Mesotronik der MESON ausbauen?«

Rack meldete sich sofort. »Es ist möglich, aber ich muss Hunderte von haarfeinen Lichtfaserleitern trennen, isolieren und beschriften. Von den mesotronischen Kopplern ganz zu schweigen. Ich brauche dringend Hilfe hier im Schiff. Schicke mir Pavo und Lika. Ich kann jede Hand gebrauchen. Ich muss die Mesotronik herunterfahren, den Kernel isolieren und nach der Neuinstallation in der fremden Mesotronik neu booten. Auf was haben wir uns da nur eingelassen! Ich beginne gleich mit der Trennung der ersten Steuerkreise. Bist du sicher, dass ich das durchziehen soll? Danach gibt es so schnell kein Zurück mehr. Mit dem Ausbau des Rechners wird die MESON zum Wrack.«

Ich gab Anweisung, unseren Plan konsequent weiter zu verfolgen und sandte Lika und Pavo zur MESON zurück.

Pantax und Pinn blieben bei mir. Wir beschlossen, die Zeit der Installation zu nutzen, um uns im Innern des Schiffes umzusehen.

Das Leitschiff hatte im Vergleich zur MESON gewaltige Abmessungen. Pantax, Pinn und ich trieben den Antigravlift abwärts und stiegen spontan bei der nächsten Etage aus.

Wir fanden einen ähnlichen Korridor wie auf dem Level der Hangars vor. Zahlreiche Räume waren durch Formenergieschotten abgetrennt. Als ich einige von ihnen berührte und somit öffnete, fanden wir Materiallager, Magazine, Wartungsräume und Maschinenleitstände.

Es gab weder Hinweise auf organische Besatzungsmitglieder, noch darauf, dass zu einem früheren Zeitpunkt eine Besatzung an Bord gearbeitet und gelebt hatte. Wir durchstreiften Etage auf Etage und zählten insgesamt zehn Decks.

Hinter einem weiteren Formenergieschott fanden wir etwa 50 Robots, HUKTOR nicht unähnlich, jedoch kleiner, die in stabilen Wandhalterungen lagerten. Ich widerstand vorerst der Versuchung, einen von ihnen zu aktivieren und wollte warten bis der neue Kernel installiert war.

Als ich mich schließlich zu Pantax umwandte, sah ich in die leuchtenden Augen des Videx. »Was denkst du gerade, Pantax?«

Der Videx blieb stehen und neigte mir seinen Oberkörper leicht entgegen. »Mein Clan hatte bei der Entdeckung dieser Geisterflotte unglaubliches Glück. Niemand würde sich einem Stern wie Lobol so sehr nähern, dass er die Schiffe orten kann. Ich hoffe, mein Vater kann einige dieser wertvollen Güter bergen und Gewinn bringend nutzen oder verkaufen.«

Ich nickte versonnen. »Und warum seid ihr überhaupt erst so nahe an den Stern herangefahren? Die starken Eruptionen Lobols sind nicht gerade ungefährlich. Was hattet ihr hier verloren?«

Pantax schwankte eine Minute unschlüssig hin und her. »Unser Clan ist hoch verschuldet. Ein anderer, mächtiger Clanführer hat bereits Suchschiffe auf unsere Spur gesetzt. Mein Vater kann die Verbindlichkeiten nicht begleichen, also fordert der Gläubiger unser Schiff als Pfand. Doch das wäre das Ende für unsere Sippe. Kein Schiff, kein Handel. Wir wollten...«

»Ihr wolltet euch eine Weile hier verstecken, einfach untertauchen«, vollendete ich den Satz. »Richtig? Deshalb die Ortungsstation auf Lobols Vasall. Ihr wolltet rechtzeitig gewarnt sein, falls Suchschiffe auftauchen.«

Pantax machte ein Zeichen der Zustimmung. »So ist es.«

Langsam fügten sich alle Teile zu einem Bild zusammen. Ich begann die Videx und ihr Verhalten besser zu verstehen. Sie waren in einer ernsten Notlage.

Übergangslos setzte ein leichtes Vibrieren der Schiffszelle ein und verschwand Sekunden später wieder.

Pantax schreckte auf. »Was war das?«

Pinn gab ein leises Maunzen von sich und sprang von Pantax Rücken direkt in meine Arme.

»Ist schon gut Kleiner«, beruhigte ich ihn und lauschte.

Kurze Zeit später setzte das Vibrieren erneut ein, jedoch wesentlich heftiger.

Pinn schrak in meinen Armen zusammen und der Impuls übertrug sich auf mich.

Das Vibrieren wurde zu einem leichten Rütteln, das nicht mehr verschwand.

Ich aktivierte mein Kommunikationssystem. »Rack, Pavo, Lika! Hört ihr mich?«

Pavo meldete sich. »Aik, wir spüren es auch. Ist es das, wofür wir es halten?«

Ich sah mich unsicher um und hielt Pinn noch immer in den Armen. »Bringt den Kernel in die Zentrale, schnell. Der Orbit des Leitschiffes wird instabil!«

»Wir tun was wir können«, entgegnete Pavo und trennte die Verbindung.

Ich gab Pantax ein Zeichen. Wir brachen unsere Exkursion ab, suchten den Antigravschacht auf und ließen uns in die Ze