Thomas RabensteinPERRY RHODAN ONLINE CLUB (PROC) HomepageHeft 1
Vithau - Eine interaktive Story des Perry Rhodan Online Club

Aufbruch der Manjarden

Nach einer Idee von Rainer Schwippl

Was bisher geschah

Das Universum, in seiner unermesslichen Größe, entzieht sich fast vollständig dem Verständnis eines einzelnen Individuums. Millionen von Galaxien mit wiederum Billionen von Sternen, ziehen ihre Bahnen und bilden eine kosmische Bühne die jeden Beobachter faszinieren muss. Sonnen entstehen und erlöschen. Neues Leben wird in unglaublicher Vielfalt geboren und vergeht in derselben Sekunde im Feuer explodierender Sterne. Bei der Größe dieser kosmischen Bühne scheint es wahrscheinlich, dass sich gerade in diesem Moment ein Volk aufmacht um nach den Sternen zu greifen. Oft ist der Antrieb für ein solches Vorhaben im simplen Wissensdrang oder unstillbarer Neugier begründet. Manchmal ist es die Suche nach Brüdern im All oder der Wunsch, die letzten, unentdeckten Geheimnisse des Universums zu lüften. Hat man die erste Schwelle überschritten und das heimatliche Sonnensystem verlassen, dann wird man sich plötzlich bewusst, dass dieser Schritt nur eine weitere Tür öffnet, die wieder zu neuen, unendlich vielen Fragen führt. So unüberschaubar wie unser Universum, so ist die Anzahl seiner Geheimnisse. Vielleicht ist es deshalb die logische Konsequenz, dass früher oder später jedes intelligente Lebewesen der Faszination des Kosmos und seiner Gesetze erliegt.

Diese Geschichte beginnt mit dem Vorhaben eines jungen und tatendurstigen Volkes, das sich genau dieser Herausforderung stellt. Wäre man ein Beobachter, der abseits der kosmischen Bühne steht und dem Treiben seiner Akteure zusieht, dann würde man vielleicht ein paar Momente verweilen und den Wesen aus dem System der Sonne Cleptra, bei ihren Anstrengungen eine Zeit lang seine Aufmerksamkeit schenken. Wissend, dass die Entwicklung aufstrebender Völker oft ebenso schnell endet wie sie begann, würde man vielleicht das Beste hoffen, das junge Volk eine Zeit lang begleiten, um dann zum nächsten Schauplatz zu wechseln. Manchmal jedoch, vielleicht nur alle Millionen Jahre einmal, erlangt ein Volk eine besondere Bedeutung. Dann schreibt es Geschichte und prägt durch das Wirken seiner Vertreter die Geschichte einer ganzen Galaxis. Ob das bei dem jungen Volk der folgenden Geschichte zutrifft, kann man noch nicht wissen. Zugegeben, es bringt viele positive Eigenschaften mit, die es auszeichnen. Tatendurst und Energie gehören ebenso dazu wie flammende Begeisterung. Jedoch besitzt es auch Schwächen, die ihm zum Verhängnis werden können, zur Stagnation führen oder gar zum Untergang. Doch an all diese Dinge denken die jungen Raumfahrer nicht. Für sie gibt es nur ein Ziel, nur einen Traum, der ihr gesamtes Denken beherrscht. Die letzten Barrieren zu überwinden und die Weiten des Kosmos zu ergründen. Sehen wir ihnen einfach eine Weile zu und beobachten, was das Schicksal für sie bereithält.

Thomas Rabenstein
Mai 2001

Hauptpersonen

Aik – Kommandant der Reserve-Crew

Raztan – Missionskommandant der SOMLOM

Loilo – Erster Offizier, auch zuständiger Wissenschaftsoffizier der SOMLOM

Lika – Einzige Frau der SOMLOM und ausgebildete Kosmopsychologin

Rack – Maschineningenieur und zuständig für die Bord- und Antriebstechnik der SOMLOM

Pavo – Cheftechniker der Ortung und Energietechnik

Samut – Bordarzt und Kosmo-Biologe

1. Aufbruchstimmung

Die Nasszelle war klein, jedoch mit allem Komfort ausgestattet. Ich schloss die Augen und versuchte, mich zu entspannen. Ein warmer Dampfstrahl blies durch meine dichte Körperbehaarung und vertrieb lästige Insekten, die sich jeden Tag aufs Neue versuchten, in meinem Pelz einzunisten. Ich fluchte kurz. Sogar bis zu diesem Ort waren die Plagegeister vorgedrungen, obwohl stärkste Hygienevorschriften herrschten. Scharf gebündelte Wasserstrahlen massierten meine kräftigen Beinmuskeln und ein Ventilationssystem sorgte dafür, dass der warme Wasserdampf meine empfindlichen Nasenschleimhäute nicht über Gebühr reizte. Ich hob kurz die Ohren an und ließ den feinen Sprühregen pflegender Öle sein erfrischendes Werk tun. Ein angenehmes und wohliges Gefühl nahm von meinem Körper besitz und mir wurde erneut bewusst, über welchen Luxus ich eigentlich verfügte. Ein leichter Schauer durchlief meinen Körper, als die Wechseldusche einsetzte.

Während ich mich der täglichen Reinigungsprozedur hingab, die mein Fell abverlangte, sinnierte ich über die vergangenen 5 Jahre nach. Es war eine lange Zeit gewesen! Eine Zeit, in der ich auf alles verzichtet hatte, was sich einem jungen Manjarden in meinem Alter normalerweise erschloss. Aber ich bin den Verzicht bewusst eingegangen, denn ich wollte an dem gewaltigsten Vorhaben teilnehmen, das es jemals gegeben hatte.

Auf Manjard, dritter Planet der Sonne Cleptra, lebte ein Volk in Aufbruchsstimmung. Obwohl es auf meinem Heimatplaneten noch viele Probleme zu lösen gab, hatten sich die drei großen Stämme auf ein gewaltiges Projekt eingelassen. Den Griff nach den Sternen! Ich rang mir ein Lächeln ab. Natürlich hatten sich die manjardischen Nationen nicht aus plötzlich einsetzender Nächstenliebe geeinigt. Für einen Stamm allein war das Sternen-Projekt nicht finanzierbar, also tat man sich zusammen, um die Kosten möglichst im kalkulierbaren Rahmen zu halten. Außerdem versuchte jede Seite bei diesem »Gemeinschaftsprojekt« ein paar Details über die Technologie der jeweils anderen Seite auszuspähen. Zu guter Letzt war es eine reine Prestigefrage. Jede Nation wollte unbedingt mit einem Vertreter dabei zu sein, wenn Manjarden erstmals ein fremdes Sonnensystem besuchen.

Ich schüttelte den Kopf. Fast hatte ich vergessen,woich mich eigentlich befand. Ich gab einen verbalen Befehl an den Steuercomputer und verließ die Nasszelle meiner Kabine. Sofort wurde das Warmluftgebläse aktiv und trocknete die letzten Wassertropfen von meinem dichten Fell. Mein Blick fiel kurz auf den Spiegel. Ich konnte stolz auf meine Körperbehaarung sein, zeigte mein Fell doch neben der üblichen Brauntönung, zarte Spuren von silbergrau. Mir war natürlich bewusst, dass meine Fellzeichnung außergewöhnlich attraktiv auf die Frauen wirkte. Doch leider hatte sich in den letzten Jahren kaum Gelegenheit ergeben, es gebührend zur Schau zu stellen. Mein Leben war momentan nur einer einzigen Aufgabe gewidmet, nämlich bereit zu sein, wenn man mich benötigte. Ich kleidete mich an und durchschritt die Kabine mit schnellen Schritten. Mein Ziel war das große Panoramafenster.

Obwohl die Sonne Cleptra in einem sternenarmen Bereich der Galaxis Lokdai stand, war die Schwärze des Alls überzogen mit unzähligen Lichtpunkten ferner Sonnen. Nur teilweise gehörten sie zur eigenen Galaxis. Viele von ihnen, nur weiter entfernt, gehörten zur Galaxis Mercor, die in direkter Nachbarschaft zu Lokdai stand.

Mein Blick glitt hinunter zu Manjard. Die Nachtmeere leuchteten in fluoreszierenden Grün-Blau, ein wundervoller Anblick, der von nachtaktiven Mikroorganismen erzeugt wurde. Früher, vor hundert Jahren, hatten sich die Fischer nachts niemals aufs Meer hinausgewagt. Sie glaubten das Meer würde sie verbrennen. Heute wissen wir, dass die Leuchtenergie von den Mikroorganismen erzeugt wird, um sich vorgrößeren Fressfeinden zu schützen.

Ich stützte meine Hände gegen die große Panzerplastscheibe und sah zur SOMLOM hinüber, dem Stolz meines Volkes. Das Fernraumschiff schwebte scheinbar bewegungslos im Raum, doch das war eine Illusion. Tatsächlich bewegten sich die Raumstation und das angedockte Schiff mit mehreren Kilometern pro Sekunde um den grünblauen Planeten, der meine Heimat war. Soeben überquerte die Raumstation die Tag-Nacht Linie und trat aus dem dunklen Schatten der Planetenscheibe heraus. Auf dem metallischen Schiffskörper der SOMLOM spiegelte sich die aufgehende Sonne. Der Blick auf die kühne Schiffskonstruktion war wie immer beeindruckend. Noch wurde die SOMLOM, deren Name vom manjardischen Wort für »Friede« abgeleitet war, von den Klammern der Andockstation gehalten. Doch schon bald würde sich das gewaltige Schiff lösen und seinem fernen Ziel entgegenfliegen!

Während auf Manjard bereits ein neuer Tag begann, herrschte auf der internationalen Raumstation der drei Stämme bereits reger Betrieb. In vier Schichten gingen die Techniker und Forscher ihrer Arbeit nach. Während auf dem Planeten die Tage von den Nächten abgelöst wurden, arbeitete man im Orbit ununterbrochen an den Systemen des Fernraumschiffes. Jede einzelne Steuerleitung, jeder Computerschaltkreis und jedes Software-Modul wurde wieder und wieder auf mögliche Fehlerquellen geprüft. Einige Male hatte man den Countdown bereits unterbrochen, um defekte Hardware zu tauschen oder Software Module auf Fehler zu analysieren. Doch das waren Dinge, die man in der Gesamtplanung berücksichtigt hatte. Die Zusammenarbeit der Wissenschaftler, bestehend aus Vertretern aller drei Stämme, funktionierte vorbildlich. Wir sprachen zwar alle dieselbe Sprache, doch das Leben auf dem Planeten war von ständigen politischen Spannungen geprägt. Umso überraschender war es gewesen, dass diese kleinlichen Reibereien »hier oben« weitgehend ignoriert wurden. Einzig die farbigen Embleme auf den Schultern der schneeweißen Bordkombinationen ließen erkennen, zu welchem Stamm oder Kontinent der jeweilige Techniker oder Wissenschaftler gehörte.

Auf Manjard herrschte eine strickte, geographische sowie ideologische Trennung zwischen den 3 Nationen. Während auf meinem Heimatkontinent Tori ein demokratisches System vorherrschte, galt auf Osmind das Erbrecht für einen Patriarchen, der die absolute Gewalt über sein Volk hatte. Obwohl der Patriarch von Osmind sein Amt nicht diktatorisch ausübte, ging er auf Distanz zu den demokratischen Tori und den monarchisch organisierten Ariandern, die den dritten Kontinent bevölkerten.

Die natürliche, geologische Evolution meines Planeten hatte dazu geführt, dass sich auf Manjard drei, etwa gleich große Kontinente gebildet hatten, die allesamt vom Meer eingeschlossen waren und über keinerlei natürliche Landverbindungen verfügten. In sofern war es kein Wunder, das sich drei, grundsätzlich verschiedene Regierungssysteme und Weltanschauungen entwickelten. Einzig gemein war allen Stämmen eine verbindende Weltreligion, die ein göttliches Wesen zu Grunde legte, das den Manjarden einst die Intelligenz gebracht hatte. Damit waren allerdings die Gemeinsamkeiten bereits erschöpft. Einigen hochrangigen Manjarden war die internationale Raumstation ein Dorn im Auge. Zu nahe war man sich ihrer Meinung nach hier gekommen. Zu frei war der politische sowie wissenschaftliche Gedankenaustausch, wenn es nach ihrer Meinung ging.

Ich war froh, dass sich die Nationalisten letztendlich nicht durchsetzen konnten. Das sich die 3 großen Manjard Nationen überhaupt zu diesem gewaltigen Projekt zusammengefunden hatten, ließ mich hoffen. Schon oft hatte der Planet am Abgrund eines alles vernichtenden Krieges gestanden. Für Konfliktstoff sorgte steht's das Hoheitsgebaren über die zwischen den Hauptkontinenten liegenden kleinen Inseln. Aus dem Orbit betrachtet, waren diese unbedeutenden Landparzellen kaum zu erkennen. Ich musste kurz die Augen schließen. Von hier oben schienen die politischen Winkelzüge und Anfeindungen geradezu lächerlich. Dennoch war ich stolz auf das, was mein Volk geschaffen hatte. Mein Volk! Darunter verstand ich nicht meinen eigenen Stamm, sondern die gesamte Zivilisation des Planeten Manjard. Schon bald würde die SOMLOM in die tiefen des Alls vorstoßen und eine Brücke zum nächsten Stern schlagen, zu Leilak! Ich öffnete meine Augen, sah mein eigenes Spiegelbild und hielt einen Augenblick den Atem an. Leilak, das bedeutete in meiner Sprache soviel wie »Das Paradies«. Zwar konnte niemand genau vorhersehen, ob wir am Ziel wirklich ein Paradies vorfinden würden, oder nur eine Reihe staubtrockener, toter Welten, die ohne Leben um ihren Zentralstern kreisten. Dennoch waren alle Anstrengungen und Investitionen gerechtfertigt, denn ich war überzeugt, dass die Zukunft meines Volkes in den Weiten des Kosmos lag!

In diesem Moment wurde mir schmerzlich bewusst, dass dieser erste Vorstoß ohne mich stattfinden würde. Als Kommandant der Ersatz-Crew hatte ich mir zwar zunächst noch Hoffnungen gemacht, wurde aber in den letzten Jahren des Trainings eines Besseren belehrt. Nur die besten Raumfahrer wurden für den Flug nominiert. Ich hatte das Ziel jedoch knapp verfehlt – um 44 Bewertungspunkte!

Ich schlug kurz mit der geballten Faust gegen das Panzerplastfenster, eine reine Verzweiflungsgeste. Nur ein lächerlich kleiner Abstand hatte mich vom Ziel meiner Träume getrennt, doch dieser Abstand war nicht mehr zu überbrücken. Raztan, mein Freund und gleichzeitig auch Konkurrent um die Führungsposition der Mission, hatte die Summe aller Tests für sich entschieden. Ich stand nun der Reserve-Crew als Kommandant vor. Ein Kommandant, der die Mission im Simulator trainieren durfte und das Schiff bis jetzt nur von außen gesehen hatte.

Ich schüttelte den kurzen Anflug von Frustration ab. Diese Gedanken brachten mich nicht weiter! Trotz allem gab es viel Interessantes zu tun. Mein Beitrag für die bevorstehende Mission war unumstritten und ich war entschlossen, meine Qualifikation unter Beweis zu stellen. Ich ging auf das Schott meiner Kabine zu und wartete auf den automatischen Öffnungsimpuls. Dann trat ich energisch auf den Gang hinaus. Mein Ziel war die Andocksektion der SOMLOM. Für heute war die Abnahme des Haupttriebwerkes angesetzt.

Largo, Chefwissenschaftler der Tori-Gruppe stand dozierend vor dem großen Hologramm. Das Holobild rotierte um seine Achse und war in ständiger Bewegung, um allen Anwesenden die gewünschten Einblicke zu gewähren.

»Das Haupttriebwerk besitzt einen Ionenzyklotron, der das Schiff langsam aber stetig auf 90% der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen wird«, erläuterte Largo. »Bis an die äußeren Grenzen des Systems wird das Schiff jedoch mit einem konventionellen Triebwerk fliegen.«

Das Holobild hob die zwei Triebwerksgondeln links und rechts der Antriebssektion hervor, die mit einem Fusionsantrieb ausgestattet waren.

»Nach Durchstoßen der äußeren Kometenwolke wird das atomare Strahltriebwerk abgeschaltet.« Largo sah bedeutungsvoll in die Runde. »Nach einer letzten Kurskorrektur erfolgt die Zündung des Ionenantriebs. Die Gesamtflugzeit zum System Leilak beträgt etwa 10 Manjard-Jahre.«

Ich spürte plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. »Ist sie nicht wunderschön?«

Ich lächelte. Ohne mich umzusehen wusste ich, dass soeben Raztan zu mir gesprochen hatte.

»Ja, das ist sie«, flüsterte ich ihm leise zu. »Ich habe noch niemals so ein schönes Schiff gesehen! Freund, ich beneide dich um diesen Flug! All meine Träume und Wünsche werden euch begleiten.«

Ich sah mich kurz um und blickte in die stolzen Augen meines Freundes. Raztan war aus allen Tests als Bester hervorgegangen. Wir hatten die fünfjährige Vorbereitungsphase stets als freundschaftlichen Wettstreit aufgefasst.

Ich wandte nicht den Kopf, als ich flüsternd fragte: »Das Schiff ist startbereit?«

Raztan entgegnete ebenso leise: »Alle Systeme arbeiten perfekt. Nur noch ein paar Routineüberprüfungen und Montagearbeiten, dann können wir aufbrechen. Der Starttermin wird wie geplant eingehalten.«

Ich nickte stumm. »Bist du aufgeregt?«

Raztan lies zischend die Luft zwischen den Fangzähnen entweichen. »Ich bin gespannt wie ein Springlorch und kann es kaum erwarten! Der Besatzung geht es genauso. Einzig Loilo wird immer ruhiger, je näher der Starttermin rückt.«

Ich hob kurz die Ohren an. »Grund zur Sorge?«

Raztan schüttelte leicht den Kopf. »Nein, mein erster Offizier ist in Ordnung. Jeder verarbeitet die Spannung auf eine andere Art und Weise.«

Ich lauschte wieder den Ausführungen Largos. Der Wissenschaftler zeigte gerade mit einem Laser-Pointer auf den schlanken Schiffskörper. »Die Räume der Besatzung, Leitstände, Maschinenkontrollen und die Kommandozentrale befinden sich im vorderen Teil des Schiffes. Das hat seinen Grund, denn trotz best möglicher Abschirmung, ist das Triebwerk noch eine starke Strahlungsquelle.« Einige Anwesende zogen unbehaglich den Kopf ein. Largo ging sogleich auf die Gesten ein. »...doch sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, der Bugsektor bis zur Mittelachse ist von der Strahlung nicht betroffen. Durch den langen Ausleger am Heck erreichen wir den bestmöglichen Schutz für unsere Leute. Gleichzeitig bleibt eine optimale Manövrierfähigkeit des Schiffes erhalten.«

Ich lächelte. Largo hatteunsere Leutegesagt, was mir sofort äußerst positiv auffiel. Auch bei den anderen Wissenschaftlern hatte sich ein Gefühl der Verbundenheit entwickelt.

»Alle Systeme der Triebwerkssektion arbeiten nach Plan und die Freigabe kann in Kürze erteilt werden. Die Beschleunigung und Abbremsung des Fluges wird mit zweifacher Manjard-Schwerkraft erfolgen. Das ist der Grund, warum die Crew den größten Teil des Fluges im Gelee-Tank verbringen muss. Diese Maßnahme schützt die Körper der Raumfahrer vor Schäden, die durch permanent erhöhte Beschleunigungskräfte auftreten könnten. Leilaki ist etwa 8 Lichtjahre von unserem System entfernt. Nicht der nächste Stern, aber viel versprechend für das was wir suchen.«

Eine junge Wissenschaftlerin meldete sich mit hoher Stimme. »Und was genau suchen wir?«

Leises Lachen breitete sich im Saal aus. Jeder beschenkte die verlegen um sich blickende Technikerin mit einem Lächeln.

Largo brachte den Saal mit einer Geste zum Verstummen. »Wir suchen nach unserer Bestimmung, neuen Welten, neuen Erkenntnissen. Wir wollen wissen ob es da draußen noch andere intelligente Zivilisationen gibt, mit denen wir uns austauschen können. Wir sind auf der Suche nach den Antworten auf die grundlegenden Fragen unserer Zivilisation: Sind wir allein? Wie ist der Kosmos aufgebaut? « Largo machte eine kurze Pause und sah aus dem Panzerplastfenster, dann fuhr er fort. »Wir wollen die Schätze heben, die in der Unendlichkeit des Alls auf uns warten – und beim großen Schöpfer von Manjard! Wir werden sie nicht länger warten lassen!«

Begeisterter Beifall brandete im Hangar auf, dem ich mich spontan anschloss. Danach wandte mich zu Raztan um, der noch immer hinter mir stand.

»Hast du bereits deine persönlichen Vorbereitungen getroffen? Wer kümmert sich um dein Haus?«

Raztan verdrehte die Augen. »Na was glaubst du Freund? Die Mutter meiner Frau ist bereits eingezogen und kann es kaum erwarten, dass ich abfliege.«

Ich fiel in sein kurzes Lachen ein. »Na dann brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen, wenn du wieder zurück bist, wirst du dein Domizil nicht mehr erkennen! Und Lokli, deine Frau? Ist sie schon auf der Station angekommen?«

Raztans Augen blitzten auf. »Sie kommt in zwei Tagen mit der Fähre an. Ich habe zwar in der Vorbereitungsphase nur wenig Zeit, doch ich habe mir vorgenommen, jede freie Minute mit ihr verbringen. Du weißt es noch nicht, aber wir erwarten Familienzuwachs.«

Ich war überrascht. »Das sind ja tolle Neuigkeiten, Freund! Dachtest du etwa, du könntest zu den Sternen aufbrechen ohne die freudigen Neuigkeiten gebührend zu feiern?«

Raztan lachte offen und steckte mir eine kleine Einladungskarte zu. »Morgen Abend in der Messe! Und bring viel Durst mit.«

Ich nahm lächelnd an. »Worauf du dich verlassen kannst.«

Die Feier fand im kleinen Kreis statt. Wir saßen an einem reichlich gedeckten Tisch und prosteten uns den süßen Wein zu. Raztan hatte eigens für heute Abend eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, denn normalerweise war Alkohol auf der Raumstation nicht gestattet. Raztans Crew, die von mir geführte Reserve-Crew und zahlreiche Techniker waren anwesend, als sich nach und nach die Tischredner erhoben und beflügelt vom Alkohol, ihren Beitrag zum Fest leisteten. Manche lobten Raztan und seine unbestrittene Zeugungskraft, manche sein Durchhaltevermögen und manche seine Kompetenz als Missionsführer.

Als die Reihe an mir war, brachte ich einen Trinkspruch auf unsere Freundschaft aus, die bereits viele Jahre währte. Anschließend sinnierten wir viele Stunden über das unendliche All und über das, was die Crew der SOMLOM da draußen erwarten würde.

»Was würde passieren«, lallte der Techniker Rollak, schon sichtlich dem Rausch verfallen, »wenn ihr auf Intelligenzen trefft, die aussehen wie die allseits beliebten Rakhun-Vögel? Würdet ihr sie dann trotzdem essen?«

Lautes Lachen machte sich breit.

Raztan erhob sich, nahm einen Schluck aus dem Kelch und sagte todernst: »Wir würden mit ihnen eine Kommunikation herstellen, vielleicht mit Hilfe der Mathematik. Dann würden wir versuchen mehr über sie zu erfahren, ihre Zivilisation, ihre Technik, ihre Weltanschauung... und dann...« Es wurde plötzlich still im Raum. Raztan sah bedeutend in die Runde. »Und dann würden wir sie essen!«

Alle Manjarden stimmten in das Gelächter Raztans ein, manche hielt es nicht mehr auf den Stühlen. Ich hatte bereits Lachtränen in den Augenwinkeln. Ja, so stellte ich mir einen Missionsführer vor. Mit Raztan würden wir erfolgreich sein!

Während sich die anderen an weiteren Trinksprüchen ergötzten, setzte sich Raztan zu mir. »Na, mein Freund? Amüsierst du dich gut?«

Ich prostete ihm zu. »So gut wie schon lange nicht mehr!«

Dann hielt ich kurz inne. Raztan bemerkte meinen Stimmungswechsel sofort. »Was ist?«

Ich lächelte gezwungen. »Ich frage mich, was euch wirklich da draußen erwartet.«

Raztans Augen sprühten Feuer. »Ich verspreche dir, was immer es ist, ich werde es dir persönlich erzählen! Sobald wir zurück sind!«

Ich hob den Trinkkelch. »Und ich verspreche, ein Fest auszurichten, sobald die SOMLOM wieder in den Orbit von Manjard eintritt.«

Raztan lachte und nahm meine Hand. »Es gilt!«

2. Der Schachmanin

Das Vibrieren des stummen Alarms, ausgelöst von dem Warngeber unter meinem Kopfkissen, riss mich unerwartet aus dem Schlaf. Jemand hatte unbefugt meine Kabine betreten. Bei der Code-Sicherung des Schotts eigentlich eine Unmöglichkeit.

Ich öffnete vorsichtig die Augen und spähte in die Dunkelheit meines Zimmers. Mein Geruchssinn signalisierte mir sofort, dass tatsächlich eine unbefugte Person anwesend war und dass sich diese Person nahezu lautlos wie ein Torzikischer Raubmork bewegte. Wer war der Eindringling und was wollte er?

Ich griff vorsichtig unter mein Kopfkissen und zog die Mancha hervor, ein kurzes Messer, das ausschließlich zur Selbstverteidigung diente. Als ich die kühle Klinge in meiner Hand spürte, fühlte ich mich besser. Aus den Augenwinkeln vernahm ich eine kurze Bewegung. Jemand schlich an der Wand entlang, direkt auf mein Bett zu. Kein Zweifel, die unbekannte Person hatte es auf mich abgesehen.

Ich sprang mit einem weiten Satz vom Nachtlager auf, rollte mich kurz auf dem Boden ab und aktivierte die Zimmerbeleuchtung. Im selben Moment durchschnitt eine schwere Klinge die Luft und teilte mein Kopfkissen. Als die Beleuchtung ansprang, hatte der Attentäter das Vibrator-Schwert bereits zurückgezogen und ließ es durch die Luft wirbeln.

Ich erschrak und war eine Sekunde lang vor Entsetzen wie gelähmt. Ein Schachmanin! Meine Gedanken überschlugen sich. Die Schachmanin waren Profi-Killer und Meister des lautlosen Tötens!

Mit einem Satz sprang der Fremde über das Bett und nahm Kampfhaltung ein. Sein ganzer Körper war mit einem eng anliegenden, schwarzen Kampfanzug bekleidet. Nur eine schmale Öffnung für die Augen war ausgespart. Und genau diese Augen fixierten mich mit einem kalten Funkeln. Ich spürte die Mordlust, die sie ausstrahlten und seine Entschlossenheit ließ mir kalte Schauer über den Rücken laufen.

Ich rettete mich mit einem weiteren Sprung hinter die Konsole des Trivideos und schlug mit der geballten Faust auf den Alarmknopf. Das Schwert des Fremden durchschnitt nur zwei Zentimeter von meinem Hals entfernt die Luft. Mit einem panischen Aufschrei fuhr ich zurück. Ein raues Lachen war als Antwort zu hören. Spielte er mit mir?

Nur durch eine schnelle Körperdrehung entging ich den nächsten Hieb. Dafür ritzte die Klinge meinen rechten Arm. Ich konnte nur beten, dass die Schneide nicht vergiftet war. Mit dem Schwung der ausgeführten Bewegung sprang der Fremde über eine Sitzreihe und kam mir gefährlich nahe. Ich holte aus und schleuderte ihm die Mancha entgegen. Mit einer schnellen Kreisbewegung seines Kampfschwertes holte er das Messer aus der Luft und lenkte es nach links ab, wo es sich tief in die Wandverkleidung bohrte.

Ich suchte fieberhaft nach einem Ausweg, doch ich stand bereits mit dem Rücken zur Wand. Es gab kein Entkommen mehr! Hinter mir befand sich die Kabinenwand, ich war unbewaffnet und vor mir holte ein überlegener Gegner zum tödlichen Hieb aus. Der Schachmanin-Kämpfer hatte die Situation genau erfasst und entblößte eine Reihe weißer Zähne. Er lächelte! Ich erstarrte vor Furcht.

Da wurde plötzlich das Schott aufgesprengt und eine Gruppe von Sicherheitsbeamten stürmte meine Kabine. Sie eröffneten sofort und ohne Warnung das Feuer auf den Kämpfer, dessen Körper von den auftreffenden Projektilen erschüttert wurde. Dann brach sein Blick und das Schwert entglitt seinen kraftlosen Händen. Langsam ging er in die Knie, fiel dann auf die Seite und starb auf meinem Kabinenboden.

Zwei Sicherheitsbeamte waren sofort bei mir und zogen mich aus dem Gefahrenbereich. Ein Arzt verschloss meine stark blutende Armwunde mit einem Verbandspray, dann gaben meine Beine nach und ich fiel direkt in die Arme der Krankenschwester.

Als ich erwachte, befand ich mich in der medizinischen Station und blickte in die prüfenden Augen des Stationsarztes.

»Die Klinge war nicht vergiftet!« hörte ich ihn sagen.

Ich stützte mich benommen auf die Ellenbogen und kam ein Stück von der Liege hoch. Die Erinnerung wirkte wie ein Adrenalinschub. Übergangslos war ich hellwach.

»Was ist passiert?«

Erst jetzt bemerkte ich Drakan, den Chef der Sicherheit neben meinem Bett.

»Das war ein sorgfältig geplantes Attentat, Aik! Der Attentäter war unter falschem Namen an Bord gekommen. Wir sind dabei, seine wahre Identität zu ermitteln, doch wir tappen noch im Dunkeln.«

Ich machte eine verzweifelte Geste. »Ein Attentat? Warum trachtet man mir nach dem Leben und wer schickt mir einen Killer?«

Drakan fletschte kurz die Zähne. »Ich vermute, der Anschlag war nicht direkt gegen deine Person gerichtet, sondern gegen die Mission.«

Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Wie tröstlich!«

Drakan ignorierte meinen Einwurf und fuhr fort: »Der Start der SOMLOM sollte sabotiert werden. Kein Kommandant, keine Raummission. So einfach ist das!« Ich lachte leise. »Da hat er wohl den Falschen erwischt!« Ich lachte rau. »Ich gehöre zur Reserve-Crew. Ich wäre ohnehin nicht mitgeflogen.«

Ich ließ mich kraftlos zurückfallen. Erst als ich mich umsah, bemerkte ich die starren Blicke der beiden Besucher. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf und mir war, als legte sich eine eiskalte Hand auf mein Herz. »Was ist?« fragte ich mit bebender Stimme.

Drakan senkte kurz den Blick. »Wie gesagt, Du hattest unglaubliches Glück. Raztan, der Kommandant der Missionscrew nicht.«

Mein Atme stockte. »Er wurde getötet?«

Mein Puls raste, sämtliche an mir angeschlossenen medizinischen Geräte gaben Alarm.

Drakan nickte stumm. »Der Attentäter suchte ihn ebenfalls auf, nur wenige Minuten bevor er in deine Kabine eindrang.«

Nebel legten sich über meine Sinne und tiefe Trauer erfüllte plötzlich mein Herz. Raztan, mein Freund!

Ich hörte Drakans Worte wie durch einen Schleier. »Jetzt bist du am Zug!«

Kurz darauf beendete der Stationsarzt das Gespräch und ließ mich mit meinen Gedanken allein.

»Jetzt bist du am Zug...« hallte es noch in meinen Gedanken nach. Das letzte, was vor der neuen Ohnmacht über meine Lippen kam war: »...jemand muss es Lokli sagen...«

3. Das neue Kommando

Als ich den Raum betrat, herrschte bedrückendes Schweigen. Die Crew sah mir angespannt entgegen und schien mich mit ihren Blicken sezieren zu wollen. Sie waren alle anwesend: Loilo, Erster Offizier und auch zuständiger Wissenschaftsoffizier, Lika, einzige Frau der Crew und ausgebildete Kosmopsychologin, Rack, Maschineningenieur und zuständig für die Bord- und Antriebstechnik, Pavo, Cheftechniker der Ortung und Energietechnik, sowie Samut, Bordarzt und Kosmo-Biologe. Ich kannte sie alle gut, denn wir hatten Jahre des gemeinsamen Trainings im Simulator hinter uns. Doch bis vor kurzem war Raztan ihr Kommandant gewesen und nun kam ich und versuchte seinen Platz einzunehmen. Würden sie mich akzeptieren?

Loilo, der Erste Offizier, gleichzeitig Wissenschaftsoffizier machte Meldung: »Erste Crew vollzählig angetreten.« Er stockte kurz im Satz. »Wenigstens fast vollzählig.«

Ich nickte kurz, nahm die Kopfbedeckung ab und neigte den Kopf nach links, eine Geste des Respekts und der Trauer. Dann sah ich in die Runde:

»Ich kann ihre Gefühle gut verstehen. Raztan war auch mein Freund.« Leises Gemurmel war zu hören. Ich fuhr fort: »Ich hatte mir immer gewünscht, diese Mission zu leiten, aber ich wollte es nicht auf diese Weise...«

Loilo sah mich mit brennenden Augen an. Sein Blick schleuderte mir eine einzige Frage entgegen. »Warum?«

Ich räusperte mich kurz. »Unbekannte Kräfte auf Manjard haben offensichtlich ein Interesse daran, die bevorstehende Mission zu sabotieren. Diese Leute haben keinen Respekt vor den Errungenschaften unseres Volkes und ich unterstelle rein eigensüchtige Motive. Wer auch immer die Drahtzieher des Attentats waren, sie wollten verhindern, dass sich unsere Stämme zusammenschließen und eine gemeinsame Aufgabe meistern! Sie wollen, dass der ›Status Q‹ erhalten bleibt. Unsere Stämme sollen weiterhin zersplittert bleiben und das große Ziel aus den Augen verlieren.« Ich sah die Crew Mitglieder einen nach dem anderen an, bevor ich fort fuhr. »Das dürfen wir auf keinen Fall zulassen!«

Loilo nickte leicht. »Es sind noch zwei Wochen bis zum Start. Wir können unmöglich die Missionsparameter auf die neuen Gegebenheiten so schnell abstimmen!«

Ich legte meine Handschuhe ab und bat die Crew sich zu setzen.

»Wir werden gar nichts abstimmen«, sagte ich trocken. »Der Start wird wie geplant erfolgen. Ich habe wie alle Astronauten Jahre des Trainings hinter mir. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dann niemals!«

Loilos Gesicht verhärtete sich. »Vielleicht sollte die gesamte Ersatz-Crew eingesetzt werden um uns abzulösen...«

Ich schnitt meinem Ersten Offizier das Wort ab, etwas schärfer als beabsichtigt. »Reden Sie keinen Unsinn, Loilo! Sie haben als die Besten abgeschnitten und Sie werden diese Mission starten, und zwar mit mir als Kommandant. Versuchen Sie, den Schmerz zu überwinden und sich auf das Ziel zu konzentrieren! Ich brauche beim bevorstehenden Flug klar denkende Köpfe! Nur so können wir erfolgreich sein!«

Loilo straffte sich merklich. »Jawohl, Kommandant!«

Ich lächelte leicht. »Schon gut Loilo! Ich kann verstehen was in Ihnen allen vorgeht. Deshalb lassen Sie uns versuchen, das Geschehene zu verarbeiten. Raztan kann nicht mehr zurückgebracht werden. Es liegt aber in unserer Hand, seine Vision zu unserer eigenen zu machen!« Ich atmete tief durch und fuhr langsam und eindringlich fort. »Böses Gedankengut kann unsere Mission scheitern lassen! Wer auch immer das Attentat geplant hat, er denkt nicht im kosmischen Maßstab. Ihm ist höchstens an der Erhaltung seiner eigenen Macht auf diesem winzigen Planeten gelegen.« Ich deutete mit meiner Hand aus dem Panoramafenster auf meine Heimatwelt. »Wir aber sind Raumfahrer und wollen neue Welten entdecken! Und deshalb sollten wir die festgefahrenen Strukturen auf unserer Heimatwelt vorübergehend vergessen!« Langsam löste ich mein Stammes-Symbol von der linken Schulter und sah in die verblüfften Gesichter der Crew. »Ich möchte denken und Handeln wie ein Manjarde! Nur als eine vereinte Nation macht es Sinn, sich den kommenden Herausforderungen zu stellen!«

Ich zog ein Bündel neuer Symbole aus der Brusttasche und legte sie vor mir auf dem Tisch ab. Die selbsthaftenden Symbole zeigten den Planeten Manjard, mit allen 3 Kontinenten, umgeben von einer leuchtenden Aura in der Farbe der fluoreszierenden Nachtmeere. Ich heftete mir das neue Symbol an die Schulter und stand auf.

»Ich erwarte Sie in 15 Minuten an Bord der SOMLOM

Dann verließ ich den Raum ohne mich umzusehen.

Das Schiff war beeindruckend! Als Missions-Kommandant hatte ich nun freien Zutritt zu allen Sektionen des Schiffes, wovon ich sofort Gebrauch machte.

Mein erstes Ziel war die Kommandozentrale. Zahlreiche Techniker arbeiteten emsig an den Bordrechnern und Konsolen. Sie sahen kurz auf als ich eintrat, fuhren dann aber mit ihrer Arbeit fort.

Ich bewunderte den großen Panoramaschirm, der jedoch nur als Ersatz fungierte, sollten die Holoprojektionen ausfallen. Der Sessel des Kommandanten war zentral gelegen und schwenkbar. Ich nickte anerkennend. Die Kommandozentrale war genauso wie ich sie mir vorgestellt hatte und im höchsten Maß effizient und zweckmäßig gestaltet. Alle Systeme der Kommandozentrale wurden im Notfall von einem autarken Energiespeicher versorgt, was uns maximale Sicherheit gab.

Die Kommandozentrale lag im Kommandomodul, das langsam um seine Achse rotierte und so eine künstliche Schwerkraft erzeugte. Nur so konnte ich mich fast wie auf der Oberfläche Manjards bewegen.

Ich spürte eine Bewegung hinter mir und wandte den Kopf.

»Lika!« rief ich überrascht.

Die Kosmopsychologin lächelte verbindlich. »Ich dachte mir, dass ich Sie hier finde.«

Ich zwinkerte erheitert. »Sie haben also mein Psychogramm bereits studiert und analysiert.«

»Natürlich«, gab sie mit einem leichten Schmunzeln zurück. »Ich bin aber nicht nur die zuständige Psychologin für die Mannschaft, einschließlich des Kommandanten, sondern vornehmlich Kosmopsychologin, für den Fall, dass wir auf wirklich intelligente Lebensformen treffen sollten.«

Ich räusperte mich kurz und sagte so leise, dass es die Techniker nicht hörten: »Sie sind also eine Spezialistin für Aliens? Und wie vielen fremden Lebensformen sind Sie schon begegnet, Lika?«

Die Kosmopsychologin ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. »Wer die Psychologie studiert, dem begegnen im eigenen Volk mehr Aliens als dort draußen!«

Sie deutete in Richtung des Bildschirms, auf dem sich die Schwärze des Alls offenbarte.

Ich schmunzelte. »Sie rechnen also fest damit, dass wir auf eine fremde Zivilisation treffen?«

Sie sah mir kurz nachdenklich in die Augen. »Eigentlich nicht.«

Ich war erstaunt. »Und warum nicht?«

Sie zögerte nur kurz mit ihrer Antwort. »Nun, wenn es im System der Sonne Leilak eine technische Zivilisation gäbe, dann hätten wir längst Funksignale aufgefangen. Schließlich ist Leilak nur 8 Lichtjahre entfernt.«

Ich kniff die Augen zusammen. Ihre Argumente waren mir bekannt. Doch was, wenn eine fremde Kultur ganz andere Wege gefunden hatte, um zu kommunizieren? Viele Wissenschaftler sprachen bereits in der Theorie von einem so genannten »Hyperband«, einem Medium, das Informationen überlichtschnell übertrug.

Lika gab mir ein Zeichen. »Übrigens, die Mannschaft wartet in der Messe.«

Erst jetzt sah ich das neue »Manjard«-Symbol auf ihrer Schulter. Sie hatte also meinen Appell verstanden und war darauf eingegangen. Ich folgte ihr mit einem Lächeln in den Lift.

Sie waren geschlossen meinem Appell gefolgt und empfingen mich wesentlich entspannter als beim ersten Mal. Jeder hatte sein Hoheitszeichen durch das Manjard-Symbol ersetzt. Am anderen Arm trugen sie eine schwarze Armbinde im Gedenken an Raztan. Auch ich hatte mich der Symbolik angeschlossen.

Wie es schien, hatte ich die erste Hürde genommen und wurde als Kommandant akzeptiert. Jetzt konnten wir an die Arbeit gehen. Nachdem ich ein Hologramm mit den verschiedenen Schiffssektionen abgerufen hatte, ließ ich mir die Statusmeldungen anzeigen.

»Rack, was machen die Maschinen?«

Der Tori ließ eine Reihe Diagramme einblenden. »Der Fusionsantrieb ist einsatzbereit und bereits erfolgreich getestet. Der Ionen-Antrieb ist in der letzten Probelauf-Phase. Allein der atomare Booster entwickelt so viel Schubkraft, dass wir die angedockte Raumstation bis an den Rand des Systems schleppen könnten.«

Racks Augen funkelten schelmisch.

»Unterstehen Sie sich!« erwiderte ich grinsend. Alle lachten. »Was machen die Ortungssysteme?«

Pavo, Cheftechniker der Ortung und Energietechnik fühlte sich angesprochen. »Die Passiv-Orter arbeiten hervorragend, nutzen uns aber nur während des Sublichtfluges.«

Ich nickte. Bei Erreichen höherer Geschwindigkeiten war die Ortung unmöglich. Grund dafür ist ein ultrastarkes, elektromagnetisches Schirmfeld, welches das Schiff vor kosmischen Kleinstpartikeln schützen sollte. Die überall gegenwärtigen Staubteilchen waren der Hauptgrund, warum die SOMLOM nicht mehr als 90% der Lichtgeschwindigkeit erreichen konnte. Der Staub wirkte wie eine Bremse, ein Reibungswiderstand, den wir mit unseren technischen Möglichkeiten nicht überwinden konnten. Je schneller wir flogen, desto höher war auch die Energie, mit der uns diese Miniaturgeschosse trafen.

Pavo fuhr fort: »Die Schiffsenergie wird von vier autarken Fusionsreaktoren bereitgestellt, drei davon sind redundant. Im Prinzip genügt ein Reaktor, um alle Schiffsfunktionen aufrecht zu erhalten.« Ich sah die vier Reaktoren auf dem Schiffshologramm aufleuchten. »Die Lebenserhaltungssysteme können von jedem Reaktor gespeist werden und die Kommandozentrale schaltet sich automatisch auf den nächst verfügbaren auf, sollte es zu einem Ausfall kommen. Die Speicherbatterien können die Schiffsfunktionen maximal acht Stunden aufrecht erhalten.«

Ich war zufrieden. Samut gab uns einen ausführlichen Bericht über die medizinischen Einrichtungen, die Schlafzellen und die entsprechenden Notfallpläne. Die SOMLOM war das Beste, das unsere Techniker derzeit bieten konnten.

Loilo ergriff als nächster das Wort: »Da hätten wir noch ein paar nette Spielzeuge an Bord, mit freundlichen Grüßen von unseren Militärs, natürlich nur für den Fall der Fälle...« Ich horchte auf. »Da ist zunächst die Selbstvernichtungsanlage, einhundert Megatonnen TNT. Die Fusionsbombe liegt unterhalb der Kommandozentrale. Mindestens drei Schiffsmitglieder sind nötig, um die Selbstvernichtungsautomatik zu aktivieren. Ebenfalls drei sind nötig, um sie innerhalb von zehn Minuten wieder zu deaktivieren. Die Identifizierung erfolgt durch Retinaabtastung.«

Ich lehnte mich zurück. »Für welche Notfälle ist die Sprengung vorgesehen?«

Lika sah mir direkt in die Augen als sie antwortete. »Zum Beispiel für den unwahrscheinlichen Fall, dass die SOMLOM in die Hand von aggressiven, extramanjardischen Wesen gerät. Ein Rückschluss auf die Position unseres Heimatsystems, also unserer Herkunft, muss auf jeden Fall verhindert werden. Die Technik des Schiffes darf nicht in fremde Hände fallen, noch weniger die Informationen, die es trägt. Die Besatzung ist dabei...«

Ich komplettierte den Satz: »...die Besatzung ist dabei sekundär.«

Lika nickte bestätigend.

Loilo fuhr fort: »Damit es nicht soweit kommt, verfügt die SOMLOM über ein Offensivsystem aus zwei Partikelwerfern an den Seiten des Schiffes, sowie je einen Torpedowerfer im Bug und Heck. Die Werfer können Fusionsbomben mit Hilfe eines pulsierenden Magnetfeldes auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigen.«

Ich sah mir die Anordnung der Werfer genau an. Als Kommandant war ich gleichzeitig der zuständige Waffenoffizier an Bord.

»Dann führen wir noch ein Beiboot mit, unterhalb der Kommandozentrale in einem Tubenhangar gelegen. Der Expresslift von der Kommandozentrale bringt uns direkt in das kleine Schiff. Es dient zur Landung auf Planeten oder als Rettungsboot. Es besitzt einen atomaren Antrieb, ist also nicht für Langstreckenflüge geeignet. Es kann jedoch innerhalb eines Sonnensystems autark operieren. Zum Schutz hat es eine starre Partikelkanone im Bug eingebaut.«

Ich sah in der Simulation, wie sich das Schiff von der SOMLOM löste und zu einem imaginären Planeten abtauchte. Ich kannte die Schiffe der neuen MANJARD-Klasse genau. Was wir lapidar als »Beiboot« mitführten, war im Prinzip ein hochmodernes Sternenschiff. Mit Schiffen dieses Typs würden wir schon bald unser eigenes Sonnensystem erforschen und erschließen. Bisher waren wir nur mit unbemannten Instrumententrägern zu den nächsten Nachbarplaneten vorgestoßen, doch schon bald würden Manjarden ihren Fuß auf alle Welten des Systems setzen!

Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass wir zuerst ein fremdes Sonnensystem anflogen, bevor wir das eigene System vollständig in Besitz genommen hatten. Ähnliche Analogien gab es seit den ersten Versuchen der bemannten Raumfahrt. Kritiker hatten bemängelt, man stoße in den Kosmos vor und habe noch nicht einmal alle Geheimnisse des eigenen Planeten vollständig entschlüsselt. Es war wohl eine Eigenschaft der Manjarden, das wir stets den übernächsten Schritt zuerst versuchten.

Die Schiffe der MANJARD-Klasse stellte die nächste Generation von Raumschiffen dar und wir verfügten über den Prototypen, das bisher erste und einzige Schiff seiner Art. Aber die SOMLOM und ihre Ausstattung war eben einzigartig! Als Fernraumschiff war sie nicht für Landungen auf fremden Welten konzipiert. Sie konnte aber für den Fall einer unmöglichen Rückkehr als Energiezelle für eine neu zu gründende Kolonie fungieren. Für diesen Zweck musste der Antriebsteil angesprengt und der Bugsektor des Schiffes als »Gleiter« gelandet werden. Ein Himmelfahrtsunternehmen, das ich mir nicht einmal in meinen schlimmsten Träumen wünschte.

Ich machte mich noch viele Stunden mit den Details des Schiffes vertraut. Beispielsweise mit der Funktion der Gelee-Tanks, die unsere Körper die längste Zeit des Fluges im Tiefschlaf vor Schäden bewahren sollten. Wenn alles wie geplant verlief, dann würden wir nach einem langen, 10 Jahre dauernden Schlaf erwachen und sind am Ziel unserer Reise angekommen. Wenn alles gut ging...

Die verbleibende Zeit wurde intensiv für das Training und die Team-Bildung der Crew genutzt. Ich kannte die SOMLOM mittlerweile besser als mich selbst und verbrachte Tag und Nacht auf dem Schiff. Das Leben spielte sich in der Spitze des 300 Meter langen Schiffes ab.

Die eigentliche Schiffszelle mit den Mannschaftsräumen war konisch geformt, 100 Meter lang und rotierte um das Zentrum. Mit der Rotationsbewegung wurde künstliche Schwerkraft erzeugt. Die Rotationsperiode war genau auf die Manjard-Schwerkraft abgestimmt. Hinter dem Hauptkörper des Schiffes folgte ein 100 Meter langer Ausleger, der den nötigen Abstand zum Ionentriebwerk bildete. Der Ausleger war nichts anderes als ein versteiftes Trägergerüst für den Schiffsmotor. Ein Wartungstunnel führte durch den Ausleger zum Antriebsblock. Der Triebwerksblock war wiederum 100 Meter lang und beherbergte den Ionenmotor, sowie einige Wartungsräume, die aber während der Flugphase nicht betreten werden konnten. Links und rechts vom Antriebsblock waren die Fusions-Booster montiert, starke, konventionelle Triebwerke, die uns aus dem heimatlichen Sonnensystem herausbringen sollten. Am Ziel würden diese Triebwerke wieder den Schub für den interplanetaren Flug liefern, sofern es Planeten gab. Doch in dieser Frage waren sich unsere Wissenschaftler bereits absolut sicher. Wir konnten nur hoffen, dass sie sich nicht geirrt hatten.

Den letzten Tag vor dem Start verbrachte ich allein. Zehn Jahre sollte der Hinflug dauern, weitere 4 Jahre fern der Heimat und mindestens noch einmal 10 Jahre für den Rückflug. Wenn ich diese Mission lebend überstehen sollte, dann wäre ich bei meiner Rückkehr 55 Jahre alt. Ein Mann im besten Alter! Ich schloss die Augen und dachte an alles, was ich zurück ließ – mein Haus auf dem Kontinent Tori, meine Familie, Freunde... War es das alles wert? Die Antwort, die ich mir selbst gab, war ein klares Ja! Ein langer Traum würde in Erfüllung gehen und ich werde in die Fußstapfen jener Entdecker treten, die einst die weiten Meere von Manjard mit ihren Holzbooten überquert hatten. Ich schmunzelte. Nun, ein etwas besseres Gefährt steht uns diesmal schon zur Verfügung. Ich legte mich zurück und schlief bald darauf ein. Morgen war der große Tag!

4. Mission Day

Wir hatten die weißen Bordanzüge der Raumstation abgelegt und gegen die roten Missions-Kombinationen ausgetauscht. Jedes Besatzungsmitglied hatte nochmals Funkverbindung mit seiner Familie oder dem Partner geschaltet, dann waren die letzten Techniker von Bord gegangen. Die letzte Phase des Countdowns wurde von meiner Crew durchgeführt. Als Kommandant legte ich Wert darauf, nochmals die lebenswichtigen Funktionen des Schiffes persönlich durchzugehen.

Dann begann der »öffentliche« Teil des Starts. Die Presse aller drei Stämme wurde über Direktfunk des Schiffes zugeschaltet und stellte Fragen an die Crew. Die Startprozedur zog sich endlos hin. Mir war klar, dass unser Bild auf allen Trivid-Schirmen des Planeten zu sehen war.

Ich nahm Grußhaltung ein um der Zeremonie genüge zu tun. Auf dem Panoramabildschirm waren die drei Stammesführer Manjards zu sehen, die uns mit langen, polemischen Reden verabschiedeten. Zuvor hatte es einen Eklat gegeben, da jeder zuerst das Wort ergreifen wollte.

Was für eine Zeitverschwendung, dachte ich.

Letzte Überprüfungen der Missionskontrolle verliefen positiv. Die SOMLOM war bereit!

Ich sah kurz zu Rack hinüber, der entspannt und zurückgelehnt in seinem Sessel saß. Seine Hände lagen auf den Sensorflächen und warteten auf meine Befehle. Als er sie leicht anhob, sah ich die feuchten Abdrücke seiner Hände, ein Zeichen starker Anspannung.

Ich hatte demonstrativ die Manjard-Plakette getragen, was mir böse Blicke der Stammesführer eingebracht hatte. In den letzten Tagen waren diese Plaketten mehr und mehr auf der Raumstation aufgetaucht und wurden mit Stolz getragen.

Wenn du zurückkommst, dann werden sie dich einsperren, dachte ich amüsiert, dann gab ich meinen ersten Befehl als Kommandant: »Rack! Andockklammern lösen, Nabelschnur trennen!«

Ein leichter Ruck war zu spüren, als uns die Raumstation aus ihren Klauen entließ. Die Nabelschnur, eine komplexe Schnittstelle mit Hunderttausenden von Lichtwellenleitern wurde gekappt und die Schiffs-Systeme schalteten auf »autark«. Die Raumstation driftete scheinbar Meter um Meter ab, in Wirklichkeit waren wir diejenigen, die sich vom alten Standort fortbewegten.

Ein Funkruf ging ein. Ich schaltete das Holo auf. Es war Perklat, der  Stationsleiter und zuständige Wissenschaftsleiter. Ich grüßte kurz und öffnete den Audiokanal.

»Raumstation an SOMLOM! Die gesamte Besatzung wünscht euch einen guten Flug und gesunde Heimkehr!«

Ich nickte dankend und erwiderte den Gruß. »Wir werden euch ein Andenken mitbringen!«

Perklat lächelte. »Ich wüsste da etwas...« Sein Lächeln war breit und schelmisch. »Euer Flug führt dicht an Rabor vorbei, dem achten Planeten unseres Systems. Könnt ihr nicht kurz anhalten und mir ein paar Gesteinsproben von seiner Oberfläche mitbringen?«

Ich lächelte offen. »Negativ, Perklat, doch wir werden alle greifbaren Daten ermitteln und zurückfunken! Versprochen!«

Perklat grüßte kurz, lächelte uns nochmals zu und trennte dann die Verbindung.

Erstmals hatte ich das Gefühl, auf mich allein gestellt zu sein, doch das war nur bedingt richtig. Während des gesamten Fluges durch unser eigenes System waren wir in ständiger Verbindung mit der Missionskontrolle. Erst nach Aktivierung des Ionenantriebs würden wir vollkommen selbstständig fliegen.

Ich nickte Rack aufmunternd zu. »Kursrechner aufschalten, Schiffshorizont mit Ekliptik abgleichen, atomare Booster aktivieren, Beschleunigung mit zwei Telikam!«

Rack bestätigte kurz. Seine Finger glitten fast zärtlich über die Sensorfelder und lösten ein tiefes Brummen aus. Dann lehnte er sich zurück und kreuzte die Arme.

»Kursrechner eingerastet! Horizont steht! Booster gezündet, Flugrichtung ist frei. Beschleunigung zwei Telikam, exakt!«

Ich sah unverwandt auf den Heckbildschirm. Die Raumstation und mein Heimatplanet wurden beständig kleiner und fielen hinter uns zurück.

»Es kann losgehen«, flüsterte ich leise.

5. Rabor

Wir sahen fasziniert auf die große Holoprojektion. Hinter uns lag die endlose Schwärze des Alls. Manjard war höchstens noch als verwaschener Punkt und nur mit Hilfe des Bordteleskops sichtbar. Die Motoren des Schiffes arbeiteten wie erwartet einwandfrei und hatten zwei Tage nach Verlassen des Orbits ihren Maximalschub entwickelt. Wir rasten jetzt mit etwa 60 Kilometern pro Sekunde auf die Peripherie unseres Sonnensystems zu. Alles fieberte der ersten, kosmischen Begegnung entgegen, die uns bevorstand.

Nach Neun Wochen Flugzeit war er dann endlich auf den Schirmen erschienen: Rabor! Der 8. Planet unseres Systems und einziger Planet, der auf unserer Flugbahn lag! Niemals zuvor waren wir ihm so nahe gewesen!

Pavo leierte die ersten Daten herunter. »Durchmesser: 14010 km. Atmosphärischer Druck am Boden: 1,5 über Manjard-Standard. Zusammensetzung...« Pavo benötigte einige Sekunden, um die Daten abzurufen. »Zusammensetzung: 80 Prozent Kohlendioxid, zehn Prozent Stickstoff, der Rest Edelgase und Spurenelemente.«

Ich ließ die Auswertungsfolien durch meine Hände gleiten. »Durchschnittstemperatur minus 150 Grad! Sehr gemütlich! Große Eisfelder aus gefrorenem Kohlendioxid und Ammoniak. Kein Wasser oder Wassereis an der Oberfläche. Für die große Entfernung zu Cleptra noch relativ warm.«

Loilo, zuständiger Wissenschaftsoffizier, streifte kurz sein Fell über der Nasenwurzel zurück – ein Zeichen, dass er angestrengt überlegte. »Wahrscheinlich Geothermalenergie. Der Planet muss einen heißen Kern besitzen. Trotzdem... Kein Wasser, kein Leben!«

Samut bestätigte. »Nicht einmal eine Mikrobe existiert da unten. Es sei denn, eine unserer zahlreichen Sonden hat ein paar Bakterien als blinde Passagiere mitgebracht und abgesetzt. Aber die dürften ebenfalls keine Chance haben, lange zu überleben.«

Ich legte den Kopf schief. »Trotzdem ein interessanter Kandidat für die Gewinnung von Bodenschätzen aller Art. Lassen wir die Scanner laufen, so lange es geht, und senden alles an Perklat.«

Loilo lachte. »Die gewonnenen Daten werden unsere Wissenschaftler die nächsten 10 Jahre beschäftigen!«

Ich ließ mir die Oberfläche des Planeten auf maximale Detailtreue zoomen. Ich blickte auf weite Ebenen, zerklüftete Täler, ausgedehnte Senken und interessante Bruchformationen. Jedoch gab es keinerlei Vegetation, nicht einmal niedere Moose oder Flechten färbten den wüstenhaften Boden grün. Eine tote, aber schöne Welt.

Ich lehnte mich zurück und füllte die Senkungen im Gedanken mit Wasser. Vor meinen Augen formten sich Meere und Kontinente. Wir würden sicher eines Tages damit beginnen, diese Welt nach unseren Vorstellungen umzuformen – Manjardforming! Durch gezieltes Eingreifen könnte man eine Sauerstoffatmosphäre bilden, erst niedere Vegetation, später Bäume und Sträucher anpflanzen, die den Umformungsprozess unterstützen. Am Ende könnten die Manjarden den Planeten in Besitz nehmen und eine neue Kolonie gründen. Ich lächelte in mich hinein. Dieser Prozess würde sicherlich Hunderte von Jahren dauern, wenn nicht noch länger. Es war eine Aufgabe für Generationen. Doch hatte unser Volk so viel Zeit?

Wir hatten Rabor bereits passiert und entfernten uns langsam aus seinem Schwerefeld. Rabor hatte uns durch sein Schwerefeld nochmals einen genau kalkulierten Geschwindigkeitsschub mitgegeben und die SOMLOM auf ihre Zielflugbahn katapultiert. Der Planet fiel schnell hinter uns zurück und verschwand im Dunkeln des Alls. Rabor war eine eiskalte Welt am Rande unseres eigenen Systems. Mit jeder Sekunde entfernten wir uns weiter und weiter. Wir hatten ihm nur einen kurzen Besuch abgestattet, denn unser Ziel lag viel weiter.

6. Die Oortsche Wolke

Nach einer längeren Ruheperiode von 2 Monaten waren wir wieder aus der Schlafkammer gekommen. Wir hatten einen Vorgeschmack auf die Schlafperiode in den Tanks erhalten und die letzten Tests verliefen absolut zufrieden stellend. Ich fühlte mich frisch und unternehmungslustig.

Dem Flugplan nach waren wir kurz davor, die äußere Kometenwolke unseres Sonnensystems zu erreichen. Keiner von uns wusste genau, mit welchen Risiken der Durchbruch verbunden war. Niemals zuvor waren Manjarden so weit vorgedrungen.

Ich wies die Besatzung zur höchsten Wachsamkeit an. Von nun an waren die Ortungsgeräte keinen Moment lang unbesetzt. Die Partikeldichte nahm ständig zu und aus der Flugrichtung kamen besorgniserregende Ortungsmeldungen.

Pavo kräuselte die Stirn, er schien sehr besorgt. »Da schwirren Broken herum von der Größe kleiner Asteroiden!«

Loilo besah sich die Daten. »Schmutzige Schneebälle!«

Pavo ließ ein Schnaufen hören. »Von wegen Schneebälle! Im Kern teils metallisch, teils aus Felsen. Wenn wir frontal auf so einen ›Schneeball‹ prallen, dann ist es vorbei. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kollision kommt, ist allerdings vergleichsweise gering.«

Ich warf alle Bedenken über Bord. Um abzubremsen war es bereits zu spät. Außerdem bewegten sich die Kometenkerne mit derselben Geschwindigkeit durch die Gegend wie unser Schiff. Wir konnten nur durchstoßen und hoffen, dass es zu keinem Unfall kam. Die Statistik sprach jedenfalls für uns, denn das All war verdammt groß!

Um uns alle zu beruhigen, hatte Loilo kurz eingeworfen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenstoß ungefähr so groß war, wie die Möglichkeit, dass sich zwei weit voneinander abgefeuerte Gewehrprojektile in der Luft trafen. Trotzdem verbrachten wir die nächste Zeit ständig in der Zentrale. Eine unterschwellige Angst machte sich erstmals seit Antritt unseres Fluges breit. Das diese Angst begründet war, sollte sich schon bald herausstellen.

Es war am vierten Tag nach Verlassen der Schlafkabinen, als mich Pavo aufgeregt alarmierte. Ich hatte einige Stunden in meiner Privatkabine zugebracht und wollte in wenigen Minuten die Wachablösung durchführen. Der Turbolift spie mich innerhalb weniger Sekunden direkt in der Zentrale aus.

Pavo hatte eine Holoprojektion erstellt, auf der ich mit einem Blick sah, was ihn erschreckt hatte – ein großer Kometenkopf mit zirka 1000 Metern Durchmesser lag genau auf unserer Flugbahn!

Ich atmete heftig durch. »Geschätzte Zeit bis zur Kollision?« fragte ich knapp.

Pavo hämmerte auf die Tastatur des Kursrechners ein. »4 Minuten, 24 Sekunden«, entgegnete er ebenso knapp und präzise.

»Vollalarm!« befahl ich trocken.

Erstmals seit unserem Abflug erklangen die Warnsirenen und waren in jedem Winkel der SOMLOM zu hören. Wenige Sekunden später erschienen die ersten Besatzungsmitglieder, Rack nur in eine dünne Schlafkombination gehüllt, was ihm spöttische Blicke von Lika einbrachte.

Loilo erschien als letzter, heftig atmend fragte er: »Was ist los, warum der Alarm?«

Anstelle einer direkten Antwort bestätigte Pavo: »Noch 3 Minuten, 40 Sekunden bis zur Kollision!«

Loilo wurde bleich und Lika sah mich mit entsetzt geweiteten Augen an, dann kamen meine Befehle schnell nacheinander.

»Pavo! Analyse des Kometenkerns! Ich brauche seine Zusammensetzung! Schnell!«

Pavo bestätigte kurz und machte sich sofort an die Arbeit.

»Rack! Frontwerfer bereitmachen! Zieldaten in den Waffencomputer transferieren!«

Rack machte einen Satz, der einem torianischen Springteufel alle Ehre gemacht hätte und landete geradewegs vor der Waffenkonsole.

Pavo meldete sich kurz. »Tiefenanalyse des Körpers läuft. Taste mit allen verfügbaren Sensoren!«

Ich nickte ihm zu. »Loilo! An den Bordrechner. Ermittle die Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Zerstörung durch eine Fusionsladung bevor der Zusammenprall erfolgt!«

Loilo setzte sich nach einem kurzen Blick zu Lika an die Computerkonsole und begann mit den Berechnungen.

Ich drehte mich zu Samut um. »Medizinische Station klarmachen, auf den Notfall vorbereiten!«

Der Bordarzt, von allen auch »der Schweigsame« genannt, machte sich sofort an die Arbeit.

Pavo meldete sich. »Noch 2 Minuten, 15 Sekunden bis zum Aufprall! Achtung, Zusammensetzung! Methaneis, Ammoniak, kleinere Partikel von Staub und Fels, sehr niedrige Dichte.«

Ich schloss kurz die Augen, das war unsere Chance!

»Da hast du deinen schmutzigen Schneeball, Loilo!« sagte ich trocken. Dann, zu Rack, der bereits auf meine Befehle wartete: »Fusionsladung, Einhundert Kilotonnen, laden und bestätigen!«

Rack begann, zu schwitzen. Nach nur 20 Sekunden bestätigte er. »Geladen!«

Pavo war von seinem Platz aufgestanden. »Noch eine Minute, 50 Sekunden bis zum Aufprall!«

Lika hatte sich bereits festgeschnallt und ihren Helm verriegelt, die anderen taten es ihr gleich. Ich zerbrach mit fliehenden Fingern die Plastikummantelung der Codetabellen, um die Bombe scharf zu machen. Dann übermittelte ich Rack den Codeimpuls. Der Feuerknopf auf meinem Kommandosessel leuchtete rot auf und zeigte Bereitschaft. Ich hielt den Atem an.

Loilo wandte sich um. »Wahrscheinlichkeit liegt bei 60 Prozent.« Auch er schnallte jetzt seinen Gurt fester.

»Zielcomputer aufschalten!«

Rack antwortete leise: »Ist aufgeschaltet.«

Ich blinzelte zu Pavo hinüber und drückte entschlossen den Feuerknopf. Der Abschuss der Fusionsladung war kaum hörbar. Durch ultrastarke, pulsierende Magnetfelder beschleunigt, wurde die Bombe vom Frontwerfer ausgespuckt und jagte davon. Ein ultrahohes, sirrendes Geräusch war zu vernehmen, dann sahen wir es vorab aufblitzen. Ein blendender Feuerball dehnte sich aus und umschloss den Kometenkopf, der durch das vernichtende Feuer des Gefechtskopfes erstmals optisch sichtbar wurde.

Lika stöhnte auf. »Wir rasen genau in den Feuerball hinein!«

Ich kniff die Augen zusammen. Glühende Partikel stoben in alle Richtungen davon. Hatten wir den Kometenkopf vernichtet?

»Elektromagnetisches Schirmfeld auf Maximum!« befahl ich ruhig.

Dann konnten wir nur noch warten. Die letzten Sekunden dehnten sich zu einer kleinen Ewigkeit.

Schließlich meldete Pavo: »Plasmawolke mit Kleinstpartikeln vorab. Temperatur im Kern des Feuerballs noch 5000 Grad Celsius, abklingend. Auftreffen in 4, 3, 2, 1... Kontakt!«

Wir vernahmen ein Geräusch, das sich anhörte, wie ein Sack kleiner Stahlkugeln, die auf einer Steinplatte ausgeschüttet wurden. Ich zog unwillkürlich den Kopf ein und klammerte mich an die Sitzlehnen meines Kommandosessels. Wenn ein größerer Körper übrig geblieben war und genau in Flugrichtung lag... Ich wagte nicht den Gedanken fertig zu spinnen.

Mit 80 Kilometern pro Sekunde durchstießen wir die verwehende Plasmawolke der Fusionsladung und hielten alle den Atem an. Dann durchstießen die ersten, größeren Broken das magnetische Schirmfeld. Jeder Aufprall entwickelte so viel Energie, dass selbst ein Faustgroßes Eisstück die Hülle aus spezialverstärktem Verbundstahl durchschlagen konnte. Die spezielle Form des Kommandomoduls verhinderte das Schlimmste. Nach einer weiteren Sekunde waren wir durch. Die Sicht in Flugrichtung klärte sich und die letzten Erschütterungen klangen ab.

Pavo wischte sich demonstrativ mit einem Erfrischungstuch über das Gesicht. »Großer Broken, zirka 100 Meter Durchmesser, 200 Meter links von uns passiert!«

Ich atmete auf. Wir hatten es geschafft.

»Alarm beenden!« befahl ich ruhig und verriegelte die Waffenschaltungen. »Rack, hat das Schiff etwas abbekommen? Bitte Ausfallmeldungen.«

Rack sah verblüfft auf die Anzeigen des Bordcomputers. »Keine Ausfallmeldungen! Hülle intakt! Einige Mikrolecks, die aber bereits durch Einspritzen von Dichtungsmasse verschlossen werden.«

Ich entspannte mich »Na dann können wir uns ja wieder entspannen.«

Ich merkte allen die große Erleichterung an. Nur Loilo schien etwas mitgenommen und nervlich angegriffen. Ich nahm mir, vor ein Auge auf ihn zu haben.

7. Die Botschaft

Nach einer Woche Flug und vier weiteren, nahen Begegnungen mit hausgroßen Kometenköpfen, hatten wir es endlich geschafft!

Pavo hatte atemberaubende Bilder und Daten der Oortschen Wolke gesammelt und unser Wissen über den Aufbau des eigenen Sonnensystems komplettiert.

Unser Zentralstern Cleptra war nun kaum noch größer als all die andern Fixsterne. Theoretisch hatten wir nun die Grenzen unseres eigenen Systems überwunden.

Bevor wir uns für die nächsten Zehn Jahre in die Schlaftanks legen mussten, wurde dieser Anlass mit einem letzten, üppigen Mahl gefeiert. Vor uns lag nun die unendliche Leere, der Abgrund zwischen den Sternen. Die 8 Lichtjahre waren eine gigantische Entfernung, die es zu überwinden galt, doch im kosmischen Maßstab gesehen bestenfalls vergleichbar mit dem Sprung eines manjardischen Grasinsekts.

Wir saßen zusammen und spekulierten über Dinge, die uns am Zielpunkt erwarteten könnten, als wir plötzlich eine Funkbotschaft empfingen. Pavo versuchte sein Bestes die Botschaft klar zu bekommen, doch der Empfang war extrem gestört. Ich ließ mein Essen stehen und gesellte mich zu ihm an die Funkkonsole. Pavo versuchte das Rauschen durch Überlagerung zu reduzieren, um die Botschaft besser hörbar zu machen.

»Sie ist sehr zerhackt, kaum zu verstehen, merkwürdig...«

Ich lauschte und nickte ihm kurz zu. Plötzlich glaubten wir, ein paar Wortfetzen zu verstehen. »Ist... icherheits... ation...«

Ich strich mir das Fell über den Armen zurück. »Was hat das zu bedeuten?«

Pavo schaltete die digitalen Filter dazwischen. »Das Signal kommt sehr schwach an. Eigentlich müsste die Raumstation klar durchkommen. Irgendetwas stimmt nicht!«

Ich dachte nach. Warum schickte man uns einen Funkruf mit so schwacher Sendeleistung? War der Hauptsender etwa ausgefallen?

Das Rauschen wurde wieder stärker. Ich wies Pavo an, die Empfangsmodule zu überprüfen, doch das hatte der tüchtige Techniker bereits erledigt.

»...mbe... uf em iff... chtung es... ibt... ne... Bom...« Dann riss die Nachricht plötzlich ab.

Ich ließ den letzten Teil wieder und wieder abspielen. Dann glaubte ich plötzlich zu wissen, was man uns sagen wollte. Meine Nackenhaare stellten sich im Moment der Erkenntnis vor Schreck auf. Ein kalter Schauer rann durch meinen Körper.

Ich sah Pavo kurz an und las in seinem Gesicht, das auch er die richtigen Schlüsse gezogen hatte.

»Rufe sofort die anderen zusammen!«

Pavos Gesicht blieb ausdruckslos. »Jawohl, Kommandant.«

8. Sabotage

Ich sah in die fragenden Gesichter meiner Crew. Pavo verhielt sich ruhig und überließ mir das Wort.

»Wir haben eine Botschaft erhalten«, begann ich langsam.

Loilo lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. »Und? Grüße aus der Heimat?«

Ich räusperte mich und beschloss ohne lange Vorreden zum Punkt zu kommen. »Die Sendung war sehr schwach und verstümmelt, wahrscheinlich mit einem Notsender abgestrahlt.«

Ich fühlte die aufkeimende Beunruhigung unter der Besatzung.

Lika sah von einem zum anderen, dann fragte sie mit zitternder Stimme: »Notsender? Wieso das? Ist etwas passiert?«

Ich erstickte die aufkommenden Fragen mit einer raschen Handbewegung. »Der Funkruf hört sich an wie eine Warnung. Ich bin der Überzeugung, man will uns mitteilen, dass sich eine Bombe an Bord befindet!«

Pavo ließ die Luft zischend entweichen. Er hatte die Botschaft also auch verstanden.

Rack schoss aus seinem Sessel wie eine Rakete. »Wie bitte?«

Ich drückte ihn sanft ins Polster zurück. »Wir haben wahrscheinlich eine Bombe an Bord, die den Flug sabotieren soll. Nach den Anschlägen des Schachmanin durchaus möglich.«

Lika sah sich mit brennenden Augen um. »Wir müssen sie finden und ins All befördern, bevor...« Sie stockte mitten im Satz. »...bevor sie detoniert und uns und das Schiff atomisiert.«

Pavo hatte sich bereits wieder in der Gewalt, als er fragte: »Warum ist sie bis jetzt noch nicht explodiert und hat unseren Flug beendet?«

Ich wog den Kopf hin und her. »Darüber habe ich mir bereits Gedanken gemacht. Wäre das Schiff zwischen Manjard und dem Systemrand explodiert, dann hätte die Raumstation die Explosion registriert. Ich vermute die Terroristen oder Attentäter wollten, dass der Anschlag wie ein Unfall aussieht. Wir wären einfach nicht mehr von unserer Mission zurückgekehrt.«

Pavo nickte versonnen. »Dann ist der Zünder so eingestellt, dass er die Bombe irgendwann beim interstellaren Flug zündet. Zu diesem Zeitpunkt ist die Kommunikation mit der Heimat unterbrochen.«

Ich nickte bestätigend. »Sehr gut, Pavo! Das war auch meine Schlussfolgerung. Ich vermute, dass der Zünder mit dem Ionenantrieb gekoppelt ist.«

Lika zitterte leicht. »Dann müssen wir den Countdown für den Start des Antriebes unterbrechen!«

Pavo schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, in den automatischen Countdown einzugreifen.«

Ich sah auf meinen Chronometer. »Noch 5 Stunden bis zum Countdown. In spätestens 4 Stunden müssen wir in den Tanks liegen. Wir haben also 4 Stunden, die Bombe zu finden und zu deaktivieren, anderenfalls werde ich den Countdown unterbrechen und den Kursrechner neu programmieren!«

Pavo lehnte sich zurück. »Aber das ist nicht alles, oder?«

Ich versuchte, ruhig zu bleiben, als ich sagte. »Ich mache mir Sorgen über die Art, wie uns die Botschaft erreicht hat.«

Loilo sah mich direkt an. »Du vermutest Probleme zuhause?«

Ich nickte versonnen. Pavo nutze die Pause, um eine weitere Information platzen zu lassen. »Seit dem Ende der Funkbotschaft sind auch alle anderen Funksendungen von Manjard abgerissen.«

Lika öffnete die Augen so weit, dass ihre Angst deutlich zu sehen war. »Was bedeutet das?«

Pavo zuckte mit den Schultern. »Wir waren noch niemals so weit draußen. Vielleicht ist das ein normaler Effekt oder die Oortsche Wolke beinhaltet irgendwelche Elemente, die elektromagnetische Wellen absorbieren oder reflektieren. Kann auch ein technischer Defekt sein. Ich werde daran arbeiten. Aber auf jeden Fall ist das ganze sehr merkwürdig.«

Ich sah mich kurz um. »Egal was zuhause vorgefallen ist, wir können die Mission nicht mehr abbrechen. Wir werden die Bombe finden und entschärfen, dann setzen wir unseren Flug fort!«

Ich fühlte die aufkeimenden Zweifel meiner Crew. Allerdings wusste jeder an Bord, das man eine Mission nicht einfach abbrechen und zurückfliegen kann. Das war schon aus technischen Gründen nicht möglich.

Lika machte einen letzten Versuch. »Das Beiboot! Wir fliegen mit dem Beiboot zurück nach Haus!«

Ich verneinte energisch. »Wir werden die SOMLOM nicht so einfach aufgeben! Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Ich teilte Pavo ein, den Empfänger nicht mehr aus den Augen zu lassen. Samut und Lika erhielten den Auftrag, das Beiboot für einen Notstart startklar zu machen. Loilo und Rack folgten mir um nach der Bombe zu suchen, doch wo sollten wir beginnen?

Wir glichen unsere Chronometer ab und blieben in ständiger Verbindung.

Ich gab Anweisung, erneut die leichten Raumanzüge anzulegen, da sie im Notfall eine autarke Sauerstoffversorgung gewährleisteten. Außerdem waren sie druckbeständig und man konnte wenigstens für eine kurze Zeit im All überleben.

Rack und Loilo sahen mich fragend an. Sie erwarteten eine Entscheidung. »Rack, wo würde eine Bombe am wenigsten auffallen?«

Der Techniker überlegte angestrengt. »Im Antriebsmodul hält sich während des gesamten Fluges niemand auf. Während der Flugvorbereitung wird der Antrieb zwar genau untersucht, war es dem Attentäter aber gelungen, die Bombe nach dem Ende des Countdowns zu platzieren, dann würde sie wohl unentdeckt bleiben.«

Ich nickte bestätigend. »Das war auch mein Gedanke. Wenn die Bombe mit dem Antrieb verbunden ist, dann macht es Sinn, sie in der Nähe des Ionenmotors zu platzieren.«

Wir sahen uns kurz an, dann waren wir uns einig. Wir mussten so schnell wie möglich zum Antriebsmodul gelangen und nach verdächtigen oder nachträglich eingebauten Elementen suchen.

Während Samut und Lika über den Lift zum Beiboot fuhren, um das Schiff für den Notfall startklar zu machen, durchquerten wir das Kommandomodul und näherten und dem Verbindungsschott zum Brückensegment. Loilo öffnete das Code-Schott zum Verbindungsgang. Vor uns lag ein etwa 100 Meter langer Tunnel, der schnurgerade zum Antrieb führte. Der Tunnel drehte sich vor unseren Augen, doch das war eine Täuschung. In Wirklichkeit rotierte das Kommandomodul um die künstliche Schwerkraft zu erzeugen, der Tunnel hingegen lag still. Demnach herrschte in dem Verbindungsgang Schwerelosigkeit und es würde mühsam werden, zum Antriebsmodul vorzudringen. Der Tunnel war gerade groß genug, um einen Manjarden zu fassen, so schwebten wir dicht hintereinander. Ich führte die Prozession an.

Ich hörte plötzlich Loilos Stimme im Helmfunk. »Wenn wir das überleben, dann drehe ich nach meiner Rückkehr den Verantwortlichen eigenhändig das Genick um!«

Ich kommentierte die Worte nicht, machte mir aber zunehmend Gedanken über Loilos Zustand. Mein erster Offizier schien Stresssituationen nicht so gut zu verarbeiten wie die anderen Crewmitglieder. Bei aller Gefahr mussten wir ruhig und besonnen bleiben, nur so konnten wir überleben. Ich begann mich zu wundern, wie Loilos Schwachstelle während der Tests übersehen werden konnte.

Ich hörte das schwere Atmen Loilos im Empfänger. Er schien mit seiner Beherrschung zu kämpfen. Langsam schwebten wir durch das Überbrückungsmodul und näherten und der nächsten Schleuse. Loilo hatte mehrmals die Kontrolle über seinen Schwebeflug verloren und war hart gegen die Wände gestoßen. Ich fühlte mich veranlasst, ihn zur Ordnung zu rufen.

Als wir endlich vor dem Schott standen, zeigte ein kurzer Blick auf mein Chronometer, dass wir genau 15 Minuten für den schwerelosen Übergang zum Antriebsmodul benötigt hatten. Ich trieb meine Begleiter zur Eile an. Das Schott warnte mit roten Leuchtsymbolen vor starker Strahlung. Nach dem Start des Ionenmotors war es nicht ratsam, an diesem Ort zu sein. Die emittierte Strahlung war nach kurzer Zeit tödlich.

Loilo tippte nervös den Eingangscode in das Türschloss, worauf sich die Stahltüren für uns öffneten. Die Kammer, die zu den Antriebssystemen führte, war in dunkles Rotlicht getaucht. Ein Zeichen dafür, dass der Countdown für den Ionenmotor bereits begonnen hatte. Der gesamte Trakt war von einem tiefen Brummen erfüllt.

Loilo sah nervös auf seinen Chronometer. »Hat jemand die genaue Zeit, zu der wir zurück sein müssen, um noch mit dem Rettungsboot zu entkommen?«

Ich sah Rack kurz in die Augen. Auch er begann, sich über das Verhalten Loilos zu wundern. Ich wies den beiden je einen Wartungstunnel an und begab mich direkt in den Maschinenraum. Sofort machte ich mich an die Untersuchung der Hauptkonsolen, öffnete Verkleidungen und suchte nach Bauteilen, die nicht hierher passten. Ich überprüfte alle Schweißnähte, öffnete die Seitenverkleidungen wo es möglich war und untersuchte alle Magazine.

Loilo, sichtlich nervös, und Rack, der sich mit der Präzision eines Uhrwerks vorarbeitete, gaben mir alle 5 Minuten über Funk Statusmeldung. Wir durchsuchten alle Wartungstunnel, öffneten jedes Zugangsschott und wurden dennoch nicht fündig.

Nach zwei Stunden rief ich die beiden zurück. Wir hatten noch etwa eine Stunde und 45 Minuten Zeit, ehe wir entweder in das Beiboot steigen oder aber den Countdown stoppen mussten.

Ich sah in die gehetzten Augen Loilos der mich fragend ansah. »Und? Gehen wir zurück und verlassen diesen Pott?«

Ich wurde ärgerlich, packte Loilo an den Schultern und schüttelte ihn kurz. »Was ist nur plötzlich los mit Ihnen? Reißen Sie sich gefälligst zusammen! Ich erwarte von meinem Ersten Offizier, dass er Haltung bewahrt, sonst enthebe ich Sie von Ihrem Kommando! Haben wir uns verstanden?«

Loilo schluckte kurz und versuchte, sich zu fassen.

Rack, der die Szene stumm beobachtet hatte, wartete bis ich mich an ihn wandte. »Kommandant, mir ist da ein Gedanke gekommen.«

Ich sah interessiert auf. »Ja, Rack?«

Der brillante Techniker machte eine umfassende Geste. »Eigentlich haben Sie mich mit dem Bericht über den Schachmanin darauf gebracht.« Ich sah, wie sich Racks Gesicht verhärtete. »Wenn diese Leute trainiert sind, zu töten, sozusagen perfekte Killer, die jeden Auftrag genau planen und ausführen, dann hat der Attentäter vielleicht mit unserer Reaktion gerechnet und sie in seinen Plan eingebaut.«

Ich sah interessiert auf. »Weiter!«

Rack schloss die Antriebssektion mit seinen Armen ein. »Vielleicht hat er damit gerechnet, dass wir genau die Schlussfolgerung ziehen, auf die wir gekommen sind. Er wusste, dass wir hier suchen werden! Also hat er die Bombe an einem anderen Ort deponiert!«

Ich dachte nach. Wir hatten noch immer nicht alle Stellen untersucht. Das Antriebsmodul war vergleichsweise riesig. Drei Mann konnten durchaus stundenlang suchen und trotzdem die Bombe übersehen.

Loilo war dem Zusammenbruch nahe. Erst durch seine zitternde Stimme wurde mir klar, wie ernst es um ihn stand. »Und wo soll das verdammte Ding versteckt sein, wenn nicht hier?«

Rack antwortete mit fester Stimme und voller Überzeugung: »Im Beiboot natürlich! Der Schamanin wollte kein Risiko eingehen. Für den Fall, dass wir uns mit dem Beiboot absetzen, würde die Bombe detonieren und uns alle atomisieren!«

Ich schielte auf mein Chronometer und stellte mit einer schnellen Schaltung die Verbindung zu Lika und Samut her. »Hier spricht Aik! Lika, Samut, hört ihr mich?«

Der Bordarzt meldete sich augenblicklich. »Hier Samut, habt ihr etwas gefunden?«

Ich überging die Frage und wies stattdessen an: »Antrieb des Beibootes sofort herunterfahren! Systeme aus! Habt ihr mich verstanden?«

Lika meldete sich. »Ich fahre gerade den Countdown um die Antriebsmodule des Bootes zu testen und vorzuwärmen, soll ich nicht lieber doch... ?«

Mir lief es heiß über den Rücken. Eine Spur zu laut schrie ich in das Mikrofon. »Countdown sofort stoppen! Das ist ein Befehl!«

Lika meldete sich mit ruhiger Stimme. »Wenn ich den Antrieb herunterfahre, dann dauert es mindestens eine Stunde, um den Reaktor erneut hochzufahren und das Schiff klar zu machen.«

Ich schnitt ihr das Wort unsanft ab. »Die Bombe ist wahrscheinlich im Beiboot versteckt! Wenn sie den Probelauf starten, dann töten sie uns vielleicht alle!«

Eine Sekunde schweigen, dann kam die Meldung: »Antrieb aus, Reaktor heruntergefahren. Shutdown aller Systeme des Beiboots.« Und nach einer weiteren Sekunde: »Ich hoffe, Ihre Vermutung trifft zu, Kommandant!«

Ich atmete durch. Um die ständigen Diskussionen meiner Befehle würde ich mich später kümmern. Ich schrieb der Crew zugute, dass der Tod des früheren Kommandanten doch noch seine Spuren hinterlassen hatte. Dann gab ich meine Befehle:

»Lika, sehen Sie sich im Beiboot um. Falls Sie etwas finden, rufen Sie uns. Aber rühren Sie nichts an. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen! Rack, Loilo, los!«

Allen war klar, dass wir keine Zeit mehr hatten, einen weiteren Bereich des Schiffes zu durchsuchen. Falls wir uns irrten, dann hatte dieser Irrtum schwerwiegende Konsequenzen. Als letzte Möglichkeit blieb, den Start des Ionenmotors zu unterbrechen. Damit war die Mission gescheitert, denn den Kursrechner neu zu programmieren, war eine fast unlösbare Aufgabe.

Als wir im Beiboot ankamen, empfing uns Lika mit ausdruckslosem Gesicht. »Samut hat soeben etwas unter dem Krankenlager entdeckt. Er kann den Gegenstand nicht der medizinischen Ausrüstung zuordnen.«

Ich atmete heftig, entledigte mich mit einem schnellen Griff der schweren Montur und sah, dass Rack es mir gleich tat. Nur Loilo machte keine Anstalten, den Raumanzug abzulegen.

Ich raunte Lika zu, sich um den Ersten Offizier zu kümmern und sie schien sofort zu verstehen. Mit ruhigen Worten redete sie auf ihn ein, während wir zu Samut stießen.

Der Bordarzt lag mit einem Leuchtstab unter dem Krankenbett und besah sich den seltsamen Körper. Er sah kurz zu uns auf. »Metallischer Körper, etwa 50 Zentimeter lang, magnetisch verankert.«

Rack nickte. »Das könnte unser gesuchtes Objekt sein!«

Ich robbte unter das Bett und sah mir den Zylinder an. Samut leuchtete mir. »Er wurde nachträglich angebracht. Die magnetische Halterungen sind mit Spezialkleber verschweißt. Hoffentlich bekommen wir das Ding ab.«

Rack zog ein kleines Messgerät aus der Tasche und folgte uns unter das schwere Bett. »Schwacher Signalfluss in einem Seitenspektrum. Das Ding funkt und empfängt ein schwaches Signal! Ich vermute, dass die Bombe ein Sender/Empfänger-System enthält, das feststellen kann, ob der Ionenantrieb gezündet wurde.«

Ich rieb mir nervös die Handflächen. »Und wie soll das funktionieren?«

Rack drehte die Handflächen von unten nach oben, ein Zeichen, dass er sich nicht absolut sicher war. »Ich könnte mir vorstellen, dass die Bombe auf die Emissionen des Ionenzyklotrons anspricht.«

Ich dachte kurz nach. Das Kommandomodul war zwar bestens abgeschirmt und die Strahlung lag weit unterhalb der gefährlichen Grenze, trotzdem war sie charakteristisch und konnte von einem entsprechenden Sensor noch angemessen werden.

»Ich denke wir haben die Bombe gefunden!« Ich schluckte kurz. »Sehr gut, Rack! Ihre Ahnung hat sich als richtig erwiesen!«

Da lagen wir nun zu dritt unter dem Bett und starrten auf das seltsame Objekt. Die Bombe war mit dem Bettgestell kalt verschweißt und keiner von uns wagte, sie zu berühren. Wir dachten nach.

Ich musste eine Entscheidung treffen und zwar schnell. In spätestens 40 Minuten mussten wir in die Tanks gehen oder den Countdown stoppen. Die Bombe musste entweder aus dem Schiff oder entschärft werden! Bei den Listen und Tricks der Schachmanin wagte ich allerdings nicht, daran zu denken, die Bombe zu entschärfen. Sicherlich war der Zünder vielfach gesichert.

Wieder war es Rack, der den passenden Vorschlag hatte. »Wenn wir die Bombe nicht abtrennen können, dann befördern wir doch einfach das gesamte Bett ins All!«

Ich lachte kurz auf. Dieser Rack gefiel mir immer besser!

Ich schlug Samut auf die Schulter. »So machen wir's! Das Bett ist doch fahrbar, oder nicht?«

Der Mediziner nickte verblüfft. »Natürlich. Aber wenn die Bombe einen Bewegungszünder hat?«

Ich sah Samut in die Augen. »Das Risiko müssen wir eingehen, Doc. Außerdem glaube ich nicht daran, denn sonst hätte der Zünder schon während der Beschleunigungsphase angesprochen.«

In meinem Funkempfänger krachte es kurz, dann war eine Stimme zu hören. »Hier ist Pavo, denkt eigentlich noch jemand an mich?«

Ich bestätigte. »Wir haben die Bombe gefunden. Wie sieht es an den Empfängern aus?«

Pavo ließ heftiges Atmen hören. »Ich empfange nichts, nicht einmal ein schwaches Signal. Fast scheint es, als ob alle Sender auf unserem Planeten die Arbeit eingestellt hätten.«

Ich gab Pavo Anweisung, es weiter zu versuchen, und löste zusammen mit Rack die Halteklammern des Krankenbetts. Ich sah dem Techniker kurz in die Augen.

»Wie sie sagten, Rack. Wir befördern das verdammte Ding ins All. Notschleuse Sieben ist am nächsten. Los jetzt!«

Vorsichtig aber zügig bugsierten wir das Krankenbett in die Schleuse, dann fanden wir uns wieder in der Zentrale ein. Ich überschrieb das Sicherheitsprotokoll der Schleuse, das normalerweise die Luft vor dem Öffnen der Außentore abpumpte. Ich hoffte, dass der entstehende Sog die Bombe mitsamt dem schweren Bett ins All schleuderte. Dann betätigte ich den Schalter der Schleusenkontrolle.

Ich wartete einige Sekunden, dann rief ich meinen Ortungstechniker. »Pavo! Was zeigen die Geräte an? Ist das Ding draußen?«

Nach einigen Sekunden kam die prompte Antwort: »Ich traue meinen Augen nicht! Da draußen fliegt ein Bett durchs All und entfernt sich mit etwa einem Kilometer pro Sekunde vom Schiff!«

Niemand ging auf die humoristische Einlage ein, aber ich registrierte ein merkliches Nachlassen der Anspannung. Pavo gab uns weiterhin Meldung. Als das Bett und die Bombe sich etwa 20 Kilometer entfernt hatten, glühte es auf den Ortungsschirmen plötzlich auf. Meine Muskeln strafften sich. Ich wartete auf die Druckwelle, doch es gab keine Erschütterung.

Pavo meldete sich. »Kalte Fusionsladung, 50 Kilotonnen Sprengkraft. Zweifelsohne genug, um dieses Schiff in seine atomaren Bestandteile zu zerlegen. In dieser Entfernung jedoch keine Gefahr mehr für uns. Gratuliere, Kommandant! Wir haben es geschafft!«

Jetzt konnte auch ich mich entspannen.

Rack fühlte sich veranlasst, etwas zu sagen: »Wie ich vermutet hatte, es bestand eine permanente Verbindung zur Antriebssektion.«

Dann lächelte der Techniker säuerlich. Ich sah ihn fragend an, worauf er erwiderte: »Die Bombe hatte wohl noch einen zweiten Referenzpunkt. Sie musste auf irgendeine Weise noch mit den Schiffs-Systemen verbunden sein. Der Signalfluss war allerdings so schwach, das er nach 20 Kilometern Entfernung abriss und die Bombe zur sofortigen Detonation brachte.«

Ich nickte langsam. Welch teuflischer Mechanismus. Wir wären auf jeden Fall getötet worden, auch wenn wir den Ionenantrieb deaktiviert und das Schiff mit dem Beiboot verlassen hätten.

Meine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Der Auftragsgeber des Schachmanin! Ich schwor, dass ich ihn suchen und finden würde, wenn wir wieder von unserer Mission wieder zurück gekehrt waren.

9. Zu den Sternen!

Uns blieben noch 15 Minuten, um die Tanks zu besteigen. Es wurde kaum gesprochen, jeder bereitete sich auf die bevorstehende Tiefschlafphase vor. Viele Risiken gab es noch abzuwägen, doch was nützte es jetzt darüber nachzudenken? Wir würden nun einige Jahre im Tiefschlaf verbringen und erst kurz vor dem Ziel durch die Automatik wieder geweckt werden. Das waren viele Jahre, die in unserer Erinnerung fehlen würden. Jahre eines tiefen, traumlosen Schlafs.

Wir saßen schweigend zusammen und sahen uns an. Einige Fragen konnten nicht mehr geklärt werden. Trotzdem hinterließen sie brennende Spuren in unseren Köpfen. Was war zu Hause geschehen? Warum war jeder Funkkontakt abgerissen? War es dem Schachmanin gelungen, in der Raumstation ebenfalls eine Bombe zu deponieren? Was war aus unseren Freunden und Familien geworden? Wer hatte ein Interesse, daran unsere Mission zu sabotieren und was würde während unserer Abwesenheit auf Manjard alles geschehen? Würden wir unseren Planeten nach der Rückkehr wiedererkennen?

Mir wurde plötzlich bewusst, wie wichtig mir doch die Heimat war. Ein Gefühl, das während der langen Trainingsjahre viel zu kurz gekommen war. Ich las in den Gesichtern meiner Crew, dass sich jeder mit denselben Fragen beschäftigte. Dennoch durften wir nicht den Blick für die Mission und bevorstehenden Aufgaben verlieren. Den ersten, ehrlosen Versuch uns scheitern zu lassen, hatten wir abgewehrt! Wir waren zu einer festen Gemeinschaft verschmolzen, somit hatte der Sabotageversuch auch seine positiven Aspekte hinterlassen.

Leika und Loilo waren die ersten, die in die Gelee-Tanks gingen. Samut überwachte den korrekten Ablauf des Schlafprogramms. Dann folgte Rack und Pavo. Ich aktivierte schließlich Samuts Tank und war plötzlich allein an Bord.

Ich nahm mir einige Minuten Zeit, um einen letzten Blick auf den Autopiloten zu werfen und die Funktionen der Lebenserhaltung zu überprüfen. Alle Systeme arbeiteten einwandfrei. Würde das Schiff während des langen Fluges beschädigt, dann würden die zahlreichen, automatischen Reparatureinheiten in Aktion treten. Gegen Hüllenschäden war das Schiff genauso gut vorbereitet wie gegen Energieabfälle oder alle möglichen Katastrophen, wie Feuer oder Computerabstürze.

Für die nächsten 10 Jahre übergab ich nun das Kommando an den zentralen Schiffrechner. Er würde uns kurz vor dem Ziel einen Weckimpuls schicken.

Ich legte schließlich die Schlafkleidung an. Dabei handelte es sich um einen mit zahllosen Sensoren gespickten Anzug, der während der Tiefschlafphase alle meine Körperfunktionen an den Bordrechner weiterleiten würde. Das weiche Gelee fühlte sich gut an.

Als sich der Tank über mir schloss, gab es kein Zurück mehr. Das einströmende Gas würde mich in den nächsten Sekunden einschlafen lassen, dann übernahm die Automatik die Pflege meines Körpers. Meine letzten Gedanken waren bei Raztan und dem Versprechen, das er mir vor seinem Tod gegeben hatte:

»Ich verspreche dir, was immer wir finden, ich werde es dir persönlich erzählen wenn wir zurück sind!«

»Alter Freund«, flüsterte ich schläfrig. »Es gilt!«

Wenige Sekunden später schlief ich ein.

Genau zum berechneten Zeitpunkt zündeten die Motoren des Ionenantriebs und die SOMLOM – erstes und einziges Fernraumschiff meines Volkes – beschleunigte in Richtung Leilak.

ENDE

Das große Abenteuer der Manjaden hat begonnen. Zehn Jahre sind sie nun unterwegs zum System Leilak. Was werden sie dort vorfinden? Das erhoffte Paradies? Wird es überhaupt Planeten geben, die man erforschen kann?

Diese Fragen werden im nächsten Roman mit dem Titel

Das neue Land

von Rainer Schwippl beantwortet. Erscheinungstermin ist der 1. Juli 2001 – natürlich nur beim PROC.

Datenblatt

Manjard

Dritter Planet der Sonne Cleptra in der Galaxis »V1«. Manjard hat einen Durchmesser von 11950 Kilometern, eine Schwerkraft an der Oberfläche von 0,95 g und ist mit seiner Rotationsachse 8° gegen die Ekliptik geneigt. Wärme- und Kälteperioden bestimmen den Wechsel der Jahreszeiten, die Temperatur im Jahresmittel beträgt jedoch nicht mehr als 16 Grad Celsius. Für einen Umlauf um den rotgelben Zentralstern benötigt Manjard 380 Tage; ein Manjard Tag dauert 28 Stunden. Auf Manjard gibt es drei große Kontinente, die durch große Meere voneinander getrennt sind. Etwa 60 Prozent der Planetenoberfläche sind von Wasser bedeckt. Die großen Meere schimmern auf der Nachtseite des Planeten in einem fluorenzierenden Grün; ein Effekt, der von Mikroorganismen erzeugt wird, die nachts Leuchtenergie abgeben. Die 3 großen Kontinente Manjards heißen: Osmind, Ariand und Tori. Es gibt nur sehr wenig geologische Verwerfungen und Berge auf Manjard, ein deutliches Zeichen, dass es sich bereits um einen »betagten« Planeten handelt. So hat die Sonne Cleptra bereits mehr als die Hälfte ihrer Lebensdauer hinter sich gebracht und beginnt bereits zu erkalten, ein Vorgang, der allerdings noch einige Millionen Jahre andauern wird. Die Fauna auf allen 3 Kontinenten wird durch niedere Buschwälder gekennzeichnet, unterbrochen von weiten Steppenlandschaften.

Manjarden

Eingeborene des dritten Planeten der Sonne Cleptra. Manjarden besitzen einen humanoiden Körperbau, gehen aufrecht auf zwei Beinen und verfügen über zwei Arme mit feingliedrigen Händen. Jede Hand besitzt 6 Finger, zwei davon als Daumen ausgeprägt. Der gesamte Körper, mit Ausnahme der Hände, Füße und der Stirnpartie, ist von einem dichten Fell bedeckt. Die Farbe des Haarkleides ist braun, gelegentlich mit silbergrauen Strähnen durchzogen. Das Volk der Manjarden ist ursprünglich aus räuberischen Vorfahren hervorgegangen, hat sich aber über die Jahrtausende zu einer Spezies entwickelt, die sich auf rein pflanzlicher Basis ernährt. Das Gebiss eines Manjarden zeigt deutliche Anzeichen eines »Allesfressers«, mit scharfen Schneidezähnen, Überbleibsel aus der archaischen Vergangenheit und Mahlzähnen, zum Zerkleinern von Pflanzennahrung.

Das Volk der Manjarden lässt sich in 3 große Stämme unterteilen: die Tori, die Ariander und die Osminder. Die Stämme benennen sich nach den Kontinenten, auf denen sie sich angesiedelt haben. Auf Manjard herrscht eine strickte geographische und ideologische Trennung zwischen den 3 Nationen. Während auf dem Kontinent Tori ein demokratisches System vorherrscht, gilt auf Osmind das Erbrecht des Patriarchen, der die absolute Gewalt über sein Volk hat. Obwohl der Patriarch von Osmind sein Amt nicht diktatorisch ausübt, nimmt er eine natürliche Distanz zu den demokratischen Tori und den monarchischen Ariander ein. Politische Reibereien und Querelen zwischen den Stämmen sind an der Tagesordnung. Manjarden sind in der Regel friedliebende Wesen, jedoch ehrgeizig und neugierig. Sie sind außerdem mit einem ausgeprägten Gruppenverhalten ausgestattet.

Leilak

Gelber Normalstern in der Nachbarschaft der Sonne Cleptra. Leilak, in der manjardischen Sprache gleichbedeutend mit »das Paradies«, ist 8 Lichtjahre von Manjard entfernt und wurde als Ziel der ersten interstellaren Expedition der Manjarden ausgewählt. Leilak steht Manjard zwar nicht am nächsten, verfügt aber nachweißlich über mindestens einen Planeten. Die manjardischen Astronomen entdeckten den Planeten anhand minimaler Bahnschwankungen des Zentralsterns und errechneten eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Begleiter.

SOMLOM

Erstes und bisher einziges Fernraumschiff der Manjarden Das Schiff wurde unter gewaltigem technischen und finanziellen Aufwand im Orbit von Manjard, nahe der internationalen Raumstation montiert und für den ersten Fernflug in ein anderes Sonnensystem vorgesehen. Ziel der SOMLOM ist der 8 Lichtjahre entfernte Stern Leilak. Das Schiff verfügt über einen robusten, konventionellen Antrieb auf atomarer Basis und einen Ionenantrieb für den interstellaren Flug. Das Schiff kann maximal 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen. Die Manjarden verfügen über keine Hypertechnik, erste Ansätze beschränken sich auf theoretische Betrachtungen. Künstliche Gravitation an Bord des Schiffes wird durch Rotation des Kommandomoduls erzeugt. Die Schiffsenergie wird von 4 autarken Fusionsreaktoren bereitgestellt, 3 davon sind redundant. Im Prinzip genügt ein Reaktor um alle Schiffsfunktionen aufrecht zu erhalten. Die SOMLOM kann nur im Notfall auf Planeten landen, danach jedoch nie wieder starten. Als Zubringer oder Forschungsschiff dient ein mitgeführtes Kleinraumschiff der MANJARD-Klasse.

Um das Schiff vor fremden Zugriff zu schützen, verfügt es über eine Selbstvernichtungsanlage mit 100 Megatonnen TNT. Die Fusionsbombe liegt unterhalb der Kommandozentrale. Mindestens drei Schiffsmitglieder sind nötig, um die Selbstvernichtungsautomatik zu aktivieren. Ebenfalls drei sind nötig, um sie innerhalb von 10 Minuten wieder zu deaktivieren. Die Identifizierung erfolgt durch Retinaabtastung. Offensivsystem: 2 Partikelwerfer an den Seiten des Schiffes, sowie je einen Torpedowerfer im Bug und Heck. Damit können Fusionsbomben mit Hilfe eines pulsierenden Magnetfeldes auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden .

Besatzung der SOMLOM: Aik, Missions Kommandant. Loilo, der Erste Offizier, gleichzeitig Wissenschaftsoffizier. Lika, einzige Frau der Crew und ausgebildete Kosmopsychologin. Rack, Maschineningenieur und zuständig für die Bord- und Antriebstechnik. Samut, Bordarzt und Kosmo-Biologe. Pavo, Cheftechniker der Ortung und Energietechnik.

Lokdai (die grüne Insel)

manjardische Bezeichnung für die Galaxis V1.

Mercor (unbekanntes Land)

manjardische Bezeichnung für die Galaxis V2.

Thomas Rabenstein

Vithau - interaktive Story des PROC - ist eine nicht kommerzielle Publikation des PERRY RHODAN ONLINE CLUBs. Heft 1 von Thomas Rabenstein. Titelbild: Thomas Rabenstein. Versand: PROC. Nach einer Idee von: Rainer Schwippl. Datenblatt: Thomas Rabenstein. Redaktion: Alexander Nofftz. Satz: Xtory (SAXON, LaTeX). Internet: http://www.proc.org/vithau/. eMail: vithau@proc.org. Copyright © 2001. Alle Rechte vorbehalten!