Thomas RabensteinPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 1
VITHAU - Eine interaktive Story des Perry Rhodan Online Club

Neue Horizonte

Was bisher geschah

Die Manjarden sind wohl behalten im System der Sonne Leilak angekommen und haben mit ersten Erkundungen begonnen, doch auch der Verlust zweier Besatzungsmitglieder ist bereits zu betrauern. Die fremde Umgebung fordert ihr Tribut und die Manjarden müssen äußerst vorsichtig vorgehen, um diese Mission zu überstehen.

Dann machen sie plötzlich eine merkwürdige Entdeckung auf dem dicht bewaldeten Planeten Manjurak. Eine Station, zweifellos von intelligenten Wesen angelegt, ragt mitten aus der Dschungellandschaft. Niemals hätte man mit einem solchen Fund gerechnet.

Der Mannschaft bleibt keine Wahl als das Obkjekt genauer zu untersuchen. Dabei machen die Manjarden eine unglaubliche Entdeckung, und es öffnen sich ganz NEUE HORIZONTE...

Hauptpersonen

Aik – Kommandant der SOMLOM und Expeditionsleiter der Manjarden

Lika – Kosmopsychologin und einzige Frau der SOMLOM

Rack – Maschineningenieur der SOMLOM

Pavo – Cheftechniker der SOMLOM

HUKTOR – Wächter der Station »243«

Pinn – Das neue »Haustier« der Manjardenexpedition

1. Unerwartete Entdeckung

Ich stand mit zitternden Beinen vor dem flachen Gebäude, das wir völlig unerwartet im Dschungel von Manjurak gefunden hatten.

Das ganze Bauwerk machte einen neuen Eindruck und wirkte auf mich, als sei es gerade erst in dieser Landschaft plaziert worden. Die unmittelbare Umgebung des Gebäudes war gepflegt und gesäubert, die Wände metallisch und rauh. Die wild wuchernden Pflanzen des Dschungels hatten nicht einmal den Vorhof erreicht. Jemand mußte also das Areal pflegen.

Ich wagte kaum zu atmen. Meine Hände waren verkrampft und meine Krallen bohrten sich schmerzhaft in die dicken Schutzhandschuhe. Ich ließ die Waffe langsam sinken und gab meinen Begleitern ein Zeichen, es mir gleich zu tun.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden wir bereits beobachtet. Unsere erhobenen Waffen könnten als feindlichen Akt gewertet werden.

Ich konnte meine Aufregung nicht verbergen und wollte es erst gar nicht versuchen. Mein Atem ging flach und hektisch. Meine Sinne waren angespannt und geschärft, wie lange nicht mehr.

Ein kurzer Seitenblick zu Lika und Rack zeigte mir, das es meinem Team ähnlich erging.

Die unglaubliche Anspannung entlud sich in dem Augenblick, als wir in akzentfreiem Manjardisch begrüßt wurden.

»Willkommen auf Station 243. Ihre Einheit wurde bereits erwartet und kann ihre Arbeit sofort aufnehmen.«

Ungläubig lauschte ich der modulierten Stimme. Mein Verstand wollte mir sagen, daß diese Stimme eigentlich eine Unmöglichkeit darstellte. Wir befanden uns 8 Lichtjahre von Manjard entfernt! Meine Gedanken überschlugen sich.

Die Botschaft war akustisch übermittelt und einwandfrei formuliert worden. Ich vermutete also, daß unser Funkverkehr seit geraumer Zeit abgehört wurde.

Meine Körperhaare stellten sich bei dem Gedanken auf. Unsere gesamte Kommunikation lag also offen und wurde mitgehört. Welche Schlüsse hatte man bei den Erbauern der Station gezogen?

Ich stutzte und zweifelte einen Moment an meinen eigenen Gedanken. War ich vielleicht einer Selbsttäuschung erlegen?

Wie konnte jemand, der lediglich unsere Kommunikation verfolgte, so schnell unsere Sprache analysieren, deren Begriffe verstehen und auch noch erlernen? Wir mußten es hier mit Wesen zu tun haben, die weit über den Manjarden standen.

Ich sah kurz zu Lika und Rack zurück. Die zwei Crewmitglieder zeigten völlig unterschiedliche Reaktionen. Während sich in Racks Augen Unverständnis und Spannung abzeichnete, las ich in Likas Gesicht grenzenloses Erstaunen und aufkeimende Neugier. Allein der Umstand, daß wir hier auf diesem Planeten, ein von intelligentem Leben erschaffenes Bauwerk vorfanden, war eine Sensation!

Nun wurden wir auch noch in verständlichem Manjardisch angesprochen.

Ich gab Lika und Rack ein Zeichen Schutz zu suchen, eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Ich hingegen verharrte auf der Stelle. Mein Verstand riet mir, hinter dem nächsten, erreichbaren Felsen in Deckung zu gehen, doch ich konnte den Fluchtimpuls unterdrücken.

Das Schott vor mir stand offen. Licht flutete aus dem Innenraum und warf eine helle Linie auf die Metallrampe. Es gab offensichtlich Energie in dem Gebäude. Das Bauwerk und die Stimme, die wir vernommen hatten, waren real.

Ich begann mich innerlich mit der Tatsache abzufinden, daß wir auf erste Spuren einer überlegenen Zivilisation gestoßen waren, was meine Anspannung keineswegs lockerte.

Entschlossen machte ich einen Schritt nach vorn.

Ich kniff die Augen leicht zusammen. Vor mir lag ein heller Schleusenraum, an dessen hinterem Ende ein weiteres Schott zu sehen war.

Lika und Rack hatten ihre Deckung aufgegeben und sich schweigend an meiner Seite postiert. Die Kosmopsychologin nickte mir kurz zu. Ich hörte ihre Stimme klar und akzentuiert sprechen. Sie gab sich offensichtlich große Mühe von einem eventuellen Beobachter nicht als verwirrtes und eingeschüchtertes Wesen eingeschätzt zu werden. Ihre zitternden Beine standen allerdings im krassen Gegensatz dazu.

»Die Erbauer dieser Station müssen in etwa unsere Körperabmessungen besitzen. Obwohl sie völlig anders aussehen können, sind sie kaum größer als zwei Meter.«

Ich sah der Kosmopsychologin kurz in die Augen, dann nickte ich.

Likas Verstand begann bereits die Situation zu analysieren. Die Psychologin hatte sich die Abmessungen des Schleusenraumes und des Schotts abgeschätzt und entsprechende Schlüsse gezogen.

Rack nickte beifällig. »Der Begriff Station oder Stützpunkt scheint mir ebenfalls treffend. Da wir bisher kein weiteres Gebäude auf Manjurak gefunden haben, vermute ich, daß die Erbauer der Station nicht von diesem Planeten stammen.«

Ich dachte über Racks Worte nach. Wäre das Bauwerk eine Art Artefakt, dann müßte lange zuvor eine technische Zivilisation auf dem Planeten entstanden sein, die weit mehr Spuren hinterlassen hätte, als lediglich ein einzelnes Bauwerk.

Ich machte einen weit ausladenden Schritt in den Schleusenraum hinein, was Lika zu einem kurzen Warnruf veranlaßte.

Als ich keine Anstalten machte zurückzutreten, folgten mir meine Kameraden auf dem Fuß.

»Sieht so aus, als wären wir nicht die ersten Besucher auf diesem Planeten.« Meine trockene Bemerkung ging in Racks Richtung.

Der fähige Techniker hatte sofort nach der Landung auf Manjurak, die Fahne der vereinigten Manjard Stämme auf der Oberfläche aufgepflanzt.

Ich vernahm ein leichtes Zischen und zuckte kaum merklich zusammen, als sich das Schott hinter uns schloß. Obwohl die Außenatmosphäre für uns atembar war, legten die Betreiber der Station offensichtlich Wert auf einen Schleusendurchgang. Vermutlich wollte man das Innere der Station steril halten, vielleicht herrschte aber auch eine gänzlich andere Atmosphäre.

Ich zuckte zusammen und gab Lika und Rack eine schnelle Anweisung. Fast synchron klappten wir unsere Schutzhelme vor und verriegelten sie an der Halskrause der AÜS-Anzüge. Ich atmete durch. Wie konnten wir nur als Selbstverständlich annehmen, daß die Betreiber der Station Sauerstoffatmer waren?

Ich spürte Likas Hand auf meiner Schulter und verstand das Zeichen. Mein Helmfunk war noch nicht aktiviert. Ich fluchte kurz und schaltete das Com-System ein.

Übergangslos hörte ich Racks Stimme: »...eher unwahrscheinlich, daß im Innern der Station eine andere Atmosphäre oder ein anderes Druckniveau herrscht. Die Betreiber der Station hätten uns sicher gewarnt. Aber auch meine Instrumente zeigen keine giftigen Spurenelemente an den Wänden der Schleusenkammer an. Wäre die Innenatmosphäre von anderer Zusammensetzung, dann würde mein Spektralanalyser wenigstens Spurenelemente davon anzeigen.«

Ich bestätigte Racks Messungen mit meinem Armbandgerät. Der Luftdruck in der Schleusenhalle blieb konstant. Es fand aber offensichtlich ein Gastausch statt.

Ein leichtes Kribbeln durchfuhr plötzlich meinen Körper. Lika schrie leise auf. Auch sie spürte es. Außer einem leichten Unbehagen, das schnell verklang, hatte der Vorgang keine anderen Nebenwirkungen.

Rack stieß plötzlich einen verblüfften Pfiff über das Com-System aus. »Mein Meßgerät zeigt keine Keime mehr an. Die Umgebung inklusive unserer Anzüge ist absolut steril.«

Ich sah mich langsam um. Wir befanden uns offensichtlich nicht in einer simplen Schleuse, sondern in einer High-Tech-Dekonterminationskammer.

Entschlossen griff ich zum Helm und öffnete die Verschlüsse. Die Luft war kühl und angenehm. Ein ideales Atemgemisch. Ich spürte keinen Druck auf meinen empfindlichen Ohren und gab den beiden ein Zeichen, worauf sie es mir gleich taten.

Genauso übergangslos, wie sich das Außenschott geöffnet hatte, fuhr plötzlich das Innenschott zur Seite. Vor uns zeichnete sich ein langer Korridor ab. Die Wände waren jedoch nicht kahl, sondern mit einer unüberschaubaren Anzahl von blinkenden Aggregaten, Anzeigen und Kontrollinstrumenten bedeckt.

Ich mußte eingestehen, daß selbst die Kommandokonsolen der SOMLOM, im Vergleich zu diesen Elementen primitiv anmuteten. Ich sah kurz zu dem blinkenden Gewirr aus verschiedenfarbigen Lichtern und hatte keinerlei Vorstellung, welche Funktion sie ausführten. Der Gang zeigte außerdem einige Abzweigungen und Schotten, die wieder in andere Räume zu führen schienen.

Ich drehte mich unentschlossen um und sah geradewegs in Likas, vor Schrecken aufgerissene Augen.

Als ich mich blitzartig wieder umwandte, stand eine metallische Gestalt vor uns, die das halbe Schott ausfüllte.

»Das Begrüßungskomitee«, hörte ich Rack leise sagen.

2. HUKTOR

Was mein Maschineningenieur salopp als Begrüßungskomitee bezeichnet hatte, erwies sich als zwei Meter großer, grazil gebauter Roboter. So glaubte ich zumindest.

Ich zischte meinem Team zu, auf keinen Fall die Waffen zu berühren und die Hände ruhig zu halten.

Einzelheiten in der Erscheinung des Fremden, deuteten tatsächlich auf einen Robot hin. Der Gigant stand reglos im Schleusenschott. Er schien uns damit sagen zu wollen: An mir müßt ihr zuerst vorbei.

Lika kam ängstlich näher und war kaum mehr einen Schritt von mir entfernt.

Rack musterte die Maschine mit großem Interesse. »Falls es bisher niemand bemerkt hat, die Maschine schwebt etwa zehn Zentimeter über dem Boden!«

Ich ließ meinen Blick an der Gestalt herab wandern.

Tatsächlich! Rack hatte richtig beobachtet. Die Erbauer des Robots beherrschten zweifelsohne die Antigrav-Technik oder waren zumindest in der Lage, die Schwerkraft gezielt zu beeinflussen.

Mein Hals fühlte sich auf einmal trocken an. Diese Technologie verstanden wir nicht einmal ansatzweise. Mir fielen vier, mehrgelenkige und angewinkelte Arme auf, an deren Ende flimmernde Öffnungen zu sehen waren. Die Öffnungen dieser Armfortsätze zeigten in unsere Richtung. Was hatte das zu bedeuten? Waren das Energiefelder?

Mein Respekt gegenüber der fremden Technologie wuchs von Minute zu Minute. Wie konnten die Fremden so hochkomplexe, technische Prozesse und die erforderlichen Aggregate, in diesem relativ kleinen Robotkörper unterbringen?

Rack fixierte den Robot mit brennenden Augen.

Ich deutete seinen Blick richtig. Der Ingenieur würde jetzt gern einen Blick in die Konstruktionspläne der Maschine werfen. Die matte, dunkelgrüne Hülle des Robots war metallisch, trotzdem wirkte sie an manchen Stellen elastisch. In der Grundform war die Maschine zumindest entfernt manjardisch. Das hieß, der Robot besaß einen runden Kopf, der mit zahlreichen Sensoren gespickt war, etwa dort, wo bei Manjarden die Ohren und Augen zu finden waren. Der Körper gliederte sich in einen Rumpfabschnitt und einen Sockel, der den Boden aber nicht berührte. Ein Armpaar trat aus dem Rumpf aus, verglichen mit einem Manjarden etwa in Schulterhöhe. Ein weiteres oberhalb der Hüften. Der gesamte, zylindrische Rumpf verfügte über weitere, unzählige, aber sehr dünne Tentakelarme, deren Funktion ich jedoch nicht verstand.

Ich wurde in meiner Betrachtung unterbrochen, als die Maschine die vier Hauptarme plötzlich sinken ließ. Die Energiefelder an den Enden der Armfortsätze erloschen übergangslos. Handelte es sich dabei etwa um Waffensysteme? Ein leichtes Frösteln lief meinen Rücken hinunter.

»Wahrscheinlich Aktionsarme, bestückt mit Energiewaffen!« raunte Rack mir zu.

Ich unterdrückte ein Aufstöhnen. Rack sprach mit Gelassenheit Dinge aus, an denen Generationen von manjardischen Forschern gescheitert waren.

Als mehrere Minuten keine Reaktion erfolgte, wagte ich einen ersten Vorstoß. Ich hob langsam beide Arme in Kopfhöhe an. Damit wollte ich anzeigen, daß ich unbewaffnet war und keine Aggression beabsichtigte.

Die Geste brachte mir einen hektischen Blick von Lika ein. Wahrscheinlich wollte mir die Psychologin sagen, daß wir nicht wissen konnten, wie die Erbauer der Station mein Zeichen deuteten. Erhobene Hände konnten auf ihrer Welt bedeuten: Ich fordere dich zum Kampf!

Ich ignorierte ihre Warnung und wandte mich dem Robot zu. »Mein Name ist Aik. Ich bin Kommandant des manjardischen Expeditionsschiffes SOMLOM. Kannst du mich verstehen?«

Der Kopf des Robots bewegte sich leicht. Linsensysteme drehten sich in meine Richtung. Dann erklang dieselbe Stimme, die wir schon zuvor gehört hatten:

»Willkommen auf Station 243. Meine Bezeichnung ist ›Kryn-2893-BZa‹. Ich wurde erstmals aktiviert, ihr könnt mir einen Alias-Namen geben.«

Ich sah den Robot sprachlos an. Dann hörte ich plötzlich Racks Stimme aus dem Hintergrund: »HUKTOR

Der Robot reagierte augenblicklich. »Alias gespeichert.«

Ich sah mit einem fragenden Blick zu Rack hinüber. »Die manjardische Bezeichnung für Schutzengel?«

Ich konnte trotz der angespannten Lage ein kurzes Schmunzeln nicht unterdrücken. Auch eine Möglichkeit, eine bedrohliche Situation zu meistern.

Also gut! Ich räusperte mich. »Ich bin der Kommandant der Gruppe und erbitte ein paar Auskünfte.«

HUKTOR schwebte einige Zentimeter näher. Ich wagte dabei nicht, mich zu bewegen.

»Es ist genau meine Aufgabe, dir diese Auskünfte zu erteilen.«

Ich war beeindruckt. HUKTOR war offensichtlich ein Wunderwerk der Technik. Eine völlig autarke Einheit, mit einer hoch entwickelten künstliche Intelligenz. Der Robot reagierte auf meine Fragen mit hoher Präzision und einem völlig logischen Dialogablauf. Fast schien es mir, die Maschine könnte selbstständig denken, genau wie ein intelligentes Lebewesen. Etwas Vergleichbares hatte ich niemals zuvor gesehen.

»Mir stehen alle Datenspeicher dieser Station zur Verfügung, sprach der Robot weiter. »Ich kann all Eure Fragen erschöpfend beantworten. Zunächst bitte ich aber um eine Erklärung für die Verzögerung des Dienstantritts.«

Ich sah die Maschine ratlos an. Offenbar hatte man uns früher erwartet.

Nicht uns, korrigierte ich mich gedanklich sofort, jemand anderen!

Ich strich mir kurz über die Nasenwurzel, dann antwortete ich bestimmt: »Wir wurden unterwegs aufgehalten. Aber nun sind wir nach langer Reise eingetroffen.«

Lika gab mir ein Zeichen weiter zu sprechen.

»Wir sind für unsere Aufgabe bereit und bitten um Einweisung.«

Ich hatte keine Ahnung, ob mein Spiel von der Maschine durchschaut wurde. Zunächst einmal ging es mir darum, Zeit zu gewinnen und möglichst viele Informationen zu sammeln. Was wir hier an Wissen mitnehmen konnten, würde auf Manjard die Welt aus den Angeln heben. Jetzt der Maschine zu eröffnen, daß wir nicht die erwarteten Hilfskräfte waren, würde bestenfalls dazu führen, daß man uns vor die Tür setzte. Bestenfalls! Ich hatte noch gut die flirrenden Energiefelder von HUKTORs Waffenarmen in Erinnerung.

Der Robot hielt kurz inne, sprach dann mit klarer Stimme: »Die Station war zunächst verwirrt über den niedrigen Technologiestandard eures Schiffes. Auch eure Kenntnisse liegen weit unter den Anforderungen der zukünftigen Missionen.«

Ich atmete heftiger. »Deshalb meine Bitte um Einweisung.«

HUKTOR fuhr jedoch unbeeindruckt fort. »Prinzipiell ist der Wissensstand eintreffender Hilfsvölker unerheblich, da in jedem Fall eine hypnosuggestive Schulung erfolgt. Wurde euer Gehirn bereits entsprechend bewertet?«

Ich war verunsichert, was hatte das zu bedeuten?

Lika sah mich mit großen Augen an. Ich wußte, daß sie jetzt gerne den Dialog übernommen hätte, doch das würde meine Autorität als Missionskommandant untergraben.

»Eine Bewertung unserer Gehirne wurde noch nicht durchgeführt«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Es schien mir ratsam in diesem Fall bei der Wahrheit zu bleiben. Der Begriff hypnosuggestive Schulung ließ in mir sämtliche Alarmglocken ansprechen. Was war damit gemeint? Eine Manipulation des Gehirns? Ich stellte eine entsprechende Frage.

Der Robot antwortete prompt. »Die Hypnoschulung dient dazu, in kürzester Zeit eure Wissenslücken zu füllen, aber vor allem euren Entwicklungsrückstand zu überbrücken. Brach liegende Regionen eures Gehirns werden aktiviert, das neue Wissen wird in diesen Regionen gespeichert und ist dann jederzeit abrufbar. Ihr werdet in der Lage sein, die zu handhabende Technologie zu verstehen und effektiv einzusetzen.«

Ich sah wie Racks Körper bebte.

Mir war allerdings unklar, ob ihn die Möglichkeit all diese Technologien zu verstehen faszinierte, oder aber die Art, wie dieses Wissen der Zielperson eingepflanzt wurde.

Ich räusperte mich kurz. »Was sind die Risiken dieser Schulung?«

Fast war ein bedauerlicher Unterton in HUKTORs Stimme zu hören, als er antwortete: »Wenn die Kapazität oder der Entwicklungsstand eines zu schulenden Gehirns unzureichend ist, dann kann das Individuum die Gehirnaktivierung nicht verkraften. Der Tod tritt in manchen Fällen ein, der Wahnsinn ist sicher.«

Ein schweres Gefühl machte sich in meinem Magen breit. »HUKTOR, ich möchte das die Bewertung und Schulung zuerst an mir vorgenommen wird. Ich bin der Kommandant und trage die Verantwortung für meine Crew. Verläuft alles planmäßig, dann kannst du fortfahren.«

HUKTOR schwieg für den Bruchteil einer Sekunde und sagte dann: »Dein Vorschlag ist akzeptabel.«

Damit schien der Vorstellung nach Auffassung des Robots genüge getan zu sein, denn HUKTOR setzte sich langsam in Bewegung.

Wir folgten zögernd.

»Du hast dich gut gehalten und umsichtig geantwortet, Kommandant«, flüsterte Lika mir zu. »Willst du wirklich diese Prozedur über dich ergehen lassen?«

Ich nickte bestimmt. »Worauf du dich verlassen kannst!«

Rack schloß zu uns auf. »Jemand muß dringend Pavo informieren. Ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er sieht, was wir hier gefunden haben.«

Ich nickte zustimmend. »Bei nächster Gelegenheit werden wir HUKTOR um diesen Freundschaftsdienst bitten. Im Moment möchte ich, das ihr euch das Innere dieser Station genau einprägt. Alles was wir an Wissen mitnehmen können, wird uns später helfen.«

Als HUKTOR vor einem markierten Schott zum Stillstand kam, trat ich entschlossen auf ihn zu. »Erfolgt bei der Schulung auch eine Veränderung des Charakters?«

HUKTOR sah mich stumm an. Ich sah mich veranlaßt, etwas weiter auszuholen.

»Erwacht man als dieselbe Person, oder führt die Hypnoschulung zu Veränderungen des Wesens?«

HUKTOR drehte den Kopf um nahezu 180 Grad. »Die Voreinstellung sieht vor, das Wesen eines Individuums nicht zu verändern. Es wird nur Wissen übergeben. Defizite in der Ausnutzung der Gehirnkapazität werden ebenfalls beseitigt. Wünscht du eine Charakterkorrektur?«

Ich wehrte vehement ab. »Nein, das ist nicht gewünscht!«

HUKTOR betätigte ein Sensorfeld, worauf das Schott zur Seite fuhr. Es wurde ein halbdunkler Raum mit zahlreichen Liegen sichtbar. An den Kopfenden waren große Hauben aufgestellt. Diese waren wiederum mit zahllosen Lichtwellenleitern verbunden waren, die in unbekannten Aggregaten verschwanden.

HUKTOR gab mir ein Zeichen. »Gut, dann komm mit mir, Kommandant.«

Ich folgte der Maschine mit wackligen Knien. Niemals zuvor fühlte ich mich so ausgeliefert. Rack und Lika wichen nicht von meiner Seite. Sie wollten mir zweifelsohne beistehen. Rack war nach wie vor gefangen von dem Anblick der überall präsenten Technologie.

Lika verfolgte jede Bewegung des Robots und versuchte ihre Schlüsse zu ziehen. »Kommandant, hast du bemerkt, daß wir bis jetzt auf kein lebendes Wesen getroffen sind?«

Ich nickte ihr zu und hatte nichts gegen die private Anrede.

Die Kosmopsychologin ließ ihre Augen kreisen. »Vielleicht ist HUKTOR der einzige in dieser Station. Wenn wir ihn überwältigen könnten, dann hätten wir....«

Ich schnitt ihr das Wort mit einer Handbewegung ab. Etwas in mir warnte vor solch einer Aktion.

»Bis jetzt werden wir von HUKTOR akzeptiert«, sagte ich. »Wenn wir ihn attackieren, könnte sich das Blatt schnell und verhängnisvoll wenden. Wir wissen nicht, wie viele Robots seiner Art in verborgenen Magazinen schlummern und auf ihre Aktivierung warten. Im Notfall haben wir vielleicht in wenigen Minuten Hunderte von HUKTORs gegen uns.«

Lika verstand und schwieg.

Während HUKTOR eines der Geräte vorbereitete, und sich an den mir völlig unverständliche Kontrollen zu schaffen machte, wies er einladend auf das Gerät. »Bitte Kommandant.«

Ich hatte gerade noch genug Zeit, Lika meinen letzten Befehl zuzuflüstern: »Wenn ich von dieser Liege nicht mehr aufstehe, dann übernimmt Rack das Kommando und ihr versucht schnellstens von hier zu verschwinden, klar?«

Lika blinzelte zustimmend mit den Augen.

3. Wissen ist Macht

Als HUKTOR den Hypnoschuler aktivierte, zog sich ein leichtes Kribbeln über meine Kopfhaut.

Lika und Rack standen links und rechts neben der Liege, HUKTOR an meinem Fußende.

Die leuchtenden, optischen Systeme des Robots, schienen mich zu fixieren. »Die Feedback-Werte der neuronalen Sensoren sind bis jetzt positiv. Wir können nach den vorliegenden Werten zur Stufe 1 übergehen.«

Ich schloß die Augen und murmelte ein gepreßtes: »Nur zu!«

Plötzlich einsetzende Reizströme überwältigten mich. Ich fühlte, daß ich dieser maschinellen Gewalt keinen Widerstand leisten konnte. Die auf mein Gehirn einwirkenden Kräfte waren zu stark.

Wie durch eine zähe Masse vernahm ich die Stimme des Robots: »Entspann dich, dann wird es weniger schmerzvoll. So oder so, die Hypnoschulung beginnt jetzt!«

In meinem Gehirn explodierte etwas mit brachialer Gewalt. Mein Körper unterlag konfusen Zuckungen und ich glaubte ein paar Mal den entsetzten Aufschrei Likas zu vernehmen. Ich hatte meine Muskeln nicht mehr unter Kontrolle und mein Geist driftete davon, der erlösenden Bewußtlosigkeit entgegen.

Als letztes konnte ich noch einen röchelnden, letzten Satz aussprechen: »Mir hat vorher niemand etwas von Schmerzen gesagt!«

Dann war nichts mehr.

Das Erste was ich spürte, waren Kopfschmerzen.

Das zweite ein Druck auf der Brust und schließlich Nässe in meinem Gesicht.

Als ich vorsichtig die Augen öffnete, fuhr gerade Pinns Zunge über meine Nase. Pinn saß winselnd auf meinem Brustkorb und sah mich mit seinen großen Augen an.

Als ich die Augen öffnete, vernahm ich so etwas wie einen Freudenschrei der Kreatur, die mir von Mal zu Mal sympathischer wurde.

Erst dann nahm ich Lika, Rack und Pavo wahr, die neben meiner Liege standen und mich mißtrauisch beobachteten. Ich versuchte ein Lächeln, was mir jedoch mißglückte.

Sofort gewahrte ich Likas besorgte Blicke.

Pinn fauchte Pavo böse an, als mein Cheftechniker versuchte, ihn von meiner Brust abzuheben. Ich machte eine beschwichtigende Geste Pinn gewähren zu lassen.

HUKTOR machte sich an einigen Kontrollen zu schaffen und drehte ab und zu seine optischen Systeme in meine Richtung.

Die Kontakthaube fuhr zurück und gab meinen Hinterkopf frei.

Lika kam ganz nahe heran und sah mir in die Augen. »Und, wie fühlst du dich?«

Ich fuhr mir mit den Händen durch die Kopfbehaarung und massierte leicht meine dicht bewachsene Kopfhaut. »Wie nach einer Flasche Kolragin-Brand!«

Die Überlebenden meiner Crew entspannten sich und brachten ein erstes Lächeln zustande.

Pavo legte mir die Hand auf die Schulter und drückte leicht zu.

»Wenn man euch allein auf Erkundung läßt...« flüsterte er mir zu. »Bei allen Galaxien! Auf was seit hier gestoßen?«

Ich lauschte kurz in mich hinein. »Das hier ist eine autarke, mesotronische Station. HUKTOR ist sozusagen die Schnittstelle zur Hauptmesotronik, dem Zentralrechner der Station. Die Station ist relativ neu. Unsere Aufgabe wird es sein, einen Sektor mit einem Rauminhalt von mehreren hundert Lichtjahren zu überwachen in dem wir.... Was ist los?«

Erst jetzt bemerkte ich die offenen Münder meiner Besatzung. Was hatte ich da eben gesagt? Ich lauschte in mich hinein. Was hatte sich seit der Spezialbehandlung durch HUKTOR verändert?

Plötzlich war es mir, als ob jemand in einem dunklen Raum ein Leuchtfeuer entzündet hätte. Ich entdeckte ein unerschöpfliches Reservoir an Informationen, das ich gedanklich völlig kontrollierte und problemlos abrufen konnte. Es handelte sich jedoch nicht allein um Daten und Fakten, sondern ich wußte wie die Dinge funktionierten!

Ich stütze meinen Oberkörper mit den Ellenbogen ab und sah HUKTOR an. »HUKTOR, ich empfehle eine Feinabstimmung des Hypnoschulers im Bereich des UPS-Bandes. Die Gehirne der Manjarden sind empfindlich und reagieren mit Schmerzempfindungen auf eine zu hohe Amplitude. Regel das vor der nächsten Sitzung bitte nach!«

HUKTOR sah mich einen Moment an, dann bestätigte der Robot. »Korrektur verstanden und bestätigt!«

Ich sah die verwirrten Blicke meiner Kameraden. Einige Sekunden lang tat sich eine Kluft zwischen uns auf, doch ich wischte dieses Gefühl sofort beiseite.

Rack kam zögernd näher. Während ich Pinn hinter dem Kopf kraulte, worauf sich die Kreatur auf meinem Brustkorb kugelte, flüsterte mir Rack ein paar hastig gesprochene Fragen zu.

»Die Höllenmaschine hat funktioniert? Du verstehst jetzt alles was hier abläuft? Du verstehst auch, wie diese schwere Konstruktion schweben kann?«

Die letzten Worte kamen flüsternd.

Ich lächelte flüchtig und richtete mich auf. »Diese Höllenmaschine funktioniert prächtig und ist bis in die letzte Schraube durchdacht. Nichts an Bord der SOMLOM ist damit zu vergleichen, selbst unser komplexestes Aggregat nicht. Der Hypnoschuler ist allerdings ein vergleichsweise einfaches Gerät. Trotzdem hat er mir in wenigen Stunden mehr Wissen vermittelt, als ich in meinem ganzen Leben durch normale Lernprozesse aufnehmen könnte. HUKTOR wird von einem Antigravfeld über dem Boden gehalten. Ein Antigravprojektor ist dafür verantwortlich, der sich in seinem Sockel befindet, kaum größer als eine manjardische Patata-Frucht. Der Projektor erzeugt ein negatives Schwerkraftfeld, das übrigens in der gesamten Station Anwendung findet. In Aufzügen, zum Transport schwerer Waren aber auch in Schiffen. In modifizierter Version als Andruck-Neutralisator, ja ist selbst als atmosphärischer Schiffsantrieb ist das Prinzip einsetzbar. Außerdem als Landekissen für Raumschiffe....«

Rack sah sich zu den anderen Crew Mitgliedern um. Mir schien, er signalisierte den Anderen etwas.

»Übrigens, Rack...«

Mein Techniker drehte sich abrupt zu mir um.

»Es nützt nichts zu flüstern. HUKTORs Akustiksensoren sind eine Million Mal empfindlicher als unser Gehör. Wenn er will, versteht er jedes Wort in diesem Raum. Richtig, HUKTOR

Die letzten Worte hatte ich extrem leise ausgesprochen.

»Das ist richtig, Kommandant«, antwortete der Roboter.

Ich sah die betretenen Gesichter meiner Besatzung. Wahrscheinlich hatten sie bereits während meiner Bewußtlosigkeit Fluchtpläne geschmiedet. Doch das war jetzt nicht mehr nötig.

Ich lächelte Rack auffordernd zu. »Du wolltest doch schon immer wissen, wie die kalte Fusion zu realisieren ist?«

Der Techniker lächelte verblüfft.

Ich machte eine auffordernde Geste zur nächsten Liege. »Dann laß dir das Wissen vermitteln. Wenn du wieder erwachst, wirst du im selben Moment erkennen, wie einfach das Prinzip ist und gleichzeitig wie veraltet.«

Rack bekam gläserne Augen. »Veraltet? An der Theorie arbeiten wir auf Manjard seit 30 Jahren!«

Ich lächelte offen. »Heute machen wir das in wenigen Stunden. Los jetzt! Wir müssen weiter kommen. HUKTOR hilft dir.«

Ich gab die Liege frei und setzte mich auf ein Ruhelager, noch immer hielt ich Pinn im Arm. Mich befiel plötzlich eine bleierne Müdigkeit. Eine Nebenwirkung der Hypnoschulung, wie ich jetzt wußte. Mein Gehirn brauchte etwas Ruhe. Aber nach einem ausgiebigen Schlaf würde alles wieder wie gewohnt ablaufen. Nun ja, fast alles.

Wir saßen uns stumm gegenüber und aßen Rationen, die uns von HUKTOR serviert wurden. Jeder war momentan mit sich selbst beschäftigt, was mich nicht wunderte. Für jeden von uns hatte sich die wissenschaftlich, technische Welt grundlegend verändert. Ich hatte nur etwas länger Zeit gehabt, mich an die neuen Kenntnisse zu gewöhnen.

Wir betrachteten HUKTOR nicht länger als Halbgott oder Wundermaschine, sondern als das was er war. Eine intelligente Konstruktion, die uns hilfreich zur Seite stand.

Auch wenn die Manjarden zu Haus nicht verstehen könnten, das HUKTOR eine Hochleistungs-Mesotronik in seinem Kugelkopf trug, so war dieses Wissen, wie viele andere Dinge auch, für uns plötzlich zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich ertappte Rack bei einem fortwährenden Kopfschütteln und fragte ihn nach seinem Befinden.

Mein Techniker antwortete ehrlich und offen. »Es ist mir unbegreiflich, wie wir mit der SOMLOM überhaupt die acht Lichtjahre hierher überbrücken konnten. Mit meinem heutigen Wissen würde ich niemals mehr für einen Langstreckenflug in das Schiff einsteigen. Kaum ein Aggregat ist robust genug und vollständig durchkonstruiert. Heute erscheint mir plötzlich alles improvisiert und ich sehe tausende Angriffspunkte für Verbesserungen. Am liebsten würde ich das Schiff total umkrempeln und komplett neu konstruieren...«

Ich lächelte ihn an. »Doch vorher waren wir stolz auf uns, das Schiff und was unser Volk geleistet hat, richtig?«

Rack nickte und erwiderte mein Lächeln. »Und so sollte es auch bleiben!«

Dann sah ich, daß es nie anders gewesen war. Ich sah meine Crew an und blickte in abgeklärte, wissende Augen. So sahen also Manjarden aus, die eine Schwelle zum nächsten Zeitalter überschritten hatten!

Ich lächelte Lika zu. »Im Übrigen können wir die SOMLOM vorläufig im Orbit um Manjurak belassen. Es gibt ein anderes Schiff.« Ich sah in die überraschten Gesichter meiner Crew und eröffnete ihnen meine Neuigkeiten: »Während ihr geschult wurdet und anschließen geschlafen habt, hat mir HUKTOR die Station gezeigt. Wir verfügen nicht nur über ein gut ausgerüstetes, technisches Magazin, aus dem wir uns für unsere zukünftige Mission ausstatten können, sondern auch über ein kleines Schiff.«

Pavo hob die Ohren an. »Ein Schiff? Hier?« Wie beiläufig fragte er: »Welche Reichweite hat es?«

Ich wußte natürlich sofort, worauf er hinaus wollte.

»Wir sehen es uns nach dem Essen an«, lächelte ich.

Alle schienen plötzlich einen unbändigen Appetit zu entwickeln und aßen hastig auf.

4. Das Schiff

Huktor schwebte voraus. Der Robot war unser ständiger Begleiter und ließ uns kaum allein. Vielleicht beobachtete er uns und wertete den Erfolg der Hypnoschulung aus. Wer konnte das so genau wissen?

Als sich vor uns ein breites Druckschott öffnete, standen wir plötzlich in einem Hangar. Im Zentrum der Halle stand ein kleines Schiff. Schwebte, korrigierte ich mich sofort, denn das Schiff wurde von eine Antigravfeld gehalten, knapp zwei Meter über dem Boden.

Pavo pfiff durch die Fangzähne. »Na was haben wir denn da?«

Ich bedachte meinen Cheftechniker mit einem kurzen Blick. »Forsche in deinem Gedächtnis, Pavo. Du kennst die Antwort auf deine eigene Frage.«

An Pavos Stelle antwortete Rack mit einem Grinsen. »Das ist ein Kurierschiff, auch als Patrouillenschiff einsetzbar. Elliptische Schiffszelle, Durchmesser 25 Meter. Bietet Platz für bis zu 10 Personen, allerdings läßt der Komfort zu wünschen übrig.«

Ich konnte ein Auflachen nicht unterdrücken.

HUKTOR deutete auf das Kleinraumschiff. »Die Innenausstattung wurde bereits auf eure Bedürfnisse abgestimmt. Sitze, Sensorik, Kontrollen und Anzeigen entsprechen euren körperlichen Anforderungen.«

Rack lächelte schelmisch. »Na ist doch prima! Du meinst also, wir können das Schiff fliegen?«

»Ihr werdet das Schiff fliegen!« antwortete HUKTOR ruhig und bestimmt. »Es wird euch bei den nächsten Missionen unterstützen. Doch zuerst müßt ihr die Stufe II der Schulung absolvieren.«

Ich zog meine Stirn zurück. »Stufe II

HUKTOR fixierte mich mit seinen optischen Systemen. »Euch fehlen noch Kenntnisse über die Völker und Kulturen dieser Galaxis. Ihr müßt auch die Standard-Kommunikationsformen erlernen, um euch verständigen zu können. Denn ihr werdet mit vielen Völkern in Kontakt treten.«

Lika sah mich bezeichnend an.

Ich warf dem Schiff einen kurzen Blick zu. »Und mit welcher Art von Aufgaben und Missionen willst du uns genau betrauen, HUKTOR

Der Robot schwebte langsam auf mich zu und sprach mit Betonung: »Ihr werden die Ehre haben, für ein hohes Ziel zu arbeiten. Nur wenige können sich rühmen, mit dieser Aufgabe betraut zu werden.«

Ich dachte nach. Obwohl ich nun ein umfangreiches, technisches Wissen besaß, fand ich keine Informationen über Sinn und Zweck dieser Station in meinem Gedächtnis. Wir wußten zwar, wie einige Dinge funktionierten, hatten aber noch keine Ahnung, was HUKTOR und die Erbauer der Station genau bezweckten.

Kurz darauf verließ HUKTOR den Hangar. Die kurze Führung war offensichtlich beendet. Möglicherweise sollten wir jetzt zurück zu den Schulungsanlagen gehen, um Stufe II zu empfangen.

Wissen ist Macht, dachte ich. Dieser Spruch bekam eine ganz neue Bedeutung für uns.

Ich hatte nicht vor, mich der Stufe II zu verweigern, und brannte bereits darauf, alles über die Völker unserer Galaxis zu erfahren, denn bis jetzt kannte ich nur eine einzige Zivilisation. Unsere eigene!

Als wir den Hangar wieder verließen, wandte sich Pavo kurz zu dem Kleinraumschiff um. »Wir sehen uns!«

Dann schlossen sich die Hangartore hinter uns.

5. Vielfalt des Lebens

Die Schulung verlief völlig Problemlos. Meine Justierungsvorschläge hatten sich absolut positiv ausgewirkt. Wir hatten noch mehr Bereiche der Station kennen gelernt und verstanden nun vieles von den Dingen, die wir sahen.

Unter anderem wußten wir jetzt, das HUKTOR der einzige Roboter dieser Station war, ständig mit dem Stationsgehirn, einer Mesotronik, verbunden. Das kleine Schiff, das uns vor einigen Stunden vorgestellt wurde, trug den Namen MESON. Trotz seiner geringen Größe, war es beachtlich Leistungsfähig.

Die Kommandozentrale der Station war für uns noch nicht zugänglich. Entsprechende Anfragen meiner Seite blieben unbeachtet. In den anderen Bereichen der Station konnten wir uns allerdings ungehindert bewegen.

Es war alles für unseren Komfort getan worden und vorhanden.

Ich glaubte zu wissen, daß sich HUKTOR, seiner Programmierung entsprechend, auf verschiedenartige Gäste einstellen konnte.

Deshalb die Schleuse am Eingang der Station, schoß es mir durch den Kopf.

Wären andere Lebensformen eingetroffen, vielleicht mit anderem Aussehen, Körperbau und Körperchemie, vielleicht eine andere Atemluft gewöhnt, HUKTOR hätte sicherlich entsprechend reagiert und die Station vorbereitet.

Ein Blick auf mein Armgerät bestätigte meine Vermutung. Sechzehn Grad Raumtemperatur bei einem optimalen Atemgemisch!

Wie Zuhause, dachte ich beeindruckt.

Als wir nach einigen Stunden wieder zusammen saßen, wirkten die Mitglieder meiner Crew entspannt und ausgeruht.

HUKTOR hatte uns in einen Konferenzraum geladen und im Zentrum einen Holoprojektor postiert. »Die Stufe II ist erfolgreich abgeschlossen worden.«

Wie beiläufig registrierte ich, daß der Robot in einer anderen Sprache dozierte, in Phronisch!

Diese alte Sprache beherrschten wir nach der letzten Schulung perfekt und ich wußte auch etwas über die Entstehung dieser Kommunikationsform. Phronisch wurde ursprünglich von einem alten Handelsvolk eingeführt, das vor vielen Tausend Jahren durch eine kosmische Katastrophe vernichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt bereits weit verbreitet und als Handelssprache akzeptiert, verwendeten die Völker diese Sprache weiter. Wie ich nun wußte, wurde Phronisch heute hauptsächlich auf Handelswelten gesprochen und diente außerdem als eine Art Universalsprache, die auf den meisten Welten der Galaxis verstanden wurde.

Ich konzentrierte mich wieder auf HUKTORs Ausführungen und war gespannt, was der Robot uns heute zu sagen hatte.

HUKTOR eröffnete ohne lange Einleitung. »Ihnen wurden Kenntnisse vermittelt, die sie nun in die Lage versetzen, mit anderen Völkern zu kommunizieren, und sich in dieser Galaxis zurechtzufinden. Jeder von ihnen wurde nach seinen Anlagen und Interessengebiet gefördert. Schwerpunkte im Wissen wurden entsprechend gesetzt.«

Ich blickte mich um und sah in lächelnde Gesichter. Jeder von ihnen würde in der Heimat unersetzlich sein, wenn wir zurückkehren. Meine Gedanken behielt ich für mich, denn es stand für mich außer Frage, daß wir zurückkehren werden!

So interessant die bevorstehenden Missionen vielleicht waren, mein ganzes Denken konzentrierte sich auf mein eigenes Volk und meine Heimat. Vielleicht würden meine Leute schon bald auf eines der vielen Völker treffen, die uns nun bekannt waren. Die Manjarden sollten auf diese Begegnungen vorbereitet sein und die Gäste als gleichberechtigte Partner empfangen können. Längst hatte sich in meinem Kopf ein Plan geformt, in dem das kleine Kurierschiff eine zentrale Rolle spielte.

Ich konzentrierte mich wieder auf HUKTOR. »Viele Völker dieser Galaxis sind friedlich und vermeiden Auseinandersetzungen. Einige Völker sind jedoch, ihrer Veranlagung entsprechend, als gefährlich einzustufen.«

Ich sah verschiedene Holographien von Wesen, die ich aus dem Gedächtnis kannte, jedoch noch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte.

HUKTOR blendete eine Karte des Raumsektors ein, in dem wir uns befanden. Leilak bildete den Mittelpunkt des Koordinatensystems.

Nur einige Zentimeter entfernt erkannte ich unsere Heimatsonne Cleptra.

Der Robot fuhr dozierend fort: »Weit verbreitet und häufig in diesem und den Nebensektoren anzutreffen sind die Videx.«

Ich sah staunend die holographische Abbildung der fremden Intelligenzwesen, die von HUKTOR eingespielt wurde. Die bis zu 1,80 Meter großen Wesen besaßen insgesamt sechs Gliedmassen. Vier davon dienten zur Fortbewegung. Der Unterkörper erinnerte mich etwas an die Steppenbewohner meines Planeten. In diesem Fall hatten wir es allerdings zweifelsfrei mit Intelligenzwesen zu tun. Auf dem beweglichen Hals setzte ein weiterer Körperabschnitt auf, der durchaus manjardisch wirkte. Aus diesem Oberkörper, der mit dem Halsansatz bewegt werden konnte, mündeten zwei lange und vielgelenkige Arme. Die Haut dieser Wesen war zartblau bis violett und völlig haarlos. Aus der Sicht eines Manjarden, war das äußerst seltsam. Ich konnte mir nicht vorstellen einen nackten Körper zu besitzen.

Huktor hatte bereits das nächste Volk eingeblendet. »Die Tepsoler sind ebenfalls weit verbreitet und werden oft als Söldner und Arbeitskräfte angeworben. Die technische Entwicklung dieser Wesen ist nicht weit fortgeschritten. Sie bedienen sich meist der Technologie jener Völker, für die sie Dienste verrichten.«

Ich lehnte mich zurück und hörte gespannt den Ausführungen HUKTORs zu. Nach allem, was ich nun wußte, sprudelte unsere Heimatgalaxis nur so vor Leben. Ich begann mich ernsthaft zu wundern, warum es auf Manjard nicht schon früher zu einem ersten Kontakt gekommen war. Die Manjarden meiner Heimat glaubten noch immer, daß sie die einzigen intelligenten Lebensformen im Kosmos waren. Ein Denken, das ich leider dem begrenzten Horizont meines Volkes zuschreiben mußte. Wenn man zu Haus nur wüßte, was sich in unmittelbarer Nähe unseres Systems alles abspielte! Ich war überzeugt, daß sich sämtliche Konflikte auf meinem Planeten schnell regeln würden.

HUKTOR führte noch zahlreiche andere Völker auf, deren Entwicklung allesamt über den Manjarden stand.

Ich wurde unruhig. Wie es aussah, bildeten wir nicht gerade das Schlußlicht, besaßen aber weitaus weniger Kenntnisse als viele andere Völker, die in unserer direkten Nachbarschaft lebten.

Ich interpretierte Pavos kurzen Seitenblick richtig. Ihn bewegten dieselben Gedanken, wie mich.

Lika war vollkommen in HUKTORs Präsentation vertieft. Als Kosmopsychologin war Sie eigentlich nicht richtig gefordert gewesen. Das lag einfach daran, daß sie niemals zuvor die Profile anderer Völker studieren konnte. Durch die Hypnoschulung, ergänzt durch HUKTORs Einführung, eröffneten sich neue Welten für die Wissenschaftlerin.

HUKTOR blendete Volk auf Volk ein. Ich hatte bereits den Überblick verloren, war trotzdem stets aufs neue von den Bildern, die uns präsentiert wurden, fasziniert. Dinge zu wissen ist eine Sache, aber das Wissen mit visuellen Informationen zu verknüpfen, eine andere.

HUKTOR dunkelte den Raum leicht ab und erhöhte den Kontrast des Holo Feldes. »Die Necarer sind besonders zu erwähnen. Sie stammen zwar aus dem Zentrumsbereich unserer Galaxis, was sie jedoch nicht davon abhält, in alle Regionen von V1 vorzustoßen.«

Ich bemerkte, das HUKTOR mit dieser besonders hervorgehobenen Präsentation, unsere Aufmerksamkeit fesseln wollte. Ich suchte in meinem Gedächtnis nach Informationen und fand zahlreiche, teilweise auch sehr beunruhigende Hinweise, auf die Necarer.

Nachdem HUKTOR eine kleine Pause eingelegt hatte, fuhr er eindringlich fort. »Die Necarer sind ein sehr fortschrittliches Volk. Leider in ihrem Wesen auch sehr skrupellos. Die technische Entwicklung hat bei ihnen Priorität über allem.«

Das eingeblendete Rasterbild zeigte einen typischen Vertreter dieses Volkes. Es handelte sich um zwei Meter große und extrem filigran gebaute Wesen. Der Kopf hatte etwa die Form einer Scotchi-Frucht und war, wie der Rest des Körpers, völlig haarlos. Mich faszinierten vor allem die neun Augen, die in regelmäßigen Abständen am größten Durchmesser ihres Kopfes angeordnet waren. Die Necarer verfügten also über ein Gesichtsfeld von 360 Grad.

Lika unterbrach HUKTOR und stellte einige Fragen zur Soziologie dieses Volkes.

Der Robot antwortete bereitwillig. »Alles auf ihrer Welt wird durch die Wissenschaft bestimmt. Sie bezeichnen ihre Staatsform als Wissenschaftsdemokratie, wobei man den Begriff Demokratie nicht allzusehr strapazieren sollte. Das höchste Gremium ihrer Staatsgebildes ist der Rat der Suchenden der aus den acht besten Wissenschaftlern der Necarer besteht.

Sie organisieren die wissenschaftlichen Anstrengungen des Volkes, in dem es nur Wissenschaftler und Ingenieure gibt. Ein weiteres sehr wichtiges Gremium ist der Rat der Richtungsweiser. Die Aufgabe dieses Gremiums ist es, dem Rat der Suchenden Vorschläge für große Forschungsprojekte zu machen. Abgesehen von diesen beiden Institutionen, gleicht die Gesellschaft der Necarer weitgehend einer Anarchie. Man tut, was man will, zahlt keine Steuern und bekommt kein Geld. Dies ist nur dadurch möglich, daß jeder Necarer dieselben Ziele verfolgt. Sie alle wollen sich im Laufe ihres Lebens so viel Wissen wie möglich einverleiben. Dies hält die Necarer zusammen. Keiner nimmt sich mehr als er brauchen kann. Der Nachteil dieser Einstellung ist jedoch, daß sie beim Erwerb von Wissen, beim Forschen und bei der Anwendung der Forschungsergebnisse keine Skrupel kennen. So entwickeln Agrarwissenschaftler beispielsweise eine neue Fruchtsorte und verteilen diese an ihre Artgenossen, um zu sehen, wie diese darauf reagieren. Bei einem ähnlichen Fall wurden über 230.000 Necarer getötet. Besonders gefährlich ist die Skrupellosigkeit der Necarer, wenn sie versuchen biologische Waffen zu testen. Dabei werden meist ganze Planeten entvölkert.«

Lika rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Das hatte sie offensichtlich nicht erwartet. Vielleicht war es eine Enttäuschung für die Kosmopsychologin, daß nicht alle fortgeschrittenen Völker auch gleichzeitig hohe Ansprüche an die eigene Moral stellten.

Ich schätzte die Necarer wie auch andere Völker, die uns vorgestellt worden waren, als gefährlich ein. Würden Manjarden und Necarer zusammentreffen und müßten einen Interessenkonflikt ausfechten, dann würde die Situation wohl dramatisch verlaufen. Ich war mir sicher, daß diese Wesen keinen Moment zögern würden, mein Volk auszulöschen, solange es ihnen nur einen Vorteil bringt.

Ich gab HUKTOR ein Zeichen eine Pause einzulegen. Für heute war eine weitere Besprechung vorgesehen, die uns auf die erste Mission vorbereiten sollte.

Doch zuvor hatte ich das Bedürfnis, mit meiner Crew allein zu sprechen.

6. Der Plan

Lika, Rack und Pavo sahen mich erwartungsvoll an. Ich hatte erreicht, daß wir uns einige Minuten allein besprechen konnten.

Als ich sicher war, daß wir nicht abgehört wurden, eröffnete ich meinen Plan: »Euch ist klar, daß uns all dieses Wissen in eine kritische Situation bringt.«

Rack und Pavo nickten zustimmend, während sich Pinn auf meinem Schoß zusammenrollte. Nur Lika sah mich mit ihren großen Augen fragend an und spornte mich an, etwas weiter auszuholen.

»Der Kosmos, speziell unsere Galaxis, präsentiert sich für uns nicht mehr so, wie wir sie einmal kannten. Auf Manjard glaubt man noch immer, als einziges Volk im Universum das Atom spalten zu können. Stellt euch vor was passiert, wenn eines Tages eines dieser Völker in unserem System erscheint!«

Rack sah ins Leere und wirkte sehr nachdenklich. »Der Kulturschock hätte verheerende Folgen für unser Volk. Religiöse, wirtschaftliche und technische Konsequenzen gar nicht erst zu erwähnen.«

Lika kaute nervös an ihren Krallen. »Ihr habt recht. Historisch gesehen, war das entwicklungstechnisch unterlegene Volk am Ende stets der Verlierer. Es wurde kulturell vereinnahmt und verlor seine Identität.«

Ich nickte. »Aber das wäre nicht einmal das Schlimmste. Denkt auch an einen aggressiven Akt. Auf Manjard könnte man sich gegen eine überlegene Rasse, wie etwa die Necarer, nicht zur Wehr setzen! Unser Volk wäre verloren!«

Pavo zeigte erstmals seine Erregung. »Wir müssen schleunigst zurückfliegen und unsere Leute mit der Realität vertraut machen.«

Ich hob kurz die Ohren an und ließ sie wieder fallen, ein Zeichen der Zustimmung. »Nun sind wir genau beim Punkt. Wir müssen uns aus dieser Situation befreien und unsere Heimatwelt mit möglichst viel Informationen versorgen. Die SOMLOM wird uns dabei nichts nützen. Auch wenn das Schiff den Rückflug überstehen würde, will ich keine 10 Jahre mehr warten!«

Rack lachte leise. »Und ich würde den Flug mit ihr nicht mehr wagen. Sie gehört in ein Museum.«

Ich lächelte zurück. »Aber das kleine Kurrierschiff dieser Station wäre genau richtig für unsere Zwecke. Es ist klein, schnell und hyperflugtauglich. Die relativ kurze Distanz bis zu unserem Heimatsystem überbrücken wir in wenigen Stunden!«

Pavo lehnte sich zurück. »Du willst das Patroullienschiff HUKTORs kapern?«

Ich machte eine beschwichtigende Geste. »Nein, ich will nur unseren ersten Missionseinsatz dazu verwenden...« Ich machte eine kurze Pause bevor ich weitersprach. »...es umzuleiten.«

Pinn stieß ein zustimmendes Maunzen aus, was allgemeine Heiterkeit erzeugte.

Rack meldete sich noch einmal zu Wort. »Kommandant, dir ist klar, daß wir uns mit diesem Katzensprung nicht wirklich aus dem Wirkungskreis HUKTORs und der Station entfernen. Bezogen auf die Ausdehnung unserer Galaxis fliegen wir gerade bis zur Nachbarschaft.«

Pavo sah mich an. »Rack hat recht. Es sind nur acht Lichtjahre zu Cleptra. Was wenn wir HUKTOR verärgern und der uns eine ganze Flotte auf den Hals schickt?«

Ich hatte mit diesen Einwänden gerechnet. »Seht, auf dieser Station gibt es nur ein einziges Schiff. HUKTOR ist der einzige Robot, wie wir jetzt wissen. Er wartet offensichtlich seit geraumer Zeit auf Hilfskräfte, die aber niemals eingetroffen sind. Ich denke, er hat gar nicht die Mittel, uns nachzustellen. Und wenn er eines Tages doch einen Weg findet, dann sind wir Manjarden vorbereitet!«

Ich hatte die letzten Zweifel meiner Crew zerstreut. Der Plan stand. Schon während des ersten Einsatzes würden wir uns mitsamt dem Schiff aus dem Staub machen und nach Hause fliegen.

»Und du mein kleiner Freund...« Ich kraulte Pinn hinter seinem Kopf. »Du wirst mit mir kommen. Einverstanden?«

Pinn sah mich mit seinen großen Augen an. Ich zuckte zusammen, denn für einen Moment hatte ich das Gefühl, das der kleine Kerl ganz genau verstand, was ich ihm sagen wollte.

7. Die Mission

HUKTOR hatte mich in die Hauptzentrale der Station geführt. Dieser Bereich war uns bisher verschlossen geblieben, und er hatte mich ausdrücklich allein verlangt.

Als ich das erste Mal die Steuerzentrale betrat, konnte ich mein Staunen nicht verbergen. HUKTOR schwebte ins Zentrum der kreisförmigen Zentrale und verharrte dort reglos.

Dann hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach. »Das Interface HUKTOR wird hier nicht benötigt. Du kommunizierst direkt mit dem Stationsgehirn.«

Ich versuchte meine Anspannung zu lockern und sah mich in der Zentrale um. Über 50 Mesotronikische Terminals waren kreisrund angeordnet. Jedes Terminal verfügte über Holodisplays, die verschiedene Bereiche des Leilak-Systems zeigten. Unzählige, Mesotronikische Komponenten säumten die Wände und Konsolen. Die hier geballte Rechenkapazität war enorm.

Auf einem der Monitore erkannte ich die SOMLOM, die seit unserer Ankunft im Orbit von Manjurak kreiste.

»Euer Schiff entspricht nicht dem Muster, das mir angekündigt wurde.«

Ich zuckte zusammen. Sollte die Einladung in die Kommandozentrale ein Verhör werden?

Ich suchte einen Fixpunkt, den ich ansprechen konnte, und sah zu einem kugelförmigen Hologramm hinüber, auf dem zahlreiche Koordinaten markiert waren. »Was hattest du denn erwartet, Computer?«

»Ich werde als Großmesotronik bezeichnet«, antwortete das Stationsgehirn leicht spöttisch. »Mich Computer zu nennen, ist nicht korrekt und zeigt mir erneut, wie weit ihr hinter der Entwicklung zurück geblieben seit, Manjarden.«

Ich fühlte mich plötzlich unwohl in meiner Haut. Die Mesotronik war tatsächlich in der Lage, Empfindungen zu simulieren, und reagierte entsprechend.

Ich wandte mich an eine der Optiken und sprach so ruhig ich konnte. »Selbstverständlich weiß ich, mit wem ich kommuniziere, Computer. Deine Leistungsfähigkeit steht außer Frage. Ich wählte den Begriff, um die Kommunikation zu vereinfachen.«

Es erfolgte keine Antwort.

Ich drehte mich kurz im Kreis. »Aber ich genieße die Kommunikation mit dir und habe meinerseits einige Fragen an dich.«

Der Stationsmesotronik antwortete prompt: »Was sind das für Fragen?«

Ich setzte mich auf eine der zahlreichen Kontursitze und lehnte mich entspannt zurück. »Welchen Zweck hat diese Station und was sind das für Missionen, in die du uns entsenden willst?«

Einige der Displays der Wandaggregate änderten spontan die Farbe und flimmerten nervös.

»Als Hilfsvolk seit ihr nicht berechtigt, diese Informationen zu erhalten. Ihr könnt jedoch versichert sein, daß eure Aufgabe ein wichtiger Bestandteil für die Funktionalität dieser Station ist. Ihr dient einem höheren Ziel.«

Ich verzog das Gesicht und antwortete: »Laß mich das einmal zusammenfassen. Du willst, daß wir für dich arbeiten, aber du willst uns nicht sagen, warum. Wir sind sehr wichtig für die Funktionalität dieser Station, aber wir dürfen nicht wissen, wer sie gebaut hat.«

»Das ist korrekt«, antwortete das Stationsgehirn prompt.

Ich sah mich verdutzt um. Wollte mich der Stationsrechner auf den Arm nehmen?

Die Mesotronik hatte kaum den Satz beendet, da kam die nächste überraschende Eröffnung.

»Natürlich weiß ich, daß ihr nicht die avisierten Hilfskräfte seid«, sagte die modulierte Stimme. »Aber ich habe euch trotzdem akzeptiert.«

Ich richtete mich steil auf. »Was?«

»Die Funktion der Station muß gewährleistet werden«, fuhr die Mesotronik fort. »Eure Ankunft war für mich vorteilhaft und ein Glücksfall. Obwohl euer Wissenstand weit hinter der Norm für eingesetzte Hilfsvölker hinterherhinkt, habt ihr die Schulung gut verkraftet. Durch HUKTOR bin ich über jeden eurer Schritte informiert.«

Ich lehnte mich langsam zurück. »Dann weißt du bereits, daß wir die Station mehr oder weniger aus Zufall entdeckt haben?«

»Selbstverständlich«, schnarrte die Mesotronik emotionslos. Ich habe eure Kommunikation seit eurer Ankunft in diesem System verfolgt.«

Ich sah kurz zu HUKTOR, der noch immer reglos in der Zentrale schwebte. »Was ist das für eine Mission, von der uns HUKTOR erzählt hat?«

Der Mesotronik antwortete diesmal sofort. »Ihr werdet mit der MESON starten und einige Nachforschungen für mich anstellen!«

Ich hob interessiert die Ohren.

»Nachforschungen?« Ich ließ die Frage in der Luft hängen.

»Mir wurde vor langer Zeit eine Hilfsflotte angekündigt«, klärte mich die Mesotronik auf. »Die Flotte ist niemals in diesem System eingetroffen. Es wird eure erste Aufgabe sein, diese Schiffe zu suchen und zu lokalisieren.«

Ich war verblüfft. »Wie sollen wir das bewerkstelligen? Das Universum ist groß!«

»Ihr werdet die letzten, bekannten Koordinaten der Flotte ansteuern und von dort aus eure Suche aufnehmen!«

Ich stand auf und lief langsam in der Zentrale umher. Mein Blick galt den Terminals und Holoschirmen. »Was ist das für eine Flotte, Mesotronik?«

Das Stationsgehirn schwieg.

Ich wurde ärgerlich. »Wenn du willst, daß wir unsere Mission effektiv durchführen, dann mußt du mir mehr Informationen geben!«

Ich blieb an einem der Terminals stehen. Das Display zeigte die MESON, die unverändert im Hangar stand und auf uns wartete.

Der Mesotronik schwieg noch immer und war offensichtlich nicht bereit zu antworten.

Ich schlug mit der Handfläche auf eine der Konsolen. »Also gut, Computer. Dann werden wir nicht starten!« pokerte ich.

Die Reaktion erfolgte sofort. Das Holobild der SOMLOM glühte kurz auf und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die ganze Zentrale war plötzlich von einem tiefen Brummen erfüllt.

Energieerzeuger, dachte ich.

Ein blendender Energiestrahl löste sich von der Station und schoß in den Himmel von Manjurak. Zeitgleich sah ich auf dem Holoschirm, wie sich der Waffenstrahl in die SOMLOM bohrte und das Schiff zur Explosion brachte.

Ich fuhr entsetzt herum. »Warum hast du das getan?« schrie ich. »Warum hast du das Schiff zerstört? Willst du uns einschüchtern oder zwingen für dich zu arbeiten?«

Ich glaubte so etwas wie Traurigkeit in der künstlichen Stimme zu hören. »Nein, Manjarde. Ich bin nicht dafür geschaffen Gewalt auszuüben. Das Gegenteil ist der Fall.«

Ich hatte Tränen in den Augen. »Und warum hast du das getan?« kam es erneut über meine Lippen.

Die Mesotronik sprach ruhig und langsam. Wollte sie mich beruhigen?

»Euer Schiff darf nicht länger im Orbit bleiben. Es wird nicht mehr benötigt, kann nicht landen und stellt ein starkes Orterziel dar. Das Ausbleiben der Flotte ist besorgniserregend und ich habe mich entschieden, mit sofortiger Wirkung die höchste Sicherheitsstufe in Kraft treten zu lassen.«

Lag eine Bedrohung vor, von der wir nichts wußten?

»Es gibt gewichtige Gründe, die Schutzmaßnahmen zu intensivieren, Kommandant«, fuhr die Maschine fort. »Niemand darf die Position dieser Station erfahren.«

Auf einem zweiten Holobild sah ich, wie die RAZTAN in einem desintegrierenden Energiefeld aufgelöst wurde.

»Nein!« preßte ich hervor. Doch es war bereits zu spät.

Die Maschine ignorierte meine Protestschreie. »Auch euer Landungsboot wird nicht mehr benötigt! Die Station besitzt einen Antiortungsschirm, euer Boot nicht. Das Hauptproblem ist der fehlende Kontakt zum Zentralmodul.«

Ich wischte mir die Wuttränen aus dem Gesicht. »Zentralmodul? Was hat das zu bedeuten? Niemand hat uns bisher über ein Zentralmodul informiert.«

Der Mesotronik antwortete wieder in alter Manier. »Ein Hilfsvolk braucht diese Informationen nicht zu erhalten...«

Ich schlug wahllos mit einem schweren Metallschlüssel auf das nächste Terminal ein, da änderte der Mesotronik ihre Taktik.

»...aber in diesem Fall darf ich das Protokoll umgehen.«

Ich warf das Werkzeug achtlos zu Boden. »Ja bitte!« schrie ich fordernd.

Einige Sekunden vergingen, dann antwortete die Mesotronik. »Die fehlende Verbindung zum Zentralmodul, von dessen Koordination ich abhängig bin, und das Ausbleiben der Hilfsflotte, ist äußerst beunruhigend. Ein Zusammentreffen beider Ereignisse lassen auf eine Katastrophe schließen, die galaxisweit Wirkung zeigen könnte.«

Ich atmete flacher und versuchte mich zu beruhigen. »Galaxisweit?« dehnte ich den Begriff.

»Manjarde«, fuhr die Mesotronik fort. »Ich habe eure Schiffe nur zum Selbstschutz vernichtet. Die Sicherheitsschaltung verlangt es! Ihr könnt die Bedeutung dieser Station für eure Galaxis noch nicht verstehen. Vertraut mir!«

Ich lachte bitter. »Gerade du forderst Vertrauen?«

Langsam ging ich auf das Schott zu. »Ich möchte mich mit meiner Mannschaft beraten, das bist du uns schuldig.«

Die Mesotronik entließ HUKTOR aus seiner Starre. Der Robot folgte mir dicht auf.

»Allein!« schrie ich die Maschine an.

»Akzeptiert«, antwortete die Mesotronik nur.

Meine Crew war tief betroffen.

Ich beruhigte die Emotionen etwas. »Der Verlust der SOMLOM und der RAZTAN ist zwar tragisch, aber ändert unseren Plan in keiner Weise. Die Schiffe wären so oder so zurück geblieben. Insofern hat das Stationsgehirn recht, wir brauchen sie nicht mehr.«

Ich sah Pavo deutlich an, daß er noch immer wütend war. Er hatte auf die Vernichtung unserer Schiffe am heftigsten reagiert.

»Und um welche Bedrohung soll es sich dabei handeln? Durch was rechtfertigt die Mesotronik diese Handlung?«

Ich zog meine Lefzen nach oben und entgegnete verbittert: »Darüber hat sich das Stationsgehirn leider ausgeschwiegen. Aber es scheint über zwei Faktoren sehr beunruhigt zu sein. Das Ausbleiben dieser mysteriösen Flotte und der fehlende Kontakt zu ihrem Zentralmodul. Was immer das auch sein mag.«

»Ich glaube der Mesotronik!« antwortete Lika spontan.

Rack ruckte energisch herum. »Was? Du glaubst dem Gehirn? Es will uns in seinen Dienst pressen, das ist alles!«

Lika schüttelte energisch den Kopf. »Das ist unlogisch. Seine Argumentation ist schlüssig. Es will nicht entdeckt werden. Von wem auch immer. Wir tun vielleicht gut daran das einzusehen, denn was würde mit uns geschehen, wenn dieser unbekannte Feind hier auftaucht? Außerdem glaube ich, daß ein hochentwickelter Computer gar nicht lügen kann. Das ist eine Eigenschaft organischer Wesen!«

Ich nickte sinnierend. »Die Andeutungen der Mesotronik klingen wirklich bedrohlich, trotzdem ist das nicht unsere Angelegenheit. Wir werden unseren Plan wie besprochen ausführen!«

Ich sah, daß Lika nicht vollständig meiner Meinung war.

»Wir stehen gewissermaßen in der Schuld des Bordgehirns«, antworte die Psychologin dann auch. »Machen wir uns nicht vor. Wo stünden wir heute, wenn die Mesotronik unsere Schulung abgelehnt hätte? Wir wüßten nichts!«

»Durch die Vernichtung unserer Schiffe sind wir wieder quitt!« brummte Rack.

»So einfach ist das nicht!« sagte die Psychologin energisch. »Wir sollten wenigstens diese eine Mission für die Station durchführen. Vielleicht werden wir dann in Frieden entlassen.«

Ich hatte mir genug angehört und beendete die Diskussion mit einer energischen Handbewegung.

»Genug jetzt! Wir werden das Schiff bemannen und zum Schein auf die Forderung eingehen. Dann steuern wir es nach Haus! Die Probleme der Station sind nicht unsere Probleme! Unsere Heimatwelt hat Priorität und wir sollten uns nicht verpflichtet fühlen. Stimmen alle zu?«

Meine Frage war rein rhetorischer Natur. Ich war noch immer Kommandant der Gruppe und hatte hiermit einen Befehl erteilt.

Es erfolgte kein weiterer Widerspruch.

Schweigend trennten wir uns.

Vor dem Schott wartete bereits HUKTOR auf mich. Ich stieß fast mit dem Robot zusammen.

»Du hast doch nicht etwa an der Tür gelauscht!« rief ist gereizt.

HUKTOR wich einen Meter zurück. »Meine Systeme waren deaktiviert, so wie du es verlangt hast. Vertrauen gegen Vertrauen.«

Ich zog die Luft tief ein. »Also gut. HUKTOR, führ mich zum Schiff. Wir führen die Mission durch.«

Ich konnte nicht erkennen, ob der Robot besonders erfreut über diese Mitteilung war.

»Das ist gut«, antwortete er emotionslos.

8. Der Start der MESON

Die Kommandozentrale des Schiffes war klein, aber dennoch sehr geräumig. Für jedes Besatzungsmitglied war ein Platz vorgesehen. Ultramoderne Sensorik erlaubte uns die verschiedenen Schaltungen mit minimaler Kraftanstrengung durchzuführen. Alles innerhalb des Schiffes war optimal auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten, selbst die sanitären Anlagen, wie Lika anerkennend feststellte.

Rack und Pavo saßen mit leuchtenden Augen vor den Kontrollen. Die beiden Techniker hatten alle Funktionen des Schiffes unter Kontrolle.

Seit einer Stunde führten wir eine Art Countdown durch. HUKTOR hatte zwar versichert, daß wir auf diesen Check verzichten könnten, ich wollte aber an der alten Gewohnheit festhalten. Auf diese Weise konnten wir nochmals alle Funktionen gemeinsam durchgehen und uns mit der MESON vertraut machen.

Der Kommandosessel war drehbar gelagert. Rings um den Platz des Kommandanten waren die wichtigsten Statusanzeigen angeordnet. Alle zeigten Grünwerte.

»Rack!« rief ich kurz. »Maschinenkontrolle!«

»Leistung des Energiezapfers 100 Prozent. Alle Speicherzellen aufgeladen. Antrieb steht zur Verfügung. Hyperantrieb zweimal zum Test angefahren, volle Leistung verfügbar. Mögliche Beschleunigung...« Rack, der Spezialist für Antriebsysteme, lächelte und sagte betont lässig: »1000 Kilometer pro Sekundenquadrat!«

Ich lehnte mich zufrieden zurück. »Pavo! Status der Offensiv- und Defensivsysteme?

Pavos Finger flogen über die feine Sensorik. »Zyklon-Schirm bereit, fünffache Staffelung. Hochgespannt und wirksam gegen materielle und energetische Angriffe. Prallschirm, bereit. Antiortungsschirm bereit! Armierung bereit! Ein Energiegeschütz, wahlweise als Thermostrahler oder Desintegrationswerfer, einsetzbar.«

Ich sah an Pavos Haltung, daß er dem Start entgegenfieberte.

»Für das Protokoll. Ich bestimme Pavo zu meinem neuen Ersten Offizier.«

Es gab keinerlei Einwände.

Dann aktivierte ich die Com-Verbindung zum Stationsgehirn. HUKTOR wurde augenblicklich sichtbar. Der Roboter schwebte an einer halbrunden Steuerkonsole. Die Aufnahme zeigte seine Totale.

Ohne Emotionen gab HUKTOR den Start frei. »Außentore geöffnet, Rampe frei. Fertig für Ausschleusung.«

Ich gab Rack ein kurzes Zeichen.

Die MESON setzte sich langsam in Bewegung. Das Schiff schwebte auf seinem Antigravkissen aus dem Hangar und glitt die kurze Rampe hinunter. Dann stand es im Freien. Hinter uns schlossen sich die Schleusentore wieder.

Mit einer leichten Berührung der Kommandokonsole aktivierte ich den Panoramabildschirm.

Wir konnten nun das ganze Umfeld der Station überblicken.

Ich nahm Pinn auf, der die ganze Zeit um meine Beine gestrichen war, und kraulte ihn am Bauch. »Pavo, scanne die Umgebung nach Lebensformen. Ich möchte mir einen Eindruck von den Tasterfunktionen machen.«

Pavo bestätigte kurz und nahm die notwendigen Schaltungen vor. Sofort begann die Anzeige zu rasen.

Mein Erster Offizier lachte gepreßt. »Alle Anzeigen mit Vollausschlag. Erfaßte Lebensformen auf virologischer Ebene: 249.000. Rund 2 Millionen Unterarten von Ein- und Mehrzellern. Niedere Lebensformen und Bakterien rund eine Million. Soll ich weitermachen?«

Ich winkte ab.

»Mir juckt bereits das Fell«, sagte ich scherzhaft. »Die Taster sind wirklich hochempfindlich.« Ich holte tief Luft, dann befahl ich Pavo: »Steigflug auf 10.000 Meter. Zeig uns, was das Schiff drauf hat!«

Die MESON schoß förmlich in die Höhe. Pavo hatte den Antigravantrieb gewählt. Innerhalb von 3 Sekunden hatten wir die geforderte Höhe erreicht. Dann kam das Schiff zum Stillstand. Unter uns breitete sich der Dschungel aus. Dichte Wolkenbänder verdeckten die direkte Sicht, die Taster lieferten jedoch gestochen, scharfe Bilder.

»Das ist fantastisch«, mußte ich anerkennen. »Dieses Raumfahrzeug ist nach meinem Geschmack! Was meint Ihr?«

Ich erntete breite Zustimmung.

Die Beschleunigungs- und Verzögerungsphasen waren für uns praktisch nicht spürbar. Die Andruckabsorber kompensierten auch die kleinsten Beharrungskräfte.

Ich bedachte den Bildschirm der Com-Anlage mit einem Seitenblick. HUKTOR war nach wie vor zu sehen.

Mir kam ein plötzlicher und spontaner Gedanke. »HUKTOR, ich möchte den Ortungsschutz der Station testen. Wir steigen dafür in einen Standardorbit.«

HUKTOR bewegte sich leicht. »Vorschlag akzeptiert. Aber du wirst die Station mit deinen Tastern nicht wahrnehmen können. Aus dem Orbit ist sie praktisch unsichtbar.«

»Wir werden sehen«, knurrte ich zurück.

Die MESON stieg weiter und durchstieß die oberen Luftschichten des Planeten.

Um die trübe Stimmung zu beseitigen, die der Verlust der SOMLOM hinterlassen hatte, versuchte ich den Jagdinstinkt meiner Crew zu wecken. Ich setzte sie auf die Station an. Sie sollten die Wirksamkeit des Ortungsschutzes testen und mit allen verfügbaren Mitteln die Oberfläche scannen.

Nach etwa 15 Minuten meldete sich Rack und schaltete HUKTOR in die Konferenz mit ein.

Der fähige Techniker machte es sehr spannend. »Wäre ich ein Gegner, der deine Station sucht, ich würde wirklich verzweifeln. Nicht ein einziger Reflex bei der Masse- und Energieortung. Die Station ist wirklich perfekt abgeschirmt.«

HUKTOR sah starr in die Aufnahmelinsen der Com-Anlage und erwiderte: »Euer Versuch war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.«

Rack zwinkerte mir kurz zu. »Aber mit den technischen Mitteln dieses kleinen Schiffes kann ich die Station trotzdem finden!«

Ich schwenkte den Kontursessel interessiert in Racks Richtung, als mein Techniker weiter ausführte. »Wäre ich ein Gegner, dann rechne ich selbstverständlich mit einem Antiortungsschirm. Also suche ich nach Sekundärmerkmalen.«

HUKTOR schwebte vor und zurück. War der Robot nervös? »Definiere Sekundärmerkmale!«

Rack nahm einige Schaltungen vor und blendete eindeutige Tasterbilder ein. »Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Station zu lokalisieren. Zuerst würde ich nach einer Verformung der planetaren Magnetfeldlinien Ausschau halten. Die Station ist der einzige metallische Körper auf der Oberfläche. Mit einer simplen Auswertung kann ich die Station bis auf fünf Meter genau lokalisieren. Dann wäre da die Möglichkeit mit einem Temperaturprofil zu arbeiten. Die Atmosphäre heizt sich über der metallischen Außenhülle der Station etwas mehr auf als über dem Dschungelboden. Kurz gesagt, ich messe die Lufttemperatur der gesamten Planetenoberfläche und lasse die Mesotronik die Auswertung machen. Das dauert 5 Minuten. Damit kann ich die Station bis auf 2 Meter genau festnageln. Dasselbe funktioniert auch mit einer Messung der Konvektionsströme, die von der metallischen Hülle ausgehen. Der Bioscanner zeigt mir außerdem ein gutes Ziel an, denn auf der Stationshülle läßt sich nicht einmal eine Fliege nieder. Das kommt wohl von eurem Sterilisationfeld, mit dem ihr die Umgebung vom Wildwuchs freihaltet. Kopple ich die Biotaster mit der Geschützsteuerung, dann treffe ich die Station auf einen Meter genau. Sollte reichen.«

Ich hatte Mühe, nicht laut loszulachen. Rack war ein Genie.

HUKTOR zeigte keine Reaktion und sagte nur: »Ihre Auswertung wurde gerade bestätigt. Wir werden uns um diese Sekundärmerkmale kümmern. Ich schlage jetzt vor, eine erste Beschleunigungsphase zu starten und das Schiff an den Systemrand zu bringen. Ich übermittle in Kürze die Koordinaten des Zielpunktes.«

Mein Sessel schwenkte nach einem anerkennenden Blick in Racks Richtung zur Com-Anlage zurück. »Sind diese Koordinaten identisch mit der letzten Positionsmeldung der Flotte?«

»Das ist korrekt«, bestätigte HUKTOR kurz. »Das Zielsystem heißt Lobol und ist als roter Riesenstern ohne Planeten verzeichnet. Dort sollt ihr die Suche aufnehmen. Die genauen Koordinaten werden soeben überspielt.«

Ich gab Rack ein Zeichen, den Orbit zu verlassen und die Beschleunigungsphase einzuleiten. Meine Anspannung wuchs von Minute zu Minute.

»Pavo, sind die Koordinaten eingegangen?«

Mein erster Offizier nickte mir stumm zu. »Das System der Sonne Lobol, Entfernung 43 Lichtjahre. Flugvektor...« Pavo sah mich mit brennenden Augen an. »...Richtung Cleptra.«

Meine Hände umfaßten die Lehnen des Kommandosessels. Das machte es einfacher! Innerlich jubelte ich, doch nach Außen blieb ich völlig unbeeindruckt.

»Zielkoordinaten bestätigt«, wandte ich mich an HUKTOR. »Ich werde den Flug in zwei Etappen durchführen. Nach einem Orientierungsaustritt überbrücken wir den Rest der Entfernung mit einem Sprung. Ich möchte, daß wir die MESON absolut beherrschen, wenn wir am Zielpunkt angelangt sind.«

HUKTOR antwortete mit einem kurzen Akzeptabel und trennte vorerst die Funkverbindung.

Als sein Bild verschwunden war, brach Jubel in der Zentrale aus.

Ich lehnte mich zurück und schloß kurz die Augen, dann gab ich den Befehl an Pavo:

»Laß uns nach Hause fliegen!«

9. Zurück in der Heimat

Wir beherrschten das Schiff wie im Schlaf. Alle Schaltungen wurden dank HUKTORs Hypnoschulung professionell ausgeführt.

Die MESON näherte sich schnell der Lichtgeschwindigkeit, dann setzte der Hyperantrieb ein. Mit millionenfacher Überlichtgeschwindigkeit wurden wir durch den Hyperraum katapultiert.

Was für ein gewaltiger Schritt, wenn man dieses Schiff mit der SOMLOM verglich.

Ich betrachtete interessiert die undefinierbaren Muster des Hyperraums, die sich als Schlieren auf den Panoramabildschirmen abzeichneten. Niemals zuvor hatte ein Manjarde diesen Anblick gesehen. Der Hyperraum und seine Nutzung für die Raumfahrt war auf Manjard nicht einmal ansatzweise bekannt.

Ich lachte spontan. Nun, das sollte sich bald ändern.

Als wir nach einem genau berechneten Flugplan in das Normaluniversum zurückfielen, leuchtete die Sonne Cleptra im Zielkreuz des Kursrechners. Ich konnte deutlich die Erregung meiner Crew spüren.

Wir waren Zuhause!

Pavo konnte seinen Blick nicht von den Schirmen abwenden. »Nach etwas mehr als zehn Jahren hat uns die Heimat wieder!«

Lika lachte spöttisch. »Von den zehn Jahren hast du die meiste Zeit verschlafen!«

Die Kosmopsychologin blinzelte meinem neuernannten Ersten Offizier freundlich zu.

Rack streckte sich aus. »Das ist wahr. Meinem Empfinden nach ist wesentlich weniger Zeit vergangen, trotzdem muß sich in den letzten zehn Jahren viel getan haben.«

Pavo aktivierte die Kursanzeige. »Sieh mal einer an! Rabor liegt im Bereich unseres Anflugvektors.«

Ich lächelte. »Wundert dich das? Der achte Planet hat uns beim Abflug verabschiedet, da ist es nur natürlich, das er uns bei der Ankunft begrüßt.«

Lika streifte mich mit einem spöttischen Seitenblick. Wahrscheinlich dachte sie, ich wäre plötzlich sentimental geworden.

Pinn spazierte ständig um meinen Kommandosessel herum. Ich hatte das Gefühl, die kleine Kreatur von Manjurak fühlte sich wohl in meiner Nähe und suchte ständig den Kontakt zu mir.

Ich rief seinen Namen, worauf er sofort den Kopf in meine Richtung drehte und mit einem eleganten Satz, den man ihm gar nicht zugetraut hätte, auf meinem Schoß landete. Er streckte alle Beine von sich und ließ sich genüßlich kraulen.

»Mein kleiner Tiger, weißt du eigentlich, daß du bald berühmt sein wirst?« sprach ich leise und eindringlich. »Du wirst der erste außerirdische Besucher auf meiner Heimatwelt sein. Die Presse wird sich um deine Fotos reißen!«

Pinn legte den Kopf auf meinen Schoß und tat so, als ob ihm das alles nicht interessierte.

Rack machte uns auf den Koordinatenpunkt aufmerksam, an dem wir Rabor passieren würden. »Flugzeit bei dieser Geschwindigkeit noch etwa 10 Minuten.«

»Wir werden kurz halt machen und landen!« folgte ich einer spontanen Eingebung.

Meine Crew sah mich erstaunt an.

»Warum das?« fragte Lika schließlich. »Sollten wir nicht so schnell wie möglich nach Manjard weiterfliegen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Bei unserem Abflug hat ein Freund von uns scherzhaft um Gesteinsproben gebeten. Ich möchte seine Augen sehen, wenn wir sie tatsächlich mitbringen.«

Rack lächelte und zeigte seine Zähne. »Perklat, der Leiter der Raumstation!«

Pavo hatte bereits den Kurs korrigiert. »Mal ganz abgesehen von den Steinen, der Planet interessiert mich sowieso brennend.«

Wir lachten alle.

10. Das Artefakt

Aus dem Orbit präsentierte sich der Planet, wie wir ihn von unserem Abflug kannten.

»Noch keine Kolonie unserer Leute zu sehen?« fragte Lika lächelnd.

Die Psychologin machte einen Scherz, trotzdem könnte es nach 10 Jahren Entwicklung durchaus sein, daß zumindest erste, bemannte Expeditionen den Planeten erreicht hatten. Immerhin standen Schiffe vom Typ der RAZTAN bei unserem Abflug bereits kurz vor der Serienfertigung. Auch wenn dieser Schiffestyp nicht für interstellare Raumflüge taugte, die Planeten unseres eigenen Systems konnte man damit allemal erreichen.

Rack ließ die Oberfläche Rabors mit den Scannern abtasten.

»Na bitte!« hörten wir ihn überrascht ausrufen. »Da haben wir doch schon was!«

Ich schwenkte meinen Sitz herum. »Was gibt es?« fragte ich interessiert.

Rack wog den Kopf hin und her. »Großer metallischer Körper...« Er korrigierte sich und fuhr mit einigem Erstaunen fort. »Verdammt großer, metallischer Körper nahe dem Äquator. Was haben unsere Leute da gelandet?«

Ich sah erstaunt zu Pavo hinüber, erntete aber nur ein Schulterzucken. Ich war sehr überrascht. Rabor war nicht unbedingt der erste Kandidat für ein Kolonieprojekt. Vielleicht hatte sich dort eine Minengesellschaft niedergelassen und suchte nach Bodenschätzen?

»Das sehen wir uns an!« sagte ich kurzentschlossen.

Während Pavo den Landeanflug der MESON vorbereitete, legten Rack, Lika und ich die neuen Schutzanzüge an.

Dabei handelte es sich um ultramoderne Einheiten, die mit Antigravgeneratoren, Eigenschutzfeldern und Lebenserhaltungssystemen ausgerüstet waren. Im Notfall konnte die eingebaute Klein-Mesotronik die Anzugfunktionen übernehmen und den Träger in Sicherheit bringen. Kein Vergleich zu unseren alten, vergleichsweise klobig wirkenden AÜS-Anzügen.

Fasziniert sah ich auf den Holos, wie uns die Oberfläche Rabors förmlich entgegensprang. In einer Höhe von zehn Kilometern begann de MESON wie ein Meteor aufzuglühen. Die Schiffsmesotronik hatte bereits vorher reagiert und die Prallfelder aktiviert. Dann verebbte das Flammenmeer, welches das Schiff eingeschlossen hatte, und der Blick auf die faszinierende Landschaft des Planeten war frei.

Wir erkannten weite Eisfelder aus Kohlendioxid, unterbrochen von zerklüfteten und schwarzen Felsformationen erstarrter Magma. Trotz ihrer bizarren Schönheit war die Umgebung tödlich für uns. Die Außentemperatur lag bei minus 150 Grad und die Atmosphäre war nicht atembar für uns.

Ich wies Pavo an, möglichst nahe beim Ortungsimpuls zu landen. Das Echo war nach wie vor auf den Schirmen, der Ausschlag durch die unmittelbare Nähe noch deutlicher geworden.

Wegen der äußerst zerklüfteten Topographie entschied sich Pavo für einen Landeplatz, der etwa 2 Kilometer südlich der Fundstelle lag. Die kurze Distanz sollte für die Antigravgeneratoren unsere Anzüge kein Problem darstellen.

Als die MESON zum Stillstand gekommen war, machte Pavo eine einladende Handbewegung. »Darf ich die Herrschaften in die Schleuse bitten?«

Lika lächelte verbindlich und feixte. »Ich hoffe sie sind noch hier, wenn wir wieder zurück sind. Wir bringen auch von der Kolonie ein gutes Tröpfchen mit!«

Rack aktivierte demonstrativ das kugelförmige Energiefeld, das seinen Kopf wie ein Helm einschloß und schützte. Er wollte offensichtlich nicht länger warten.

»Gehen wir!« sagte ich kurz und bündig.

Als ich die kleine Schleuse der MESON verließ, wurde ich plötzlich von heftigen Emotionen gepackt und überwältigt. Einen Moment verlor ich die Kontrolle, dann hatte ich mich wieder im Griff. Was war das gewesen?

Ich betrat erstmals einen anderen Planeten meines eignen Sonnensystems. Möglicherweise rüttelte die Landung auf Rabor mehr an meinem Gefühlsleben, als die Erforschung des gesamten Leilak-Systems.

Du bist emotionell befangen, dachte ich.

Wir drei versuchten gar nicht erst, uns über den eisigen Boden zu Fuß zu bewegen, sondern schwebten mit Hilfe unserer Antigravaggregate in Richtung des Ortungsimpulses. Die Atmosphäre war düster aber klar. Alles lag in einem unheimlichen Halbdunkel.

»Ein wunderschöner Sommertag«, scherzte Rack.

Die Sonne Cleptra war viel zu weit entfernt, um Tageslicht zu erzeugen, und wirkte sich mit ihrer Wärmestrahlung kaum noch aus. Der Grund, warum es auf der Oberfläche mit minus 150 Grad trotz der Entfernung zum Zentralstern noch relativ warm war, lag an tektonischen und vulkanischen Aktivitäten, die reichlich Wärmeenergie erzeugten.

Wir flogen langsam und in Pfeilformation über die zerklüftete Oberfläche. Die Mikro-Mesotronik meines Anzugs sorgte trotz der Dunkelheit für ein glasklares Bild der Oberfläche. Das kleines Hologramm wurde genau vor meinem rechten Auge eingeblendet und ergänzte mein Sichtfeld. Wir umflogen eine Felsnadel und erklommen eine kleine Krateranhöhe.

»Ist diese Landschaft nicht fantastisch?« meldete sich Rack zu Wort. »Noch 500 Meter in Richtung dieser Anhöhe, dann müßten wir da sein.«

Lika lachte fast übermütig. »Ich bin gespannt, was unsere Leute hier aufgebaut haben.«

Nach einigen Minuten hatten wir den höchsten Punkt der Kraterwand erreicht und konnten in die kleine Senke hinabblicken.

Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Die Klein-Mesotronik meines Anzuges schlug Alarm, Lika stieß einen lauten Ausruf der Verwunderung aus und unsere Anzüge ließen uns augenblicklich zwischen die spitzen Felsnadeln absinken. Für meinen Geschmack schlug ich ein wenig zu hart mit Händen und Knien auf dem felsigen Untergrund auf. Ich hörte Rack laut fluchen.

Dann gab ich einen kurzen Code-Impuls ab und befahl Pavo, augenblicklich zu starten und bis auf weiteres auf Sicherheitsabstand zu gehen. Wir konnten von unserer Position sehen, wie die MESON mit einem Alarmstart in den dunklen Himmel von Rabor donnerte.

Likas Stimme zitterte, als sie sich nach einigen Sekunden als erste meldete: »Das ist keine Kolonie unserer Leute!«

Pavo meldete sich aufgeregt über die Com-Sprechanlage. »Ist alles in Ordnung bei euch da unten? Ich stehe 10.000 Meter über euch und habe unser kleines Geschütz ausgerichtet. Wenn sich dort unten etwas rührt, dann zerlege ich das Teil mit der Energiekanone! Ich habe jetzt ein klares Bild auf den Holos! Was, bei den leuchtenden Nachmeeren, ist das?«

Ich gab Anweisung die Sperrschaltung der Antigravgeneratoren zu beseitigen. Die Klein-Mesotroniken hatten Augenblicklich die Gefahr erkannt und alle Energieerzeuger deaktiviert, um eine Ortungsgefahr zu vermeiden.

Ich gab Rack und Lika Anweisung, in der Deckung der Felsen zu bleiben, und schwebte langsam in eine erhöhte Position. Das große metallische Objekt, das wir vom Raum aus geortet hatten, war ein Raumschiff, da bestand kein Zweifel. Es war nicht manjardischen Ursprungs, auch das war unzweifelhaft.

»Das ist ja unglaublich!« flüsterte ich, als ich einige Messungen vornahm und meiner Mesotronik zur Auswertung vorlegte. »Lika, Rack, aktiviert eure Anzüge und schließt zu mir auf! Pavo, Alarmzustand aufheben und landen. Das Schiff ist ein Wrack und liegt schon seit Urzeiten hier!«

Ich hörte Rack aufgeregt atmen. »Du hast recht, Kommandant! Das Schiff ist halb von vulkanischem Magma zugedeckt. Nach meiner Auswertung ist das flüssige Gestein vor rund 100.000 Jahren erstarrt!«

Ich spürte Lika an meiner Seite. »Aber woher kommt es?«

»Kam...« verbesserte ich leise. »Das Schiff ist offenbar vor langer Zeit hier abgestürzt. Das geschah, noch bevor wir auf Manjard den ersten Kalender erfanden und die Zeitrechnung einführten.«

»Ich habe keine Energieortung«, meldete sich Pavo aus der MESON. »Seid trotzdem vorsichtig, falls ihr euch dem Ding nähern wollt.«

Ich aktivierte den Vorschub und driftete langsam auf das Wrack zu. Die Perspektive täuschte gewaltig und gaukelte uns vor, das Wrack würde keine 200 Meter entfernt liegen. Tatsächlich wuchs die Schiffshülle immer mehr in die Höhe, je näher wir kamen.

»Du meine Güte!« sagte Lika gepreßt. »Das Wrack ist mindestens 200 Meter groß!«

»Um genau zu sein«, entgegnete Rack mit einem Blick auf seine Meßgeräte, »300 Meter lang, zylindrische Schiffszelle, Durchmesser 100 Meter. Das war ein großer Kasten!«

Ich schwebte voran und suchte in meiner Erinnerung nach Hinweisen auf die Erbauer des Schiffes, vergeblich.

»Pavo!« rief ich meinen Ersten Offizier über die Com-Anlage. »Kann uns die Bordmesotronik anhand der Bilder vielleicht sagen, woher dieses Schiff stammt?«

»Die Auswertung läuft bereits!« bestätigte Pavo.

Ich wurde erneut von einem heftigen, emotionalen Ausbruch überrascht und hatte Mühe, mich wieder zu beruhigen. Unsicher sah ich zu Rack und Lika. Beide hatten nichts bemerkt. Feiner Schweiß stand auf meiner Stirn. War ich krank oder überforderte mich dieser merkwürdige Fund?

Wir hatten das Schiff fast erreicht und schwebten längsseits polierten Schiffshülle. Das Licht unsere Anzugscheinwerfer wurden von dem Material wie von einem Spiegel reflektiert.

»Seht euch das an!« sagte ich beeindruckt. »Das Schiffsmaterial zeigt keinerlei Korrosion! Wie lange soll das Schiff schon hier liegen?«

»Rund 100.000 Jahre«, sagte Rack trocken und unterzog die Hülle einer genaueren Untersuchung. »Die Hülle ist nicht so glatt und poliert wie sie scheint«, erklärte er nach wenigen Minuten. »Die Oberfläche ist auf Mikrometerebene zerklüftet, zeigt jedoch eine regelmäßige Struktur! Merkwürdig...«

Rack machte eine Makroaufnahme und überspielte die Vergrößerung auf unsere Anzugdisplays.

»Sieht aus wie eine Fischhaut!« sagte Lika unbehaglich.

Ich folgte einer spontanen Eingebung und ritzte mit einer Sonde an der Schiffswandung entlang, dann analysierte ich die Probe. Das Ergebnis entlockte mir einen erstaunten Ausruf und ich wiederholte das Experiment, mit gleichem Ergebnis.

»Kommandant, was hast du gefunden?« fragte Rack.

»Ich habe festgestellt, daß sich die Metallschuppen der Hülle stetig erneuern. Deshalb sieht die Hülle so neu und unberührt aus!«

»Es regeneriert sich?« fragte Lika ungläubig. »Ist es organisch?«

Ich machte eine verneinende Geste. »Die mikroskopisch kleinen Schuppen werden durch einen Kristallisationsprozeß gebildet. Die Hülle besteht aus einem Werkstoff auf metallischer Basis, der jedoch kristalline Eigenschaften besitzt. Das ist unglaublich. Wird die Hülle beschädigt oder durch Erosion abgetragen, dann wächst sie wie ein Kristall von unten wieder nach und erneuert sich.«

Rack war sprachlos. Er hatte offensichtlich mein Experiment nachvollzogen und war sichtlich beeindruckt.

»Der perfekte Werkstoff für ein Raumschiff!« sagte er rauh.

Lika betastete die Oberfläche mit ihrem Handschuh. »Und das liegt schon seit 100.000 Jahren hier? Aber warum? Wieso ist uns das beim letzten Vorbeiflug nicht aufgefallen?«

Rack hatte seine Sprache wiedergefunden. »Weil wir auf der SOMLOM gar nicht die technischen Möglichkeiten hatten, dieses Schiff zu orten.«

Ich ließ mich vom Antigrav etwas in die Höhe treiben und machte einen armdicken Riß in der Hülle aus. Als ich mit meinem Scheinwerfer hineinleuchtete, sah ich nur erstarrtes Gestein.

»Die Magma hat das Schiff nicht nur teilweise begraben, sondern ist auch ins Innere eingedrungen«, stellte ich fest. »Die Frage bleibt, ob das Schiff schon vor dem Magma in dieser Senke lag und damit noch viel älter datiert werden muß.«

Pavo hatte die MESON mittlerweile sinken lassen und nahm hundert Meter über dem Wrack Schwebeposition ein. »Ich finde keinen Hinweis auf diesen Schiffstyp. Die Schiffsmesotronik schweigt sich aus.«

»Verstanden!« Ich flog um die Bugsektion des Wracks herum. »Hier ist eine Öffnung! Sieht aus wie ein kleiner Hangar. Wir gehen rein!«

Lika schien das Ganze nicht geheuer. »Meinst du wirklich, wir sollten das tun? Lassen wir es doch einfach in Frieden ruhen.«

Rack justierte seinen Antigrav und schwebte langsam auf meine Höhe.

»Lika«, sagte ich leise. »Du beziehst hier draußen Position und warnst uns, falls etwas Unerwartetes geschieht. In Ordnung?«

Die Kosmopsychologin atmete hörbar auf. »In Ordnung, Kommandant.«

Ich klopfte Rack auf die Schulter und schwebte langsam auf die Öffnung zu. Im Innern des Wracks herrschte absolute Dunkelheit. Wir mußten unsere Anzugscheinwerfer auf Maximum justieren um die Orientierung nicht zu verlieren. Gleichzeitig aktivierten die Anzug-Mesotroniken den Nachtsichtmodus und blendeten verschiedene, für unsere Augen aufbereitete Ansichten ein. Für uns war es plötzlich taghell, doch das änderte nichts an der Tatsache, daß der zugängliche Innenraum total verfallen und zerstört war. Alle Aggregate waren zerstört, zeigten deutliche Zerfallserscheinungen und waren energetisch tot.

Rack maß die Höhe der Räume aus. »Die Besitzer des Schiffes mußten um einiges kleiner gewesen sein als wir. Die lichte Höhe beträgt kaum zwei Meter.«

Wir fanden schließlich eine kleine Konsole, die wir näher untersuchen konnten. Auf den Bedienfeldern waren kryptische Zeichen zu sehen. Ich machte ein paar Aufnahmen für die spätere Auswertung.

Als Rack mit seiner Hand den Staub beiseite wischen wollte, brach die Konsole in sich zusammen.

»Verdammt!« hörte ich meinen Techniker fluchen. »Das Zeug ist vollkommen marode. Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten.«

Ich leuchtete an der Decke entlang. »Die Statik scheint auch schwer angegriffen zu sein. Siehst du die vielen Risse?«

Rack ließ seinen Scanner an den Bruchstellen entlangfahren. »Wir sollten lieber sehen, daß wir dieses Wrack schleunigst verlassen. Die Decke bricht bei der kleinsten Belastung ein.«

Ich nickte ihm kurz zu und sah mich nochmals um. Wir schwebten in einem Hangar, der vollkommen leergeräumt wirkte. Hatte sich die Besatzung nach dem Absturz mit den Beibooten gerettet?

»Kommandant, ich habe etwas gefunden!« hörte ich plötzlich Likas aufgeregte Stimme im Empfänger.

Ich gab Rack ein Zeichen, den Hangar vorsichtig zu verlassen. Als wir wieder ins Freie schwebten, wartete Lika bereits auf uns.

»Ich bin um den Bug herumgeflogen und habe eine Entdeckung gemacht.«

Wir folgten ihr und umrundeten die Bugsektion, die einige große Öffnungen in Flugrichtung zeigte.

Rack wirkte interessiert. »Vermutlich Öffnungen für Brems- und Steuertriebwerke.«

Dann erreichten wir die andere Seite.

Lika deutete mit dem Arm auf ein großes, kreisrundes Loch in der Hülle. »Da, seht ihr?«

Ich sah Rack kurz an. Dieser symetrische Hüllenbruch war nicht natürlich oder beim Absturz entstanden. Vielleicht durch Waffenwirkung?

»Es hat einen Kampf gegeben«, stellte mein Techniker sachlich fest. »Sieht aus, als ob ein Waffenstrahl ein Stück aus dem Rumpf geschnitten hätte.«

»Ein Desintegratorfeld?« fragte ich.

Rack schüttelte den Kopf. »Es sieht eher nach einem Entstofflichungsfeld aus. Diese Waffe erzeugt im Zielpunkt ein kugelförmiges Hyperfeld, welches alle Materie einschließt und in den Hyperraum reißt. Erkennst du die runde und symmetrische Struktur des Hüllenbruchs?«

Ich bestätigte. »Eine fürchterliche Waffe!« murmelte ich bedrückt.

Lika sah uns ängstlich an. »Zumindest wissen wir jetzt, warum das Schiff hier abgestürzt ist.«

Ich überflog das Wrack nochmals mit einem Blick und entschied dann zur MESON zurückzukehren. Eine plötzlich aufkeimende Unruhe trieb mich an, den Flug nach Manjard fortzusetzen.

»Zumindest wird Perklat diesen Fund mehr schätzen, als ein paar Steine von der Oberfläche«, sagte Rack.

Ich nickte überzeugt. »Worauf du Gift nehmen kannst!«

Wir machten uns auf den Rückweg zum Schiff, wo Pavo bereits auf uns wartete.

Auf dem Rückflug plagten mich plötzlich seltsame Angstzustände. Ich spürte, daß mein Puls plötzlich zu rasen begann und erhielt eine entsprechende Warnung der Anzugs-Mesotronik.

Rack sah kurz zu mir herüber. »Alles in Ordnung, Kommandant?«

Ich sah mich unsicher um. Lika schwebte kurz hinter mir.

»Ja, Rack. Alles in Ordnung. Ich dachte nur...«

Wieder spürte ich, wie mich eine seltsame Gefühlswallung erfaßte. Ich atmete heftiger. Was ist mit mir? War ich krank oder strahlte dieses Wrack etwas aus, das mich beunruhigte?

Wir beschleunigten und kamen kurz darauf bei der MESON an.

11. Der Verdacht

Als wir die Anzüge abgelegt und die Dekonterminationsprozedur hinter uns hatten, öffnete sich die Innenschleuse des Schiffes. Wir sahen Pavo, der bereits hinter dem Schott gewartet hatte und uns mit eisiger Miene entgegenblickte.

Als ich auf ihn zuging, sprang mich plötzlich Pinn an und warf mich zu Boden. Lika ließ einen kurzen Angstschrei hören, der jedoch völlig unbegründet war.

Pinn war offensichtlich ganz außer sich und schien sich unbändig über meine Rückkehr zu freuen. Ich mußte ihn beruhigen und hatte Mühe, bei seiner heftigen Begrüßung aufzustehen.

»Was ist mit dir?« fragte ich und kraulte Pinn im Nacken.

Wieder spürte ich eine plötzliche Gefühlswallung, die meinen Körper durchflutete. Diesmal waren es jedoch angenehme, freundliche Gefühle.

Ich stutzte und hielt Pinns Kopf kurz fest. Die großen Augen der Kreatur musterten mich offen. Hatten meine emotionellen Anfälle etwas mit Pinn zu tun?

Ich war irritiert und sah kurz zwischen Lika und Pavo hin und her, die mich merkwürdig musterten.

»Kommandant, geht es ihnen auch wirklich gut?«

Ich brachte ein genervtes Lächeln zustande. »Alles in Ordnung. Ich hatte nur so einen merkwürdigen Gedanken...«

Du nimmst Teil an seinen Gefühlen, dachte ich erstaunt und sah zu Pinn, der mich aufmerksam fixierte.

»Kommandant!« unterbrach uns Pavo.

Wir hatten die ganze Zeit über nicht auf unseren ersten Offizier geachtet. Jetzt bemerkte ich erneut seinen versteinerten Blick.

»Was ist mit dir, Pavo?« fragte ich ruhig.

Ich sah in seinen Augen, daß etwas nicht stimmte.

»Es ist besser Kommandant, wenn ihr mir schnell in die Zentrale folgt«, sagte er nur und wandte sich um.

Wir saßen ratlos vor der Mesotronik und hörten uns an, was Pavo zu sagen hatte.

»Während ihr das Wrack untersucht habt, kam mir ein Gedanke. Ich wollte nach eurer Rückkehr erste Bilder aus der Heimat präsentieren und die Abendnachrichten von Manjard auf dem Holo abspielen. Trotz der Entfernung sollte das kein Problem für unsere Taster sein. Also begann ich das UHF-Band abzuhören, um irgend eine Sendung aufzufangen.« Pavo atmete heftig. »Es war ein Fehlschlag! Ich empfing nicht das kleinste Signal!«

Rack sah unsicher zwischen der Mesotronik und Pavo hin und her. »Vielleicht hast du das falsche Frequenzband abgehört...«

»Nein!« kam Pavos Stimme fest und überzeugt. »Ich habe alle Frequenzbänder abgehört! Als ich keine Bildsendungen auffangen konnte, da habe ich es mit Radiosignalen versucht. Auch Fehlanzeige!«

Lika war aufgestanden und ging auf Pavo zu. »Das muß nichts zu bedeuten haben. Damals auf der SOMLOM hatten wir nach dem Durchstoßen der Oortschen Wolke auch ein Funkloch...«

Pavo sprang erregt auf. »Das ist kein Funkloch!« rief er laut. »Ich habe alles überprüft. Mit den Möglichkeiten dieses Schiffes muß ich die Funksignale von Manjard glasklar empfangen können! Wenn ich keine empfange, dann ist unser Planet tot!«

Ich sah mich veranlaßt Pavo zur Ordnung zu rufen, worauf sich mein Erster Offizier sofort wieder beruhigte.

»Ich verstehe deine Erregung«, sagte ich langsam. »Auch ich bin beunruhigt. Aber es muß eine Erklärung geben.«

Pavo nickte. »Ja, das glaube ich auch. Nur bin ich nicht sicher, ob ich diese Erklärung akzeptieren kann.«

Mir schoß das Blut in den Kopf als ich verstand, was Pavo damit andeuten wollte. Pinn fuhr erschrocken herum und stieß ein lautes Fauchen aus.

Er fühlt deine Angst auch, dachte ich nur.

»Um das Artefakt kümmern wir uns später«, befahl ich dann. »Schiff startklar machen! Direktflug und auf dem schnellsten Weg nach Manjard!«

Ich sah plötzlich die Angst in den Gesichtern meiner Crew und hoffte, daß sich alles zum Guten aufklären würde.

Gerade in diesem Augenblick sprach der Hyperfunk an.

Ich war eine Sekunde wie gelähmt. An die Station, den Roboter und unsere eigentliche Aufgabe, hatte ich keine Sekunde mehr gedacht.

Trotzdem nahm ich den Ruf entgegen.

»HUKTOR an MESON. Wie ist euer Status? Wurde die erste Etappe nach Plan abgeschlossen?«

Meine Stimme schwankte leicht als ich antwortete. »Alles läuft nach Plan. Wir führen noch eine weitere Trainingseinheit durch und setzen dann die nächsten Sprungkoordinaten.«

HUKTOR sah starr in die Erfassung der Aufnahmeoptik. »Ich registriere Schwankungen in deiner Stimme, Kommandant. Ist wirklich alles in Ordnung?«

Ich fluchte leise. Wie oft würde ich diese Frage heute noch hören müssen?

Anstelle einer Antwort überspielte ich HUKTOR die aufgenommenen Symbole des Schiffswracks. »Kannst du diese Symbole für uns auswerten? Wir sind bei einer kurzen Zwischenlandung darauf gestoßen und würden gern wissen, was es damit auf sich hat.«

HUKTOR bestätigte den Empfang der Bilder und unterbrach die Verbindung.

»Während HUKTOR über unsere Entdeckung brütet«, sagte ich leise, »laßt uns schnell nach Hause fliegen.«

Ich sah erneut in Pavos brennende Augen und glaubte, das sich meine eigenen Ängste darin spiegelten.

Was war auf Manjard geschehen?

12. Die Gewißheit

Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Das Wrack auf der Oberfläche von Rabor, HUKTOR und die Station, die Mission, die emotionelle Verbindung mit Pinn, keine Signale von der Heimat...

Du machst dich noch selbst verrückt, dachte ich.

Die MESON hatte sich bis auf 10 Millionen Kilometer Manjard genähert. Noch immer empfingen wir keinerlei Signale.

Lika sah mit großen Augen auf das Holobild, das von Pavo in der Zentrale aufgebaut wurde.

»Da stimmt etwas nicht!« rief die Psychologin erschrocken. »Die Nachtmeere! Sie leuchten nicht!«

Ich bemerkte es ebenfalls. Ein Klos bildete sich plötzlich in meinem Hals.

Rack fuhr mit einem Aufschrei in die Höhe. »Die Raumstation ist nicht lokalisierbar. Sie ist verschwunden!«

Ich krallte mich an die Lehnen meines Kommandosessels. Nein, das durfte nicht sein!

Ich befahl Rack, den Ortungsversuch zu wiederholen.

Der Techniker meldete sich kurz darauf mit schwankender Stimme. »Trümmerfeld im geostationären Orbit!«

»Strahlungsemissionen von der Oberfläche!« sagte Pavo leise und gefährlich ruhig. »Ausgehend von allen drei Kontinenten! Werte weit über dem lebensgefährlichen Pegel!«

»Atmosphäre ebenfalls stark strahlenbelastet!« schrie Lika entsetzt. »Hohe Plutonium- und Radonwerte gemessen!«

Meine Kehle trocknete innerhalb von Sekunden aus. Nein! Das darf nicht sein!

Keiner wagte sich zu rühren und keiner sprach ein Wort. Die MESON kam jede Sekunde der furchtbaren Gewißheit ein Stück näher.

»Erhalte Daten über den möglichen Einsatz von atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen auf allen Hauptkontinenten.«

Pavo rannten Tränen über die Wangen. Lika war zusammengebrochen und zu einem zitternden Bündel geworden. Rack biß so stark die Zähne zusammen, daß es laut krachte.

Die MESON hatte den Orbit erreicht und zeigte uns erste Bilder von der Oberfläche. Alle Hauptstädte waren durch Fusionsbomben zerstört worden. Wir fanden nicht eine einzige, intakte Stadt.

Rack hatte sichtliche Mühe sich zu beherrschen, dann rannen auch ihm die Tränen über die Wangen. Niemand mußte sich für seine Gefühle schämen und auch ich ließ meinen Emotionen freien Lauf. Pinn rollte sich auf dem Boden zusammen und stieß lautes Jammern aus.

Die Kreatur leidet mit mir, schoß es mir durch den Kopf.

»Unsere Familien!« schluchzte Rack. »Sie sind alle tot!«

Ich weigerte mich noch immer, das alles zu akzeptieren. Doch die Realität holte mich mit immer neuen Bildern ein. Manjard war vollkommen zerstört worden! Unser Volk war untergegangen!

Der Traum von einer kosmischen Bestimmung war ausgeträumt. Ein schrecklicher Krieg hatte alles vernichtet, was unser Volk über die Jahrhunderte erschaffen hatte.

Alles zu radioaktiven Staub verbrannt, dachte ich entsetzt.

»Es muß kurz nach unserem Start passiert sein«, schluchzte Rack.

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.

»Wie bitte?« fragte ich irritiert.

»Nach der gemessenen Strahlung und der Halbwertzeit der radioaktiven Isotope errechnet die Mesotronik, daß seit der Katastrophe etwa zehn Jahre vergangen waren. Da hast du dein Funkloch, Lika!«

Rack lachte wie ein Irrer, fing sich aber schnell wieder und ging in ein Schluchzen über.

Kurz nach unserem Abflug, dachte ich verbittert. Vielleicht war unser Start der Auslöser für diesen Wahnsinn!

Ich nahm meine Gedanken sofort wieder zurück. Es wäre so oder so passiert!

Ein kurzer Gedanke der Hoffnung ließ mich aus meiner Lethargie ausbrechen.

»Pavo!« rief ich.

Mein Erster Offizier reagierte nicht.

»Pavo!« rief ich nochmals. »Scanne die Oberfläche nach Überlebenden! Es muß Überlebende geben.«

Pavo führte stumm die entsprechenden Schaltungen aus.

Ich fixierte das Display der Tasterauswertung. Es muß Überlebende geben!

Meine Empfindungen wurden taub und kalt, als die Mesotronik meldete: »Keine Überlebenden lokalisiert.«

Ich ballte die Fäuste und schrie: »Das ist unmöglich! Es gab Schutzräume! Es muß Überlebende geben! Ortungssequenz wiederholen!«

Doch die Mesotronik wiederholte dieselbe Meldung erneut.

Nur Pavo ergänzte niedergeschlagen: »Ich messe einen bakteriologischen Kampfstoff an, der zu klein für die Luftfilter und zu resistent für die Säuresperren der Bunkeranlagen war. Ich nehme an, er konnte nicht ausgefiltert werden und hat alle getötet, die noch rechtzeitig in einen Schutzraum fliehen konnten. Unser Volk existiert nicht mehr, Kommandant!«

Ich ließ die MESON den Planeten umrunden und führte die Suche fort. Auch wenn mein Verstand mir sagte, daß es keinen Sinn mehr hatte weiter zu suchen, verlangte ich wieder und wieder eine Abtastung der Oberfläche.

Zuletzt hatten wir die Trümmer im Orbit des Planeten durchsucht. Keines war größer als ein paar Meter. Keine Hinweise wie die Katastrophe eingetreten war, keine Überlebenden.

Wir blieben im Orbit und trauerten um unsere Angehörigen. Jeder zog sich in einen stillen Winkel zurück, weinte, betete oder gedachte seiner Familie.

Ich verfluchte diesen Tag! Er würde sich bis an mein Lebensende in mein Gedächtnis einbrennen. Ich mußte immer an Likas letzten Ausruf denken: Die Nachtmeere, sie leuchten nicht mehr!

13. Die Entscheidung

Wir hatten uns nach einigen Stunden wieder versammelt. Alle Mitglieder meiner Crew waren aufs tiefste niedergeschlagen. Der Hypersender hatte bereits mehrmals angesprochen, wir hatten den Ruf jedoch nicht beantwortet. HUKTOR!

»Wir müssen eine Entscheidung treffen!« sagte ich mit brüchiger Stimme.

Lika sah jämmerlich aus. Ihre großen, roten Augen starrten mich an. »Kommandant, was soll das für eine Entscheidung sein? Unser Volk ist tot. Unsere Heimat verbrannt! Wir sollten dieses Schiff in die Sonne lenken und ein Ende machen!«

»Unsinn!« sagte ich so scharf, daß die Kosmopsychologin zusammenzuckte. »Von meiner Bordpsychologin erwarte ich vernünftige Vorschläge, auch im Angesicht einer solch furchtbaren Katastrophe!«

Lika schüttelte sich und kämpfte erneut mit den Tränen.

»Wir können uns nicht ewig tot stellen! HUKTOR wird bald bemerken, daß etwas nicht stimmt! Wir müssen eine Entscheidung treffen, was wir als nächstes tun werden!«

Pavo wirkte bereits wieder gefaßt. »Kommandant, was können wir noch tun? Was hätte noch einen Sinn?«

Rack streifte das von Tränen verklebte Fell aus seinem Gesicht, lachte künstlich und sagte: »Wir könnten so tun, als ob nichts geschehen wäre, und die Mission fortsetzen.«

Er hatte es nicht ernst gemeint, trotzdem bestätigte ich seine Aussage: »Das ist genau mein Vorschlag!«

Rack fuhr in die Höhe. »Was?«

Ich nickte bestimmt. »Genau das! Manjard ist für immer verloren. Wir können nicht auf unserem Heimatplaneten landen, geschweige denn leben. Unser Volk hat einen unverzeihlichen Fehler begangen, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Machen wir nicht denselben Fehler! Die Stations-Mesotronik hat uns gegenüber angedeutet, daß etwas schreckliches geschehen sein könnte und gab uns den Auftrag, der Sache nachzugehen.« Ich sah von einem zum anderen. »Die Mesotronik sprach von einer Gefahr, die der ganzen Galaxis schaden könnte. Wir sollten uns jetzt dieser Verantwortung stellen!«

Pavo fuhr auf. »Welche Verantwortung soll das sein? Wir wurden gegen unseren Willen vom Stationsgehirn verpflichtet. Und wollten wir nicht mit dem Schiff desertieren und heimkehren?«

Ich nickte stumm. »Ja, das machte auch Sinn, als es noch eine Heimat gab.«

Betroffenes Schweigen machte sich breit, dann fragte Lika: »Kommandant, du verlangst also von uns, daß wir die Mission fortsetzen?«

Ich sah überrascht auf. »Ja, ich schlage vor, daß wir das tun.«

Lika stand langsam auf. »Ich bin dafür!«

Ich sah sie einen Moment verwundert an, dann verstand ich. Sie wollte den unglaublichen Schmerz verdrängen und auch den anderen Besatzungsmitgliedern helfen, es ihr gleich zu tun. Das konnte man am besten mit einer neuen Aufgabe.

Im Grunde tust du genau dasselbe, dachte ich.

Ich sah Pinn an, der vor mir auf dem Boden lag und sich an meine Beine schmiegte. Ich hatte mehrmals den Eindruck gehabt, daß ich Pinns Gefühle teilte. Was verband mich mit dem kleinen Wesen?

Als die Hyperfunkanlage erneut ansprach, nahm ich den Ruf entgegen. Wie erwartet erschien das Bild HUKTORs auf der Empfangsanlage. Ohne eine weitere Frage eröffnete der Robot das Gespräch.

»Die Auswertung der Symbolschrift aus dem Wrack liegt vor.«

Ich schüttelte für einen Moment meine Trauer ab, so schwer es auch war, und fragte heißer: »Was hast du herausgefunden, HUKTOR

»Die Symbolschrift läßt sich mit den Mitteln der Station nicht entschlüsseln«, eröffnete der Robot geheimnisvoll. »Da wir keinen Kontakt zum Zentralmodul haben, muß eine weitere Analyse auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Die Angaben, die ihr über das Wrack gemacht habt, lassen auf eine sehr alte und hochstehende Kultur schließen.«

Ich verbarg meine Enttäuschung nicht, denn ich hatte wenigstens bei diesem Thema auf eine Klärung gehofft.

»Kommandant?«

Ich sah kurz auf. War HUKTOR noch nicht fertig?

Jetzt kommt bestimmt die Erinnerung, den nächsten Hypersprung anzusetzen und die Mission fortzusetzen, dachte ich.

»Es tut mir sehr Leid um eure Welt«, sagte der Robot überraschend einfühlsam.

Alle Köpfe ruckten herum. Aber wie konnte HUKTOR wissen was geschehen war?

HUKTOR lieferte selbst die Erklärung. »Ich erscheine zwar vor euch als autarker Robot, aber ich bin auch gleichzeitig die Stations-Mesotronik. Ich bin außerdem das Schiff. Ich bin alles. Was das Schiff sieht, das sehe ich auch. Und das Schiff hat schlimme Dinge gesehen.«

Ich schluckte schwer. HUKTOR hat also die ganze Zeit über gewußt, was vor sich ging.

»Ich erlaube euch, noch ein paar Stunden bei eurem Planeten zu verweilen, um den Toten zu gedenken. Auf das Artefakt kommen wir später vielleicht zurück. Doch nach kurzer Besinnung müßt ihr eure Mission fortsetzen. Versucht, euch von den schrecklichen Dingen zu befreien, die ihr gesehen habt. Ich appelliere an euch! Es könnte eine Gefahr auf uns zukommen, die euren Verlust um ein vielfaches übertrifft und viel Leid über die Galaxis bringt. Ihr seid meine einzigen Hoffnungsträger!«

Das klang schwülstig, aber zeigte Wirkung. Ich erkannte erstmals wieder so etwas wie Lebenswillen in den Augen meiner Besatzung.

»HUKTOR, wir danken dir für dein Verständnis«, antwortete ich leise. »Ich bin froh, daß wir offen reden können. Heute ist der schwerste Tag in unserem ganzen Leben. Wir haben alles verloren, Freunde, alle Hoffnung und die Heimat. Aber wir haben uns entschlossen weiter zu machen.«

Lika, Rack und Pavo stimmten ein, sogar Pinn ließ ein entschlossenes Knurren hören.

HUKTOR reagierte wieder wie gewohnt und quittierte unsere Zusage mit einem kurzen: »Das ist gut.«

Dann trennte er die Verbindung.

Wir verweilten noch einige Stunden im Orbit unserer ehemaligen Heimatwelt und beschleunigten dann in Richtung Systemrand. Ob wir noch einmal hierher zurückkehren würden, wußten wir nicht.

Vor uns lag eine wichtige Aufgabe. Wir sollten nach einer verschwundenen Flotte suchen.

Nach einer Geisterflotte, dachte ich. Wir konnten nur hoffen, daß die Zusammenhänge für uns bald klarer werden würden.

»Gehen wir's an!« befahl ich Pavo.

Die MESON verließ den Orbit um Manjard und beschleunigte in Richtung Systemrand.

ENDE

Die Manjarden haben Unglaubliches entdeckt und sind durch die Schulung des Roboters Huktor zu Wesen mit kosmischem Denken gereift. Trotzdem konnten sie ihre Heimat nicht vergessen, die sie nur noch in Trümmern vorfanden. Für das Volk der Manjarden gibt es keine Rettung mehr. Der Planet ist verwüstet und auf Jahrhunderte hinaus unbewohnbar. Die letzten Vier ihrer Art nehmen somit ihr Schicksal in die eigene Hand und folgen der Bitte Huktors, nach einer verschollenen Flotte zu suchen.

Es ist eine Aufgabe von wahrlich kosmischer Dimension und großer Verantwortung, wird ihnen versichert. Aik, Lika, Pavo und Rack ertränken ihren Schmerz über den Verlust der Heimat, im Eifer der neuen Aufgabe. Die Spur führt zu einer einsamen Sonne, genannt Lobol...

Wie es weiter geht, könnt ihr in Vithau Band 4 lesen. Er trägt den Titel

Die Geisterflotte

und stammt ebenfalls aus der Feder von Thomas Rabenstein.

Vithau - Interaktive Story des PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 1 von Thomas Rabenstein. Titelbild: Thomas Rabenstein. Nach einer Idee von: Rainer Schwippl. Versand: PROC. Lektorat, Nachbearbeitung, Umsetzung in Endformate: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.proc.org/vithau/. eMail: vithau@proc.org. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten!