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Bei näherer Überlegung wäre es sicher besser gewesen, im Bett zu bleiben. Schon als ich heute Morgen aufgestanden war, hätte mir das klar sein sollen. Über die Schuhe zu stolpern, gegen den Schrank zu fliegen und sich fast den Schädel einzuschlagen, war sicher nicht das ruhmreichste Kapitel meiner Laufbahn. Bei genauerer Betrachtung wäre mir sicher auch aufgefallen, dass die Farbe meiner Socken beim besten Willen nicht zusammenpasste. Dunkelblau und lindgrün, das war nicht ganz vorschriftsmäßig. Nicht, dass mich das schon jemals interessiert hätte. Aber nun auch noch in die flimmernde Abstrahlmündung einer Waffe zu blicken, war wirklich nicht das, was man sich unter einem normalen Arbeitstag vorstellte. »Mach keinen Fehler.« Ich hatte nicht die Absicht, blieb stumm sitzen, während die Finger der rechten Hand des Eindringlings über die Tastatur huschten. Wie er das mit einer Hand machte, war unglaublich. Ich hatte schon mit allen zehn Fingern so meine Probleme. Und es war durchaus nicht normal, eigentlich würde man eher die Stimme verwenden. Aber vermutlich wollte er nicht, dass ich mitbekam, welche Anweisungen er dem Rechengehirn erteilte. Verständlich, wenn man bedachte, dass seine Anwesenheit in diesem Raum nicht vorgesehen und seine Aktionen vermutlich hochgradig illegal und schädlich für das gesamte Schiff waren. Seine Linke hielt die Waffe fest umklammert. Er ließ mich in die Abstrahlmündung sehen, die irritierend flimmerte und mir einen Eindruck dessen vermittelte, was passieren würde, wenn ich den Fehler machen würde, ihn herauszufordern. Strahlen, die so heiß wie die Sonne waren, würden sich in meinen Körper bohren. Vermutlich würde das dem Eindringling sogar gelegen kommen. Wenn ich ihm einen Grund gab, würde er mich töten. Und wenn ich ihm keinen gab, vermutlich auch. Dass ich überhaupt noch am Leben war, ließ vermuten, dass er noch nicht die Absicht hatte, mich zu töten. Aber das konnte ich schnell ändern. Ich beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen. Wenn überhaupt, dann wollte ich ihm die Entscheidung abnehmen. Langsam bewegte sich meine Hand an der Hosennaht entlang, so, als wolle ich lediglich den Schweiß von den Handflächen wischen. Der Eindringling warf mir einen kurzen Seitenblick zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Tastatur. Offensichtlich dachte er nicht, dass diese unauffällige Bewegung ein Problem für ihn werden würde. Und damit hatte er natürlich recht. Aber was er nicht wusste, war, dass ich eine Waffe versteckt hatte. Bis heute wusste ich nicht, wozu ich jedes Mal eine Waffe unter das Pult klebte, mit einem speziellen, leicht wieder ablösbaren, aber sehr haltbaren Klebstoff war sie befestigt. Bis heute, denn mit einem Mal war mir klar, was mich dazu bewog. Man konnte schließlich nie wissen, was passierte. Vielleicht kam doch mal einer auf die Idee, mich bei der Wache zu stören. Vielleicht konnte es doch einmal einem Eindringling gelingen, in dieses Schiff zu kommen. Vielleicht hatte jemand einen Grund, einen Eindringling in dieses Schiff zu lassen. Aus welchem Grund auch immer, ich wollte vorbereitet sein, wenn es passieren würde. Und wie die flimmernde Abstrahlmündung bewies, war es nun passiert. Ich drehte leicht den Stuhl zur Seite, was mir einen neuerlichen giftigen Seitenblick eintrug. Die Waffe war weiterhin unmissverständlich auf mich gerichtet und machte mir klar, was passieren konnte, wenn ich irgendwelche merkwürdigen Ideen entwickeln würde. Andererseits war es auch meine Aufgabe, in diesem Raum Wache zu halten. Solche Ideen mussten mir also zwangsläufig kommen. Das kalte Metall spürte ich bereits, zog aber die Hand vorsichtig wieder zurück. Ich wollte ihn in Sicherheit wiegen, ihm nicht den Eindruck vermitteln, dass er hier Schwierigkeiten bekommen würde. Langsam tastete ich mich wieder heran, ergriff die Waffe und legte den Finger an den Abzug. Dann zog ich aber die Hand wieder zurück, denn der Eindringling erhob sich und fixierte mich. Sein Gesicht wirkte merkwürdig starr, vermutlich verdeckte eine Maske das eigentliche Gesicht, gaukelte mir täuschend echt ein Falsches vor. Bis auf die Starrheit, die unnatürlich wirkte, war die Maske auch durchaus perfekt. »So, das wäre es. Ich mag keine Forscher, tut mir Leid. Ich werde dich deshalb leider nicht hier sitzen lassen können. Du kommst mit.« Ich nickte und zog die Waffe. Seine Augen weiteten sich und der Zeigefinger zuckte. Aber er war nicht schnell genug, der erste Schuss verbrannte seine Hand. Er schrie, bäumte sich auf, warf die Waffe weg, die ebenfalls heiß geworden war, aber nicht explodierte. Moderne Energiewaffen waren abgeschirmt. Mein zweiter Schuss pflügte durch sein Gesicht. Ungerührt verfolgte ich, wie sich eine Spur der Verwüstung von einem Punkt unterhalb des rechten Auges quer über die Nase und das linke Auge bis auf die Stirn zog. Die Hände des Eindringlings schlugen vor das Gesicht. Er konnte nicht einmal mehr schreien, so tief saß der Schock. Er ging in die Knie und kippte nach vorn. Als er den Boden erreichte, hatte ihm der Schmerz schon das Bewusstsein geraubt. Ich schob den Strahler in den Gürtel und erhob mich. Ich war ein Shadow Warrior. Niemand bedrohte mich ungestraft. Ich hatte den bewusstlosen und schwer verwundeten Eindringling noch zusätzlich betäubt in einen Nebenraum eingeschlossen. Jetzt machte ich mich auf den Weg durch das Schiff, um nach weiteren Eindringlingen zu suchen. Einige seiner Manipulationen hatte ich durchschaut. Sie waren darauf gerichtet, andere Aktivitäten zu verschleiern. Es war also mit weiteren Eindringlingen zu rechnen. Ich rannte durch die Gänge des Schiffes. Niemand begegnete mir. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass etwas nicht stimmte, dann hätte ich ihn spätestens jetzt geliefert bekommen. Normalerweise gab es immer wieder Menschen, die Freiwache hatten und durch das Schiff wanderten. Wenn sie nun plötzlich nicht mehr da waren, dann war das schon ein deutliches Zeichen. Irgend etwas hinderte sie daran, sich im Schiff zu bewegen. Vermutlich hatten die Eindringlinge mit einem Vorrangbefehl alle Kabinentüren verschlossen, um so schon einmal sicherzustellen, dass niemand aus diesen Räumen entkommen konnte. Aber sie hatten die Aktionsbereiche und Serviceregionen nicht entsprechend behandelt. Ich konnte mich also ohne weiteres in diesem Schiff bewegen. Am Antigravschacht war niemand und ich warf einen vorsichtigen Blick hinein. Ich würde ihn nicht benutzen, das wäre Wahnsinn gewesen. Trotzdem musste ich nach oben kommen, also öffnete ich einen Wartungsschacht und glitt durch das Schott hinter die Verkleidung. Hinter mir verschloss ich den Zugang wieder und arbeitete mich vorsichtig durch die Röhren bis zu einer Öffnung, die in der Nähe des Antigravschachts in die Wand führte. Über die Leiter hangelte ich mich nach oben und erreichte auf diese Weise unbemerkt eine Ebene, auf der sich eine Ausweichzentrale befand. Entweder war sie durch die Eindringlinge ebenfalls besetzt, oder sie war eine Möglichkeit, festzustellen, wer sich wo im Schiff befand. Niemand war dort, was mir sehr entgegenkam. Das Schiff war groß, kugelförmig, mit einem Durchmesser von 1200 Metern. Viele Menschen arbeiteten hier, eine ganze Reihe davon in wissenschaftlichen Aufgabenbereichen. Die militärische Führung eines solchen Schiffes wurde normalerweise vom Rechengehirn durchgeführt. Unterstützt wurde es durch die Intuition von Menschen, die mit ihm kommunizierten. Viele Menschen waren dafür allerdings nicht mehr nötig. Diejenigen, die man dafür verwendete waren besonders ausgebildete Spezialisten. Auch ich hatte einmal einen solchen Aufgabenbereich gehabt. Neben den militärischen Spezialisten gab es noch Menschen, die für die Fortbewegung des Schiffes verantwortlich waren, und Besatzungen für die Beiboote. Die meisten anderen waren in wissenschaftlichen Missionen mit an Bord, einige davon von privaten Firmen gesponsort, viele allerdings in einem öffentlichen Auftrag unterwegs. Abgerundet wurde dies alles durch technisches Personal, das zusammen mit speziell programmierten Robotern daran arbeitete die Funktionsfähigkeit dieser fliegenden Stadt zu gewährleisten. Menschen aber liebten es nicht, allein zu sein. Deshalb hatten alle außerdem noch ihre Familien dabei. Insgesamt befanden sich an die 650 Menschen an Bord dieses Schiffes, wobei die meisten nicht zur Bedienung des Schiffes gebraucht wurden. Entsprechend schwer war es, sich einen Überblick zu verschaffen. Aber schnell konnte ich feststellen, dass von den Mannschaften, die auf das Schiff gehörten, die meisten genau dort waren, wo sie zu dieser Zeit sein sollten. Bis auf drei. Einer davon war ich, die anderen beiden waren nicht mehr am Leben. Vermutlich hatten auch sie Besuch erhalten, der sie höflich gebeten hatte, mit ihnen zu kommen. Mir brach nachträglich der Schweiß aus, als ich sah, was mit ihnen geschehen war. Sie waren bereits getötet worden. Und sie waren nicht weit von den Konvertern entfernt. Das war also das Schicksal derjenigen, die man besucht hatte. Das legte nahe, was mit den anderen passieren würde. Jenen, die immer noch in der Gewalt der Eindringlinge waren. Es war ruhig im Schiff. Diese Ruhe wurde kontrolliert von einer handvoll Menschen. Neben dem Eindringling, den ich schwer verletzt auf meiner Station eingesperrt hatte, gab es noch weitere 14 Personen, die – schwer bewaffnet – in das Schiff gekommen waren. Von diesen waren 4 Personen in der Zentrale des Schiffes. Die anderen waren auf die wichtigsten Positionen verteilt. Alles in allem konnte so die gesamte Fortbewegung des Schiffes kontrolliert werden. Ganz offensichtlich war die Aktion vorbereitet und diente dem Ziel, das Schiff zu entführen. Welchen Grund sie hatte konnte ich allerdings nicht sagen. Ich war der einzige Shadow Warrior an Bord. Als Stratege an Bord eines Schiffes hatte ich schon bald ausgedient gehabt. Disziplin war nicht eben meine Stärke und meine Abberufung war insofern kein Wunder gewesen. In einer solchen Position konnte man sich solche Eigenheiten nicht erlauben. Nach dem Ende meiner Laufbahn war ich als wissenschaftlicher Sicherheitsberater bei einer Firma eingestiegen, die Mitarbeiter an Bord des Schiffes finanzierte. Und offenkundig war ich derzeit der einzige, der nicht in der Gewalt der Eindringlinge war und sich frei im Schiff bewegen konnte. Das legte meine Rolle klar fest. Ich musste etwas tun.
Einsamkeit war für jeden Menschen unangenehm. Aber für einen Unsterblichen war es Teil seines Lebens. Tifflor liebte sie nicht, konnte aber nichts daran ändern, dass er immer wieder mit seiner eigenen Langlebigkeit konfrontiert wurde. Das Grab war noch frisch. Und die Erinnerung auch. Vor langen Jahren hatte er sie kennen und lieben gelernt. Vor wenigen Tagen erst war sie in seinen Armen gestorben. Die letzten Jahre waren nicht die schönsten gewesen. Zu sehen, wie der Partner alterte, er selbst aber äußerlich immer der gleiche blieb, war für sie alle ein Problem. Warum sie sich dieser Belastung freiwillig aussetzten, war Außenstehenden kaum begreiflich zu machen. Aber auch ein Unsterblicher wollte sein Leben mit anderen Menschen teilen. Sie waren wichtig im Leben eines jeden, Kontakte zu pflegen für einen Unsterblichen ebenso selbstverständlich, wie für jeden anderen. Nur diese besondere Situation, dass Menschen, die nicht selbst unsterblich waren, eben eines Tages nicht mehr da waren, die war nur schwer zu verkraften. Trotzdem hätte Tifflor sich sein Leben nicht ohne Sterbliche vorstellen können. Sie waren bedeutsam, um die Distanz zu den Menschen nicht zu groß werden zu lassen, um ihm immer wieder vor Augen zu führen, dass er selbst eine besondere Rolle inne hatte, was er aber niemals zum Anlass nehmen durfte, sich wie etwas Besseres zu fühlen. Das war nicht leicht, aber es war für einen Unsterblichen, der schon länger lebte, sicher einfacher, als für jemanden, der seine Unsterblichkeit noch nicht lange hatte. Einen letzten Blick warf er auf das Grab, das auf dieser einsamen Welt für immer zurückbleiben würde. Wie lange würde es dauern, bis die Natur dieser Welt sich diesen Flecken zurückerobert hatte und nichts mehr an das Grab erinnern würde? Es war nicht wichtig, der Bordsyntron hatte die Koordinaten genau gespeichert. Er würde noch in vielen Jahren in der Lage sein, diesen Platz wiederzufinden. Und Tifflor würde dafür sorgen, dass diese Daten in seinem persönlichen Assistenten gespeichert wurden, sodass er von seinem Armband aus die Koordinaten abrufen konnte, wann immer er sie brauchen würde. Sie war etwas besonderes gewesen, wie alle Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Er versank für einen Moment in Träumen, ließ die Minuten verstreichen mit den Gedanken an eine gemeinsame Vergangenheit, die so niemals wieder kommen würde. Auch später, als sie schon sichtbar gealtert war, waren die gemeinsamen Stunden mit ihr etwas besonderes gewesen. Und Tifflor wusste, dass sie die letzten Stunden ihres Lebens genossen hatte. Auf ihre persönliche Bitte hin war er mit ihr auf diese Welt geflogen, hatte sich ein Schiff ausgeliehen und diese Reise angetreten. Er wusste, dass es die letzte gemeinsame Reise werden würde, hatte es gefühlt, wie auch sie offensichtlich gefühlt hatte, dass ihre Lebenszeit abgelaufen war. Sie war ausgeglichen und ruhig gewesen, hatte mit offenen Augen und klarem Verstand auf den letzten Moment gewartet. Als er im Herannahen war, hatte sie ihn willkommen geheißen mit einer Selbstverständlichkeit, um die er sie beneidete. Mit einiger Sicherheit würde auch für ihn der letzte Augenblick kommen. Ob er dann auch in der Lage war, mit solcher Ruhe und Opferbereitschaft das Ende seines Lebens zu akzeptieren? Für einen Unsterblichen war diese Frage schwer zu beantworten. Er war nicht ständig mit dem Gedanken konfrontiert, dass sein Leben einmal enden würde. Im Gegenteil, für ihn war der Tod ein schreckliches Ereignis, denn nur durch Gewaltanwendung konnte man ihn töten. Sanft zu entschlummern, wie es seiner einstigen Freundin vorbehalten war, das war ihm nicht vergönnt, und so war der Gedanke an das Ende für einen potentiell Unsterblichen womöglich noch schrecklicher, als für jedes normal sterbliche Lebewesen, das ein Leben lang Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten. Er war nicht vorbereitet, obwohl Gefahren im Leben eines Unsterblichen oft genug vorkamen. Verantwortung, wie sie ihnen mit den Aktivatoren verliehen worden war, bedingte auch die Bereitschaft, sich selbst einzusetzen und ihr Leben zu riskieren, wenn es für die Erreichung ihrer Ziele nötig war. So klar machte er sich das oft nicht. Und Tifflor sog die Gedanken, die ihn im Zusammenhang mit dem Tod seiner Freundin durchzuckten, in sich auf, weil ihm klar war, dass sie ihm zusätzliche Lebenserfahrung vermitteln würden. Vielleicht würden diese Gedanken ihm helfen, wenn es doch einmal geschehen würde. Das Grab wies keinerlei Kennzeichen auf. Niemand würde wissen, wer hier beerdigt war, dass hier überhaupt jemand lag. Wenn eines Tages Ausgrabungen gemacht würden, vielleicht von dann intelligenten Einwohnern dieser Welt, die bislang nur als Tiere auftraten, dann würden sie sich über die merkwürdigen Knochen sicher wundern, die da gefunden wurden. Aber an Terraner würden sie vermutlich nicht denken, denn bis dahin war die Menschheit wahrscheinlich schon längst ausgestorben. Und er entweder auf einer anderen Entwicklungsstufe oder selbst nicht mehr am Leben. Er wandte sich ab und ging auf die Space-Jet zu, die einige hundert Meter hinter ihm auf der Lichtung stand. Der Sarg war schwerelos neben ihm her geschwebt, während er ihr Gesicht durch den gläsernen Deckel hindurch noch betrachten konnte. Ihren letzten Weg hatte sie an seiner Seite zurückgelegt. Nun bewegte er sich in die andere Richtung, ohne sie, mit den Bildern ihres letzten Ganges noch vor Augen. Und bemühte sich gleichzeitig, diese Bilder in den Hintergrund zu drängen. Nicht zu vergessen, aber in einen Teil seines Gehirnes zu verbannen, im dem sie ihn nicht behindern, nicht ablenken würden. Schon bald würde er diese Welt wieder verlassen, würde wieder in das lebendige Universum eintauchen, Teil einer Welt sein, in der er wichtig und ein Verantwortungsträger war. Dann brauchte er diese Erinnerung zwar durchaus auch noch, aber sie durfte nicht mehr an der Oberfläche seines Bewusstseins schlummern. Er betrat das Schiff, ging zu dem Sessel, der in der Zentrale direkt vor dem Schaltpult aufgebaut war. Seufzend ließ er sich hinein sinken, aktivierte die Sichtschirme und legte einen Filter über die Aufnahme. Genau an der Stelle, an der sich das Grab befand, kennzeichnete der Bordrechner den Boden. Tifflor spielte etwas mit den Einstellungen und ließ ein reich geschmücktes Grab entstehen. Das Bild speicherte er ab und übernahm es in sein persönliches Museum, wie er seinen Assistenten auch gerne nannte. Nun waren die Daten in einem Speicher gesichert, den er immer verfügbar hatte, bei Bedarf mit dem Pikosyn eines Schutzanzuges genauso synchronisieren konnte wie mit jedem beliebigen Syntron oder mit jeder beliebigen Positronik. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und überließ sich für wenige Minuten seinen Gedanken, ordnete das Chaos der Gefühle, das in ihm herrschte, und beschwor ihr Bild noch einmal herauf, das Bild einer jugendlichen Frau, die er, als sie gerade 23 Jahre alt war, kennen gelernt hatte, genauso wie das Bild ihrer verblassenden Schönheit, als sie älter geworden war. Sie hatte immer etwas an sich gehabt, das ihn nie losgelassen hatte. Aber nun war es soweit. Er konzentrierte sich, verharrte so einige Augenblicke und beugte sich dann in seinem Sessel vor. Wenige Kommandos, Handgriffe, tausendmal geübt und mit souveräner Gelassenheit ausgeführt, das Schiff hob sich sanft einige Zentimeter über den Boden. Ein Antigravkissen ersetzte nun die Stützen, die das Schiff bisher gehalten hatten. Die Stützen zogen sich in das Schiff zurück. Langsam schwebte es nach oben, die Lichtung blieb unter ihm zurück, zusammen mit seiner Vergangenheit, zumindest einem Abschnitt derselben. Manchmal fragte er sich, ob all die Jahre als Unsterblicher nicht zu einer gewissen Verrohung seiner Gefühle geführt hatten. Sicher war es immer wieder schlimm, einen geliebten Menschen zu verlieren, aber indem die Welt unter ihm zurückfiel, die Lichtung immer kleiner wurde, schließlich ganz im sie umgebenden Wald verschwand, Dunkelheit nach dem Schiff griff, begann auch die Erinnerung zu verblassen. Und die Trauer verließ ihn. Aber Verrohung war das falsche Wort. Es war nur einfach die Zeit, die alle Wunden heilte. Menschen mit großer Lebenserfahrung brauchten einfach nur weniger Zeit und genau in dieser Situation waren die Unsterblichen. Sterne traten immer deutlicher hervor, belebten die Dunkelheit, ließen den Planeten unter ihm zu einer Perle auf einem schwarzen Samtkissen werden. Für wenige Augenblicke noch verharrte er in seiner Jet, ließ das Bild auf sich wirken und auch dieses fügte er seinem Museum hinzu, dann ließ er die Jet Fahrt aufnehmen, übergab dem Syntron die Steuerung und verließ die Brücke, um in seinen persönlichen Erinnerungen zu schwelgen. Oft tat er das nicht, aber wenn sich einmal die Gelegenheit ergab, dann ließ er sich darauf durchaus auch einmal ein. Schweigen umgab ihn, als er in all den verborgenen Schätzen seines persönlichen Lebens, seiner Vergangenheit, stöberte. Schweigen und Ruhe, jedenfalls so lange, bis der Syntron Alarm gab. Gucky seufzte wieder einmal vernehmlich. Bull ignorierte den Mausbiber geflissentlich, wie er es schon seit längerem praktizierte. Eigentlich tat ihm der Kleine ja Leid, aber er wusste, dass Gucky sich melden würde, wenn er darüber reden wollte. Wieder einmal hatten sie ein Problem gelöst und sicher hing Guckys eindeutige Depression damit zusammen, dass ihn die Lösung dieses Problems an vergangene Zeiten erinnerte. Bull wollte sich gar nicht vorstellen, was es bedeutete, der letzte seiner Art im bekannten Universum zu sein. Wie auch immer, es war ein Privileg, um das er den Mausbiber nicht beneidete. Der Ilt schien nicht wirklich zu trauern. Lediglich für einige Augenblicke hatte er sich seinen Gefühlen hingegeben, ließ sich hängen, dann aber konzentrierte er sich auf den Freund, der in seinem Sessel saß, träge die Augen halb geschlossen hatte und an seinem Whiskey nippte. Kichernd ließ er ihn, telekinetisch unterstützt, einen größeren Schluck nehmen als er eigentlich beabsichtigt hatte. Bull hustete, stellte das Glas ab und glitt aus seinem Sessel. Schneller, als Gucky gedacht hätte, hatte ihn der älteste Freund Perry Rhodans gepackt und übers Knie gelegt. »Ich glaube, du brauchst dringend mal wieder eine Lektion.« Fast schon sanft ließ er die flache Hand auf die Kehrseite des Ilts niedersausen, der empört zu kreischen anfing. Für einen Augenblick schien er vergessen zu haben, dass er sich eigentlich durchaus hätte wehren können. Noch bevor er darauf kam, entließ ihn Bully wieder aus seinem Griff und stellte ihn auf den Boden. »Das war dir hoffentlich eine Lehre.« Gucky registrierte sehr wohl, dass die meisten der Anwesenden grinsten. Er fühlte sich nicht gedemütigt, lächelte nur versonnen und zwinkerte dem Freund zu. Dann entmaterialisierte er. Für einen Moment wollte er alleine sein. Bully grinste. Der Kleine war in Ordnung. Nur das zählte. Dann schrillte der Alarm los. Viele Menschen hielten sich an diesem schönen Tag im Mai in New Tayler, der Hauptstadt von Plophos, auf. Der dunkel gekleidete Mann mit der Sonnenbrille fiel da kaum auf. Hoch oben über dem Abro-Denkmal, auf einer der Aussichtsterrassen, stand er entspannt und spähte durch ein Fernrohr, das ihm einige Dinge aus der Nähe zeigte, die zur Hauptstadt gehörten. Die Tayl, einer der größten Flüsse des Planeten, lief genau durch die Stadt. Auf seiner Seite des Flusses stieg das Ufer leicht an und bildete die Aussichtsterrassen, auf denen er es sich bequem gemacht hatte. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, befand sich der Platz mit dem Denkmal. Viele Menschen gingen dort spazieren, genossen den Tag, auch viele Touristen, die einfach nur mal einen Besuch machen wollten auf einer Welt, die von Menschen besiedelt war und in der Geschichte dieses Volkes eine solche Bedeutung erlangt hatte. Befriedigung stand auf seinem Gesicht, als er die Menschen sah, ihre Freude registrierte, miterlebte, wie sie Entspannung auf Plophos suchten. Diese Welt war durchaus eine Reise wert, wie er zugeben musste. Aber eigentlich war es ihm gleichgültig. Er musterte die Passanten, verfolgte, wie sie den Tag genossen und verspürte eine gewisse Befriedigung. Nicht, weil es ihnen gut ging. Er wusste, was gleich passieren würde und er wusste, dass dieses Ereignis einen großen Einfluss auf das Leben dieser Menschen haben würde. Auf diese Weise konnte er seinen Beitrag leisten, nicht aus eigenem Antrieb, aber immerhin aus einer Motivation heraus, die ihn genau im Sinne seiner Auftraggeber handeln ließ. Er ließ sich auf einen Stuhl sinken, griff nach dem Kaffee, der dort stand und nahm einen tiefen Schluck. Entspannt nahm er das Bild in sich auf und verfolgte das Treiben der Menschen auf dem großen Platz, die spielenden Kinder, die entspannt lachenden Erwachsenen. Der Hass staute sich in ihm, drängte nach oben, er beherrschte sich mühsam. Lange würde es nicht mehr dauern. Nur noch wenige Minuten. Theresa setzte sich auf eine Parkbank, lehnte sich zurück und lächelte, während sie ihrem Kind dabei zusah, wie es unter dem Denkmal von Mory Abro spielte. In ihrer Nähe waren Wassersprenger in den Boden eingelassen, bildeten Fontänen, die – von Antigravfeldern getragen – die merkwürdigsten Bewegungen machten und so kaum vorher zu berechnen waren. Das störte ihre Kleine natürlich nicht, sie stand inmitten der sprudelnden Wassermassen und genoss die Kühle der Flüssigkeit, die sie traf. Theresa blinzelte in die Sonne, lehnte sich für einen Augenblick zurück und schaute dann wieder in Richtung ihrer Tochter. Sie erstarrte, konnte sich kaum rühren. Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sich alles verändert, war aus eine Idylle ein Ort des Grauens geworden. Wie eine Unbeteiligte erlebte sie die Ereignisse mit. Splitter, die die Fontänen durchschlugen, ein rötlicher Schleier, als einige der Splitter auf menschliche Körper trafen. Ein besonders großer erwischte ihre Kleine von hinten, sie konnte nicht genau erkennen, was passierte, ein Vorhang aus Gischt, Splittern und etwas, das sie gar nicht identifizieren wollte, verdeckte alles, Schwaden, ein Nebel, der nicht natürlich war, nicht in dieses Bild gehörte. Für einen kurzen Augenblick nur konnte sie etwas erkennen. Das Bild schien sich auf ihrer Netzhaut fest zu brennen, ein Kind, ihr Kind, ohne Kopf, nur für einen Augenblick, dann hatte der Schleier der Splitter sie erreicht. Sie konnte nicht mehr reagieren, spürte, wie die Splitter überall in ihren Körper eindrangen und sie regelrecht in Stücke rissen. Dann spürte sie nichts mehr. Der Donner grollte über den Platz, die Fontänen aus Wasser verfärbten sich rot, ein Sprühregen des Grauens, der sich über die Figur von Perry Rhodans ehemaliger Frau ergoss. Dann erreichte die Druckwelle auch die Statue, erschütterte sie schwer und stieß sie von ihrem Podest. Menschen wurden darunter begraben, Schreie, Entsetzen, traumatisiert umher wandernde Gestalten, unwirklich, in einer Szenerie, die eher an einen Krieg denken ließ, als an einen Tag im Mai, den viele für Urlaub und Freizeit genutzt hatten. Nur langsam, zögerlich, verklang der Donner, senkten sich die Staubnebel und zeigten das Bild, das bisher darunter verborgen war. Aber eigentlich wollte es niemand sehen … Niemand, außer dem dunkel gekleideten Menschen mit der Sonnenbrille. Der unauffällig wirkende Mensch stand vor einem Fernrohr, richtete das Objektiv auf die Statue und verfolgte die Zerstörungen mit innerer Befriedigung. So sollte es sein, so würde es werden. Die Menschen würden sehr schnell erkennen, dass sie sich diesmal einem unbesiegbaren Gegner gegenüber sahen. Arkon war stark genug, um es mit jeder Macht in der Galaxis aufzunehmen. Aber diesmal würden sie erkennen, dass es noch weitaus schrecklichere Gegner gab. Er wandte sich ab und ging langsam davon. In dem Chaos, das auch auf dieser Seite des Tayl herrschte, beachtete ihn niemand. Sie alle standen wie erstarrt, riefen um Hilfe, suchten nach den Ordnungsmächten, die selbst nur langsam verstanden, was hier gerade passiert war und zögerlich, aber immer schneller, auf den Platz kamen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der ruhige, friedliche Platz in eine Zone des Chaos. Überall waren die Lichter der Einsatzfahrzeuge zu sehen, zuckende Lichtblitze, der Lärm von Sirenen. Reporter erschienen und verbreiteten alles in der Galaxis. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Explosion. Und schon kurz darauf hatte eine fieberhafte Suche angefangen, eine Suche nach denjenigen, die es getan hatten. Perry Rhodan saß in der stählernen Orchidee und arbeitete, als die ersten Meldungen und Berichte über seinen Bildschirm flimmerten. Im ersten Moment war der Regent und Sechste Bote lediglich geschockt, ohne allerdings in Betriebsamkeit zu verfallen. Er hielt die Ereignisse noch für ein Unglück. Schnell aber erreichten ihn erste Berichte, nach denen die Explosion durch Sprengstoff erzeugt worden war, nicht etwa Gas oder sonst etwas, das an Ort und Stelle ausgetreten war und sich in einen Feuerball verwandelt hatte. Was genau genommen auch nicht sein konnte, dazu waren solche Anlagen eigentlich viel zu gut gesichert. Eine natürliche Ursache wäre zwar auch nicht besser gewesen, aber wenigstens hätte sich so etwas dann nicht wiederholt. Bei einem Anschlag musste man jederzeit mit weiteren Übergriffen rechnen. Ganz offensichtlich war also ein Anschlag der Hintergrund. Und was da wirklich passiert war, war für die Menschen auf Plophos mindestens genauso wichtig, wie es für die gesamte Menschheit von Bedeutung war. Rhodan aktivierte seine Kommunikationsanlagen und ließ sich eine Übersicht geben, wo seine wichtigsten Mitarbeiter waren. Bull und Gucky schienen gerade von einem Einsatz zurück zu kehren und waren nicht weit entfernt von Plophos. Entsprechend schickte er beide auf die Kolonialwelt zur Unterstützung der lokalen Behörden. Darüber hinaus befahl er Bereitschaft für die anderen Unsterblichen. Den TLD hingegen ließ er unbehelligt. Er war sicher, das Residor sich bereits um die Sache kümmerte. Und das würde bedeuten, dass der TLD bereits an der Angelegenheit arbeitete. Er ließ Residor eine kurze Notiz zukommen, in der er ihn über die Verlegung von Bull und Gucky informierte. Der TLD-Chef antwortete sofort und bedankte sich für die Information. Er kündigte an, dass seine Agenten sich mit den beiden Unsterblichen in Verbindung setzen würden. Wertvolle Kräfte wie das ehemalige USO-Mitglied und der Mutant waren ihm natürlich höchst willkommen. Perry lehnte sich zurück. Mehr konnte er für den Augenblick nicht tun. Er konnte nur noch abwarten. Bericht Shadow Warrior Ich bekam nichts davon mit, was auf der Brücke passierte. Vermutlich würde ich auch im Augenblick nichts dagegen unternehmen können. Verschieden gefärbte Socken waren nun mein geringstes Problem, obwohl mir in diesem Augenblick zum ersten Mal an diesem Tag bewusst auffiel, dass ich nach dem Aufstehen wohl auch in dieser Hinsicht einen falschen Griff getan hatte. Ich zupfte nachdenklich an meiner lindgrünen Socke und dachte nach. Was sollte ich tun? Eindringlinge an Bord, Fremde, sicher gefährlich. Die Besatzung weitgehend in ihren Kabinen eingesperrt. Hauptleitzentrale übernommen, dazu wichtige Sektionen. Wie sollte ich es schaffen, in dieser Situation, alleine auf mich gestellt, etwas zu unternehmen? In der Einsamkeit dieser Ausweichzentrale versteckt zu bleiben, die Lage zu beobachten, den richtigen Moment abzuwarten, das schien in der Tat das Richtige zu sein. Nur wenn sich nicht das Geringste verändern würde, wenn die Eindringlinge das Heft des Handelns fest in der Hand behielten, was dann? Was, wenn sie dieses Schiff aus einem Grund übernommen hatten, der noch mehr Menschen Schaden zufügen würde? Was, wenn die 650 Menschen an Bord Schaden nahmen? Das könnte ich mir nie verzeihen. Und letztendlich hatte ich auch keine andere Wahl, da war ein Schwur, den ich beachten musste. Warten kam also nicht in Frage. Ich musste aktiv werden, zumal eine Ausweichzentrale mit Sicherheit auf Dauer ein gefährlicher Ort sein würde. Es würde nicht lange dauern, bis die Invasoren das Fehlen eines ihrer Mitglieder bemerken würden. Wenn das geschah, würden sie suchen und sehr schnell feststellen, dass sich der Mann nicht selbst so verstümmelt hatte. Und wenn das passierte, dann würden sie mit Hilfe des Syntrons versuchen, ihn aufzuspüren. »Syntron?« Ich flüsterte, obwohl es eigentlich überflüssig war. Hier würde mich keiner hören können, außer der zentralen Recheneinheit, und die sollte mich ja hören. »Ja, Allan?« »Die Eindringlinge werden sicher bald bei dir anfragen, um meinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Was wirst du dann tun?« »Ich werde ihnen nicht verraten, wo du bist und dass es dich überhaupt gibt.« »Aber sie werden sicher die Geiseln bedrohen, um dich dazu zu zwingen. Was wirst du dann tun?« »Dann werde ich ihnen erzählen müssen, wo du bist, denn das Leben von vielen geht vor.« Hamilton schüttelte den Kopf. Das hätte er sich denken können. Aber wenn man es genau betrachtete, lag darin vielleicht ihre einzige Chance. »Syntron, was ist, wenn die Invasoren das Schiff nur übernommen haben, um noch mehr Menschen Schaden zuzufügen? Immerhin hat das Schiff für einen Angreifer den Vorteil, dass es als Forschungsschiff weniger stark bewacht wird als rein militärische Schiffe und darüber hinaus ist es sehr gut bewaffnet. In diesem Fall ist das Leben aller Menschen außerhalb dieses Schiffes mindestens ebenso gefährdet und wir müssen alles tun, um es zurück zu bekommen.« »Was du sagst, klingt logisch. Ich werde nicht mit den Eindringlingen zusammenarbeiten.« »Auch wenn das Menschen das Leben kosten wird?« »Auch dann.« »Gut, ich werde alles dafür tun, die Situation zu ändern. Hamilton Ende.« Langsam, fast träge, erhob ich mich, verließ die Ausweichzentrale und verschwand wieder in einem Wartungsschacht. In diesen Bereichen würde sicher niemand in erster Linie suchen. Allerdings konnten sie natürlich, ebenso, wie ich selbst das getan hatte, nach den Mustern suchen, die der Körper eines lebenden Wesens nun mal erzeugte. Wenn sie nur lange genug suchten, dann würden sie mich sicher finden. Auch am Syntron vorbei konnten sie versuchen, mich mit den Ortern zu entdecken und selbst wenn der Syntron die eigenen Orter entsprechend manipulierte, war immer noch nicht ausgeschlossen, dass sie mich mit eigenen Ortern aufspüren würden. Kein angenehmer Gedanke. Also war es an der Zeit, in meine Kabine zu gelangen, am besten auf Wegen, die mir auch ermöglichen würden, wieder daraus zu verschwinden. Das war machbar. Wenn ich dort erst war, dann konnte ich auf meine geheime Ausrüstung zugreifen, die auch Bestandteile enthielt, die man in einem Forschungsschiff nicht unbedingt suchen würde. Wobei die ALBERT EINSTEIN kein normales Forschungsschiff war. Ein Schiff mit einer guten Bewaffnung aber einer weitgehend friedlichen Besatzung, das war schon etwas wert. Leichter zu erobern, als ein rein militärisches Schiff und trotzdem gut ausgerüstet. Was auch immer die Eindringlinge vor hatten und woher auch immer sie kamen, sie hatten keine schlechte Entscheidung getroffen. Aber sie hatten die Rechnung ohne mich gemacht. So einfach würde es für sie nicht werden. Durch die verborgenen Gänge robbend, Schächte nach unten gleitend, über Leitern von einer Etage auf die nächste kommend, erreichte ich schließlich meine Kabine. Hinter einer Wandverkleidung verborgen fand ich, was ich suchte. Der Anzug war so konstruiert, dass er sich wie eine zweite Haut an meinen Körper schmiegte. Er enthielt eine Vielzahl von Taschen, die Ausrüstungsgegenstände enthielten. Davon war allerdings auf den ersten Blick nichts zu sehen. Nichts trug auf, alles war auf geschickte Weise verborgen und somit so gut wie unsichtbar. Dabei reichte die Ausrüstung an alles heran, was man bei den Geheimdiensten so finden konnte. In den Taschen waren Ausrüstungsgegenstände verborgen, die mich in die Lage versetzen würden, jedem Gegner eine Menge Probleme zu bereiten. Nur Waffen fehlten mir noch. Außer dem Strahler, den ich verborgen hatte und der Waffe, die ich meinem Opfer abgenommen hatte, stand mir nichts zur Verfügung. Also würde die zweite Station eine der Waffenkammern sein, die es auf dem gut ausgerüsteten Schiff gab. Allzu viele Waffen gab es allerdings nicht, jedenfalls nicht im Vergleich zu einem Raumschiff wie der LEIF ERIKSSON, denn die Wissenschaftler waren im Kampf nicht sehr erfahren. Nur einige der Strategen waren in der Lage, die Waffen entsprechend einzusetzen. Für sie waren genügend Waffen vorhanden. Es würde in jedem Fall ausreichen, mich mit einem gewissen Arsenal auszustatten. Ich verließ meine Kabine auf dem gleichen Weg, der mich hineingeführt hatte. Durch die Decke kroch ich in den Versorgungsschacht und arbeitete mich langsam in die Bereiche der Wartungsgänge, die in den Wänden verborgen waren. Auch diesmal hatte ich Glück. Offensichtlich vermisste man in der Zentrale noch niemanden, oder man hatte einfach nur stillen Alarm gegeben, ich merkte jedenfalls nichts davon, dass man mich suchte. Das Waffenarsenal war auch nicht besetzt. Mit den Codes verschaffte ich mir Zugang zu dem Raum. Alles, was ich benötigte, waren zusätzliche Energiemagazine für die beiden Strahler, die ich bereits besaß. Weitere Waffen würden mich nur unnötig behindern, meine Beweglichkeit einschränken. Zusätzlich rüstete ich mich mit Granaten aus, die ich allerdings nur im äußerten Notfall und nicht gegen Menschen einzusetzen gedachte. Die Invasoren würden sich sicher in der Nähe ihrer Geiseln aufhalten. Größere Explosionen würden also nicht nur die Terroristen treffen. Ich verließ die Waffenkammer und orientierte mich erst einmal. Das Schiff verfügte über 48 Hauptdecks, die in jeweils zehn Unterdecks aufgeteilt waren. Es gab aber auch Ausnahmen. Einige Hangars an der Peripherie erstreckten sich über mehrere Decks, dazu kam die Zentrale selbst, die in der Zentralkugel untergebracht war und einen Grundflächen-Durchmesser von 50 Metern bei einer Höhe von 25 Metern aufwies. In dem darunter liegenden Hauptdeck, das aus ebenfalls zehn Unterdecks bestand, waren Speicherbänke, Archive, Nottriebwerke und Notkraftwerke untergebracht. In der Zentrale waren die wichtigsten Sektionen wie Ortung, Feuerleitstand, Navigation und Kommunikation zu finden, sowie die Rechnereinheit, die im genauen Zentrum ihre wichtigste Kommunikationsschnittstelle hatte. Der eigentliche Rechner war über das gesamte Schiff verteilt und bestand aus einem Netz von elektronischen Elementen, Positroniken, Syntrons und Kontracomputern. Unterstützt wurde er von einem hoch verdichteten Plasmazusatz, der sich in der Zentrale befand. Über der Zentralkugel waren vor allem die Unterkünfte für die Mannschaft und die Freizeitbereiche zu finden. Ich selbst befand mich in der Nähe der Zentralkugel, die Waffen waren in direkter Nähe zu dem militärischen Führungskräften des Schiffes verborgen. Hier konnte ich also jederzeit auch einem der zehn Terroristen in die Arme laufen, die die Zentrale besetzt hatten. Eigentlich waren sie viel zu wenige. Aber wenn sie mit der entsprechenden Ausrüstung an Bord gekommen waren, dann war es nachvollziehbar, was hier passierte. Vielleicht hatten sie auch noch Verbündete in der Mannschaft. Es war in jedem Fall klug, auf niemanden zu vertrauen, dem ich begegnen würde. Wer jetzt frei herumlief, war entweder ein guter Kämpfer oder er hatte mit den Terroristen zu tun. Ich begab mich wieder in einem Wartungsschacht und konnte so parallel zu einem der wichtigsten Ringkorridore, der die Zentrale umlief, unauffällig verschwinden. Mein Ziel waren die Sektionen der Freizeitanlage, unter anderem die hydroponischen Anlagen mit den Gärten. Dort wollte ich vorläufig untertauchen, bis ich mir einen Plan zurechtgelegt hatte. Aber eigentlich war meine Aufgabe klar definiert. Ich musste mich den Eindringlingen stellen, einem nach dem anderen. Irgendwie musste es mir gelingen, sie auszuschalten und wenigstens einige der Mitglieder der Schiffsführung zu befreien. Mit ihnen zusammen hatte ich sicher größere Chancen. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis ich vier Decks über der Zentralkugel in den Park gelangt war. Niemand hielt sich im Augenblick darin auf, das war allerdings nicht allzu verwunderlich. Und so sah auch niemand, wie ich in einem Waldstück verschwand und mich von den offiziell begehbaren Wegen entfernte. In einem Bereich des Waldes, der weit genug von allen Wegen entfernt war, versteckte ich mich. Syntron?« Ich flüsterte, obwohl ich sicher war, dass mich hier niemand hören würde. »Ja, Allan?« Die Antwort war ebenfalls kaum zu vernehmen, kam aus einem Lautsprecherfeld direkt neben meinem Ohr. »Wie haben diese Eindringlinge es geschafft, mit so Wenigen in das Schiff zu kommen und es in ihre Gewalt zu bringen?« »Ich kann dir nicht sagen, wie sie in das Schiff gekommen sind. Mir liegen darüber keinerlei Informationen vor. Aber ich kann dir sagen, wie sie es schaffen, dass alle sich ruhig verhalten. In jedem Raum, in dem sich einer dieser Eindringlinge befindet, ist auch eine Bombe, die einer der Eindringlinge an seinem Körper verborgen hat. Sie sind zu allem entschlossen und drohen damit, sich selbst und damit das Schiff zur Explosion zu bringen. Analysen haben ergeben, dass die Sprengkörper dafür durchaus ausgelegt sind. Deshalb habe ich in Abstimmung mit der Schiffsführung die Entscheidung der Kommandantin akzeptiert. Derzeit haben die Eindringlinge das Schiff vollständig in ihrer Gewalt und außer dir sind auch alle Besatzungsmitglieder in ihren Räumlichkeiten.« Ich nickte. Zwar hatte ich mit einer solchen Entwicklung nicht gerechnet, aber dass sie Helfer an Bord hatten, das war zu erwarten. Vermutlich würden wir nicht erfahren, wer es gewesen war, denn die Terroristen würden sicher nichts von dem Schiff und seiner Besatzung übriglassen, wenn es uns nicht gelang, sie aufzuhalten. Langsam musste mir etwas einfallen. »Syntron, bitte gib mir die Standorte der Eindringlinge und zwar aufgeschlüsselt nach denen, die mit einer Bombe versehen sind und nach denen, die lediglich bewaffnet sind. Gibt es Personen dabei, die lediglich bewaffnet sind, aber keinen Bombenträger in der Nähe haben? Oder gibt es vielleicht auch einzelne Bombenträger?« »Positiv. Beides ist vertreten.« Der Syntron projizierte eine Außenansicht des Schiffes, schnitt dann den Kugelkörper auf und flog in einer Kamerafahrt ins Innere des Abbildes. Ich folgte dem Weg der imaginären Kamera aus dem Gedächtnis, konzentrierte mich auf den Lageplan des Schiffes, den ich im Kopf hatte und platzierte die einzelnen Terroristen in diesem Bild. Einer, der eine Bombe trug, war auf der einen Seite des Schiffes in einem der Maschinenräume und automatischen Fabriken, die sich hinter dem einstigen Ringwulst innen um das Schiff wand. Direkt ihm gegenüber war einer, der lediglich bewaffnet war, erteilte Anweisungen und ließ einige der Gefangenen Schaltungen nach seinen Befehlen vornehmen. Diese beiden musste ich mir zuerst vornehmen, dann würden sie in der Zentrale sicher aufwachen. Ich stemmte mich hoch, ging schnellen Schrittes zu dem Schott und rannte über die langen Gänge zur Peripherie des Schiffes. An der Außenwand angekommen, suchte ich mir einen Weg durch Wartungsschächte, der mich vier Etagen nach unten brachte. Dann war ich auf der richtigen Ebene. Ondria Tscharkoff verfolgte die nervöse Wanderung des Mannes mit gemischten Gefühlen. Er stand eindeutig unter Anspannung und das war nicht gut, wenn man bedachte, dass er im übertragenen Sinne die Hand am Feuerknopf hatte. Er war offensichtlich der Anführer der Gruppe von Männern, die sich in der geräumigen Zentrale fast verloren. Trotzdem kam keiner der Anwesenden auf die Idee, etwas gegen die Eindringlinge zu unternehmen. Die Abstrahlmündungen der Waffen waren deutlich genug, und wem das nicht reichte, der brauchte nur einen Blick unter die Jacke eines der Männer zu werfen, der genüsslich eine Zigarette rauchend im Sessel der Kommandantin saß. Deutlich waren die verbindenden Elemente einer Bombe zu erkennen, die man raffiniert konstruiert hatte, in einer Weise, dass der Körper des Mannes mit der Waffe eine Einheit bildete, die untrennbar erschien. Jeder Versuch, ihn von den Explosivstoffen zu trennen, würde unweigerlich zur Explosion führen. Das schien den Mann aber kaum zu stören. Er wirkte gelassen, ein Funkeln war in seinen Augen, nicht unbedingt fanatisch, aber eindeutig war er überzeugt von dem, was er da tat. Ondria saß neben dem Piloten und beobachtete die Eindringlinge, sofern sie in ihrem Blickfeld waren. Sie störten sich nicht daran, ignorierten alle Mitglieder der Besatzung und kümmerten sich nur darum, dass alles in ihrem Sinne verlief. Einer der Terroristen hatte sich an den Navigationsrechner gestellt und überwachte die Schiffsbewegungen, während eine weitere Person die Ortungen im Blick behielt, um sich davon zu überzeugen, dass das Schiff auch wirklich unterwegs war. Der offensichtlich ausgebildete Navigator hatte keine Zeit verloren einen neuen Kurs zu programmieren. Dabei achtete er darauf, dass ihm niemand über die Schultern sah und er gab den Kurs außerdem über eine Tastatur ein. Das Schiff setzte sich in Bewegung, gesteuert von einem neuen Piloten, der einen durchaus professionellen Eindruck machte. Überhaupt war die gesamte Truppe sehr gut ausgebildet, auch wenn ihr Anführer zu nervösen Wanderungen neigte. »Wo bleibt Willy?« Ondria war sicher, dass diese Namen falsch waren. Sie hatten sich Pseudonyme für diese Expedition zugelegt, was immerhin ein gutes Zeichen war. Sie wollten nicht erkannt werden und das konnte bedeuten, dass es am Ende Überlebende an Bord geben würde. Konnte. Bei über sechshundert Besatzungsmitgliedern, war es durchaus möglich, dass trotz aller Versuche, das Schiff zu vernichten, Überlebende von den Eindringlingen berichten konnten. Dass sie erbarmungslos waren, hatten sie bereits bewiesen. Mehrere Mitglieder der Besatzung waren getötet worden, wie der Anführer betont hatte, um ihnen deutlich zu machen, dass sie gehorchen mussten, andernfalls aber den Tod zu erwarten hätten. Sie regte sich so wenig wie möglich, registrierte aber, dass einer der anderen sich in eine Position brachte, die es ihm ermöglichen würde, einen der Terroristen anzugreifen. Sie gab ihm ein unauffälliges Zeichen, konnte aber nicht mehr verhindern, dass sich der Chef der Orter-Anlagen auf den Mann stürzte, der ihn abgelöst hatte. Er traf ihn mit der Schulter, stieß ihn gegen das Pult und setzte nach. Ein Faustschlag traf das Kinn seines Gegners, dann musste er den ersten Treffer einstecken. Er reagierte aber kaum auf den Schlag und brachte den anderen zu Fall. Ein Tritt traf ihn an der gleichen Stelle am Kinn, die Maske, die der Mann offensichtlich trug, verrutschte aber nicht. Vielleicht war es auch eine Projektion. Die anderen waren längst aufmerksam geworden. Der Anführer erteilte einem der anderen einen Wink, der sich gemächlich näherte und mit dem Lauf der Waffe zuschlug. Marvin hatte ihn nicht einmal bemerkt. Die Stelle am Kopf, an der er getroffen worden war, platzte auf, Blut schoss aus der Wunde. Der Terrorist ließ sich davon nicht abhalten, er trat unbarmherzig zu. Kameras zeichneten alles auf und übertrugen die Bilder in alle Sektionen, in denen noch Mitglieder der Besatzung außerhalb ihrer Kabinen sein durften. Es diente der Abschreckung. Ondria kniff die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. Sie fixierte den Anführer der Eindringlinge und musterte ihn hasserfüllt. Der bemerkte sehr wohl, dass er ihren Zorn erregt hatte, und grinste. Er machte drei Schritte, packte sie unter dem Kinn und bog ihren Kopf nach hinten. »Wir machen keine Witze. Wenn hier noch einmal so etwas passieren sollte, dann wird es hier zu Toten kommen.« »Das sagtest du bereits«, presste sie durch die zusammengedrückten Backen. »Ich sage es auch noch einmal, und wenn nötig, noch öfter. Aber irgendwann verliere ich die Geduld und dann wird es wirklich passieren. Willst du das?« Er sprach gelassen, ohne mehr als nötig zu drohen. Dann ließ er sie los. »Syntron, wo ist Willy?« »Ich weiß es nicht, Sir. Wer ist Willy?« »Falsche Antwort, Maschine. Du bist zwar höflich, aber offensichtlich noch nicht kooperativ genug. Sag uns, wo Willy ist, oder es stirbt jemand.« »Ich habe keine Informationen über einen Willy vorliegen.« Ondria schluckte. Der Syntron log und sie fragte sich, warum er das tat. Seiner Programmierung gehorchend, musste er Auskunft erteilen, sobald das Leben von Besatzungsmitgliedern betroffen war. Aber er tat das nicht, offensichtlich absichtlich, obwohl ihm klar sein musste, dass dieses Verhalten negative Folgen für sie alle haben würde. Was wusste der Syntron, was sie nicht ahnten? Sie war sich ziemlich sicher, dass es hinter der Stirn des Mannes arbeitete und er ähnliches dachte. Er sah nicht einmal schlecht aus. Schlank, hochgewachsen, markantes Kinn und einen leichten Bartschatten zeichneten ihn aus, wobei der auch auf der Maske liegen konnte. Er war größer als sie, seine Augen funkelten auf eine Weise, die deutlich machte, dass er genoss, was er tat. Unter anderen Umständen, mit anderen Voraussetzungen, hätte sie ihn sicher gern haben können. Aber nicht hier, nicht jetzt. Sie hasste ihn und hörte nicht auf, ihn dies durch einen permanenten Blickkontakt fühlen zu lassen. Dabei war ihr durchaus klar, dass ihr das mehr schaden konnte, als ihr lieb war. Aber sie riskierte bewusst, dass er sich speziell um sie kümmern würde, wenn sie nicht aufpasste. Besser sie, als einer aus der Besatzung. Sie registrierte, dass der eine der Terroristen nach längerem Zögern endlich einen Medoroboter an den verletzten Orteroffizier heranließ. Ein Stöhnen bewies, dass Marvin noch bei Bewusstsein war. Die Kommandantin stellte das mit Erleichterung fest. »Tom, mach dich auf den Weg und such Willy. Sag uns, was mit ihm los ist. Wenn der Syntron gelogen hat, und das hat er sicher, dann werden wir hier für einige Unannehmlichkeiten sorgen.« Sein Plauderton erschreckte sie. Ondria spürte eine Gänsehaut auf dem Rücken und schloss für einen Moment die Augen. Sie wünschte sich weit weg, war kurz davor, die Hacken zusammenzuschlagen, wie in einem sehr alten, terranischen Märchen, aber sie wusste natürlich, dass sie auch das nicht nach Hause bringen würde. Und so öffnete sie die Augen wieder und schaute dem Anführer der Terroristen weiterhin bei allem zu, was er machte, studierte ihn, versuchte Schwachstellen zu erkennen, seine Nervosität auszuloten. Sie kam schnell zu dem Ergebnis, dass er fast gar nicht nervös war, sondern ihnen allen etwas vormachte. Er war ruhig und beherrscht und er war sehr zielstrebig. Was auch immer sie planten, er würde es durchführen. Und wehe, einer kam ihm in die Quere. Er würde leiden müssen. Sie alle würden leiden müssen, wenn sie sich gegen ihn stellten, das alles konnte sie aus seinen beherrschten, kontrolliert vorgespielten Bewegungen ablesen. Das machte ihre Situation nicht besser. Die Minuten verstrichen in Schweigen, dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Ein Knacken, dann schaltete sich der Lautsprecher ein. Normalerweise sollte er das ohne Geräusche tun. Die Syntronik verhielt sich immer noch merkwürdig. »Commander, hier Tom. Ich habe ihn gefunden. Er war in einem kleinen Nebenraum eingesperrt und es geht ihm nicht gut.« Momente des Schweigens, dann nickte der Commander schwer. »Ist er noch zu gebrauchen?« »Nein, Commander.« »Dann erledige ihn und komm wieder zurück. Aber vorsichtig, da ist jemand an Bord, den wir nicht kontrollieren.« Er drehte sich um und schaute sie an. Ondria wusste, dass es nun unangenehm werden würde. »Wer ist das?« »Ich weiß es nicht«, flüsterte sie. Sie wusste, dass er das nicht akzeptieren würde, aber sie hatte keine andere Antwort. Sie wusste es wirklich nicht. Er machte drei schnelle Schritte, schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Etwas hartes traf sie am Mundwinkel, es tat höllisch weh, warmes Blut rann über ihre Haut. Ein Ring, ein stilisierter Schmetterling, nur undeutlich zu erkennen. Es war auch nicht wichtig. Oder vielleicht doch. Sie riss sich zusammen, im Augenblick ging es ums Überleben. Über den Ring konnte sie auch später noch nachdenken. »Das wollte ich nicht hören«, brüllte er. Er verlor die Beherrschung, dachte Ondria jedenfalls. Aber in den Augen des Mannes las sie etwas anderes. Er verlor die Beherrschung nur, um ihr Angst zu machen, versuchte, sie mit diesen Reaktionen, die so sehr dem entsprachen, was man erwarten würde, zu einer Antwort zu zwingen. Sie tat ihm nicht den Gefallen und schwieg. Er nickte, dann griff er, ohne hinzusehen, nach dem kleinen Päckchen, das auf der Armlehne des Kommandantensessels lag. Der Bombenträger sagte nichts dazu. Er zog langsam eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an. »Syntron, schalte alle Räumlichkeiten des Schiffes zu, sorg dafür, dass man mich überall hört. Wirst du das tun?« Mit dieser Frage zeigte er deutlich, wie sehr er sich seiner Situation bewusst war. Wenn der Rechner nicht kooperierte, dann hatte er einen schweren Stand. »Die Verbindung steht.« Für einen Augenblick kehrte Schweigen ein, bis sich der Eindringling gesammelt hatte. »Wer auch immer da ist, wird sich sofort in der Zentrale melden. Du hast genau fünf Minuten. Wenn bis dahin nicht zumindest eine positive Antwort vorliegt, wird es in der Zentrale das erste Todesopfer geben. Danach werde ich in eine der Kabinen gehen, eine Familie mit Kindern holen und einen nach dem anderen im Abstand von jeweils fünf Minuten töten. Mit den Kindern werde ich anfangen. Melde dich, wer auch immer du bist. Ende.« Er machte eine Handbewegung, die dem Rechner signalisierte, dass er die Verbindung kappen sollte. Ohne weiter darauf zu achten, dass das eingefärbte Energiefeld, das seine Stimme aufgenommen hatte, erloschen war, drehte er sich wieder zur Kommandantin um. »Vielleicht sollten wir mit dir anfangen. Dann hätte ich ein Problem weniger an Bord. Und glaub nicht, dass ich dich brauche. Dass du noch lebst, hat keinen besonderen Grund. Nenne es Instinkt.« Er genoss seine Rolle, das war ihr schon vorher aufgefallen. Aber er war auch impertinent genug, es ihr deutlich zu zeigen. Hass war nicht das einzige Gefühl, er machte ihr auch noch Angst. Sie schwieg und wartete darauf, dass sich jemand meldete, oder dass sie starb. Die Jet senkte sich langsam auf dem Raumhafen von Plophos nieder. Tifflor bemerkte die Unruhe, die auf dem Flugfeld herrschte. Der kleine Abschnitt, in dem die kleineren Raumschiffe und Yachten lagen, war sehr belebt, viele Menschen versuchten, ihre Schiffe zu erreichen und die Welt zu verlassen. Nach und nach wurden sie abgefertigt und durften Plophos verlassen. Ein solches Ereignis war keine Werbung für eine Welt, die sich ansonsten in der ganzen Galaxis ihrer Bedeutung rühmen konnte, die sich vor allem auch in den Geschäften, den Annehmlichkeiten in den Freizeitbereichen und dem Luxus der Anlagen für die Reichen und Schönen der Galaxis niederschlugen. Aber auf der anderen Seite zog es viele an, die sich am Unglück weideten. Reporterschiffe waren verstärkt auf dem Flugfeld zu sehen, einige Yachten schienen gerade erst gekommen zu sein. Offensichtlich galt auch hier das alte Gesetz, dass sich mit dem Elend von Menschen Geld verdienen ließ. Der Unsterbliche verließ das Schiff. Den Tod seiner Freundin hatte er bereits überwunden, er dachte ohne Bitterkeit an ihre letzten Minuten, in einer Ruhe, die aus dem Verständnis eines langen Lebens entsprang. Ein solches kannte auch er, wobei ihn der Gedanke an den Tod wesentlich weniger ruhig sein ließ. Aber auf Plophos hatte es Menschen getroffen, die jung waren und keine Chance gehabt hatten, sich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Niemand hatte sie gefragt, manche von ihnen, und das waren die glücklichen, hatten noch nicht einmal gewusst, dass Leben und Tod oft dicht beisammen lagen. Wieder andere hatten es gewusst, aber nicht viel Zeit für Panik gehabt. Und eine dritte Gruppe hatte es getroffen, die überlebt hatte. Damit durften sie Hoffnung auf ein Weiterleben schöpfen, aber mit einem Wissen im Hinterkopf, das niemand haben wollte. Es war erschreckend, wie schnell sich ein Leben von Grund auf ändern konnte. Er hatte die Jet verlassen und einen Gleiter bestiegen, während er über all das nachdachte. Als er den Platz erreichte, an dem es passiert war, waren zwei andere Unsterbliche gerade eingetroffen. Sie waren zwar nach ihm gelandet, hatten aber die Distanz mit einem Sprung überwunden. Gucky ließ die Hand von Bull los, dann winkte er kurz in Tifflors Richtung. Sein Nagezahn war nicht zu sehen. Julian Tifflor legte die kurze Distanz zu den Freunden zurück und tauschte mit beiden einen festen Händedruck aus. Sie kannten sich zwar schon lange, aber es war trotzdem immer wieder etwas besonderes, wenn sie sich wiedersahen. Aber er ging nicht auf seine Gefühle ein, sondern konzentrierte sich auf die Ereignisse. Inzwischen hatten bereits die Aufräumungsarbeiten begonnen. Die Statue der ehemaligen Frau von Perry Rhodan war wieder aufgerichtet und erstrahlte in alter Schönheit, aber sie hatte etwas unter den Ereignissen gelitten und es war fast sicher, dass die Löcher, welche die Trümmer und Splitter gerissen hatten, erhalten bleiben würden, als ewiges Mahnmal an das Geschehen. Von den Opfern war nichts mehr zu sehen und der Platz sah schon fast wieder aus, wie sie ihn kannten. Sie gingen an das Ufer des Tayl und setzten sich nebeneinander auf eine Bank, während sie auf den Repräsentanten der hiesigen Polizei warteten. Niemand sagte etwas, dazu war ihnen im Augenblick nicht zumute. Außerdem waren sie bereits lange genug auf dieser Welt, um ohnehin sehr genau zu wissen, was die anderen dachten. Der Ilt senkte den Kopf und presste für einen Augenblick die Lider zusammen. Tiff legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Was ist los?« »Ich habe gerade eine Ahnung von dem gehabt, was hier passiert sein muss. In einem der Krankenhäuser ist eine Frau gestorben, die in einem Tank gelegen hatte. Von ihrem Körper war nicht mehr viel übrig, aber ihr Verstand hat noch für einige Stunden gearbeitet. Sie war so schwer verletzt, dass sie in dem Überlebenstank gestorben ist. Und das letzte, was ich erkennen konnte, war das Bild eines kopflosen Kindes, das wohl ihr Kind war. Wer auch immer das gewesen ist, er hat sehr bewusst in Kauf genommen, dass viele Menschen sterben und großes Leid über Terra kommen würde.« Die beiden anderen schwiegen. »Das können eigentlich nur die Arkoniden gewesen sein.« Sie drehten sich um und blickten in das Gesicht eines Mannes, der unbemerkt hinter sie getreten war. »Stewart Landry. Ich bin Agent des TLD.« Er fixierte die drei Unsterblichen. Er lächelte nicht, obwohl er sie erkannt hatte. »Wie kommst du darauf, dass es die Arkoniden gewesen sind? Haben sie sich dazu bekannt?« »Nein, aber wie die Stimmung derzeit in unserer Galaxis ist, müssen wir das in Betracht ziehen. Wenn sie es allerdings wirklich waren, dann ist das nicht gut für die künftige Entwicklung.« »Das ist es auch nicht, wenn sie es nicht waren. Wer auch immer das getan hat, wusste sehr genau, dass Terra darauf reagieren muss. Terrorismus ist niemals tolerierbar.« Landry musterte ihn für Sekunden, dann lächelte er. Aber es war kein fröhliches Lächeln. »Eine Binsenweisheit. Aber in diesem Fall glaube ich nicht, dass sie immer wahr ist. Terrorismus ist kein Mittel, mit dem man Politik machen kann. Aber manchmal fühlt man sich auf eine Weise in die Enge getrieben, die einem keinen anderen Ausweg mehr lässt. Was willst du machen, wenn du genau weißt, dass alle anderen in jedem Fall stärker sind?« »Wer auch immer das war, war sicher nicht schwächer als wir. Was wir bisher gehört haben, weißt darauf hin, dass der Sprengstoff nur von den bekannten und fortgeschritteneren Völkern eingesetzt werden kann.« Landry neigte leicht den Kopf. »Vor vielen Jahren, als wir noch nicht im All waren, kam es auch vor, dass schwächere Völker Atomwaffen einsetzten. Geld öffnet viele Türen und mancher lässt sich davon blenden. Was glaubt ihr, warum viele dieser Leute jetzt erst nach Plophos kommen?« Bull nickte. »Er hat recht.« Er legte Tifflor die Hand auf den Oberarm und hielt ihn damit davon ab, weiter zu sprechen. »Was hast du bisher herausgefunden?« »Bei dem Sprengstoff handelt es sich um eine Mischung, die nur auf einem bestimmten Planeten hergestellt wird. Alle Sprengstoffe tragen Signaturen, die man nicht fälschen kann. Wer auch immer das war, er hat bei einem terranischen Händler gekauft, der auf Nosmo beheimatet war. Oder zumindest gute Beziehungen dorthin hatte.« »Hilft uns das weiter?« »Auf jeden Fall. Wir wissen nun, wo wir mit der Suche beginnen müssen.« Bull nickte. »Arbeiten wir zusammen?« »Ich habe nichts dagegen. Wir sollten aber genau verabreden, wie wir nun weiterhin vorgehen.« »Ich schlage vor, dass du und Tifflor zusammen nach Nosmo gehen, um dieser Spur zu folgen. Sucht das Labor auf und stellt fest, wer den Sprengstoff gekauft hat. Wir bleiben hier und verfolgen Spuren, wenn sie sich auftun.« Landry nickte, auch Tifflor war einverstanden. Gemeinsam verabschiedeten sie sich voneinander. Gucky und Bull blieben auf dem Platz zurück. Der terranische Resident studierte konzentriert einen Text, der vor ihm lag. Wenige Augenblicke nur brauchte er, um den Inhalt aufzunehmen, dann aktivierte er die Kommunikation. Mit knappen Worten gab er einem Raumschiff Anweisungen und sorgte so dafür, dass größere Überschwemmungen durch den Einsatz bordeigener Prallfeldtechnologie verhindert werden konnten. Er ließ sich danach seinen Kalender anzeigen und seufzte. »Was ist los?« Der Unsterbliche hatte nicht bemerkt, dass er Gesellschaft hatte. Er saß im Arbeitszimmer in seinem Bungalow, der in der Solaren Residenz inmitten eines Sees errichtet worden war, eigentlich eher ein Wohnturm. Es gefiel ihm hier ganz gut, aber seine wahre Heimat war immer noch sein eigenes Haus am Goshunsee, das er schon seit so langer Zeit bewohnte und doch so selten wirklich mit seiner Anwesenheit beehrte. Er seufzte leise, dann konzentrierte er sich auf die Besucherin. Tammy Sickin war seit einiger Zeit seine Vertraute. Er hatte sie selbst ausgewählt und war nicht unglücklich über seine Wahl. Im Gegenteil, sie war eine unauffällige, sehr effiziente Arbeiterin, die ihn manchmal wirklich vergessen ließ, welchen Pflichten er nachzugehen hatte, denn sie organisierte alles so unauffällig, dass es eher wie eine Belohnung als wie eine Störung wirkte. »Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.« »Nein.« Sie lächelte. »Ein Glück. Ich war gerade dabei, mir meinen Kalender anzuschauen. Aber eigentlich will ich das gar nicht, denn Freizeit steht da viel zu selten drin.« Tammy lächelte. »Sieh das nicht zu negativ. Freizeit ist die Zeit, die du frei hast, um zu arbeiten. Und du arbeitest gerne. Also, wo liegt das Problem?« Rhodan lachte. »Ja, das hört sich gut an.« Er studierte die Eintragungen für den morgigen Tag. »Ich werde also in einer Stunde meine freie Arbeitszeit mit dem Besuch von Plophos verbringen. Naja, warum eigentlich nicht. Obwohl das in diesem Fall kein Vergnügen wird. Und morgen bin ich dann auf Olymp.« »Kann ich dir irgend etwas bringen?« Rhodan schüttelte den Kopf. »Der Servo versorgt mich schon. Aber da wäre noch etwas, was du erledigen könntest. Wenn Tifflor wiederkommt, dann sollte ich ihm etwas schenken. Er hat gerade eine liebe Freundin verloren.« Tammy bemerkte die Schatten, die für wenige Augenblicke seine Stimmung verdunkelten, aber sie ließ sich nichts anmerken. Solche Gefühle ließen sich nicht vermeiden, wenn man unsterblich war. »Besorg ihm bitte etwas geschmackvolles. Er ist gerade im Einsatz, bei dem Anschlag auf Plophos. Da sollte er etwas bekommen, was ihn erfreut. Könntest du das erledigen?« »Aber sicher. Ich lasse dich dann allein, wenn es nichts mehr gibt.« Der Unsterbliche nickte und hatte sie schon fast wieder vergessen. Er vertiefte sich in eine Anfrage, die gerade auf seinem Bildschirm aufleuchtete.
Bericht Shadow Warrior Ich betrat den Raum, der sich rund um das Schiff erstreckte und den Zugriff auf die technischen Anlagen am ehemaligen Ringwulst erlaubten. Der Syntron wies mir unauffällig den Weg, mit kurzen Hinweisen, die immer wieder vor mir aufblinkten und mir die Richtung wiesen. Ich folgte ihnen, vertraute dem Gehirn, das mich genau dorthin führte, wo sich der eine der beiden Eindringlinge aufhielt. Es war derjenige, der mit einer Bombe darauf wartete, dass jemand etwas falsches unternehmen würde. Er lehnte entspannt an einem Sessel, saß allerdings nicht darin. Ich schaute mich um, ließ die Situation in diesem Raum auf mich wirken. Er war nicht besonders groß, obwohl sich solche Räume um den gesamten Umfang des Schiffes erstreckten. So war er schwer zu überblicken, aber Ortungsanlagen und die Unterstützung des Rechners würden eine Überwachung durchaus ermöglichen. Der Eindringling hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Ich berührte seinen Nacken und schaltete ihn mit einem harten Griff aus. Er hing in meiner Hand, bewegte sich nicht mehr, behielt aber seine Position bei, was in diesem Fall wichtig war. Vorsichtig schlug ich die Jacke zur Seite und betrachtete die Bescherung. Kabel führten in den Körper des Mannes und ich begriff. Ein Großteil der Bombe war im inneren dieses Menschenkörpers untergebracht. Und damit war sie unerreichbar und in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu entschärfen. Ich war zwar Techniker und traute mir durchaus zu, eine Bombe von ihrem Zünder zu befreien, aber nicht in so einem Fall. Wer das tun wollte, musste außerdem noch ein guter Mediziner sein. Ich hielt den Mann fest und folgte den Anweisungen der Syntronik. Sie leitete mich wie gewünscht an die Außenhülle, an der es immer wieder kleine Mannschleusen gab, die zur Wartungszwecken auf die Außenhülle führten. Zwar gab es auch Roboter, die an der Außenhülle untergebracht waren, die den gröbsten Dreck beseitigen konnten, aber für Notfälle war immer noch das Eingreifen des Menschen erwünscht. Außerdem waren manche Positionen bewusst von Menschen besetzt. Wesen aus Fleisch und Blut waren immer noch wichtig und sollten auch niemals das Gefühl haben, nicht mehr gebraucht zu werden. Ich steckte die lebende Bombe in einen Anzug und aktivierte den Rechner, der damit verbunden war. Ich programmierte ihm die Anweisungen ein, die Schirme zu aktivieren. Dann stieß ich den Eindringling aus dem Schiff. Der Syntron projizierte mir eine Sicht nach draußen. Ich sah, wie der Eindringling langsam abtrieb, sich von der Schiffshülle entfernte und konnte eingefärbt die Schirme erkennen. Dann öffnete sich der Helm des Anzuges, eine Schaltung, die normalerweise vom Rechner unterbunden werden würde, aber in besonderen Fällen außer Kraft gesetzt werden konnte. So war gewährleistet, dass ein Mensch nicht auf den Tod warten musste, wenn er einmal, fernab von rettenden Schiffen, im All stranden und nur noch wenige Stunden Sauerstoff haben würde. Er musste immer die Chance haben, sich selbst das Leben zu nehmen, das war wichtig, wenn es auch nicht sehr menschlich wirkte. Für den Verstand eines Menschen, der freiwillig in einen solchen Anzug stieg, machte es aber einen Unterschied. Als sich nun der Helm öffnete, begann sich das Gesicht, durch den fehlenden Druck, auszudehnen und platzte, der Körper veränderte sich innerhalb von Sekunden und brachte so die Bombe zur Explosion. Ich presste die Lippen zusammen. Der Schirm verhinderte Schlimmeres, die Wirkung der Explosion war gewaltig. Der Syntron informierte mich, dass eine Durchsage aus der Zentrale gekommen war, während ich den Eindringling explodieren ließ. Der Anführer der Terroristen hatte offensichtlich bemerkt, dass ihm jemand abhanden gekommen war. Aber er wusste nicht, dass im gesamten Schiff nur noch drei Personen aktiv waren, und davon abgesehen nur noch zehn weitere, die er in der Zentrale behielt. Ich beschloss, ihm in der Tat zu antworten, bevor er jemanden töten konnte. Ein kurzer, aber heftiger Dialog entspann sich. »Ich glaube nicht, dass du jemanden töten musst, um mich zu bekommen.« »Und was sollte mich davon abhalten?« Ich analysierte die Stimme. Der Sprecher klang selbstbewusst, kein bisschen ängstlich. Er würde sich von mir nicht daran hindern lassen, seinen Plan zu verwirklichen. »Weil du dieses Schiff brauchst.« »Das Schiff vielleicht, aber die Besatzung nicht. Ich werde die Leute töten, die deine Freunde sind. Willst du das?« »Nein.« Schweigen, dann hämisches Gelächter. »Ich wusste, dass du vernünftig werden würdest. Dann komm sofort in die Zentrale, und es wird nicht passieren.« »Nein.« Wiederum schwieg der andere, diesmal sichtlich verwirrt. Wohl zum ersten Mal war er aus dem Konzept gebracht worden. Dann aber fragte er nach. »Deine Kameraden sind dir also gleichgültig.« »Das sind sie nicht.« »Dann verstehe ich dich nicht. Du willst mich wohl hinhalten?« »Nein. Aber ich glaube nicht, dass du uns verschonen wirst, auch wenn ich mich ergebe. In Freiheit bin ich also nützlicher, auch wenn das Opfer bringen wird. Am Ende wirst du verlieren, wer auch immer du bist. Und nur das zählt. Außerdem brauchst du uns. Du eroberst dieses Schiff, setzt Bomben ein um uns zu bedrohen und machst geheimnisvolle Dinge, um dieses Schiff an einen Ort zu bringen, von dem wir nichts wissen sollen. Warum? Doch wohl deshalb, weil du genau weißt, dass wir dich daran hindern würden, auch auf die Gefahr hin, dass wir alle dabei draufgehen, wenn wir wüssten, was du planst. Und das bedeutet, dass dein Plan so schrecklich ist, dass es jedes Opfer wert sein wird, dich aufzuhalten. Ich werde dich kriegen.« Vielleicht war es ein Fehler, so viel zu erzählen, aber wenn es ihn daran hinderte, sinnlos Menschen zu ermorden, war es das Wert. Er musste wissen, dass seine Drohung auf jeden Fall wirkungslos war, nur so würde er auf Morde verzichten. Und das Gute war, dass alle in der Zentrale mitgehört hatten. Wenn eine Rebellion gegen die Eindringlinge stattfinden würde, dann am ehesten von dort. In der Zentrale waren die besten und einzigen Kämpfer versammelt. Meine wahren Fähigkeiten waren glücklicherweise nicht bekannt. Wir arbeiteten am unauffälligsten, wenn niemand von uns wusste. Die Geheimhaltung war deshalb unser bester Freund. »Wer bist du?« Die Stimme klang beeindruckt, drängend, fast schon ängstlich und machte mir so klar, dass ich mein Ziel vielleicht sogar besser erreicht hatte, als ich wollte. Jetzt hatte er vielleicht noch keine Angst, aber Respekt. Und wir waren bei einem Patt angekommen. Er wusste, dass es mich gab, es würde ihm aber nichts nützen gegen mich vorzugehen. Für beide Seiten eine unbefriedigende Situation. Ich verzog meine Lippen zu einem wütenden Grinsen. »Ich bin derjenige, der dein Leben beenden wird. Mach dich auf alles gefasst, Terrorist. Wir werden dich aus dem Schiff vertreiben, bevor es passieren wird. Was auch immer du planst.« Ein Lachen, das sich nicht mehr verunsichert anhörte. »Dass du dich da mal nicht irrst. Zuerst musst du mich kriegen. Und du hast vielleicht weniger Zeit, als du denkst.« Ich beendete die Verbindung. »Er hat recht, Syntron. Wohin fliegt er? Kannst du das erkennen?« Ich sprach leise, aus irgendeinem Grund wollte ich nicht, dass man uns hören konnte. Vielleicht lag es daran, dass die Räumlichkeiten in diesem Bereich verwinkelt waren und damit wenig übersichtlich. »Ich kann den Kurs nicht vollständig erkennen. Es geht auf jeden Fall in den Orion-Arm.« »In dem sich außer Terra die meisten terranischen Kolonialwelten befinden.« Der Syntron schwieg. »Kursvektor auswerten.« »Wenn der Kurs so bleibt, dann ist das Ziel im Solsystem zu suchen. Wir können dann in drei Stunden über Terrania stehen.« Ich fluchte leise. Er hatte recht, ich hatte weniger Zeit, als ich selbst gedacht hatte. Ein Schlag traf mich, ich folgte dem Impuls und ließ mich nach vorn fallen. Haarscharf an der Kante einer Maschine vorbei, rollte ich mich ab und kam federnd auf die Beine. Ich wirbelte herum und blickte in die Mündung einer Waffe. Mein Respekt vor diesem Raum war offensichtlich berechtigt. Der andere der beiden war unauffällig hinter mich gekommen und möglicherweise waren von den zwei anderen, die sich noch außerhalb der Zentrale aufhielten, weitere in der Nähe. Wie auch immer, zunächst einmal hatte ich einen Gegner, der sich mit der Waffe in der Hand zurecht überlegen fühlte. Ich entspannte mich und suchte seinen Blick. Ich wollte seine Reaktionen erahnen können, ließ seine gesamte Erscheinung auf mich wirken und versuchte, ihn und seine Fähigkeiten einzuschätzen. Ich glaubte nicht, dass er ohne seine Waffe noch gefährlich sein würde. Aber wie sollte ich an diese Waffe herankommen? Wie sollte ich es schaffen, ihn so weit abzulenken, dass ich ihn ausschalten konnte? In meinem Leben waren schon viele Situationen wie diese gewesen, gefährlich, manche lediglich erschreckend, andere hätten weniger gefestigte Menschen an den Rand ihrer psychischen Existenz gebracht. Diese war im unteren Drittel angesiedelt, schrecklich ja, gefährlich sowieso, aber nicht so, dass ich mich gefürchtet hätte. Die Angst war ein Begleiter, der oft mit dabei war, wenn ich mich in Gefahr begab. In den letzten Jahren war das zwar nicht mehr so oft vorgekommen, auf dem Schiff war es insgesamt eher ruhig. Aber jederzeit konnte es passieren, niemand wusste das besser als ein Schattenkrieger. Ich konzentrierte mich und war dem Eindringling dankbar, dass er mir die Zeit gegeben hatte, meine Kraft zu sammeln. Er griff langsam nach einem Funkgerät und wollte es gerade benutzen, als ich mich einfach fallen ließ, nach hinten abrollte, einen glutheißen Energiestrahl über mich hinweg gleiten spürte, der mein Haar versengte und mich dann hinter einen Maschinenblock schnellen konnte. Ich prallte gegen eine Kante, verzog schmerzhaft das Gesicht, verschwand hinter einem zweiten Block, konnte aber nicht verhindern, dass ein Strahl aus der Waffe in meine Wade einschlug. Sie verletzte mich nicht so schwer, dass ich zu Boden ging, aber immerhin war der Schmerz für einen Moment so groß, dass ich aufstöhnte. Letztendlich hatte mich nur der Anzug gerettet, der die Hitze weitgehend abgehalten hatte. Ich lehnte mit dem Rücken an der Wand des Maschinenblocks. Er musste jeden Augenblick kommen. Ich fasste in eine meiner Taschen und zog ein Messer hervor, nur wenige Zentimeter lang, aber sauber ausbalanciert und aus einem Material, das auch einen Raumanzug durchdringen könnte. So lange ein Gegner keinen Schutzschirm benutzte, eine sehr effiziente Waffe. Ich kam blitzschnell hinter der Maschine hoch, sprang über die drei Meter offenen Raum, die der Gang beanspruchte, und schleuderte die Waffe in dem Moment, als ich den Gegner sah. Im vorbei fliegen sah ich noch, wie er die Waffe ausrichtete und schoss, diesmal traf er aber nicht. Dafür traf ich, wie ich an dem kurzen Schrei hörte, der durch ein Röcheln abgelöst wurde. Ich warf einen Blick über die Schulter in den Gang hinein und zog mich sofort wieder in die Deckung zurück, die Maßnahme wäre aber nicht nötig gewesen. Er lag auf dem Rücken, röchelte immer noch, hatte eine Hand auf den Griff des Messers gelegt, zog es aber nicht heraus. Es steckte in seiner Kehle und als ich ihn erreichte, sah ich den Blick, den er an die Decke schickte. Panik schlich sich in seinen Blick, die Augen zuckten umher, ohne sich auf ein Ziel zu fixieren, bis ihm dann wohl meine Gestalt schemenhaft ins Bewusstsein drang, er fokussierte auf mich. Der Blick mit dem er mich traf, schmerzte fast körperlich. Er hatte Angst, er wusste genau, dass sein Leben mit dem Blut versickerte, das aus ihm heraus sprudelte. Und er wusste noch genauer, dass ich ihm wohl kaum helfen würde, seine Kameraden erst recht nicht. Ich kniete mich neben ihn. Mein Ehrenkodex verbot es, ihn zu töten. Ich zog die Waffe aus seiner Kehle, ließ einen Medoroboter an den verwundeten und überließ ihn der Behandlung der Maschine. Selbst wenn die Maschine ihn stabilisieren konnte, würde er wesentlich länger, als die drei Stunden, die noch verblieben, außer Gefecht sein. Und was danach war, war ohnehin egal. Ich blickte zur Uhr, als ich das dachte. Aus den drei Stunden waren nur noch zweieinhalb geworden. Ich musste mich beeilen. Schnell erhob ich mich und spurtete in Richtung der Zentrale. Die Jet landete auf dem Raumhafen von Nosmo und fuhr die Landerampe aus. Julian Tifflor erhob sich langsam, legte die Ausrüstung an und ging zum Ausgang, wo ihn Stewart Landry schon erwartete. »Wie bist du eigentlich zum TLD gekommen?« Tifflor fragte scheinbar ohne Zusammenhang, schaute in die Augen des großen, kräftigen Mannes. »Ich hatte meine Gründe.« Tifflor nickte, als er den Tonfall hörte. Er hatte es geschafft, den überheblichen Agenten mit seinem schwarzen Humor, der aber trotzdem durchaus gute Manieren aufwies, aus dem Konzept zu bringen. So überlegen war er also doch nicht. Er schmunzelte, aber nur für einen Augenblick, als er sich an die Worte des Ilts erinnerte. Die Schilderung Guckys stand ihm noch fast bildhaft vor Augen, er sah die Frau, die ihr Leben aushauchte, schüttelte unmerklich den Kopf und stieß den Agenten an, der für einen Moment düster vor sich hin starrte. Gemeinsam betraten sie die Rampe und bestiegen einen Gleiter, der an ihrem Ende bereits auf sie wartete. Natürlich waren die Behörden informiert, dass sie kommen würden. »Ich war damals noch ein Schüler. Kriminalistik hatte mich bereits sehr interessiert.« Scheinbar unmotiviert, begann der Agent plötzlich zu sprechen. Warum, wusste Tifflor nicht. Vielleicht lag es daran, dass er als Unsterblicher doch einen anderen Stellenwert genoss. Ein gewisses Vertrauen schien vorhanden. »Als wir mit der Klasse auf große Fahrt gegangen waren, hatten wir eine gute Zeit. Meine Freundin war auch mit dabei, wir waren sehr glücklich und ich freute mich auf die Zukunft. Gemeinsam mit ihr, Jugendliche sind ja sehr sprunghaft, aber damals dachte ich noch, dass ich sie sicher einmal um einen Heiratsvertag bitten würde. Die Terroristen haben verhindert, dass es jemals dazu kommen würde. Sie haben den gesamten Bus als Geisel genommen und in dieser Zeit drei Schüler getötet, alle drei gute Freunde von mir. Eine von den dreien war Anne. Ich werde das niemals vergessen.« Er hob den Blick, der bisher auf den Boden des Gleiters gerichtet war. »Ich erzähle dir das nur deshalb, weil wir hier auch gegen Terroristen vorgehen. Und du sollst wissen, dass ich sie hasse. Ich werde keine Gnade kennen, wenn ich die Gelegenheit dazu erhalte.« Er ballte die Faust, aber Tifflor blieb trotzdem gelassen. Er wusste, dass es nicht dazu kommen würde. Landry war beim TLD durch eine harte Schule gegangen. Er würde mit Sicherheit nicht riskieren, dass seine Karriere endete, weil er sich im falschen Moment nicht im Griff hatte. Warum dann aber dieser Auftritt? Tifflor vermutete, dass er lediglich ein Ventil brauchte. Er war ein Nachfahre von Ron Landry, der bereits vor langer Zeit, kurz nachdem Perry Rhodan und Julian Tifflor zusammen mit vielen anderen Unsterblichen begonnen hatten, den Weltraum zu erobern, mit Nike Quinto zusammen in der legendären Abteilung III gedient hatte. Ein Landry würde keine Fehler machen. Darauf konnte sich Tifflor verlassen. Er lehnte sich zurück, verfolgte den Flug des Gleiters und merkte, dass sie noch einige Minuten fliegen würden. »Ich habe gerade auch einen Menschen beerdigt, den ich liebte.« Landry warf ihm einen kurzen, verunsicherten Blick zu, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. »Das tut mir Leid.« »Muss es nicht. Sie war 203 Jahre alt und hatte ein schönes Leben. Und einen schönen Tod, wenn es das überhaupt gibt. Ich kannte sie bereits seit sie siebzehn war.« Für einen Augenblick erlaubte sich der Unsterbliche, abzuschweifen und wieder in der Erinnerung zu versinken. Dann blickte er wieder konzentriert auf die Hauswand, die langsam näher kam. Sie kamen an ihrem Ziel an. »Ihr verdammten Unsterblichen. Wenn ich mal Zeit finden sollte, werde ich dich gerne bedauern.« Tiff bemerkte das Grinsen sehr wohl, das plötzlich auf den Lippen des Agenten lag. Es erfasste auch die Augen. Er verließ den Gleiter und betrat das Institut, in dem vermutlich der Sprengstoff hergestellt worden war, der auf Plophos Verwendung fand. Wer ist es gewesen, was glaubst du?« Tammy saß vor dem Schreibtisch des Residenten, der gerade erste Ergebnisse der Einsatztruppen auf Plophos und Nosmo studierte. »Ich glaube gar nichts, ich verlasse mich nur auf das, was ich weiß.« Tammy nickte. Diese Antwort hatte sie von Rhodan erwartet. »Entschuldige bitte, aber das nehme ich dir nicht ab. Auch du hast Gefühle und ich bin sicher, dass sie sich bereits zu Wort gemeldet haben.« Ein Blick traf sie, der sie kurz erschauern ließ. Rhodan war ein gut aussehender Mann, aber das war es nicht allein, was seine Nähe besonders aufregend machte. Er hatte eine Ausstrahlung, die geradezu überwältigend war, und das lag nicht nur an seiner Ritteraura. Es war mehr. Es war die Erfahrung eines langen Lebens, die aus seiner Haltung sprach. Es waren die eisgrauen Augen, die schon so vieles gesehen hatten was ihren Träger nachdenklich gemacht hatte. Es war die blasse Narbe an seinem Nasenflügel, die sie schon seit ihrer Schulzeit von den Bildern kannte. Es war aber auch das Bewusstsein, dass dieser Mann schon zu der Zeit, als die Menschheit noch an den eigenen Planeten gebunden war, über diese Erde gewandelt war, die aus Rhodan etwas besonderes machte. Sie ließ es sich niemals anmerken, aber sie bewunderte ihn schon seit langer Zeit. Und sie war glücklich über die Arbeit, die sie hier, an seiner Seite, bekommen hatte. »Du kennst mich besser, als ich dachte.« Perry schmunzelte. »Ich gebe zu, ich habe sofort an die Arkoniden gedacht. Es wäre genau das, was Bostich wollen würde. Aber gleichzeitig wäre es zu wenig arkonidisch, harmlose Menschen anzugreifen. Wenn er versuchen würde, die Residenz zu vernichten, wäre das etwas anderes. Aber noch würde er das nicht wagen. Nein, ich glaube nicht, dass die Arkoniden die Zivilbevölkerung einer Welt auf diese Weise schädigen würden. Sie könnten es tun, aber sie sind dafür zu intelligent. Fragt sich nur, wer ist dumm und verantwortungslos genug, so etwas tatsächlich auszuführen.?« Nachdenklich senkte er den Kopf und rieb über das markante Kinn. Er erhob sich und trat auf die Terrasse des Wohnturms hinaus, ließ seinen Blick durch die gläserne Außenwand der Residenz über die Hauptstadt seiner Welt schweifen und schwieg. Dann drehte er sich wieder um. »Ich hoffe, dass die Einsatzgruppen bald ein Ergebnis vorweisen können.« Tammy nickte. Das hofften sie alle. Aber bisher hatten sie noch nicht sehr viel herausgefunden. Nur dass der Sprengstoff terranischen Ursprungs war. Aber was sagte das schon aus? Sein Nagezahn war nicht zu sehen. Bull erwartete ihn in den nächsten Stunden auch nicht zurück. Der Ilt war ernst wie schon lange nicht mehr. Er studierte die Gedanken der Menschen, die den Anschlag beobachtet hatten, aber nicht reden konnten. Er schwelgte in Bildern, die sich ein Mensch, dessen Leben normal verlief, nicht einmal dann vorstellen konnte, wenn er einen sehr realistisch gemachten Film sah. Er durchlief hundertfaches Sterben und die Rückkehr in seine Welt, immer und immer wieder. Er presste die Hände auf die Ohren, schottete sich gegen die Impulse ab, die sein Gehirn bedrängten. Er seufzte, drehte sich zu Bully um. »Es hat keinen Zweck. Selbst wenn sie einmal etwas klares denken können, so dreht es sich doch immer wieder um die Explosion, die ihnen geliebte Menschen genommen hat, sie schwer verletzte und ihr Leben fast vollkommen zerstört hat. Aus diese Gedanken lässt sich nichts extrahieren, das für uns von Nutzen wäre.« Bull nickte. »Das war zu erwarten. Du musst damit nicht weiter machen.« Gucky nickte. »Ich weiß. Aber was soll ich sonst tun? Wo soll ich dann ansetzen?« »Nicht an dieser Stelle. Wir werden uns auf einen anderen Bereich konzentrieren. Wir werden mit einigen der Menschen sprechen, die fast unverletzt den Anschlag überlebt haben.« »Was erwartest du dir davon? Glaubst du, dass die Attentäter dabei waren, als die Explosion passierte? Oder erwartest du, dass jemand sie bereits vorher, beim Anbringen des Sprengstoffs beobachtet hat?« »Welches Anbringen? Ach so, du weißt es noch nicht. Der Sprengstoff wurde nicht angebracht. Er ist am Körper eines Menschen explodiert. Und das ist auch das einzige, was wir sicher wissen, der Selbstmordattentäter war ein Mensch. Ob es ein Terraner war, oder ob er von einer der Kolonien entstammt, kann ich dir nicht sagen. Aber das ist auch unerheblich. Es sagt jedenfalls nichts über die Gruppe aus, die dahintersteht. Im Gegenteil, meiner Meinung nach weist es darauf hin, dass die Arkoniden damit mehr zu tun haben, als gedacht. Sie wirken dadurch viel unauffälliger.« Während Bully einige der Menschen befragte, die den Anschlag weitgehend unverletzt überlebt hatten, esperte der Ilt auf Plophos und versuchte, in den Gedanken der Menschen zu lesen. Er suchte, verweilte nirgends lange und ließ den Menschen ihre Privatsphäre. Er scannte nur an der Oberfläche des Bewusstseins und suchte nach bestimmten Worten, filterte diejenigen aus, die einen Hinweis liefern konnten. Als Bully gerade ein Pause machte, griff er ohne Vorwarnung nach dem Terraner, sprang ansatzlos aus dem Raum und landete in einem Lagerraum, der offensichtlich am Containerhafen neben dem Raumhafen von Plophos gelegen war. »Was ist los, Kleiner?« Der Ilt winkte energisch, bedeutete dem Freund, still zu sein. Bull respektierte das. Dann winkte er in eine Richtung, verließ das Gebäude und wirkte enttäuscht. »Er hat Plophos gerade verlassen.« »Wer?« »Ich bin mir nicht sicher.« Der Ilt hoppelte noch einige Schritte weiter, patschte mit seinem Schwanz auf den Boden. Fast schien es, als schnüffele er, seine Sinneshaare zitterten, er esperte immer noch. »Ich glaube, er ist nach Olymp gegangen. Auf jeden Fall wird der Transmitter gerade entsprechend bedient. Die Containerstraße ist in diese Richtung immer noch offen.« »Sollen wir ihm dahin folgen?« Gucky schaute kurz über die Schulter, griff hinter sich und berührte Bull, dann rematerialisierten sie in der Nähe eines großen Transmittertores wieder. »Genau hier war es. Er dachte an den Anschlag, aber nicht in der gleichen Weise, wie die Opfer. Keinen Augenblick lang bedauerte er, was passierte, kein Gefühl des Schreckens, keine Angst, keine Panik. Lediglich tiefe Befriedigung. Es war widerlich. Wir sollten ihn festsetzen.« »Dazu müssen wir ihn erst einmal haben.« Der Terraner schritt energisch auf das Portal zu, reagierte kaum auf die Stimme, die ihn anrief. »Stopp, das ist gefährlich. Das ist schließlich ein Frachttransmitter.« »Dann lass die Straße kurzfristig stilllegen. Ich muss da durch. Zusammen mit ihm.« Er wies über die Schulter. »Oh, du bist es. Auch für Unsterbliche kann ich aber keine Ausnahme machen.« »Wir verfolgen jemanden, der mit dem Anschlag zu tun hat. Er hat euren Transmitter benutzt, ohne euch zu fragen. Ich bitte dich, uns nicht aufzuhalten.« Der Ilt hatte ernst gesprochen, er wirkte gar nicht so fröhlich, wie man ihn in der Galaxis kannte. Der Straßenwächter nickte unwillkürlich. »Das ist etwas anderes. Wenn es um die Attentäter geht, werde ich euch helfen. Aber ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass es gefährlich ist.« »Das macht nichts. Wir nehmen das Risiko auf uns.« Er widersprach nicht mehr, nickte nur noch und gab die Straße frei. Gemeinsam durchschritten sie das Transmittertor und gelangten auf die andere Seite. Es ging alles glatt, der Ilt teleportierte sie beide von der Transmitterstraße weg, esperte und entmaterialisierte noch einmal. Sie standen vor einem Terraner, der sie verblüfft musterte, dann rannte er los, ohne ihnen eine Gelegenheit zum Gruß zu geben. Bericht Shadow Warrior »Alle zwölf sind in der Zentrale.« Nur kurz der Hinweis, den die Syntronik gab, aber wertvoll für den Schattenkrieger. Alle waren sie nun auf einem Fleck vereinigt. Ich schaute mich um, betrat dann einen der Wartungsschächte. Die Zentrale erstreckte sich über zwei Hauptdecks. Ich kletterte außen an der zentralen Schale empor und benutzte die mir bekannten Codes, um die versiegelten Zugänge zu öffnen. In 15 Metern Höhe öffnete ich einen Zugang, glitt lautlos aus der Wand und ließ mich auf die rundum verlaufende Balustrade niedersinken. Auf den Balustraden, welche die Zentrale jeweils alle fünf Meter umliefen, waren Anlagen untergebracht, aber auch reine Beobachtungszonen, die Besuchern genauso wie militärischer Führung die Möglichkeit gab, das Geschehen in der Zentrale weitgehend unbemerkt zu verfolgen. Ich ließ die riesige Halle auf mich wirken. Mit vierzig Metern Grunddurchmesser und einer lichten Höhe von zwanzig Metern, die durch einen Pfeiler abgesichert wurde, war der Raum durchaus als riesig zu bezeichnen. In 10 Meter Höhe teilte sich der zentrale Pfeiler in mehrere Seitenpfeiler auf, die schräg nach unten führten und sich über den Eingängen teilten, um den Durchgang zu ermöglichen. Ein dekoratives Element, das in einem militärischen Kreuzer fehl am Platze wirkte, aber in einem Forschungsschiff durchaus für Auflockerung sorgte. Außerdem diente es nicht nur der Dekoration, immerhin enthielt es wichtige Elemente des zentralen Speichers. Allerdings hatte niemand der in der Zentrale Anwesenden einen Blick dafür. Die Besatzung war ohnehin nicht sehr groß, man benötigte nur wenig technisches und militärisches Personal, dazu kamen aber im Falle der ALBERT EINSTEIN eine Menge Wissenschaftler und privates Personal, das seine Familie mitgebracht hatte. In der Zentrale hielten sich derzeit neben den Angreifern noch dreißig weitere Personen auf, mit mir sogar einunddreißig. Ich verschaffte mir einen Überblick, dann ließ ich mich wieder durch die Klappe nach außen gleiten. Wie ich es schaffen sollte, war mir nicht klar. Von den Anwesenden schienen zwar nur noch zwei als lebende Bomben unterwegs zu sein, aber für das Schiff würde das sicher reichen. Einer davon wäre schon zu viel. Sie mussten zuerst ausgeschaltet werden. Aber so wie den Mann im Maschinenraum konnte ich sie nicht ausschalten. Ich musste es anders machen. »Syntron, gäbe es eine Möglichkeit, die Explosion abzumildern, so dass nichts davon die Zentrale oder das Schiff zerstören kann?« »Es gibt Dämpfungsfelder, mit denen das möglich wäre. Dazu muss ich aber wissen, wie der Sprengstoff beschaffen ist.« »Er dürfte gleich beschaffen sein, wie der des Mannes, der bereits im All explodiert ist.« »Das ist anzunehmen. Es dürfte ausreichend sein, um die Explosion zu verhindern. Aber wie willst du das schaffen?« »Von der Galerie aus werde ich die beiden erschießen. Ich werde sie in den Kopf schießen und hoffe, dass ich damit die Zünder nicht aktiviere. Wenn sie tot sind, aktiviere das Dämpfungsfeld und schließe sie noch zusätzlich in einen Paratronschirm. Wenn einmal die Selbstmörder nicht mehr leben, habe wir nur noch zehn Gegner und die sind normal bewaffnet. Dann haben wir endlich eine Chance.« »Das mag sein. Aber wir haben nur noch eine Stunde, bis wir Terra erreichen. Du solltest schnell handeln.« Ein Geräusch ließ mich herum fahren. Ich blickte über die Schulter, schob mich vorsichtig nach vorn und blickte um die Biegung des Ganges. Ein Mann war da zu sehen, nur einer, der verwirrt wirkte. Er taumelte über den Gang, kam langsam auf mich zu. Ich spannte mich an und war bereit zu jeder Reaktion. Ich griff in eine der Taschen, ergriff den Strahler und legte an. Als ich schon schießen wollte, öffnete sich die Tür zur Zentrale und auf den Mann wurde das Feuer eröffnet. Wütend schoss ich zurück und verschaffte dem Mann so die Gelegenheit, sich in Sicherheit zu bringen. Ich kannte ihn nicht, das musste bei über sechshundert Besatzungsmitgliedern aber nichts zu bedeuten haben. »Wer bist du?« fragte ich trotzdem misstrauisch, während wir uns noch etwas weiter zurückzogen. Der Mann war offensichtlich unbewaffnet. Er wirkte verängstigt. Ich konnte mich nicht erinnern, dieses Gesicht in der Zentrale bemerkt zu haben. Andererseits hatte es nichts zu bedeuten, denn sie trugen Masken. Und wenn er keine Maske trug, konnte es bedeuten, dass er sie abgenommen hatte. Oder er hatte sie verändert, um andere Gesichtszüge zu erhalten, so etwas sollte es geben. Ich beschloss, vorsichtig zu sein. Aber ich wollte ihn nicht schon vorher verurteilen. Also ließ ich ihn mit mir kommen. Er war verängstigt. Trotzdem zeigte er sich neugierig. »Hast du eine Zigarette?« Er zitterte so stark, dass ich ihm eine aus einer nahe gelegenen Kantine besorgte. Eigentlich rauchte ich nicht, aber in diesem Fall steckte ich mir eine zusammen mit ihm an. Für eine Minute oder zwei wollte ich noch einmal überdenken, wie es nun weitergehen würde, obwohl ich sicher war, dass ich den Versuch unternehmen würde. »Wieso stellst du dich gegen sie? Das gefährdet uns doch alle.« »Das ist unerheblich.« Ich musterte ihn misstrauisch. Er wirkte abgehetzt, aber vielleicht war er auch nur ein guter Schauspieler. Sein Blick ging in Richtung der Zentrale. Er folgte mir langsam, ein Deck höher, das wir durch einen der Schächte erreicht hatten, warfen wir die Zigarettenstummel in einen Abfallschacht. Ich wies auf eine Tür. »Dahinter bleibst du, bis ich wieder da bin. Ich habe was zu erledigen.« Er wirkte misstrauisch, nickte aber. Ich drehte ihm den Rücken zu und ging auf eine der Wartungsklappen zu. Als ich mich umdrehte, noch einmal zurück blickte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür schloss. Eigentlich wunderte es mich schon, dass er allein zurück blieb. Aber andererseits war es mir recht. Es ließ mein Misstrauen schwinden. Ich arbeitete mich wieder auf die dritte Galerie über der Zentrale und betrat die Balustrade. Dann zögerte ich nicht mehr länger. Ich legte an und erwischte den ersten der beiden Bombenträger. Er ging zu Boden, mehr konnte ich nicht erkennen. Das Feld erfasste ihn, unterdrückte die Explosion, was noch durchkam wurde vom Paratron verschluckt, dann erlosch auch dieser und von dem Attentäter war nichts mehr übrig. Den zweiten erwischte ich nur an der Schulter, aber die Syntronik hüllte ihn trotzdem ein. Ich konnte keinen zweiten Schuss abfeuern, weil ich plötzlich einen Schlag gegen die Seite bekam. Der Tritt ließ mich einige Meter über die Galerie rollen, ich wurde nur durch die Brüstung am abstürzen gehindert. Ein Mann warf sich auf mich, presste seine Hände um meinen Hals und schnürte mir die Luft ab. Von unten wurde unser Zweikampf interessiert beobachtet. Die Attentäter richteten die Waffen auf uns, aber schossen nicht. Die Besatzungsmitglieder schauten zu. Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich stemmte meine Hände unter die des Terroristen. Ich hätte es wissen müssen. Aber leider hatte ich nicht nachgezählt, also war mir nicht aufgefallen, dass nur noch elf von ihnen da waren. Ein Fehler, der nur damit zu erklären war, dass ich schon sehr lange keinen Einsatz mehr hatte. Und im Augenblick war er auch völlig unerheblich, ich konzentrierte mich auf den Kampf. Ich schaffte es, seinen Griff etwas zu lockern. Dann stemmte ich mein Knie unter seinen Körper und katapultierte ihn von mir, folgte ihm sofort und warf mich auf ihn. Wir rollten über den Boden, keiner von uns ließ los. Dann schaffte ich es doch noch, stieß ihn nun meinerseits gegen die Brüstung und drängte nach. Er fiel, packte mich aber und zog mich mit. Er stürzte ab, prallte mit dem Hinterkopf gegen den Ausläufer einer der Querstreben. Als er aufschlug, war er schon nicht mehr am Leben, während ich an der Brüstung hing und bemerkte, dass ich nicht mehr schnell genug nach oben kommen würde, um dem Beschuss der Terroristen zu entgehen. Sie legten bereits an. Ich ließ los, stürzte nur etwa fünf Meter in die Tiefe und prallte dann meinerseits auf die dekorative Verstrebung, die mir genügend Halt bot. Ich ließ mich sofort fallen und rollte mich ab, prellte mir auf diese Weise zwar beide Knie und warf mich nach vorne, um einem Schuss zu entgehen. Ich rollte mich zweimal ab und rannte bis zum Ende der Verstrebung, dann sprang ich die letzten sieben Meter, wich einigen Schüssen aus und warf mich durch die Tür, welche die Syntronik für mich öffnete. Ich atmete schwer, verschwand hinter einer Biegung und zählte in Gedanken durch. Nur noch eine halbe Stunde. Aber auch zwei Bomben weniger und einer der Terroristen. Damit waren es nur noch neun. Bericht Shadow Warrior Wieder wurde ich gestört, diesmal allerdings war der Anlass ein erfreulicher. Hinter mir erschien die Gestalt einer Frau. Ich musste fast zu ihr aufschauen, als sie neben mir stand. Sie strahlte Selbstbewusstsein aus und trotz der Situation wirkte sie beherrscht. Ich ließ die Waffe sinken, als ich Ondria erkannte. »Kommandantin, wie bist du entkommen?« »Ich konnte die Zentrale während deiner Aktion verlassen. Wo hast du das gelernt, Hamilton? Ich hatte keine Ahnung … einen solchen Mann verschwendet man nicht mit der Überwachung unwichtiger Anlagen.« »Du weist doch sehr gut, was mich da hin geführt hat. Außerdem gehört das nicht hierher und es ist besser, wenn du nichts über die Hintergründe weist.« Ich wandte mich ab und ging diesmal einige Ebenen tiefer. In einem der Besprechungsräume unter der Zentrale würde ich mir einen neuen Plan zurechtlegen. »Wir haben nicht mehr lange Zeit. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie wollen Terra angreifen. Dort können wir in weniger als einer halben Stunde ankommen und wenn wir einmal das Sonnensystem erreicht haben, dann wird es für Terra gefährlich. Wer sollte schon auf die Idee kommen, dass dieses Schiff eine solche Ladung trägt? Und niemand weiß, wohin wir mit dem Schiff fliegen. Sie werden kein Problem damit haben, bis zur Residenz vorzustoßen. Und wenn sie erst einmal auf Terra sind, können sie machen, was sie wollen.« »Jetzt verstehe ich auch, warum der Syntron auf deiner Seite ist.« Sie nickte bedächtig. »Was schlägst du vor?« »Wir bewaffnen uns und nehmen keine Rücksicht mehr. Angriff auf breiter Front. Naja«, schränkte ich ein, mit einem Seitenblick auf sie. »Wir kommen von oben, aber diesmal mit Flugaggregaten. Wir sind nur zu zweit, also wird die Front wohl nicht so breit werden. Wir schießen mit allem, was wir haben, und versuchen, sie so auszuschalten. Hoffentlich gibt es keine Opfer unter den Kameraden.« »Wenn es stimmt, was du denkst, dann ist das eigentlich unerheblich. Nicht ganz, ich weiß schon was du meinst, aber die Residenz, oder wenn sie versuchen, Terrania zu vernichten, dann wäre das Schlimmer, als ein Totalverlust des Schiffes mit allen Besatzungsmitgliedern.. Zum Glück haben wir keine Arkonbomben an Bord.« Ich warf ihr einen Seitenblick zu, der alles sagte. Ja, das war wirklich ein Glück. Aber wer sagte denn, dass sie keine mitgebracht hatten? Ich sprach es lieber nicht aus. Die ALBERT EINSTEIN war zu einem trojanischen Pferd geworden, das war schlimm genug. Und wenn die Terroristen auf sich aufmerksam machen wollten, dann sollte hinterher auch noch etwas übrig sein, das diese Aufmerksamkeit ausübte. Allerdings war eine Arkonbombe ja eher harmlos, dachte ich ironisch. Sie vernichtete, wenn man es denn richtig machte, lediglich den Planeten. Die Bevölkerung würde genügend Zeit haben, sich zu retten. Jaja, schöne Rettung. Es wäre in der Tat das Ende des Planeten Terra und damit wäre die Wiege fast aller humanoider Völker dieser Galaxis vernichtet. Das konnte niemand ernsthaft wollen. »Wir haben nicht mehr viel Zeit, wir sollten uns vorbereiten.« Ondria nickte. Tiff betrat das Institut als erster und erkundigte sich nach dem verantwortlichen Leiter der Abteilung, welche die fraglichen Sprengstoffe erzeugte. Der Nosmoer ließ sie warten, aber nach einiger Zeit erlaubte er ihnen doch, zu dem Springer vorzudringen. Der Mann nickte ihnen freundlich zu. Der Unsterbliche ergriff die Hand des Arkonidenabkömmlings und schüttelte sie. »Wie hat es Dich denn auf diese Welt verschlagen?« »Ich habe eine Allergie gegen bestimmte Einflüsse des Hyperraums, die bevorzugt bei Metagravflügen auftreten. Mit dem Linearantrieb oder Transistionstriebwerken habe ich keine Probleme, aber so ist halt das Leben. Naja, die Arbeit die ich hier mache ist sehr erfüllend, insofern fehlt mir fast nichts.« Isaak Prein, so hieß der Springer, lebte schon lange auf Nosmo und hatte keine Ahnung, wohin die Erzeugnisse verkauft wurden. Julian Tifflor zuckte zusammen, als der Agent des TLDs zu reden anfing. Der drohende Unterton in der Stimme des Mannes wollte so gar nicht zu seinem freundlichen Gesicht passen. »Wer´ s glaubt wird selig. Kann schon sein, dass dir keiner was gesagt hat, aber erzähl mir bloß nicht, dass du keinen Zugriff auf die entsprechenden Files hast.« Der Springer schwieg, drehte sich um und wollte gehen. Ich hielt ihn zurück. »Du solltest wirklich mit uns reden. Wir kommen von der Erde und verfolgen einen Terroranschlag, der uns hierher geführt hat. Sprengstoffe aus deinem Institut waren es, die von den Terroristen verwendet wurden. Insofern wäre eine Zusammenarbeit wirklich anzuraten.« Niemand redete so. Aber es machte dem Springer klar, dass sie es ernst meinten. Isaak blieb stehen, zögerte einen Augenblick und winkte ihnen dann, ihm zu folgen. Sie verschwanden in einem Büro, das einen aufgeräumten Eindruck machte. Außer dem obligatorischen Terminal konnten sie nicht das geringste auf dem Schreibtisch des Mannes finden. Prein aktivierte das Terminal. »Bevor ich irgend etwas mache, möchte ich eine Legitimation sehen.« Er hatte noch nicht einmal ausgesprochen, als ihm Landry das Siegel des TLDs unter die Nase gehalten hatte. Die dreidimensionale Holografie galt als Fälschungssicher und war vor allem auf den terranischen Welten durchaus bekannt. Auf Welten außerhalb Terras allerdings eher nicht so sehr. Die Agenten, die dort im Einsatz waren, führten einen Ausweis normalerweise nicht mit sich. Prein sagte nichts mehr, sonder rief einige Daten ab. »Gib mir deinen Code, dann transferiere ich die Daten direkt in deinen Rechner.« Tifflor nannte ihm die Nummer und wartete, dass die Daten ihn erreichen würden. Sein Armbandgerät bestätigte den Erhalt und die Vollständigkeit, die automatisch mit dem Sender abgeglichen wurde. »Kurze Zusammenfassung«, sagte Landry. Er zog sich einen Stuhl heran und ließ sich hineinfallen. Mit seiner Körpersprache machte er deutlich, dass er sich erst wieder erheben würde, wenn er etwas Interessantes erfahren hatte. Oder Tifflor ihn aus dem Sitz scheuchte. Der Unsterbliche dachte für einen Augenblick wirklich darüber nach. Aber er vermutete, dass der Agent einen Grund hatte, sich so zu verhalten. Vielleicht spielte er bewusst den Unfreundlichen, um einen Gegenpol zu Tifflor zu schaffen. Es schien zu funktionieren. Isaak wandte sich an Julian. »In den letzten Wochen haben wir kaum etwas geliefert. Nur zwei Lieferungen sind in den letzten drei Monaten überhaupt zugestellt worden. Ob die gewünschten darunter waren, kann ich nicht sagen. Wer weiß schließlich, wie lange der Sprengstoff schon in ihren Händen ist.« Landry nickte. »Stimmt. Wir wissen immerhin auch nicht, wie lange es diese Gruppierung schon gibt und wer dahinter steckt. Dass sie noch nicht in Erscheinung getreten sind, lässt mich vermuten, dass sie das Material vor nicht allzu langer Zeit gekauft haben. Wie viele Verkäufe haben im letzten Jahr stattgefunden?« »Sieben«, antwortete der Springer nach einem kurzen Kontrollblick. »Du weißt aber nicht, ob es sich dabei nicht um Mittelsmänner handelt, die den Sprengstoff für die Terroristen besorgt haben.« »Da bin ich sogar fast sicher«, antwortete Landry. Er saß immer noch in dem Stuhl, aber in diesem Augenblick federte er hoch, griff über den Tisch und packte den Springer am Kragen seiner Uniform. Er zog ihn zu sich heran. »Wir kommen wieder, wenn wir herausfinden sollten, dass dieses Institut darin verwickelt ist.« Der Springer machte sich los und deutete auf den Bildschirm. »Unsere Kunden in den letzten vier Jahren waren allesamt Regierungen, welche die Sprengstoffe für ihre Waffen gebraucht haben. Darunter war auch die terranische Regierung. Wenn du ein Problem damit hast, dann wende dich an diese Regierungen. Es ist jedenfalls nicht meine Aufgabe, nachzuprüfen, ob diese Kunden verlässlich sind. Für den Verkauf von Sprengstoffen existieren bereits entsprechende Richtlinien, zum Beispiel, dass wir sie nicht an Völker verkaufen, die außerhalb der LFT registriert sind. Das heißt natürlich nichts, wenn diese Regierungen Verbindungen nach Terra oder eine der Kolonialwelten haben, womöglich noch zu den ganz hohen Regierungsstellen. Es bedeutet lediglich, dass die Kunden, an die wir verkaufen, grundsätzlich als zuverlässig gelten müssen. Alles andere müsst schon ihr herausfinden.« Der TLD-Agent trat einen Schritt zurück, nickte knapp und wandte sich ab. Er verließ die Räumlichkeiten des Instituts, ohne sich um Tifflor zu kümmern, der sich kurz bei dem Springer bedankte und dann dem TLD-Agenten folgte. Als sie das Institut verlassen hatten und wieder in dem Gleiter saßen, verzichtete er zunächst darauf die Maschinen zu starten. »Und nun? Wirklich weiter geholfen hat uns das nicht.« Landry sagte nichts, wartete darauf, dass der Gleiter abhob. Als das nicht passierte, warf er Tifflor einen Seitenblick zu, der mehr sagte als viele Worte. Julian startete den Gleiter. »Es hat uns weitergeholfen. Du hast gehört, was er sagte. Nur Regierungen, die als zuverlässig eingestuft und innerhalb der LFT angesiedelt sind, werden beliefert. Das heißt nicht unbedingt, dass die Arkoniden oder andere Völker außerhalb der LFT damit automatisch ausgeschlossen sind, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch ziemlich groß. Wir haben es vermutlich mit Terranern zu tun, fragt sich nur, wo wir die suchen müssen. Wir werden uns die Daten bei Gelegenheit anschauen, die er präsentiert hat.« Dann sagte er nichts mehr. Tifflor war verunsichert und ärgerte sich über sich selbst. Seit wie vielen Jahren stand er nun an vorderster Front? Trotzdem schaffte es der Agent, ihm den Eindruck zu vermitteln, ihm unterlegen zu sein. Selbst wenn Landry auf gewissen kriminalistischen Gebieten sicher besser war, sollte zumindest Tiff nicht so reagieren. Er blickte stur geradeaus und ignorierte den Agenten, was dem sehr recht zu sein schien. Beide sprachen kein Wort, hingen lediglich ihren Gedanken nach. Tifflor fragte sich, ob er mit seinen persönlichen Fragen nicht doch etwas zu weit gegangen war. Er konnte nicht mehr zurücknehmen, was sie gesprochen hatten, und er wollte es auch nicht. Er hatte gehofft, dass sie durch dieses Gespräch einander näher gekommen waren, besser im Team zusammenarbeiten würden, aber möglicherweise hatte er den Terraner falsch eingeschätzt. Landry ließ sich die Informationen in seinen Rechner überspielen, die sie von Prein erhalten hatten. Er konzentrierte sich auf die Daten, bis sie das Schiff erreicht hatten. Dann schien er wie aus tiefem Schlaf zu erwachen. Er reckte sich, verließ den Gleiter und ging in die Jet. Tifflor folgte ihm und kam sich überflüssig vor. Im Schiff saß Landry schon wieder in einem Sessel, überließ die Kontrollen dem Terraner und konzentrierte sich weiterhin auf die Daten. »Wohin?« Tifflor wurde das Schweigen langsam unangenehm. Er erzielte keine Reaktion. Er gab auf, startete die Jet, nachdem er die Erlaubnis eingeholt hatte und verließ den Planeten. Als er fast die äußeren Bahnen erreicht hatte, regte sich Landry. »Kurs auf Olymp.« Tifflor hielt für einen Augenblick die Luft an, dann gehorchte er. Verärgert hielt er inne, als er die Koordinaten eingegeben hatte und schon fast dabei war, den Auslöser für den Start zu drücken. »Vielleicht hättest du die Güte, mir mal zu erklären, wie du nun darauf kommst?« »Sicher. Unterwegs. Es wäre gut, wenn wir keine Zeit verlieren würden, vielleicht passiert sonst noch mehr.« Seine Stimme klang ernst. Tifflor löste unwillkürlich den Start aus. Die Jet beschleunigte und verschwand im Hyperraum, setzte sich nach Olymp in Bewegung. »Die Daten weisen darauf hin, dass es insgesamt vier Adressaten gibt, die in Frage kommen. Einer davon sitzt auf Olymp und gehört einem renommierten Ring von Zwischenhändlern an, mit denen ich schon zu tun hatte. Ich kann Dir nicht sagen, warum, aber ich habe das Gefühl, dass es die richtige Richtung ist. Bisher konnte ich mich auf meine Gefühle in dieser Hinsicht immer verlassen. Vertrau mir bitte.« Das waren Töne, die Tifflor schon fast nicht mehr erwartet hätte. Er nickte unwillkürlich und ließ sich in seinem Sessel zurücksinken. Er dachte an Sinclair Marout Kennon, den Freund und Partner des Smilers, der während der Zeit der alten USO unter Lordadmiral Atlan eine wichtige Rolle gespielt hatte. Kennon hatte einen Unfall gehabt, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Nur sein Gehirn war unverletzt geblieben und so hatte Atlan entschieden, dieses Gehirn in eine Ganzkörperprothese zu verpflanzen, was ihm das Leben gerettet hatte, aber trotzdem ein Problem geworden war. Kennon hatte sich in der künstlichen Hülle nie richtig wohl gefühlt, auch weil sie ihm ein normales Leben verweigerte. Seine Fähigkeiten auf kriminalistischem Gebiet waren aber so unglaublich gewesen, dass die Entscheidung von Atlan und Tekener durchaus berechtigt war. So ungeheuerlich, dass man eigentlich schon von übernatürlichen Fähigkeiten sprechen musste. Jahre später landete Kennon auf einer Welt, auf der sich eine Traummaschine befand. Diese Maschine versetzte ihn in seinen alten Körper und in die Zeit, in der Atlan als Jugendlicher, noch ohne Zellaktivator, um sein Thronerbe auf Arkon gekämpft hatte. Im Interesse des Kosmokriminalisten entschied Atlan, ihn auf dieser Welt zu lassen. Zurückgeblieben waren die Erinnerungen an seine ungeheuerlichen Fähigkeiten, Zusammenhänge zu erkennen, die niemand anders auf den ersten Blick nachvollziehen konnte. Plötzlich aber erschien alles klar, wie ein Mosaik, zu dem die meisten Teile noch gefehlt hatten, die aber dann nachgeliefert worden waren. Tifflor hoffte, dass es in diesem Fall auch so werden würde. Zwar hatte er damals Kennon nicht so oft in Aktion erleben dürfen, aber wenn es ihm doch einmal vergönnt war, dann war es ein unglaubliches Erlebnis gewesen. Bei Landry hatte er einen ähnlichen Eindruck gewonnen. Seine kurzzeitige Abwesenheit schien darauf hinzuweisen, dass er sich in Gedanken mit dem Problem beschäftigt hatte und kurzzeitig vollkommen davon gefangen genommen worden war. Als Ergebnis des Denkprozesses war Olymp herausgekommen und Tifflor beschloss, dieser Einschätzung zu vertrauen. Vielleicht bestand für dieses Team doch noch eine Hoffnung. Der Mann blickte sie an, schaute ihnen in die Augen, sein Blick war entsetzt. Er hielt sich aber nicht lange auf, rannte einfach los und ließ sie stehen. Gucky regte sich nicht, er fixierte den Rücken des Mannes und plötzlich hoben sich die Füße von der Erde, schwebten die Beine in der Luft, wirbelten immer noch weiter. Der Mann ruderte offensichtlich ungläubig mit den Armen, während er ansonsten in der Luft hängen blieb, ohne auch nur einen weiteren Schritt zu machen. »Rotauge?« Gucky warf einen Blick über die Schulter, schaute kurz in die Augen des Freundes. Er schüttelte mit dem Kopf. Langsam schwebte der Läufer wieder auf sie zu, er verdoppelte zwar seine Anstrengungen, aber er kam ihnen trotzdem immer näher. Irgendwann sah er ein, dass es keinen Zweck hatte. Er stoppte seine Bemühungen und hing regungslos im telekinetischen Griff des Mausbibers. »Kein Rotauge. Kein Arkonide, auch sonst kein Außerirdisches Wesen. Es ist in jedem Fall ein Terraner.« »In wessen Diensten steht er?« »Ich kann es nicht sagen. Er denkt … nicht, nein, das ist falsch. Er denkt, aber nicht an das, was wir wissen wollen. Er will nichts verraten.« »Verständlich. Aber du wirst damit doch fertig?« Der Mausbiber ließ in seiner Konzentration nicht nach. Er zog den Gefangenen die letzten Meter an sich heran und drehte ihn in der Luft, presste seine Arme gegen den Körper und verurteilte ihn zur Regungslosigkeit. Direkt vor den beiden Unsterblichen kam der Terraner zu stehen. »Wer bist du?« Bully trat einen Schritt vor, ging hinter den Gefangenen. Der Terraner schwieg. Bully tauschte einen Blick mit dem Ilt, der ihm signalisierte, dass er nichts in seinen Gedanken erspähte. Bully bedeutete ihm, seine Gedanken zu lesen. Mentalstabilisiert?, dachte er. Nein, signalisierte Gucky. Er empfing durchaus Gedanken, konnte lesen, was sich an der Oberfläche des Bewusstseins dieses Mannes abspielte, aber er kam nicht in die Tiefe und er erkannte, dass der Terraner ihn bewusst abblockte, geschickt seine wahren Gedanken verbarg, indem er Unwichtiges nach oben dringen ließ und das, was sie interessierte, in einen Bereich seines Bewusstseins verbannte, in den der Ilt nicht gelangen konnte. Gucky war kein Suggestor, er war auch kein begabter Hypnotiseur. Er konnte nur Gedanken lesen, teleportieren und Dinge bewegen, ohne sie zu berühren. Ohne Vorwarnung ergriff er die Gestalt, ließ sie einige Zentimeter nach oben schweben und stieß den Menschen sanft an. Ungerührt beobachtete er, wie der vermeintliche Terrorist gegen die Wand prallte. Der Schmerzensschrei überlagerte alle Empfindungen, ließ aber etwas an die Oberfläche, das sich wie »Towerpoint Corporation« anhörte. Gucky ließ ihn los, beobachtete, wie er an der Wand entlang zu Boden sank und leise wimmernd auf der Erde zu liegen kam. Der Terraner rollte sich ein, presste die Hände zwischen die Schenkel und schluchzte. Dies dauerte nur wenige Augenblicke, dann regte sich der Mann nicht mehr, schloss die Augen und verstummte. »Du hast ihn umgebracht.« Bullys Stimme klang nicht vorwurfsvoll, eher fragend. Gucky schüttelte den Kopf. »Nein, er kann daran nicht gestorben sein. Das ist was anderes.« Der Ilt trat neben den regungslos liegenden, drehte ihn auf den Rücken und zwängte die Kiffer telekinetisch auseinander. Er holte eine zerkaute Kapsel aus dem Mund des Terraners, die allerdings leer war. »Gift. Ein alter Trick, aber immer noch wirkungsvoll. Er hatte etwas im Zahn oder die Kapsel einfach in seiner Backe verborgen. Auf jeden Fall hat er uns an der Nase herum geführt. Er konnte das vor mir verbergen, weil ich nach etwas anderem gesucht habe und weil er ohnehin sehr geschickt meine Angriffe auf seinen Geist abgeblockt hat.« »Hast du gar nichts heraus gefunden?« »Oh doch, das habe ich. Einen Gedanken konnte ich aufschnappen, als er gegen die Wand geprallt ist und für einen Augenblick die Abwehr gesprengt wurde. Er dachte etwas, das sich wie ›Powerpoint‹ oder ›Towerpoint Corporation‹ anhörte.« »Das hilft uns wohl nicht weiter. Schließlich wissen wir nicht, warum er das dachte und wo diese Corporation ist. Hört sich jedenfalls nach einer Firma an.« »Er muss einen Grund gehabt haben, nach Olymp zu kommen.« »Er musste sich schnell entscheiden und hat einfach irgendeinen Transmitter genommen. Da steckte wohl keine Absicht dahinter.« »Du vergisst, dass er nicht verfolgt wurde, als er sich für diesen Transmitter entschieden hat. Ich habe ihn geespert, nicht gesehen. Und er hat auf keinen Fall gewusst, dass wir hinter ihm her sind.« »Warum hast du ihn so schlecht behandelt?« Gucky taxierte den Freund seit Jahrtausenden mit einem abschätzigen Seitenblick. »Er hat viele Menschenleben auf dem Gewissen und außerdem weißt du nicht, woran er gedacht hat.« »Du kannst nicht wissen, ob er es wirklich war.« »Doch. Ich konnte zwar nichts mehr von ihm erfahren, aber ich habe immerhin noch Kontakt mit ihm gehabt, bevor er von uns wusste, vor allem von mir. Und seine Gedanken waren eindeutig. Er hatte damit zu tun .Vermutlich kam er nach Olymp, um Bericht zu erstatten. Dieser Fluchtweg war nicht zufällig gewählt. Er wusste genau, wo er hin musste.« Kurz verschleierte sich sein Blick, er machte einige Schritte und blieb dann stehen. Fröstelnd zog er die Schultern hoch. »Als ich ihn im telekinetischen Griff hatte, hat er sich darauf konzentriert, nichts Falsches zu denken. Ich habe schon erlebt, dass einige versucht haben, Lieder zu singen und sich auf den Refrain zu konzentrieren. Aber er nicht. Er hat sich ausgemalt, wie er mir langsam die Beine ausreißen würde, nachdem er mich auf eine Streckbank gefesselt hat. Außerdem hat er sich vorgestellt, wie er meinen Nagezahn ziehen würde und wie er mir so lange Möhren in den Hals steckt, bis ich tot sein würde. Er ist ein sadistischer, hinterhältiger Verbrecher gewesen. Niemand, um den es schade wäre.« Beim letzten Satz hatte er den Kopf gedreht und Bullys Blickkontakt gesucht. Er hielt den Blickkontakt aufrecht, Bully vermeinte, Grausamkeit in seinen dunklen Augen erkennen zu können. Dann senkte der Ilt den Blick. »Wir müssen los.« Bully zögerte einen winzigen Augenblick, dann folgte er der kleinen Gestalt. So hatte er Gucky schon lange nicht mehr erlebt. Der Ilt war manchmal zwar schwermütig, wenn er wieder einmal schmerzlich daran erinnert wurde, dass er der letzte seiner Art war, zum Beispiel wenn einer der anderen Unsterblichen eine Freundin gefunden hatte, aber einen Hang zur Grausamkeit hatte er bei dem Ilt noch nie entdeckt. Fast machte ihm das Wesen Angst. Seit über zweitausend Jahren war der Mausbiber nun schon bei ihnen und er glaubte, ihn genau zu kennen. Trotzdem gelang es dem Ilt immer noch, ihn zu überraschen. Bully wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, beschleunigte aber seine Schritte, als der Ilt über die Schulter blickte und bemerkte, dass der Terraner zurückgefallen war. Gucky beachtete das nicht, ging schweigend weiter zu einem öffentlichen Infoterminal und probierte einige Kombinationen des Wortes aus, das er geespert hatte. Bully erreichte ihn, als auf dem Bildschirm eine Adresse aufleuchtete, die zu dem passte, was der Ilt gesagt hatte. »Hättest du ihn umgebracht?« Gucky sagte nichts, schaute schweigend auf die Adresse, prägte sie sich ein und ließ sich einen Auszug des Stadtplans auf sein Armband überspielen. Dann griff er nach Bullys Hand. »Frag nicht. Ich bin froh, dass ich mich nicht entscheiden musste.« Nur für einen Sekundenbruchteil erlaubte sich der Ilt eine Gefühlsregung, dann war der Blick wieder klar. Die Umgebung verschwamm und vor einem Bürogebäude materialisierten sie wieder.
Bericht Shadow Warrior Ich zog das Päckchen aus der Tasche, das ich beiläufig eingesteckt hatte, entnahm ihm eine Zigarette und bot auch der Kommandantin eine an, die kopfschüttelnd ablehnte. Ondria packte die Waffe, die ich für sie beschafft hatte, fester und musterte mich mit einem Blick, der alles aussagte. »Keine Angst«, glaubte ich sagen zu müssen. Sie schüttelte nur den Kopf. »Angst ist nicht mein Problem. Die habe ich immer, wenn ich in ein Raumschiff steige. Aber dieser Angst kann man sich stellen. Das hier ist etwas anderes. Es ist … unkontrollierbar. Ich fürchte mich vor dem Tod, aber das kann ich auch beherrschen. Nur weiß ich nicht, wen es noch alles treffen wird. Wenn Terrania durch mein Schiff zu schaden kommt, wenn auf Terra ein Unglück passiert, dann werde ich mir das niemals verzeihen können.« Ich zündete die Zigarette an und warf einen Blick auf die Uhr. Wenn der Syntron recht hatte, dann hatten wir nur noch wenige Minuten. Aber diese mussten wir auf jeden Fall abwarten. Wenn wir Terra anflogen, würden die Entführer mit anderen Dingen beschäftigt sein. Und sie würden ihr Ziel ohne Rücksicht auf Verluste zu erreichen versuchen. Nachdem es gelungen war, die lebenden Bomben auszuschalten, war mit allem |